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Die G8-Show ist kein Exklusivereignis

von Nicola Bullard

05.06.2007 — Critical Currents, No 1 / ZNet

— abgelegt unter:

Angesichts der zentralen Bedeutung des Öls - nicht nur in aktueller geopolitischer Hinsicht, sondern auch beim (politischen) Thema Erderwärmung -, ist es eine interessante Tatsache, dass die Gruppe der G7 ursprünglich als "Nebenprodukt" der Ölkrise 1973 zustande kam. Fast 35 Jahre später sehen sich die G8 (1998 wurde Russland formal in die Gruppe aufgenommen) einer neuen Energiekrise gegenüber. Es ist eine globale Krise der Energiepolitik - ausgelöst durch die bedrohliche Tatsache, dass irgendwann Schluss sein wird mit dem Öl, ausgelöst durch den wachsenden öffentlichen Druck, etwas zur Reduktion der Kohlendioxidemissionen zu unternehmen, und ausgelöst durch die Unfähigkeit der G8-Staaten in den letzten drei Jahrzehnten, über die eigenen Interessen hinauszudenken. Allerdings ist die Situation heute eine ganz andere als in der "unglobalisierten" Welt des Jahres 1973 (obwohl es ein paar überraschende Parallelen gibt). Und die G8 ist heute nicht mehr die einzige Show.

Schwerpunkt Handel

In ökonomischer Hinsicht kommt der G8 nach wie vor signifikante Bedeutung zu: Die G8 repräsentieren weniger als 14% der Weltbevölkerung, aber sie produzieren Zweidrittel des globalen Wirtschafts-Outputs - das Bruttosozialprodukt als Maßstab genommen. Russland ist der einzige G8-Staat, den die Weltbank nicht unter die 10 wirtschaftlich erfolgreichsten Länder listet (siehe Weltbankliste 2006). Russland landete nur auf Rang 14. Interessanterweise sind die Volksrepublik China und Brasilien in der Top-Ten-Liste vertreten (China auf Platz 4, Brasilien auf Platz 10). Selbst Indien (Platz 12) überrundet Russland in wirtschaftlicher Hinsicht.

Die G8 in der Krise

Politisch stecken viele G8-Länder in der Krise bzw. in einer Situation des Übergangs oder der Lähmung. Nehmen wir zum Beispiel die USA, wo Präsident Bush den letzten 18 Monaten seiner Präsidentschaft entgegengeht. In beiden Häusern (Senat und Repräsentantenhaus) hat er seine Mehrheit verloren. Die Provokationen der Bush-Administration in Richtung Iran sind klar als Muskelspiel erkennbar, das vom Debakel im Irak ablenken soll. Eine hochriskante Strategie, angesichts der extrem labilen Lage im Nahen/Mittleren Osten (auch eine Gemeinsamkeit mit 1973) und angesichts massiver Opposition im eigenen Land gegen die fortwährende US-Militärpräsenz im Irak (noch eine Gemeinsamkeit mit 1973: In diesem Jahr wurde der Vietnamkrieg für die USA militärisch und politisch untragbar). Ein Kommentator drückt es so aus: Diese Administration "hat auf ewig die Fähigkeit verloren, den Rahmen einer politischen Debatte zu bestimmen". Bushs Amtskollegen in der G8 ist das bewusst.

In Großbritannien ist Tony Blair als Premierminister am Ende. Wann er allerdings endgültig abdankt, bleibt offen. Sein Werben für die Irakinvasion und die britische Beteiligung an dieser sichern ihm einen unrühmlichen Platz in der Geschichte. Derzeit bastelt er an einer Nachbesserung seines Vermächtnisses, indem er den Abzug der britischen Truppen aus dem Irak regelt und sich dem Thema Klimawandel widmet - mit derselben pseudoreligiösen Begeisterung, die er bei seiner moralischen Mission im Irak an den Tag gelegt hat. Dieser G8-Gipfel wird für Tony Blair - mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit - der letzte sein. Es ist seine letzte Chance, sich als der visionäre Staatsmann zu präsentieren, als den er sich immer gesehen hat.

In Deutschland strampelt sich derweil Angela Merkel mit einer traurigen "Großen Koalition" aus Christdemokraten und Sozialdemokraten ab. Überfrachtet mit Kompromissen ist die Koalition praktisch manövrierunfähig - von politischer Führerschaft zu irgendeinem Thema ganz zu schweigen. In Frankreich und Italien führten Präsidentschaftswahlen und labile Koalitionen zu gelähmten Regierungen: Alle warteten die Entscheidung der Wähler und Wählerinnen ab. Das generelle Problem der europäischen G8-Mitgliedsstaaten ist allerdings das fast greifbare antiamerikanische Sentiment und eine Opposition gegen die Irakinvasion, die nicht abebben will. Jeder neue Report aus Bagdad facht die Diskussion erneut an. Dies hat dazu geführt, dass die europäischen Regierungen sehr sorgfältig mit Washington verfahren müssen: Für Bush zu sein, ist heute schlecht für die Wahlchancen im eigenen Land.

Wladimir Putin - in dem sicheren Gefühl, soviel Erdöl und Ergas zu kontrollieren, wie man nur will -, rächt sich für die an Russland in den 90gern begangenen Demütigungen. Aggressiv handelt er das Westverhältnis neu aus. Vor allem über die Beziehung zu den USA verhandelt er neu, während er gleichzeitig versucht, im Osten an Einfluss und Verbindungen zu gewinnen. Im eigenen Land hält er alle an der kurzen Leine. In letzter Zeit schimpft er sogar über die G8. Japan und Kanada - die beiden anderen Mitgliedsländer der G8 - sind in dieser Debatte irrelevant.

