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Die Lügenmaschine der NATO-Medien

„Völkermord im Kosovo?“

von Edward S. Herman

01.05.2000 — ZNet

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Das „humanitäre“ Unternehmen der NATO im Kosovo ist auf einer Struktur von Lügen errichtet worden, von denen viele direkt aus dem NATO-Hauptquartier und von Offiziellen der NATO-Mächte stammen und die von den Mainstream-Medien der NATO-Staaten unkritisch übernommen worden sind. Eine der großen Ironien der Operation „Vereinigte Streitkräfte“, dem Blitzkrieg der NATO gegen Serbien im Jahre 1999, war, dass Jugoslawiens Übertragungsanlagen bombardiert wurden aufgrund der Behauptung, dass sie „Lügenmaschinen“ seien , die dem jugoslawischen Kriegsapparat nützten. Dies wurde den NATO-Medien gegenübergestellt, die nach Ansicht der NATO-Offiziellen und dementsprechend auch nach Meinung des Medienpersonals „objektiv“ berichteten und, wie es Richard Holbrooke beschrieb, „exemplarische“ Berichterstattungen geliefert haben. Den führenden MedienproduzentInnen und JournalistInnen kam nie der Gedanke, dass sie Holbrookes Lob in Verlegenheit bringen sollte – obschon wir vermuten, sollte Slobodan Milosevic die serbische Medienperformance als „exemplarisch“ loben, dass ihre Gegenspieler im NATO-Block dies als Beweis für die Anschuldigung der „Lügenmaschine“ gedeutet hätten. Diese Doppelmoral ist tiefgehend.

Ein bedeutender Grund für die Deckungsgleichheit der Medienmeinung und der Holbrooks war die Selbstgerechtigkeit, die die Operation „Vereinigte Streitkräfte“ begleitete. Der Glaube, dass die NATO einen „gerechten Krieg“ gegen einen teuflischen Feind führe, ist über die vorherige Dekade (10 Jahre) so gut aufgebaut worden, dass die Medien „den Sprung ins Team“ und demzufolge die Werbung für die kriegerischen Anstrengungen als perfekte Konsequenz ihrer „objektiven“ Berichterstattung verstanden. Diese Perspektive (Sichtweise, Betrachtungsweise), die von den meisten Regierungen und Medien außerhalb der NATO oder von energischen, aber marginalisierten (an den Rand abgedrängten) Medien innerhalb der NATO-Staaten nicht geteilt wurde, war vom Standpunkt der NATO-Kriegsmanager aus gesehen ideal, da sie ihre Mainstream-Medien de facto in eine Propagandaarme der NATO verwandelte. Letztendlich gab das der NATO und ihren führenden Mitgliedern die Freiheit die internationale Meinung und internationale Gesetze zu ignorieren – und zu zerstören und zu töten –, was allerdings wesentlich mühseliger zu erreichen gewesen wäre, wenn die Leistung der Medien weniger „exemplarisch“ ausgefallen wäre.

Politisierter Völkermord

Es ist einer der vielen Erfolge der Lügenmaschine der NATO-Medien gewesen, den Serben für ihre Operationen im Kosovo das Etikett „Völkermord“ anzustecken. „Völkermord“ ist gleich „Terrorismus“ ein boshaftes und schwammiges Wort, das lange Zeit für Propagandazwecke benutzt worden ist, um das Verhalten offizieller Feinde zu beschreiben. Es beschwört Bilder von Vernichtungslagern der Nazis herauf und ist häufig im Zusammenhang mit dem Wort „Holocaust“ verwendet worden, um Morde zu verurteilen. Im Nazi-Juden-Holocaust-Modell umfasst „Völkermord“ den Versuch eine gesamte Gruppe auszurotten. Aber in der Völkermordkonvention aus dem Jahr 1948 wird das Wort aufgefasst und als jedwede Unternehmung bezeichnet, die „mit der Absicht durchgeführt wird, eine gesamte oder einen Teil einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe als solcher zu vernichten“. Die Konvention schließt ebenfalls völkermordartige Handlungen ein, die ernsthafte „mentale Schäden“ hervorrufen oder „Lebensbedingungen“ aufdrängen, die auf solche Verletzungen abzielen. Diese vagen Formulierungen haben zu der Politisierung des Wortes beigetragen und Peter Novick schrieb nieder, wie sich seine BenutzerInnen in den 50er Jahren „fast ausschließlich auf die Verbrechen – manchmal wahre, manchmal ausgedachte – des Sowjetblocks konzentrierten“ (engl. Originaltitel: „The Holocaust in American Life“; „Der Holocaust im amerikanischen Leben“).

