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Die Füße im Feuer: Zur Amtseinführung von Tabare Vazquez, dem neuen Präsidenten von Uruguay

von Ben Dangl

19.03.2005 — The New Internationalist / ZNet

— abgelegt unter:
Am Abend des 1. März wurde Tabare Vazquez in sein Amt als Präsident von Uruguay eingeführt. Ein Meer von Menschen - Gruppen mit Flaggen und Trommeln - drängte sich durch die Straßen der Hauptstadt Montevideo. Feuerwerkskörper krachten und Hupen kreischten. Die Stadt vibrierte vor Freude - eine reinigende Freude. 30% der 3 Millionen Uruguayer leben unter der Armutsgrenze, 15% sind arbeitslos, die Wirtschaft stagniert um 20% unter dem Niveau von 1990. In Uruguay leben prozentual die meisten über 60jährigen in ganz Lateinamerika, denn 15% der Bevölkerung - meist junge Menschen - haben dem Land, auf der Suche nach Arbeit, den Rücken gekehrt. Angesichts solcher Probleme haben es sich die Menschen bei der Präsidentschaftswahl am 31. Oktober anscheinend zweimal überlegt, bevor sie wieder konventionell wählten. Die neue Regierung der ‘Frente Amplio’ (Breite Front) verpflichtet sich zu massiven Reformen im Bereich Gesundheit und Bildung. Sie plant die Reaktivierung der Zuckerproduktion, die Bauern sollen Kredite erhalten, die Löhne der Landarbeiter steigen. Im Hinblick auf die hohe Arbeitslosigkeit soll eine Notfallstrategie umgesetzt werden. Folter und Entführungen in der Zeit der Militärdiktatur (70ger Jahre) sollen untersucht werden.

“Vazquez Sieg stellt für Uruguay einen machtvollen Wechsel dar”, so Martin Bension, Geschichtslehrer aus Montevideo. “Jetzt haben die Leute eine größere Chance, sich an der Regierung zu beteiligen. Schon seit die Frente Amplio vor mehreren Jahrzehnten gegründet wurde, sorgt sie ja für Volkspartizpation in der Frente. Die Frente erzeugt ein Zusammengehörigkeitsgefühl bei den Menschen, dadurch werden mehr Menschen aktiv... In den 70gern gaben viele Leute ihr Leben oder gingen ins Gefängnis - um der Frente Amplio zu dem zu verhelfen, was sie heute hat. Das weiß auch die Regierung Vazquez, sie muss es im Hinterkopf behalten. Neben Verbesserungen in Uruguay wünsche ich mir vor allem, dass sich der Mercosur (’Gemeinsamer Markt des Südens‘)* entfalten kann. Die lateinamerikanischen Nationen sollen zusammenfinden - Präsident Hugo Chavez in Venezuela versucht das ja auch -, trotz unserer Fußballrivalität! Wir können zusammenkommen - aufgrund unserer gemeinsamen Geschichte. Wir alle wurden von fremden Mächten kolonialisiert und kontrolliert, diese Gemeinsamkeit hilft uns, uns zu vereinen”. Vazquez hat bereits Beziehungen zu Kuba aufgenommen sowie Handelsabkommen mit Venezuela, Bolivien, Argentinien und Brasilien unterzeichnet.

Überall in Uruguay finden sich auf lokaler Ebene Nachbarschafts- bzw. ‘Graswurzel-Komitees’ der Frente Amplio. Oscar Gandolo ist Maler. Seit 5 Jahren wird er in seiner Nachbarschaft aktiv. “Mit der Wirtschaft ging es immer mehr bergab”, erinnert er sich. “Ich musste etwas tun... Wir treffen uns wöchentlich und entscheiden, was die Regierung unserer Meinung nach unternehmen soll, und wir sprechen über Themen, die die Regierung auslässt”. Wenige Tage nach Vazquez Amtseinführung als Präsident besuche ich ein Graswurzel-Komitee in Montevideo. Die Stimmung hier ist noch euphorisch. Die Einrichtung ist typisch für Partei-Büros der Hauptstadt: ein vollgestapelter Versammlungsraum, auf den Tischen überall Bücher und politische Pamphlete, an der Wand ein Gemälde, das Che Guevara zeigt. Überall hängen Plakate von der Wahl. Die Leute strömen einzeln herein, sie reißen Witze, tätscheln einander den Rücken. Man reicht Mate herum - jenen dickflüssigen Kräutertee, der in Uruguay und Argentinien so beliebt ist. Schließlich setzt man sich und stellt sich vor: Einer ist Schreiner, der andere Lehrer - Flaschner, Studenten, Elektriker, Arbeitslose, Musiker. Einige sind schon seit Jahrzehnten in der Frente Amplio, andere heute zum erstemal hier. Erster Punkt der Tagesordnung: ein geplantes Kulturtreffen mit Künstlern und Musikern aus Kuba und Uruguay. Anschließend wird, nach längerer Diskussion, ein Sekretär gewählt, ein “Repräsentant” sowie der Kassenwart. Dann spricht man über die Sicherheitslage in der Nachbarschaft und über den Zustand einer der Hauptstraßen. Ein altgedientes Mitglied der Gruppe spricht zu den Neuen: “Von euch, die ihr heute zum erstenmal hier seid, erwarten wir, dass ihr euch beteiligt. Wenn ihr nichts von Politik versteht, spielt das keine Rolle. Das lernt ihr hier schon. Seit die neue Regierung im Amt ist, trägt das Volk eine größere Verantwortung als je zuvor”.

Der Volksbeteiligung kommt in der Tat entscheidende Bedeutung bei - damit die Vazquez-Regierung sich nicht dem Druck des IWF (Internationaler Währungsfonds) und der Macht der Konzerne beugt. Man muss die Füße der neuen Regierung ins Feuer halten, damit sie nicht nach Rechts abdriftet - wie dies in Brasilien nach der Wahl Lulas zum Präsidenten der Fall war. Aber für den Augenblick genügen Euphorie und Hoffnung, um über den Tag zu kommen.

Benjamin Dangl arbeitet als freier Journalist in Lateinamerika. Er ist Herausgeber des Online-Magazins www.UpsideDownWorld.org mit Schwerpunkt Politik und Aktivismus.

Anmerkung d. Übersetzerin

* Informationen zum Binnenmarkt Mercosur unter http://de.wikipedia.org/wiki/Mercosur

Übersetzt von: Andrea Noll
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