All dies zusammen ist der Grund für die G8-Krise. Es ist der Grund für die Unfähigkeit dieser Staatengruppe, die überzeugende Botschaft zu vermitteln: Wir sind einig, wir verfügen über Kontrolle, über Führerschaft und Vision. Amerika hat seine Legitimation als "natürlicher Führer" der G8 verloren (nicht zuletzt, weil es sich sogar in der G8 wie ein G1 gebärdet), und ein anderes Land mit den Kredenzien und dem (zu unterstellenden) Interesse, "in die Lücke zu springen", ist nicht in Sicht. Während die Macht der G8 demnach schwindet, steigen neue Bündnisse und Gruppierungen auf. Sie bilden sich aufgrund geographischer Gemeinsamkeiten und gemeinsamer Interessen. Einige könnten die Vorherrschaft der G8 - als wichtigste 'G'-Gruppe - in der Zukunft herausfordern. Andere Bündnisse - wie etwa die ALBA (Bolivarische Alternative für die Länder Amerikas) - experimentieren mit neuen Rahmenbedingungen für Governance, die eine mögliche Alternative zur traditionellen Elitenpolitik darstellen könnten.

Die neuen Machtpole

Das heutige globale System ist charakterisiert durch Brüche und einen polarisierenden Wettbewerb. Dies wird deutlich in der Schwächung, ja Lähmung, internationaler Organisationen und Foren (wie UNO, IWF und WTO), und es wird deutlich durch den Aufstieg politischer, ökonomischer und kultureller Konkurrenzmächte, wie China, dem Islam oder den indigenen Bewegungen Lateinamerikas - um drei sehr unterschiedliche Beispiele zu nennen.

Der wichtigste "neue" Akteur auf der internationalen Bühne heißt China. Seit über einem Jahrzehnt beobachtet die Welt mit Interesse (oft auch mit Sorge) das Anschwellen der chinesischen Wirtschaftskraft. Bis vor kurzem hielt China sein Engagement mit dem globalen System grundsätzlich auf die ökonomische Ebene beschränkt. In den letzten Jahren hat es sein internationales Profil allerdings etwas geschärft - vor allem seine diplomatischen Beziehungen in Afrika und Lateinamerika. Auch die chinesische Präsenz in den internationalen Organisationen steigt. So spielt China im UNO-Sicherheitsrat eine "aktivere" Rolle und wurde erst kürzlich an die Spitze der Weltgesundheitsorganisation gewählt. Auch außerhalb des multilateralen Rahmenwerks spielt China mittlerweile selbst bei sensiblen politischen Themen (wie Nordkorea) eine führende Rolle. Gerade durch sein außenpolitisches Fingerspitzengefühl wird China für die USA zu einer Herausforderung - dieses Fingerspitzengefühl hebt die amerikanische Grobklotzigkeit besonders hervor.

Trotz seiner Bedeutung ist China kein Mitglied der G8. Der erste Kontakt auf "hoher Ebene" zwischen China und der G8 kam erst 2003 zustande, und es gibt keine Anzeichen, dass China in nächster Zeit eingeladen wird, ein Vollmitglied zu werden. Dies ist eine "Kränkung", die an den Nationalstolz (der Chinesen) rührt - zumindest an die Gefühle eines Redakteurs der chinesischen 'Volkszeitung', der vor dem G8-Gipfel in Gleneagles schrieb: "Obwohl China kein Mitglied der G8 ist, verändert dieses Land.... die globale Wirtschaftsordnung; ohne eine chinesische Partizipation würden die Debatten über die globale Wirtschaft irrelevant".

Abgesehen von einer gewissen Hybris dieser Aussage - es stimmt tatsächlich: Die G8-Staaten brauchen China mehr als umgekehrt. Würde China Mitglied des inneren Zirkels, es wäre sicher (für einige) ein Signal: China ist auf der Weltbühne "angekommen". Andererseits hätte China politisch nur wenig dazugewonnen. Es würde seinen freien Handlungsspielraum einengen (vor allem in so sensiblen Bereichen wie Wechselkurse oder Kohlendioxidausstoß) - für den fragwürdigen Vorteil, im selben Club wie Bush und Blair zu sein.

Stattdessen führen die G8-Staaten mit China einen "Dialog" auf derselben Ebene wie mit Brasilien, Indien, Südafrika und Mexiko. Es sind die so genannten "P5"-Staaten ('P' steht für Politik'). Bei diesen Fünf handelt es sich um einen Mix aus Machtstaaten (China, Indien, Brasilien) und loyalen, strategisch wichtigen Freunden (Südafrika und Mexiko). Irgendwann könnten die P3, China, Indien und Brasilien, die Stellung der G8 - als einflussreichste Staatengruppe - herausfordern. Schon heute repräsentieren die P3-Staaten 40% der Weltbevölkerung und 10% des globalen Sozialprodukts - Tendenz steigend!

China, Brasilien und Indien kooperieren bereits - vor allem in der Welthandelsorganisation (WTO), wo sie die Gruppe der G20-Staaten anführen. In der WTO haben sie sich als signifikantes Hindernis für den EU-US-Bilateralismus erwiesen. Obwohl die G20 die Intereressen von über 20 "Entwicklungsländern" vertreten sollen, verhandeln Brasilien und Indien in Wirklichkeit in erster Linie ihre eigenen Ziele. Das Mandat, dem globalen "Süden" anzugehören, wird von beiden Staaten vor allem als Legitimations-Plattform genutzt. China belässt es bei einem niedrigem Profil. Falls nötig wird dieses Land aber sicherlich zu einem harten Verhandlungspartner in der Welthandelsorganisation werden. Brasilien, Indien und China arbeiten auch außerhalb des vorgegebenen internationalen Rahmenwerks zusammen. Sie haben ihre Handels- und Investitionsbeziehungen untereinander gestärkt - aber auch diesbezügliche Beziehungen zu anderen Staaten und Regionen des Südens.