Es ist eine berüchtigte Tatsache, dass Clintons Beamtenstab sorgfältig von dem Gebrauch des Wortes „Völkermord“ in Verbindung mit den gewaltigen ruandischen Massakern der Hutu an den Tutsi 1994 Abstand nahm. Die Erlaubnis, das Wort in diesem Zusammenhang zu verwenden, wäre der Notwendigkeit zu Handeln gleichgekommen. Die Entscheidung nicht zu handeln entsprach demzufolge der Vermeidung des emotionalen Wortes, das möglicherweise die öffentliche Meinung mobilisieren (aufbringen) und sie dementsprechend folgsam machte, wenn der Bedarf danach bestünde. Ganz im Gegensatz dazu forderte die Entscheidung zum Handeln im Fall Kosovo aber die Mobilisierung der öffentlichen Meinung, um die gewalttätige Intervention zu unterstützen, so dass das Wort Völkermord aggressiv genutzt worden ist.

Im Zusammenhang mit den Kriegen, die zum Zerfall Jugoslawiens geführt haben, und seinem nützlichen Gebrauch an anderer Stelle ist das „Wort“ Völkermord immer dann leichtfertig verwendet worden, wenn Menschen getötet wurden, die als „würdige“ Opfer erachtet worden sind. Unserer Meinung nach ist das nicht nur Opportunismus (Handeln allein unter dem Gesichtspunkt dessen, was Vorteile bringt), sondern auch die Korruption eines Wortes, dessen alleiniger Sinn sich nicht auf Morde oder Massaker beschränkt, sondern den Versuch mit einschließt, eine bestimmte Gruppe vollständig oder teilweise auszurotten.

Serbien wird der Völkermord angeheftet

Das Wort Völkermord ist in den frühen 90er Jahren von einigen westlichen AnalystInnen und JournalistInnen, die sich wie andere jugoslawischen Fraktionen (erwähnenswert die bosnischen Moslems) ausrichteten, auf die Serben angewendet worden. Allerdings ist von ihm erst während des 78 Tage andauerndem NATO-Bombardements und im Anschluss daran intensiv Gebrauch gemacht worden. Zu einem guten Teil war der eskalierende Gebrauch das Resultat der offensichtlichen Hysterie der NATO-Führung auf die Reaktion der Serben auf die Bombardements, welche als notwendig vorgebracht wurden, um die serbische Brutalität gegenüber den AlbanerInnen im Kosovo zu stoppen, was aber ihren vielfachen Anstieg hervorrief. Mit Hilfe der Medien und der Tränen über den Völkermord war es Tony Blair, Bill Clinton, Gerhard Schröder und anderen NATO-SprecherInnen möglich, die Konsequenz ihrer Bombardement-Strategie – die Flüchtlingskrise – in ihre rückwirkende Rechtfertigung umzuwandeln.

