Die Gesundheitsversorgung in Palästina
von Sonia Nettnin
10.10.2005 — ZNet
Dr. Tawfiq Nasser war einer der Redner auf der Sabeel-Konferenz in Chicago/USA. Er sagte, die Palästinenser hätten - infolge der israelischen Mauer und der Militärokkupation - nur eingeschränkten Zugang zur Krankenversorgung.
Dr. Nasser ist Manager und Generaldirektor des Augusta Victoria Hospitals (AVH) - dem zweitgrößten Krankenhaus in Ostjerusalems Mount-of-Olives-Bezirk. Zudem leitet Dr. Nasser für die Lutheran World Federation das sogenannte Clinical-Outreach-Programm. Das Augusta Victoria ist das größte Vertragskrankenhaus der UNRWA zur Versorgung palästinensischer Flüchtlinge.
Die sechs Hauptkrankenhäuser in der Westbank sehen sich mit vielerlei Problemen konfrontiert, wenn sie ihre Patienten - die für medizinische Behandlungen durch Checkpoints und Straßensperren müssen -, mit humanitären Dienstleistungen versorgen wollen.
“Eines der wichtigsten Probleme, mit denen wir uns vor Ort konfrontiert sehen - angesichts all dieser Zugangsbeschränkungen - ist die unterschiedslose Bestrafung der Zivilbevölkerung“, so Dr. Nasser. “Wir erleben die Wirklichkeit der Segregation und des Annexionswalls.“
Angenommen, eine Palästinenserin muss zur medizinischen Behandlung an einen bestimmten Ort, dann muss zunächst ihr Arzt einen medizinischen Bericht schreiben. Diesen Bericht legt sie vor, wenn sie bei den Israelis um einen Passierschein zur medizinischen Behandlung nachsucht. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit beeinflusst den Zugang der Palästinenser zur medizinischen Behandlung ganz direkt. Aus diesem Grund hat Dr. Nasser einen Busservice eingerichtet - ein Bussystem, das auf die Bedürfnisse seiner Klinikpatienten abgestimmt ist. Es gibt inzwischen vier Buslinien für Patienten aus der Westbank nach Ostjerusalem.
“De facto trennt die Mauer die Patienten von der Klinik“, so Dr. Nasser. “Die sechs Hauptkrankenhäuser (der Westbank) sterben langsam aber sicher ab, denn sie (die israelischen Streitkräfte) verwandeln das Land in einen Schweizer Käse“.
Die Beschränkungen durch die Okkupation hätten auch die Notdienste in einen Lähmungszustand versetzt, erklärt er - diesmal aus Sicht des Medizinplaners. Von einem kohärenten Erstehilfesystem könne kaum mehr die Rede sein. “Wir sitzen in der Realitätsfalle fest, alles wird (nur noch) um die Präsenz der (jüdischen) Siedlungen herum geplant“. “Mit Straßen, die durch Erde blockiert sind, schaffen wir es nicht, Menschen ins Krankenhaus zu fahren“.
Wenn eine Person einen Herzinfarkt erleidet und die Ambulanz gerufen wird, muss der Kranke womöglich an einen Checkpoint, um dort von der Ambulanz aufgenommen zu werden. Aber selbst wenn die Ambulanz durchkommt, um den Patienten aufzunehmen, entscheiden israelische Soldaten, ob sie durch die Checkpoints darf oder nicht. In der Region Qalqiliya ist die Mauer 25 Meter* hoch und schneidet tief durch Westbank-Land. Wie eine Schlange windet sie sich zwischen den palästinensischen Gemeinden hindurch. Die Menschen sind gezwungen, dem gewundenen Verlauf zu folgen - wollen sie beispielsweise in die Klinik von Qalqiliya. Menschen, die am südlichen Rand Qalquiliyas wohnen, müssen 90km* um die Mauer herum fahren, um ans Ziel zu gelangen. Für eine angeschlagene Person kann dieser Stress natürlich zu einer Verschlechterung des gesundheitlichen Zustandes führen.