Dabei geht es vor allem um die Suche nach Rohstoff- und Energiequellen - für die Industrialisierung - und um neue Exportmärkte. Den ökonomischen Interessen liegt zudem eine politische Agenda zugrunde. Die USA sind geschwächt. Dies schafft neue Spielräume im globalen System. Länder wie Brasilien befreien sich vom Gängelband der US-Dominanz. China kann seine Macht einsetzen, ohne relevantes Risiko, von den USA herausgefordert zu werden (vor allem, weil beide Staaten wechselseitige Wirtschaftsinteressen verbinden). Indien ist wohl der ambivalenteste unter den drei Staaten. Das Land scheint extrem daran interessiert, stets gute Beziehungen mit allen am Laufen zu halten. Es ist nicht nur der beste Freund Amerikas in der Region, sondern unterhält auch enge diplomatische (und militärische) Beziehungen zu Russland und China.

Zusätzlich zu seinen diplomatischen und ökonomischen Offensiven in Afrika und Lateinamerika versucht China auch in der eigenen Region Einfluss und Sicherheit zu gewährleisten. Die Shanghai Cooperation Organisation (SCO) besteht aus China, Russland, Kasachstan, Kirgisien, Tatschikistan und Usbekistan. Indien, Iran, Pakistan und die Mongolei könnten möglicherweise noch dazustoßen. Hauptzielsetzung des SCO-Bündnisses - manche Kommentatoren sprechen von einer "Nato des Ostens" - ist es, ein Gegengewicht zu schaffen, um den US-Einfluss in Zentralasien zu begrenzen. Da sich in diesen Regionen allerdings massive Öl- und Gasvorkommen befinden, gibt es andererseits wohl vor allem eine Triebfeder: Das Streben nach Energiesicherung.

Im Jahr 2005 trafen sich die Vertreter Chinas, Russlands und Indiens zum erstenmal zu einem "trilateralen" Treffen. Es fand in Wladiwostok statt. Im Februar 2007 trafen sich die Außenminister der drei Staaten in Delhi und gaben ein Kommuniqué heraus, in dem es hieß: "Globale Angelegenheiten sollten eher durch Kooperation als durch Konfrontation geregelt werden". Man stimmte überein, die UNO sei eine wichtige Plattform für den Weltfrieden und für Multipolarität - was übersetzt soviel heißt wie, man wolle in der UNO mitarbeiten, wenn es genehm ist, aber außerhalb der UNO agieren, um neue Machtpole aufzubauen. Präsident Putin brachte es noch deutlicher auf den Punkt, als er sagte, die USA müssten "sich bewusst sein, dass es neue Machtzentren gibt - wie China, Indien und Russland". Russland, China, Brasilien und Indien bilden zudem gemeinsam die so genannte "BRIC". Bislang besteht zwischen den vier Staaten allerdings noch kein Dialograhmen - außer dem gemeinsamen Interesse an der Gewährleistung einer sicheren Versorgung mit Öl und Gas.

Regionale Rebellen und Widerstand

Lateinamerika. Einzelne lateinamerikanische Staaten sowie die Region als Ganzes nehmen gegenüber den dominierenden Mächten eine zunehmend autarke Position ein. Die politische Landschaft Lateinamerikas ist heute eine Mischung aus offen antiimperialistischen Regierungen (Venezuela, Kuba, Bolivien, Ecuador) und Mittelinks-Regierungen mit nationaler Ausrichtung (Brasilien, Uruguay, Argentinien). Regierungen, die für Amerika und den Neoliberalismus eintreten, sind in Lateinamerika inzwischen die Minderheit. Das liegt nicht zuletzt an dem unglaublichen Aufstieg der radikalen Sozialbewegungen. Sie fordern eine Abkehr von der verheerenden neoliberalen Politik der letzten beiden Jahrzehnte. Die Wahlen, die Lula (Brasilien), Chavez (Venezuela), Morales (Bolivien) und Correas (Ecuador) an die Macht brachten, widerspiegeln diese Stimmung für den sozialen Wandel (wahrscheinlich gehört selbst Nicaraguas Daniel Ortega in dieser Riege genannt).

Venezuelas Präsident Hugo Chavez ist der offenste unter den Kritikern Amerikas. So ließ er beispielsweise armen Gemeinden in den USA subventioniertes Öl zukommen. Venezuela verfügt über große Ölreserven, die seit kurzem wieder in staatlicher Hand sind. Chavez PR-Strategie war brillant. Sie richtete sich gegen die Anti-Chavez-Kampagne in den USA und zeigte, dass es auch im Norden Armut gibt. In Ecuador und Brasilien wurden linkspopulistische Präsidenten ins Amt gewählt - mit massiver Unterstützung durch die Sozialbewegungen, vor allem der indigenen Bewegungen. Diese Präsidenten machten sich umgehend an die Verstaatlichung von Gas und Öl oder handelten zumindest die Verträge der im Länd tätigen Energieunternehmen neu aus. Auf diese Weise signalisierten sie den Bruch mit der Vergangenheit und Souveränität.

Diese drei Staaten (Venezuela, Bolivien, Ecuador) bilden die Vorhut bei dem Versuch, die Politik der Handels- und Finanzliberalisierung und -privatisierung wieder umzudrehen - eine Politik, die der Mehrheit der Bevölkerungen dieser Länder Armut eingebracht hat. Aber auch jenseits dieser drei Nationen distanzieren sich Länder von den USA und trotzen der Vorherrschaft des "Washingtoner Konsensus". Argentinien, Brasilien und Bolivien haben ihre Schulden beim Internationalen Währungsfonds komplett abbezahlt (Venezuela verfügt derzeit über derartige Massen von Bargeld, dass viele lateinamerikanische Führer inzwischen Caracas anrufen statt Washington). In der Welthandelsorganisation spielen die Staaten Lateinamerikas eine wichtige Rolle. Sie sind in mehreren Gruppen vertreten, die sich den Verhandlungspositionen der USA und der EU entgegenstellen.