Um ihren Schaukasten zu erstellen, benötigten die NATO-FührerInnen eine üppige Zahl an Opfern, Geschichten von serbischen Terror und Bilder von Frauen und Kindern, die auf der Flucht sind oder zum Zweck der Vertreibung in Züge gesteckt werden, wodurch Erinnerungen an die Züge nach Auschwitz heraufbeschworen werden. Die Anzahl derer, die vermutlich als „vermisst“ gelten und von denen William Cohen am 16. Mai angenommen hat, dass sie Opfer von Massakern geworden sind, belief sich auf 100.000; eine Zahl, die mit 500.000 ihren Höhepunkt in einer Schätzung des Außenministeriums erreichte. Das Hauptinteresse der kollegialen NATO-Medien lag sowohl während als auch nach dem Bombardement darin, Opfer zu finden; dadurch wurde ein Wettkampf um die Aufdeckung von Massengräbern und die Berichterstattung über sie eingeleitet. Es gab viele Opfer, aber der Appetit der Medien auf sie war unersättlich und ihre Leichtgläubigkeit verleitete sie zu vielen Fehlern, Übertreibungen und Fehlinterpretationen (siehe Philip Hammond und Edward S. Herman, „Verminderte Fähigkeiten: die Medien und die Kosovo Krise“(engl. Originaltitel: „Degraded Capability: The Media and The Kosovo Crisis“), veröffentlicht in kürze bei Pluto Press, für viele Veranschaulichungen). Eine Vielzahl an Bildern von abtransportierten albanischen Kindern und Frauen sind mit dem „Holocaust“ in Zusammenhang gebracht worden, obzwar, wie es eine britische Kommentatorin feststellte, „die Nazis die Juden nicht in Züge in Richtung Israel packten, wie die Serben die albanischen KosovarInnen momentan in Züge stecken, die nach Albanien fahren“ (Julie Burchill, Guardian, 10. April 1999).

Das Wort Völkermord ist allerdings auch schon vor dem NATO-Bombardement auf serbische Operationen im Kosovo angewendet worden, obgleich sich die Zahl der Toten in den vorherigen 15 Monaten eventuell auf 2.000 auf allen Seiten belief und trotz der Tatsache, dass keine Beweise dafür vorhanden gewesen sind, dass die Ausrottung und die Vertreibung aller AlbanerInnen beabsichtigt gewesen ist. Der Kosovokonflikt war ein Bürgerkrieg mit bestimmten ethnischen Untertönen und brutaler, aber nicht ungewohnter Unterdrückung (weniger wild als die, die von der kroatischen Armee an den Krajinaserben im August 1995 ausgeübt wurde und durch die im Laufe von nur wenigen Tagen 2.500 ZivilistInnen abgeschlachtet worden sind). Selbst im Vorfeld des Bombardements ist es lächerlich das Wort Völkermord zu verwenden. Die serbische Antwort auf das Bombardement basierte, obwohl sie häufig brutal ausfiel, auf der korrekten Annahme, dass sich die UCK mit der NATO verbündet hatte und dass die NATO ihr Unterstützung aus der Luft zukommen ließ (Tom Walker und Aidan Laverty, „Der CIA unterstützt die kosovarische Guerillaarmee“ (engl. Originaltitel: „CIA Aided Kosovo Guerilla Army“), Sunday Times [London], 13. März 2000). Ihre Gewalttaten und Vertreibungsaktionen konzentrierten sich auf UCK-Hochburgen und jene, die vertrieben wurden, sind nicht in Vernichtungslager gebracht worden, sondern in sichere Häfen außerhalb des Kosovo. Die intensive Nachkriegssuche nach Ermordeten und Massengräbern brachte weniger als 3.000 Leichen mit jeglichen Todesursachen zum Vorschein – die Anzahl an Toten, in deren Größenordnung das Krajina Massaker von 1995 anzusiedeln ist, das mit Hilfe der USA durchgeführt wurde.

Um das Ganze abzukürzen; der Gebrauch des Wortes „Völkermord“ in Bezug auf die serbischen Aktionen ist große Propagandarhetorik gewesen, die kreiert wurde, um die Fakten zu verschleiern und um die moralische Basis für eine aggressive Intervention (militärischer Eingriff durch das Ausland) zu liefern. Sie entfaltete sich parallel zu der Anklage des Kriegsverbrechertribunals gegen Milosevic, die inmitten des NATO-Bombardements erhoben wurde – eine Anklage, die ebenfalls kreiert worden war, um das zusehends an zivilen Zielen orientierte (und illegale) NATO-Bombardement auf Serbien zu rechtfertigen, indem der Präsident des Staates, der von der NATO attackiert worden ist, dämonisiert wurde.