Die Informationen, die Dr. Nassers auf der Chicagoer Veranstaltung präsentierte, finden sich auch im Bericht “Health and Segregation II: The Impact of the Israeli Separation Wall on Access to health care services“ der HDIP (Health, Development, Information and Policy Institute) - einer Einrichtung, die die gesundheitliche Verfassung/Entwicklung der Palästinenser untersucht und entsprechende Pläne erstellt. Autorin des Reports ist Joan Jubran. Sie schreibt: “80 000 Palästinenser haben Schwierigkeiten, eine Notfallstation oder kurative medizinische Dienstleistungen zu erreichen, weitere 80 000 haben Schwierigkeiten, ein Krankenhaus zu erreichen, und 35 000 haben keinen Zugang zu ausreichender medizinischer Versorgung.“
Hinzu kommt ein weiterer Punkt. Die eingeschränkte Bewegungsfreiheit trifft nicht nur Patienten sondern auch das Klinikpersonal. Ärzten, die in der Westbank wohnen, gelingt es nicht immer, nach Ostjerusalem zu kommen. Ärzte, denen der Zugang zu ihrem Hospital- bzw. Klinikarbeitsplatz möglich ist, müssen täglich überlange Pendlerfahrten auf sich nehmen - durch Checkpoints, “fliegende“ (d.h. mobile) Checkpoints und Straßensperren. Das zermürbt und schreckt Leute aus der Westbank von einem Job in Ostjerusalem ab. Das Augusta Victoria ist eines von nur zwei Krankenhäusern, an denen Mediziner ausgebildet werden. Medizinveranstaltungen mussten verschoben werden, da Studenten unter 24 Jahren derzeit der Zugang nach Ostjerusalem verwehrt wird. Aber trotz Reisebeschränkungen gelingt es Dr. Nasser - auf seine zähe, innovative Art - medizinische Spezialisten am Krankenhaus zu halten, sodass die Klinik weiterhin medizinische Versorgung auf hohem qualitativen Niveau anbieten kann.
Als Konsequenz aus der mangelnden Bewegungsfreiheit haben etliche Kliniken bzw. NGOs inzwischen damit begonnen, überall in der Westbank mobile Kliniken einzurichten. Jubran weist allerdings darauf hin, dass “...viele mobile Kliniken nur sechs oder neun Monate finanziert sind. Danach sind die Menschen auf sich allein gestellt, bis die Finanzierung wieder gewährleistet ist“. Folge: Die Menschen bleiben ohne medizinische Versorgung.
Dr. Nasser erklärt, auch das Augusta Victoria habe inzwischen Außenkliniken in der Westbank eingerichtet - wo die Menschen erstversorgt werden könnten. Allerdings sollten die Gesundheitseinrichtungen vorsichtig sein mit solchen Satelliten-Posten, sagt er, denn alternative Medizinzentren außerhalb Jerusalems könnten leicht zum finanziellen und infrastrukturellen Kollaps der palästinensischen Gesundheitseinrichtungen führen.
Das Augusta Victoria hängt von Spendern wie der Lutheran World Federation (und vielen anderen internationalen Geldgebern) ab. Diese finanzieren den medizinischen Betrieb der Klinik. Neue Satelliten-Medizinzentren mit Spezialabteilungen könnten die finanziellen Möglichkeiten des Krankenhausbudgets überstrapazieren. Daher, so hebt Dr. Nasser hervor, sei es wichtig, die Fachabteilungen in Ostjerusalem zu halten. Die dortige Klinik behandelt Patienten ohne Rücksicht auf ethnische oder nationale Zugehörigkeit, Religion oder Geschlecht, und das schon seit 55 Jahren.