International gesehen ist Brasilien die wichtigste politische Kraft Lateinamerikas. Seit der Wahl Luiz Ignácio "Lula" da Silvas 2003 zeigt sich Brasilien offener am eigenen Nationalinteresse orientiert - zum Beispiel bei den WTO-Verhandlungen über die brasilianische Agrarwirtschaft oder beim Versuch, sich einen Sitz im UN-Sicherheitsrat zu sichern. Lula richtet seine Außenpolitik aber auch auf die Staaten des Südens aus. Dies ist nicht nur eine symbolische Geste, es geht auch um Handelserweiterungen und neue Märkte. Weniger aktiv in der internationalen Arena dagegen Argentinien. Allerdings ist Argentinien ein wichtiges Symbol für eine (gelungene) Selbstbefreiung aus den Klauen des Internationalen Währungsfonds und ausländischer Kreditgeber. Diese Entwicklung erfolgte in Argentinien nach der finanziellen und politischen Katastrophe im Jahre 2001.

Der härteste Schlag ins Gesicht der USA und deren ökonomischer Agenda war das Treffen in Mar del Plata 2005 - wo die Führer Lateinamerikas dem US-Plan für eine Freihandelszone (FTAA) eine Absage erteilten. Dies wurde möglich durch eine Wechselwirkung aus drei dynamischen Entwicklungen: Erstens, Venezuelas Präsident Hugo Chavez, der die neoliberale Politik und die Dominanz der USA verurteilte, zweitens, Brasilien und Argentinien kamen zu dem Fazit, dass die FTAA nicht in ihrem nationalen Interesse läge, drittens schwoll die Opposition der Sozialbewegungen in der Region massiv an. Diese Entwicklungen beschränkten sich keineswegs auf das Treffen in Mar del Plata. Selbst heute ist die dreifache Interaktion - zwischen radikalen Regierungen, gemäßigten Regierungen und Sozialbewegungen - zu erkennen. Sie drängt die Politik nach Links - denn selbst die moderaten Regierungen Lateinamerikas können es sich nicht leisten, ihre Sozialbewegungen zu ignorieren - Sozialbewegungen, die inspiriert sind durch die Entwicklungen in Bolivien, Ecuador und Venezuela. Die politische Elite Lateinamerikas kann es sich nicht länger erlauben, als Verbündete der USA und der EU dazustehen. Ihre eigenen Sozialbewegungen - die darum kämpfen, fünfhundertjährige Vorherrschaften abzuschütteln -, verlangen von ihren Regierungen, das Band mit den Imperialisten zu zerschneiden, wollen sie nicht selber abgehalftert werden.

Alternative Pole

Seit die FTAA zu Grabe getragen wurde, findet sich in Lateinamerika kaum noch Begeisterung für den Freihandel. Dagegen werden alternative Formen der regionalen Kooperation entworfen - gründend auf der grundsätzlichen Ablehnung der neoliberalen Politik.

Die 'Bolivarische Alternative für die Länder Amerikas' (ALBA) kam auf Vorschlag der Regierung Venezuelas zustande. ALBA ist eine Vision: Kooperation und Integration der Staaten Lateinamerikas - auf politischer, wirtschaftlicher und kultureller Ebene. Zugrunde liegt ein Ansatz, der im Gegensatz steht zu den Prinzipien des Neoliberalismus.

Simon Bolivar, auf den die "bolivarischen" Prinzipien zurückgeführt werden, gilt in Lateinamerika als Symbol der Unabhängigkeit. Die Prinzipien gründen auf Kooperation, aber auch nationaler Souveränität, auf Transfer und Neuverteilung von Ressourcen; Kleinbauern, Kooperativen, Familien und produzierende Kleinunternehmen sollen gefördert werden. Ein Beispiel hierfür ist das 'Volkshandelsabkommen' (TCP) zwischen Kuba und Venezuela, das im Dezember 2004 geschlossen wurde. Der Vertrag sollte den Austausch von Öl gegen medizinische Versorgung zwischen beiden Staaten erleichtern: Venezuela lieferte circa 96 000 Barrel pro Tag an verbilligtem, staatlichem Öl nach Kuba, im Gegenzug schickte Kuba 20 000 Mitarbeiter seines staatlichen Gesundheitswesens und Tausende Lehrer in die Slums von Venezuela.

Auch Bolivien ist heute Mitglied der ALBA . Am 29. April 2006 unterzeichnete der bolivianische Präsident Evo Morales ein TCP-Abkommen - wenige Tage später verkündete er, er wolle Boliviens enorme Gasreserven verstaatlichen. Auch Nicaraguas frischgewählter Präsident Daniel Ortega trat im Januar 2007 der ALBA bei. Damit verbunden war ein Schuldenerlass vonseiten Venezuelas in Höhe von $31 Millionen. Mitte Februar traten drei karibische Staaten der ALBA bei: Saint Vincent, die Inselgrupe der Grenadinen und Dominica.

Übersetzt von: Andrea Noll
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Lars Lonte sagt
14.12.2011 20:00

Fei Lun, dass fliegende Rad – Das älteste Währungssystem der Welt

Eine Währung ohne Geld – Dezentralisiert – Jeder kreiert zinsfreien Kredit für Jedermann

Gemäß Prof. KURODA Akinobu (Oriental Culture, University of Tokyo) gibt es bis heute keine ernstzunehmende akademische Arbeit – weder von Historikern noch von Ökonomen – welche erfolgreich die asiatischen Währungssysteme erforscht und verglichen hat. Nur unzureichend wurde analysiert was die treibenden Motive für die substitutiven und komplementären Währungssysteme waren. Einig sind sich alle Forscher, dass in China vor 9000-11000 Jahren, Rinder – die Wertebasis für allen Handel darstellten. Daraus resultierte jedoch kein Tauschhandel – wie oft verkannt, sondern ein Kreditsystem. Wer Rinder, d.h. Güter hatte, war kreditwürdig.

China entwickelte sich nicht vertikal sondern horizontal, über eine Vielfalt autonomer landwirtschaftlicher Märkte, mit eigenen Währungssystemen, die alle kreditbasiert funktionierten und keine Konvertierung zu komplementären Währungen vorsahen und wünschten.

Es war keine Gemeinschaftswährung – sondern ein persönliches Kreditsystem – Jeder für Jeden.