Medien & linke NATO-Propaganda

Nachdem sie die Auflösung Jugoslawiens seit 1991 gefördert und friedliche Lösungen für das Problem des Minderheitenschutzes in auseinander brechenden Staaten verhindert hatten, hat die Politik insbesondere Deutschlands und der USA ethnische Gewalttaten sichergestellt. Ihr erwählter Schurke war Serbien, was zur Folge hatte, dass man sich von offizieller Seite und von Seiten der Medien intensiv auf serbische Verbrechen konzentrierte. Dies schloss nicht nur ausgewählte Empörung und ein falsches Verständnis von Grund und Ort der Verantwortung ein, sondern auch einen Dämonisierungsprozess, der mithilfe von einseitigen, unhistorischen Darstellungen der Ereignisse häufig mit Fehlinformationen ausgefüllt worden ist (genau wie bei einer Erfindung der britischen Nachrichtenstation ITN, die sich ein „Todes- oder Konzentrationslager“ bei dem Flüchtlingslager zu Trnopolje im Jahre 1992 ausdachte; siehe Thomas Deichmann, „Das Bild, das die Welt betrog“ (engl. Originaltitel: „The Picture That Fooled the World“), „Marxismus leben“ (engl. Originaltitel: „Living Marxism“), Februar 1997).

Dämonisierung und die fortdauernden Lieferungen von Nachrichten über Gräueltaten bereiteten den moralischen Boden, der empfänglich für die Anschuldigungen des Völkermords gewesen ist. Dies reichte tief bis in liberale und linke Gemeinschaften und Medien, was viele Liberale und Linke dazu veranlasste, leidenschaftlich die Forderung „etwas zu tun“ einschließlich eines NATO-Bombardements zu unterstützen. Dies ist von der New Republic erwartet worden, in der die Vorstellung von kollektiver Schuld a la Daniel Jonah Goldhagens „Hitlers willige Helfer“ (engl. Originaltitel: Hitler´s Willing Executioners“), die geeignet für die Rechtfertigung der Attacken auf die Zivilgesellschaft und für Kriegsverbrechen gewesen ist, ein schönes Zuhause gefunden hat (Stacy Sullivan „Milosevics willige Helfer“, New Republic, 10. Mai 1999). Allerdings beeindruckte sie auch die Nation, deren UN-Korrespondent Ian Williams darüber erfreut war, dass die UN im Interesse eines humanitären Bombardements umschifft wurden (2. April 1999), und in der Kai Bird (14. Juni 1999) und Christopher Hitchens ( 29. November 1999, zusammen mit anderen) das serbische Verhalten im Verlauf einer Quasi-Verteidigung der NATO-Politik für „völkermordartig“ befanden. Nur Hitchens schien nahe zu legen, dass Serbien versucht ein Volk zu vertreiben (was auf haarsträubenden Argumenten basierte; siehe Herman, „Hitchens zu Serbien und Osttimor“ (engl. Originaltitel: „Hitchens on Serbia and East Timor“), Z Magazine, April 1999).

Von der Mainstream-Presse wurde das Wort Völkermord sogar noch großzügiger und unkritischer behandelt. Es ist oft in Behauptungen von Offiziellen mit Zahlen wie Cohens 100.000 verwendet worden, allerdings fochten die ReporterInnen und KommentatorInnen weder die Zahlen an noch hinterfragten sie, ob die als völkermordartig ausgelegten Aktionen beabsichtigten, ein Volk auszurotten. Ebenfalls ist es selten vorgekommen, dass gleich Julie Churchill im Guardian jemand den Unterschied zwischen einem Zug nach Auschwitz und einem in Richtung der albanischen Grenze erwähnte.

