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Die Menschen haben ein Albtraum erlitten

von Alan Maas und Kathy Kelly

05.12.2002 — Socialist Worker / ZNet

— abgelegt unter:
Die gesamten Medien haben Stunden ihrer Sendezeit damit verbracht, erzürnt über die letzten Einzelheiten des sich abzeichnenden Angriffs der USA auf den Irak zu spekulieren. Jede Einzelheit, außer die eine - die schrecklichen Menschenopfer in der letzten Phase des Krieges der Amerikaner gegen das irakische Volk.

Über eine Million Iraker starben 1991 während des Golfkriegs gegen den Irak und in dem Jahrzehnt der Wirtschaftssanktionen, die folgten. Ein Land das einst zu den am weitest entwickelten im Nahen Osten gehörte, ist zu einem der ärmsten Orte dieser Welt degradiert worden. Aber nach Bushs Meinung ist der Irak eine "Bedrohung" und kein Terror gegen normale Iraker ist zu schrecklich, um toleriert zu werden, wenn es um die Ausrottung der "Bedrohung" geht.

Kathy Kelly ist Gründungsmitglied von "Voices in the Wilderness", einer Anti- Sanktionsgruppe, die zahlreiche Delegationen in den Irak geschickt hat, um die katastrophalen Auswirkungen, des von Washington geführten Krieges, zu bezeugen. Kelly ist momentan als Mitglied des von der Gruppe initiierten "Iraq Peace Team" in Bagdad. Sie sprach mit Alan Maass von "Socialist Worker" darüber, was ein Jahrzehnt des Krieges für den Irak bedeutet.

Alan Maass:

Wie ist die momentane Situation?

Kathy Kelly:

In einem gewissen Sinne, könnte man sagen, ist der Golfkrieg nie beendet worden, in Anbetracht der Tatsache, dass er zu einem Wirtschaftskrieg geworden ist, der seit Verhängung der Sanktionen, nach UN-Statistiken, das Leben einer halben Million Kinder gekostet hat.

Die Infrastruktur hat sich von 1991 bis 1996 ernsthaft verschlechtert. Im Dezember 1996 trat das sogenannte "Memorandum of Understanding" in Kraft und die Situation hat sich allmählich stabilisiert. Aber sie immer noch weit entfernt von einer Infrastruktur, die benötigt würde, um die Bedürfnisse von 23 Millionen Menschen in diesem Lande zu erfüllen.

Und im gesamten Zeitraum von 1998 bis heute hat es regelmäßig Bombardierungen der Flugverbotszonen durch die USA gegeben, eine einseitige Entscheidung, den Irak zu bombardieren, die nie von der UNO genehmigt wurde. Deshalb haben wir es mit einer Kombination von Wirtschaftssanktionen und militärischen Bombardierungen zu tun, die die Zivilbevölkerung tödlich und brutal bestrafen. Und nur wenige Menschen in den Mainstream-Medien fragen wirklich, ob es richtig ist oder nicht, eine Zivilbevölkerung, die nicht darüber entscheiden kann, was die eigene Regierung macht, zu bestrafen.

Alan Maass:

Ich las kürzlich, dass sie auf CNN eine Simulation gesehen hätten, die darstellte, wie die USA Bagdad angreifen würde, und sie erkannten die Straße, in der sie sich aufhielten.

Kathy Kelly:

Ich war wirklich erschrocken, als ich das sah. Es war eine 3-D-Simulation der Nachbarschaft in Bagdad und ganz plötzlich sauste sie vorbei und ich sagte: "Warte einen Moment, dort ist das Hotel, in dem wir wohnen."

Es war eine sehr, sehr genaue Wiedergabe der Nachbarschaft. Und mir fiel sofort ein wichtiger Unterschied auf: dass nämlich die Streitkräfte in den USA mit einem unglaublichen Maß an Gewissheit vorgehen können, etwas was den Kriegführenden in der Vergangenheit hinsichtlich der Festlegung der Ziele nicht möglich war.

Aber hier leben Menschen mit einer quälenden Ungewissheit. Sie wissen nicht, ob es zum Krieg kommt. Und wenn es zum Krieg kommt, wissen sie nicht, wie sie sich vielleicht selbst schützen können. Sie wissen nicht, welche katastrophalen Folgen auf sie zukommen.

Die Älteren erinnern sich genau daran, was nach dem Golfkrieg passierte, als sie ohne Brennstoffe und Benzin, sich selbst ihrem Schicksal überlassen mit ihren Lieben in Notsituationen auf den Straßen wiederfanden, wo dann viele buchstäblich ins Krankenhaus getragen werden mussten.

Wenn das Wasser abgedreht wird, die Rohrleitungen nicht mehr funktionieren und du deine eigenen stinken Abfälle nicht mehr entsorgen kannst. Wenn es keinen Strom gibt, kannst du keine Lebensmittel konservieren, deshalb verdarben Lebensmittel. Wenn die Brücken verschwunden sind, kannst du nicht von einem Ort in den nächsten gelangen, selbst wenn du Benzin bekommst und in ein Auto steigen kannst.