Über die Jahrtausende hinweg organisierten sich die unterschiedlichen Klans und Stämme zu einem Staat, der jedoch kein Kreditsystem als Währung betreiben konnte. Es war also ein coexistierendes Wertesystem angesagt, welche sich beide gegenseitig nicht ersetzten konnten. Kredit kann nun mal nie im anonymen funktionieren – sonst verkommt es zu Cash – was übrigens chinesisch ist und die staatlichen Münzen umschreibt.

Dieses Kreditsystem ist bekannt als Fei Lun und geht zurück in die frühe chinesische Geschichte, als das Papier noch nicht einmal erfunden war und mit Kreide angeschrieben wurde. Jeder konnte bei jedem anschreiben lassen und durch Gegenleistungen wieder zinsfrei ausgleichen.

Über die Jahrhunderte wurde das System immer weiter verfeinert. So hatte nach der Erfindung des Papiers jeder ein kleines Büchlein, in welchem die Kredite eingetragen wurden – ein System das sich bis in die heutigen Tage gehalten hat. Der Begriff ,anschreiben lassen’ stammt offenbar aus einer Zeit, wo auch bei uns auf Schiefertafeln Schulden angeschrieben wurden. Das System ist in fast allen asiatischen Ländern auf dem Land auch heute noch aktiv, wenn gleich die jüngeren Generationen davon nicht mehr viel halten und von den Schulen, Banken und Medien längst auf die moderne anonyme Geldform getrimmt wurden. Das triviale System ist selbst auf dem Internet bis heute kaum dokumentiert und auch Links lassen sich nur schwerlich finden. Auf einer Reise durch die tiefsten Provinzen in mehreren Ländern Südost Asiens konnten wir das System dieser Tage eingehend studieren.
555-Büchlein

Das ,fliegende Rad’ System wird im chinesichen ,Fei Lun’ genannt und hat ein Logo welches aus einem Speichenrad und Flügel besteht, was frei übersetzt soviel wie ,frei wie ein Vogel – geschlossener Wirtschaftskreislauf – fair für alle’ bedeutet. Die 5 Speichen des Rades standen für die 5 chinesischen Elemente. Man kann auch heute noch überall Büchlein kaufen, die auch als 555-Büchlein bekannt sind. 555 bedeutet im Chinesischen soviel wie 50:50 fair für beide Seiten. Die dritte 5 bedeutet absolut fair. D.h. nicht wie beim Gold wo es keine 100%ig absolute Reinheit gibt und deshalb maximal mit 999.5 gestempelt ist. 555 bedeutet deshalb 100% Fairness für beide Seiten.

In diese Büchlein trug man seit jeher die gewährten Kredite ein, merkt sie sich bis sie durch Rückzahlung gestrichen wurden und kreiert damit dezentralisiertes, zinsfreies Geld unter dem Volk, ohne die Banken oder den Staat einzuschalten.

Es gibt das Büchlein in 5 verschiedenen Farben die jeweils einem Element zugeordnet sind: die Farben Grün, Rosa, Gelb, Braun, Blau stehen für die chinesischen Elemente Holz, Feuer, Erde, Metal, Wasser -. Die fünf chinesischen Elemente haben wenig mit Stoff und Materie zu tun. Sie entsprechen viel eher den Kräften, die zwischen und in der Materie wirken.

Die Geburt ordnet im chinesische Horoskop jedem Menschen einem Element zu, welches über das eigene Verhalten und Zusammenwirken mit anderen Menschen und deren zugeordneten Elementen Auskunft gibt. D.h. die Chinesen lernen durch diese Lehre, Verhaltensmuster unterschiedlicher Menschen bewusst kennen. Um die Wirkung der fünf Elemente für sich und den anderen Menschen richtig interpretieren zu können, darf man sein Wissen allerdings nicht nur auf die Zuordnungen einzelner Lebensbereiche beschränken. Man muss auch die Verhältnisse der fünf Elemente untereinander kennen. Grundsätzlich hält man es in der chinesischen Lehre für wichtig, dass die fünf Elemente – ähnlich wie die Prinzipien Yin und Yang -ein harmonisches Gleichgewicht bilden müssen. So werden die Schuldner in unterschiedlich farbige Büchlein geschrieben was damit auch gewissermaßen die Höhe der Kreditlimite bestimmt.

Jeder macht eben mit unterschiedlichen Element-Menschen unterschiedliche Rückzahlungserfahrungen.

Im chinesischen Bereich konnte schon seit altersher jeder bei jedem anschreiben lassen und zahlte seine Schulden durch Gegenleistungen oder Aufrechnung.

Es gab kein Fernsehen welches dem Volk täglich Mord und Totschlag präsentierte und vor jedem Menschen eine Schranke des Misstrauens aufbaute.

Im Gegenteil, die Leute lernten dank Fei Lun täglich wie vertrauenswürdig alle sind und dass Verlass aufeinander ist. Es baute eine verlässliche starke Gemeinschaft.

Starb der Schuldner, so war es in der Sippe üblich, ihm seine Schuld zu erlassen, indem man diese Schuldzettel aus dem Büchlein nahm und verbrannte.

Starb der Gläubiger, so war es üblich diese Büchlein an die Erben zu übergeben, die vorher genau unterwiesen waren was zu tun sei. Die Regel war; auf Schuldbegleichung zu warten – erfolgte diese nicht, so ließ man sie trotzdem verfallen. Kam der Schuldner am jährlichen Todestag des Gläubigers zur Respektbezeugung bei der Familie vorbei, so wurden ihm in der Regel immer ein weiterer Teil der Schulden erlassen. Reiche Gläubiger erließen in der Regel ihren Schuldnern die Schuld und verbrannten die Schuldscheine alle. Wer trotzdem nicht mehr zur jährlichen Trauerfeier für den verstorbenen Gläubiger teilnahm, zeigte einen schlechten Charakter was ihm in der Gemeinschaft bei weiterer Kreditbeurteilung Minuspunkte einbrachte.
Es galt als Verachtung des Vertrauens, welches der Gläubiger dem Schuldner entgegen gebracht hatte. Der alte Brauch, auch heute noch Papier bei der chinesischen Beerdigung mit zu verbrennen, hat seinen symbolischen Ursprung darin, dass all seine Schuld vergeben und erloschen ist.