Völkermord ist als ein Symbol für Abscheu und Abneigung benutzt worden, um die extremen Maßnahmen gegen den „Diktator“ und sein Volk zu rechtfertigen – die Medien fühlten sich genötigt, Milosevic einen Diktator zu nennen, obwohl dies die Verurteilung der „normalen Serben“ als Verantwortliche für ihre Aktionen behinderte. Letztendlich bewältigten sie aber beides (Anthony Lewis, „Die Frage des Bösen“ (engl. Originaltitel: „The Question of Evil“), New York Times (NYT), 22. Juni 1999). Einige KommentatorInnen sind von ihrer Leidenschaft einfach hinfort getragen worden. David Rieff, ein Favorit der New York Times, des Wall Street Journals und Christopher Hitchens’, behauptete, dass „Milosevic versucht ein gesamtes Volk auszuradieren“ („Kriege ohne Ende?“ (engl. Originaltitel: „Wars Without End?“), NYT, 23. September 1999). Aber die meisten KommentatorInnen gebrauchten das Wort ohne sich mit der genauen Bedeutung oder der Lieferung von Tatsachen zu beschäftigen. Sie erkannten zudem nie irgendeine militärische Begründung für die Vertreibungen und Morde nach dem Bombardement an: es waren teuflische Menschen, die aus teuflischen Gründen teuflische Dinge getan haben.

Mit einem Meisterwerk des Genres, das den Einsatz der NATO gegen den „Völkermord“ erstrebt, lieferten die NYT Sebastian Jungers „Eine andere Art des Tötens“ (NYT Magazine (engl. Originaltitel: „A Different Kind of Killing“), 27. Februar 2000), in dem er erklärt, dass auch, wenn die Zahl der Leichen, die im Kosovo gefunden werden, sich nicht im völkermordartigen Bereich befinde und sich einige Geschichten als unwahr herausstellen sollten, „ein einzelner Mord“ trotzdem „als ein Akt des Völkermords betrachtet werden darf, falls aufgezeigt werden kann, dass die Absicht bestand, alle weiteren Personen derselben Gruppe zu ermorden“. Junger erzählt dann im Anschluss von seinem Besuch eines Schauplatzes, an dem sich eine unbeanspruchte Leiche einer Jugendlichen befand, die angeblich von serbischen „illegalen Truppen“ vor ihrem Tod entführt, vergewaltigt und getötet worden ist. Junger sagte anschließend, dass „erst seit dem Beginn dieses Jahrhunderts mechanisierte Truppen solche Verbrechen im Auftrag ihrer Regierung durchführen. Das ist Völkermord. Der Rest ist nur bloße Gewalt.“ Junger macht sich nicht im geringsten die Mühe zu zeigen, dass „illegale Truppen“ dies als Teil eines Regierungsplans und gar „im Auftrag der Regierung“ als aus eigenem Antrieb ausgeführt haben oder dass die UCK oder die US-Armee nicht ähnliche Verbrechen begangen haben. Kurz gesagt ist der Artikel wertloser Blödsinn – aber er heftet dem offiziellen Feind das Wort Völkermord an und genau deswegen erlaubten die NYT, dass diese Farce in ihrem Sonntagsmagazin erschien.