Ein weiteres Finanzierungsproblem, das dem Augusta Victoria droht, ist, dass Israel eventuell die Steuerbefreiung für die Gelder der Lutheran World Federation streichen wird. Eine entsprechende Befreiungsvereinbarung besteht zwar, könnte aber aufgehoben werden. Im Bezirksgericht von Jerusalem ist die Entscheidung über die Steuerbefreiung der LWF seit fast drei Jahren anhängig. Das Urteil über die Steuerbefreiung wird dem LWF derzeit zugestellt. Dr. Nasser erklärt, sollte sein Krankenhaus die Steuerbefreiung verlieren, müssten pro Jahr schätzungsweise $700 000 aufgebracht werden - allein für Steuern. “Das hätte massive Auswirkungen auf unser Dienstleistungsangebot. Wir wären gezwungen, kürzer zu treten, um uns über Wasser zu halten“, fügt er hinzu. Die Preise für medizinische Dienstleistungen zu erhöhen, um die Kosten wieder reinzuholen, komme nicht in Frage, so Dr. Nasser. In der Mehrzahl handle es sich bei seinen Patienten ja um Flüchtlinge, die in schweren Zeiten ohnedies kaum wirtschaftlich überleben könnten.
Jemand aus dem Publikum fragt, ob das Krankenhaus nicht Anspruch auf staatliche Leistungen vonseiten Israels hätte - so wie israelische Kliniken - falls wirklich Steuern fällig würden. Dr. Nasser antwortet: “Anders als israelische Kliniken kommen wir für staatliche Leistungen nicht in Frage. Seit 1967 existieren wir am Rande des israelischen Systems“.
Das Augusta Victory ist die einzige Klinik, die für die Gesamtbevölkerung ein Behandlungsangebot für Krebs- und Nierenpatienten bietet. Daher entscheidet das Überleben des Krankenhauses auch über das Überleben der Krebskranken und Nierenpatienten in der palästinensischen Bevölkerung. Dr. Nasser sagt, die israelische Politik habe in ihrer Kontrollmatrix einen Push-and-Pull-Mechanismus entwickelt, der die palästinensische Infrastruktur - Gesundheit, Bildung und Kultur - an den Rand dränge. Falls die palästinensischen Einrichtungen nicht mehr über die Runden kämen, werde deren Niedergang die Wut der Menschen vor Ort nur noch mehr schüren.
Die USAID (U.S. Agency for International Development), eine US-Regierungsbehörde auf Bundesebene, stellte $51 Millionen für ein Reproduktiv-System in der Westbank zur Verfügung - aber keine Gelder für Ostjerusalem. Vor zwei Wochen sprach Dr. Nasser mit den Vereinten Nationen über sein erfolgreiches Busprojekt. Kurz darauf erhielt er einen Anruf, israelische Soldaten hätten die Busse nach Ost-Jerusalem gestoppt. Telefonate mit hochrangigen Offiziellen machten es möglich, dass wenigstens 30 Kinder - eine Busladung voll - ins Hospital fahren durften.
Dr. Nasser sprach auch über die medizinischen Erfolge seiner Klinik - vor allem über das First Cancer Center, das im August seine Pforten öffnete. Das Augusta Victoria verfügt zudem über die einzige Dialyseabteilung für nierenkranke Kinder in ganz Palästina. Und nach vier Jahren bürokratischer Hürden erhielt das AHV endlich die Lizenz für eine Ecology Radiation Unit. “Medizin ist ein starkes Beispiel für die Erfolge der Palästinenser“, so Dr. Nasser.
Gleichzeitig betont er, wie wichtig es sei, von den Amerikanern und der internationalen Gemeinschaft Unterstützung zu erhalten. Mit ihrem Eintreten für ein Ende der militärischen Besatzung und für einen lebensfähigen Palästinenserstaat, mit Ostjerusalem als Hauptstadt, könnten sie den Palästinensern bei ihrem kontinuierlichen Ringen um den Aufbau einer Zivilgesellschaft helfen.
“Wir brauchen Ihr Eintreten“, so Dr. Nasser.
Durch dieses Eintreten, durch Solidarität und die gemeinsame Vision eines verwirklichten palästinensischen Staates würden die Palästinenser eines Tages in der Lage sein, sich selbst zu helfen.
* beide Angaben sind zweifelhaft; es sollte wohl eher heißen: die Mauer ist 9m hoch, die Strecke rund 9km lang
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