Chinesisches Geldsystem

Um den Ursprung des chinesischen Geldsystems zu verstehen muss man sehr weit zurück gehen. Es wird jedoch schnell klar, dass die Wurzeln des ,Anschreibens’ im gegenseitigen Vertrauen liegt und zu allen Zeiten in allen Völkern existierte. Bargeld in Form von Papiergeld hat seine Wurzeln in der Zeit, als China von den Mongolen beherrscht wurde, deren Anführer aus dem Khan Klan (laut Verschwörungstheoretikern) von Ashkenazis abstammten.

Die Ur-Ashkenazis hingegen galten früher als friedlicher Volksstamm, welcher den durch die islamische Vertreibung der Israeliten im 7. Jahrhundert, diesen Zuflucht gab. Hier ist möglicherweise eine Verbindung, wie die Funktion von Geld in China durch westliche Geldsysteme damals durch die Khans versucht wurden – aber fehl schlugen. Der Kollaps dieser Geldsysteme erfolgt immer nach demselben Muster siehe Pharaonen, Römer, Mongolen oder der Jetztzeit – die vor lauter Dekadenz und Machtgier über das Geldsystem, das Wohl der Menschheit vergisst und an sich selbst zugrunde geht.

China kannte in seiner langen Geschichte neben dem Fei Lun eine Bronzemünze mit einem Loch in der Mitte – den sogenannten ,Cash’ von dem der englische Begriff cash abstammt. Diese Münzen waren eigentlich ‘Wertmarken für Regierungsreisende’ und kein Geld. Für cash konnten sie steuerlich absetzbare Leistungen vom Volk fordern, wie z.b. Übernachtung, Spesen, Verpflegung, Pferde und Transport etc. Die ältesten davon bekannten Münzen stammen aus der Qin Dynasty (221-206 B.C.). Im Museum von Shanghai findet man aber auch Münzen aus der Periode der Han (206 B.C.-A.D. 220) und Tang (A.D. 618-907) Dynastie. Cash (Lochmünzen) – gab es in China in jeder Dynastie bis 1911. Einzig in der Sung Dynastie wurden durch die Fremdherrscher (dem jüdischen Kohn oder Khan Klan) zusätzlich Geldnoten emittiert um Gold für ihre Söldner zu beschaffen. Auch in der nachfolgenden Ming Dynastie (A.D. 1368-1644) wurden wieder nur bronzene Lochmünzen geprägt. (legalisierter Diebstahl) Die Löcher in der Mitte dienten in allen Zeiten, den reisenden Händlern und Regierungsbeamten diese auf Schnüre aufzuziehen, um damit ihre Spesen zu bezahlen. Einen guten Überblick über die Münzen der Dynastien zeigt dieser Link

http://www.chinahistoryforum.com/lofiversion/index.php/t19308.html.

Münzen waren keinesfalls eine Währung für den Wirtschaftskreislauf, welcher zu allen Zeiten in China voll auf Fei Lun basierte. Es wäre unmöglich gewesen, den Währungsbedarf für das Wirtschaftsystem von so vielen Millionen Menschen, mit den kleinen Bronzemarken zu decken, die ansonsten materiell geringwertig waren.

China hat sich zwischen der Tang und Mitte der Sung Dynastie bevölkerungsmäßig mehr als verdreifacht und entwickelte sich nach der mongolischen Besatzung aus der Aristokratie in eine Bürokratie, um die damals rund 100 mio Einwohner systematisch auszuplündern.

Als Volkswährung diente zu allen Zeiten Fei Lun – der zinsfreie Kredit, basierend auf Leistungsausgleich unter Menschen – und erforderte keine Geldemittierung durch die Herrscher. Jeder schrieb bei jedem an. Geld in der heutigen Form war nicht bekannt außer den oben erwähnten Reisemünzen. Erst die Fremdbeherrschung in der Sung Dynastie erforderte Geld im heutigen westlichen Sinn. Von Marco Polos Beschreibungen (aus dem späten 13.
Jahrhundert) wissen wir wie das Geldsystem unter Kublai Khan funktionierte.

Dieser stellte aus gewalkter Maulbeerbaumrinde (einer biologisch nachwachsenden Substanz —) Geldnoten her, die mit seinem Siegel versehen waren und deren Annahmeverweigerung oder Nachahmung mit dem Tod bestraft wurde.

Siehe http://mailstar.net/werner-princes-yen.html

Der Militärdienst war bis hin zur Sung Dynastie ein Tribut des Volkes an den Kaiser, in der die Klan’s Kämpfer stellten. Vermutlich verloren die Chinesen deshalb, weil Kämpfer nur immer zu Spannungszeiten – untrainiert – aufgestellt wurden.
Spätestens in der Sung Dynastie kamen fremde Söldner dazu, welche – wie der Name ,Sold’ schon besagt, Gold und Silberbezahlung forderten, weil dieses Metal auch bei Kriegsverlust in Siegerwährung getauscht werden konnte. Mit der Einführung dieses Soldes entstand eine Nachfrage nach Gold, Silber und Edelsteinen die der fremde Kaiser als Tribut von dem chinesischen Volk einforderte. Er ging laut Marco Polo der Khan regelmäßig auf die Märkte und kaufte alle Bestände mit seinem Papiergeld (gewalkter Maulbeerbaumrinde) auf. Durch Marco Polos Beschreibungen scheint gesichert, dass Papiergeld im 10. Jahrhundert mit den fremden Besatzer der Sung Dynastie eingeführt wurde.

Durch den Besitz dieser Banknote – wurde gegenüber dem Anschreibesystem die Schuld anonymisiert. d.h. beim Anschreiben war der Schuldner klar bekannt. Durch die Weiterreichung der Geldnote wurde die Verschuldung anonymisiert – d.h. wie beim ,Schwarzer Peter ‘ wer immer die Note mit dem kaiserlichen Siegel bekam, konnte sich durch die Weiterreichung der Note entschulden.