Einige vergleichbare Daten

Wir können die spektakuläre Politisierung des Wortes „Völkermord“ auch ermessen, indem wir den großzügigen Gebrauch bei der Beschreibung des serbischen Verhaltens im Kosovo mit der minimalen Anwendungen in Bezug auf die Behandlung der Kurden durch die Türkei in den 90er Jahren und bezüglich des Benehmens Indonesiens gegenüber den EinwohnerInnen Osttimors im Jahre 1999 wie auch in früheren Jahren vergleichen. Die Aussagekraft dieses Vergleichs wird durch die Fakten noch verstärkt, dass die Türkei weitaus mehr Kurden während der 90er Jahre getötet hat, als die Serben AlbanerInnen im Kosovo ermordeten, und das schließt nicht nur die Toten vor dem Bombardement (die Zahl, die die „humanitäre“ Intervention vermutlich ausgelöst hat), sondern auch die Anzahl der Todesfälle während des 78 Tage dauernden Bombardements und Kriegs mit ein (siehe Chomskys „Neuer militärischer Humanismus“ (engl. Originaltitel: „New Military Humanism“). Indonesiens Invasion, der eine Besatzung folgte, verursachte den Tod von fast einem Drittel der Bevölkerung Osttimors (1975-1980). Außerdem ist Indonesien auch noch fürs Niedermetzeln und Vertreiben einer bisher ungenannten Zahl OsttimorerInnen, die mit der von den UN finanzierten Wahl in Beziehung gebracht wurden, in den Jahren 1998 und 1999 verantwortlich. Die Zahl der getöteten OsttimorerInnen in dieser letzten Runde indonesischem Terrors übersteigt die Gesamtzahl der albanischen Opfer im Kosovo vor dem Bombardement erheblich – Schätzungen belaufen sich auf 3.000-6.000 Tote sogar vor dem Referendum am 30. August 1999, das uneingeschränkte Zerstörung und ungehemmtes Morden durch Indonesien auslöste. Und auch die Endsumme an Toten von 1999 ist sicherlich weit höher als die der von den Serben ermordeten Kosovoalbanerinnen in den Jahren 1998 und 1999.

Aber da die Türkei und Indonesien Klienten der Vereinigten Staaten und zudem noch Empfänger von Hilfen, militärischen Lieferungen und diplomatischer Unterstützung seitens der USA, Großbritannien und anderer westlichen Mächte sind, betiteln westliche Offizielle ihre Menschenrechtsverletzungen niemals als Völkermord. In der Tat hat die Türkei als Mitglied der NATO am Krieg gegen Jugoslawien als drolliges Markenzeichen der NATO-Kampagne gegen den serbischen Völkermord im Kosovo mit direkten Bombardements und, indem sie Flugbasen für andere NATO-Mächte zur Verfügung stellte, teilgenommen, eventuell sogar auch dadurch, dass sie ihre eigenen Truppen von den ethnischen Säuberungsaktionen gegen die Kurden abzogen und dem „humanitären“ Dienst für die NATO zuwiesen.

Angesichts dieser warmen Beziehungen zwischen den NATO-Mächten sowie der Türkei und Indonesien würden wir erwarten, dass die NATO-Medien in die Fußabdrücke ihrer FührerInnen treten und die Türkei und Indonesien freundlich behandeln, indem sie sich nicht um kritische Untersuchungen bemühen und von der intensiven Suche nach „Massengräbern“, wie sie im Kosovo betrieben wurde, Abstand nehmen und zudem auf den Gebrauch boshafter Worte wie „Völkermord“ in Bezug auf Klientenstaaten verzichten, ganz abgesehen davon, wie verwendbar oder widersprüchlich dies zu ihrem Gebrauch in Verbindung mit Serbien gewesen wäre. Diese Erwartungen werden vollends erfüllt.

Wir beschränken uns hier auf die Verwendung des Wortes in den New York Times, obwohl wir der Überzeugung sind, dass die Ergebnisse auf die gesamten Mainstream-Medien übertragbar sind. Die Voreingenommenheit ist in den Times erstaunlich und gibt uns einige unerwartete Hinweise. Die beigefügte Tabelle zeigt, dass das Wort Völkermord im Jahre 1999 in 85 unterschiedlichen Artikeln den SerbInnen zugeschrieben wurde einschließlich 15 Artikeln, die auf der Titelseite erschienen sind, 16 Editorials und Kolumnen. In einigen dieser Artikel ist das Wort wiederholt gebraucht worden. (Bei einem bemerkenswerten Beispiel, während des laufenden Jahres und damit außerhalb des Zeitraums, in dem wir eigentlich Stichproben gemacht haben, wiederholte Michael Ignatieff das Wort „Völkermord“ elf mal in einer einzigen Kolumne [13. Februar 2000].)

Im Gegenteil dazu ist das Wort im Zusammenhang mit Osttimor in den Times nur neunmal für das Jahr 1999, davon einmal in einem Editorial oder einer Meinungsäußerung, und ganze 15mal für das gesamten Jahrzehnt der 90er Jahre angezeigt worden. Das Wort ist während der 90er nie in einem Artikel erschienen, der auf der Titelseite herausgebracht wurde. Des weiteren hat kein(e) Times-ReporterIn oder Editorial-VerfasserIn während des gesamten Zeitraums von 1975 bis 1999 das Wort „Völkermord“ in Bezug auf Osttimor angewendet. (Das heißt, dass es in allen Beispielen, in den es auftrat, nicht die Meinung der Times-JournalistInnen wiedergab, sondern immer einer anderen Quelle zugeordnet war.) Anthony Lewis, der wiederholt von völkermordähnlichen serbischen Aktionen schrieb und einen Eingriff des Westens forderte, sprach von „Menschenrechtsverletzungen“ (12. Juli 1993), aber nie von einem Völkermord und drängte auch auf keine militärische Intervention. Barbara Crosette gab Suharto wiederholt dafür Komplimente, dass er „Stabilität“ in die Region bringe. In einer bemerkenswerten Erwähnung des Wortes „Völkermord“ verweigerte der routinierte Times-Reporter Henry Kamm ausdrücklich seine Anwendung in Verbindung mit Osttimor, indem er den Gebrauch als „übertrieben“ beschrieb und indem er die Massen an Toten „der grausamen Kriegführung und dem damit verknüpften Hunger auf dieser an Nahrungsknappheit leidenden Insel“ zuschrieb (15. Februar 1981).

Genauso interessant ist, dass die Tabellen aufzeigen, dass das Wort „Völkermord“ nicht ein Mal in Bezug auf die Türkei und ihre Behandlung der Kurden 1999 verwendet wurde. Und es ist auch nur fünfmal in dieser Beziehung in den 90er Jahren benutzt worden, aber niemals auf der Titelseite. Trotzdem bringt die Tabelle in einer wundervollen Veranschaulichung, wie die Times der Regierungslinie in der US-Außenpolitik folgt, zum Vorschein, dass Iraks Verbrechen gegenüber seinen Kurden in der Zeit von 1990 bis 1999 22mal als völkermordartig beschrieben wurden und dies in fünf Fällen auf der Titelseite erschienen ist.

Abgekürzt bedeutet das, dass nur „würdige Opfer“ – das heißt, nur die Opfer offiziell erklärter Feinde wie Jugoslawien oder Irak – an Völkermord leiden; jene, die unwürdig sind wie OsttimorerInnen oder die türkischen KurdInnen unterliegen bloß „grausamer Kriegsführung“ und widrigen natürlichen Bedingungen, wie es Henry Kamm im Zusammenhang mit Osttimor erklärte. Folglich werden die westlichen Medien und die „internationale Gemeinschaft“ im Namen der zuerst Genannten mobilisiert und die zuletzt Genannten dazu gezwungen, ungehört zu leiden. Aber wie wir betont haben, gab es im Kosovo keinen Völkermord, sodass der NATO-Krieg auf einer Lüge basierte. Und diese Lüge, wie auch die Anklage Milosevics vor dem Kriegsverbrechertribunal, diente hauptsächlich dazu, ein moralisches Deckblatt zu liefern, damit die NATO die einheimische Bevölkerung Serbiens in die Unterwerfung bomben konnte. Jene Bevölkerung ist jetzt genau wie die des Iraks weiteren „Massenvernichtungssanktionen“ ausgesetzt, deren Wirkung einem Völkermord wesentlich näher kommen als die serbischen Aktionen, die vermutlich den Krieg der NATO nur beschleunigten.

Übersetzt von: Christian Stache
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