Fortan konnte theoretisch durch den Einzug solcher Noten als Steuer – der Wohlstand aus dem Volk abgesaugt werden, der bis dahin als Tribut durch
Waren- und Arbeitsleistungen an den fremden Kaiser erfolgte. Doch dieses Steuer/Wohlstandabsaugen war nur begrenzt erfolgreich, weil die Chinesen mit Fei Lun nicht auf Geld angewiesen waren.
Macht durch Geld

Da das Volk aber weiterhin den Tribut durch Leistung erbrachte wird klar, dass die Emittierung von diesen Noten nur dem Aufkauf von Edelmetall, Edelsteinen und Schmuck dienten um die Machtposition der fremden Herrscher weiter auszubauen. Beim Volk kamen diese Noten ohnehin nie an.

China war in der Sung und Yuan-Dynastie fremdverwaltet und die Chinesen blieben vom politischen Leben ausgeschlossen und unterlagen sozialer und politischer Diskriminierung. Sie überlebten wirtschaftlich als Staat im Staat nur durch das Fei Lun System, welches für die fremden Herrscher unsichtbar blieb.

Die Selbstisolation der herrschenden Klasse führte zu deren Dekadenz und zum Zusammenbruch. Nach Jahrhunderten der Unterjochung gelang den Chinesen die Befreiung und der Neubeginn mit der Ming Dynastie, in der sich das Fei Lun System noch stärker etablierte – ein System, welches letztlich auch unter der Besatzung, den Chinesen ihre Eigenständigkeit sicherte. Mit der Befreiung wurde die Marine abgeschafft und die Armee von Unterjochung auf Verteidigung ausgerichtet. Der Ausbau der Chinesischen Mauer kostete das Land mehr Kraft als die 300 jährige Fremdbesatzung. China hatte keinen Bedarf mehr an fremden Söldnern und somit auch keinen Bedarf an Edelmetall.

Als der Leistungsaustausch auch über die Grenzen des großen Landes statt fand, war es bis ins 16. Jahrhundert nicht unüblich diese Schuld auch durch Sklaven abarbeiten zu lassen. Geld im Sinn von Banknoten, war für das gemeine Volk nie von Bedeutung. Die Banknoten des Kaisers kauften zwar zu Marco Polos Zeiten regelmäßig Volksleistung wie Edelmetalle – Perlen – Schmuck – etc. auf. Dadurch floss zwar ,Geld’ – doch nicht unters Volk, welches aber seinen Tribut immer durch Leistung bezahlte. Die Noten blieben vermutlich bei den Händlern stecken – weil ,Fei Lun’ stärker war und keiner seine Leistungen gegen Papier tauschen wollte. Möglicherweise waren auch die Werte der Noten so hoch, dass diese ,Noten’ vermutlich nur für die reichen Händler und deren Transaktionen in fernen Gebieten zum Schuldausgleich einen Wert hatten oder einfach an den Staat als Tribut zurück flossen. Schließlich musste der Umlauf der Noten bei Annahmeverweigerung mit der Todesstrafe erzwungen werden. Das alleine sagt schon einiges aus. Details sind keine dokumentiert, es ist aber möglich, dass die Sippe für den Annahmeverlust aufkam und damit gemeinsam ihre Steuern entrichteten. Der Staat konnte sein eigenes Geld ja nicht ablehnen.

In kleinen Sippen funktioniert das Anschreibesystem nach wie vor und hielt sich überall in Südostasien bis in das 20. Jahrhundert. Das Schuldbüchlein gab es nie in Form von losen Seiten, denn das hätte dem heutigen Bargeld entsprochen. In dem Schuldenbüchlein wurden Leistungen angeschrieben die man irgendwann in der Zukunft mit eigenem Leistungsbezug oder Rückzahlung verrechnet hat. Wären es lose Seiten gewesen hätte man sie wie Geld getauscht und dann auch in Zeiten in denen die Güter knapp waren, zu anderen Preise gegen mehr Geldscheine verrechnen können. Da es aber angeschrieben wurde, blieb der Preis jahraus jahrein immer derselbe. Es war eben ein Leistungspreis und kein Warenpreis und konnte somit nicht inflationieren.

Erst nach dem 17. Jahrhundert als ,auserwählte’ Händler aus Europa kamen, entstanden immer mehr Warenpreise die abgeleistet werden mussten und die erzwangen dann den Sklavenhandel. D.h. Leibeigene lebten im Haus und waren bis dahin Teil der Familie die unentgeltlich arbeiteten, doch Sklaven wurden in fremde Häuser zur Abarbeitung von bezogenen Leistungen und Waren beschäftigt, ohne dass sie dort Teil der Familie mit Altersversorgungsanspruch waren.

In der Ming Dynastie unter dem Fei Lun System erlebte China seinen höchsten Wohlstand.

Da der Wohlstand nicht mehr durch die Fremdherrschaft abgesaugt wurde, blieb dieser im Land und stimulierte die autonomen Wirtschaftsmärkte. Die erhöhten Transaktionen in den verschiedenen Märkten verkomplizierten das Verhältnis zu den komplementären Geldsystemen.
Handel

Der Handel mit Europa kam nur mühsam in Gang. Zwar wollten die Europäer Güter wie Tee und Porzellan, doch hatten sie nur wenig zum handeln anzubieten das für die Chinesen begehrlich war.

Erst als der Handel im 17. und 18. Jahrhundert im größeren Stil mit Übersee begann, bestanden die ,auserwählten’ Europäer! darauf, diesen Handel durch Silber auszugleichen. Sie lieferten nur noch westliche Waren gegen Silber.

Silber hatte für China nur einen Wert zum Handel mit Japan oder Kauf von Waren aus westlichen Ländern. Für das Fei Lun war es wertlos, denn man konnte es weder Essen noch sonst verwenden.

China hatte kein Silber und kannte es auch bis zur Sung Dynastie nicht. Nun lieferte es also Tee und Porzellan für Silber, mit dem es überseeische Waren importierte.

Zunehmend wurde durch Silberbezahlung die Nachfrage nach Sklaven angekurbelt, weil die meist jüdischen ,auserwählten’ Kolonialhändler diese zum Silberabbau in Amerika benötigten. Die Silberbeschaffung war jedoch keineswegs befriedigend und so wurde der gesamte Chinahandel durch David Sassoon nach 1829 sukzessive statt Silber auf Opium umgestellt. (Siehe Beitrag (3) „Hong Kong und die Sassoon Opium Kriege“) Trotzdem prägten die Chinesen eifrig Silberdollars unter der Daoguang Regentschaft (A.D. 1821-1850) der Qing Dynastie und münzten Silber/Kupfer Münzen unter der Guangxu Regentschaft (A.D. 1875-1908) der Qing Dynastie.

Durch die Steigerung der Opiumsuchtnachfrage nach dem Abkommen von Nanking 1842 waren die Chinesen bereit alles zu liefern was die ,auserwählten Europäer’ an Waren wollten. Untereinander verrechneten die Chinesen im fernen Asien bis Ende des 20. Jahrhundert alles über das Büchlein, das moderne Anschreibeverfahren funktioniert nun via passwortgeschütztem Login und per SMS und gilt deshalb bei vielen jüngeren als modern und wird wie alle zinsfreien Systeme populärer. Ob die heutige Generation für ein zentralistisch geführtes virtuelles System vertrauenswürdig ist, mag in Anbetracht der steigenden Kriminalität – die durch den Konsumerismus angetrieben wird – bezweifelt werden. Kublai Khans Nachfolger hätte es leicht gehabt die Chinesen wirtschaftlich zu ruinieren, hätten sie einen solchen zentralen Zugang zum Fei Lun gehabt. Die Macht des Fei Lun Systems der Vergangenheit, lag in der dezentralen unsichtbaren Kreditbereitstellung durch Jedermann an Jedermann. Es erübrigte Geld und weil es voll auf Leistung basierte – und so erübrigte es auch die Steuer. Auch der Kaiser erhielt seinen Tribut durch Leistung. Jeder war bemüht, Jedermann ordentliche Leistung bereit zu stellen und diese bis zum Ausgleich zinsfrei zu stunden.

Da Streithähne zunächst beide bis zur Klärung eingesperrt wurden, waren beide Seiten immer bemüht Differenzen friedlich beizulegen. Auch waren beide immer an weiterer Kreditwürdigkeit in der Gemeinschaft interessiert.

In den 60 Jahren von 1911 – 1971 wurde China und das Fei Lun System ruiniert, denn selbst Straßenhandel und Privatanpflanzungen wurden von den Kommunisten untersagt. Fei Lun lebte weiter in ganz Südostasien und wo immer sich die Chinesen nieder ließen.

Das moderne China hingegen kreiert wieder Geld zentral. Es ist auf die westliche Geldkonzeption – jedoch ohne Grundpfand – eingeschwenkt und lässt mangels Eigentum, das Geld an Unternehmen reichlich fließen. Jedes förderungswürdige Projekt bekommt Kredit. Besonders begünstigt werden Joint Ventures bei denen ausländische Minderheitspartner mehr Geld einbringen als zur fraktionalen Geldkreierung im Westen erforderlich wäre und dazu unbezahlbares Knowhow. China war nie in seiner 12.000 jährigen Geschichte verschuldet und überholt deshalb auch heute alle westlichen Länder. Das Volk hatte jedoch unter dem Fei Lun mehr Macht und Wohlstand.

Das ideale Geldsystem wäre wohl ein Kreditsystem wie Fei Lun gepaart mit dem Wechselsystem. D.h. ein persönliches Kreditsystem welches die menschliche Bindung und Verpflichtung fördert, sowie ein kommunales Kreditsystem welches gemeinnützige, förderungswürdige Investitionen ermöglicht – aber dezentral gehandhabt wird. In jedem Fall liegt die gemeinnützige Legitimation eines Systems in der Dezentralisierung der Kreditgeldkreierung statt der heutigen Schuldgeldkreierung in der Geld immer eine anonyme Verschuldung bedeutet, von der jeder immer mehr will, weil er sich dadurch nicht persönlich verschulden muss. Geld ohne Schuld ist einfach nicht möglich. Die Lösung heißt, wir brauchen kein schlechtes Geldsystem sondern ein gutes Kreditsystem.

Fei Lun lässt sich übrigens sofort von jedem implementieren. Kaufen sie ab sofort möglichst nur noch Leistungen auf Gegenleistungsbasis ein. Sparen sie sich Steuern. Ein Schuldbüchlein gibt es bei jedem Schreibwarenhändler und bei Bedarf können Sie sich sogar ein original 555-Büchlein auf dem Internet beschaffen.
http://tanenghong.com/product/pro_intro.asp?cat=5#pro Wo man auch das Logo des Flying Wheels sieht.

Die Chinesen schafften es fast 12.000 Jahre ohne Geld! Diese Tatsache ist sensationell und drum wird sie bei uns im Westen verschleiert. Lesen Sie den Artikel nochmals. Denken Sie sich hinein, alle heutigen Kredit und Bargeschäfte liefen damals über Fei Lun.

Dann überlegen Sie sich, was Sie davon abhält, dieses Fei Lun auch zu übernehmen, man braucht dazu keine Organisation – jeder kann jedem sofort Kredit einräumen. Kaufen Sie nur noch dort ein wo Sie Kredit bekommen und diesen mit Leistung ausgleichen können. Wir sind zwar im Industriezeitalter durch die Arbeitsteilung oft nicht mehr in der Lage ganzheitliche Leistungen abzuliefern, doch gilt es diese Fähigkeiten wieder zu erlernen wenn wir uns aus den Abhängigkeiten befreien wollen. Leistung als ganzes macht Spass!

Text aus dem Newsletter von Max New