Die Menschen erlitten einen schrecklichen, schrecklichen Albtraum durch Tonnen von Explosivstoffen, die während des Golfkrieges auf ihren Häuser zerbarsten. Sie erinnern sich daran und einige Frauen sagen, dass immer, wenn sie heute ein Flugzeug über sich hören, sie eine Art posttraumatische Stressreaktion haben, bei der sie, wie sie es nennen, einen psychologischen Kollaps erleiden. Aber das Leben muss weitergehen. Sie haben Kinder, für die sie sorgen müssen, einen Haushalt, den sie aufrechterhalten müssen und die Leute haben Arbeitsplätze, an die sie fahren müssen.

Wenn ich darüber nachdenke, bin ich wirklich erstaunt über die Würde und die Kraft der Menschen mitten in all dieser Ungewissheit. Ein Mechanismus, damit fertig zu werden, war es für einige, dass sie aufgehört haben, sich mit den neuesten Nachrichten über die Entwicklung dieser Geschichte auf dem Laufenden zu halten, denn, so sagen sie uns, diese ist zu beunruhigend und zu nervenaufreibend.

Heute gingen die Flugangriffssirenen in Bagdad zwei Mal, was ich vorher noch nicht gehört habe. In Basra, im Süden des Iraks, gewöhnt man sich daran. Aber hier ist es ungewohnt. Ich war in einem Regierungsbüro und musste einen erheblichen Papierkrieg führen, um die Visa für unsere Gruppe verlängern zu lassen.

Es ist nicht wahr, dass wir mit Visa überhäuft werden. Diese Vorstellung haben die Mainstrem-Medien, aber es ist nicht der Fall. Ich bin hier in einem Land, in dem Flugzeuge am Himmel fliegen, die für den Fall üben, dass es zu einer Entscheidung kommt, das Land zu bombardieren. Und ich beantrage ein Visum.

Die Situation ist vergleichbar mit der von Arabern, die in die USA möchten und versuchen, ein Visum zu erhalten, die Unannehmlichkeiten hier sind wie bei einer Teegesellschaft. Ich denke an die Menschen, die sich seit Jahren vor der US- Botschaft in Jordanien anstellen, um ihre Lieben wiederzusehen und in die USA zu reisen. Oder eigentlich denke ich an die Grenzen der USA, an denen Menschen erschossen werden, weil sie versuchen, von Mexiko herüber zu kommen.

Etwas anderes, an das ich ständig denke ist die Tatsache, dass die Menschen hier wissen, dass wir Amerikaner sind. Aber bisher haben wir noch nicht gehört, dass uns gegenüber Feindseligkeiten geäußert wurden. Es ist nicht so, dass sie dazu keine Gelegenheit hätten. Aber sobald wir ein Schreiben vorlegen, dass aussagt, wer wir sind und was wir hier machen, werden wir willkommen geheißen und sogar ohne dieses Schreiben grüßen uns die Menschen freundlich.

Alan Maass:

Die Bush-Regierung behauptet, die Iraker würden feiern, wenn ein neuer Krieg stattfände. Was meinen Sie dazu?

Kathy Kelly:

Ich muss zugeben, dass ich die Sprache nicht angemessen spreche, um eine allgemeingültige Feststellung machen zu können, doch vermute ich, dass derjenige, der behauptet, die Menschen würden in den Straßen tanzen, eine Vermutung unter das Volk gebracht hat.

Dieses ist meine 17. Reise hier her. Und seit 1996 habe ich einfach vergessen, wie oft ich mit Vätern und Mütter an den Betten von Kindern gesessen habe, die nicht überlebt haben und in ihren Armen starben.

Ich glaube nicht, dass diese Erinnerungen sich einfach in Luft auflösen. Ich glaube, dass die Eltern und Ärzte, die sahen, wie diese kleinen Lebewesen durch Wirtschaftssanktionen starben, vielleicht empfänden, dass sie ihre eigenen Kinder betrügen würden, wenn sie auf den Straßen tanzten und diejenigen als Befreier begrüßten, die sie absichtlich so bestraften.

Wovon werden sie befreit? Sie werden niemals von den Erinnerungen an ihre Liebsten, die sie verloren haben, befreit.

Wenn ich mir Schulen ansehe, die so schlimm heruntergekommen sind und Eltern, die leiden, weil sie ihren Kindern nicht die Bildung geben können, die sie selbst erhielten, dann weiß ich nicht, ob sie fühlen, dass Menschen, die aus den USA mit Waffen, Zwang und Drohungen kommen, ihre Befreier sind.

Ich sehe klar und deutlich, dass die Menschen sich nach einer Veränderung ihrer Lage sehnen. Ich denke an Menschen in Nicaragua, die nach langen Jahren des Krieges gegen die Kontras und der Tatsache, dass ihre Söhne an die Front geschickt wurden, eine Änderung ihrer Lage wollten. Ich denke an die Menschen in Haiti, die unter einer Belagerung lebten und die sicherlich eine Änderung der Lage wollten.

Aber ich denke, es ist seitens der Bush-Regierung anmaßend, mit Leuten zu rechnen, die auf den Straßen tanzen. Davon mag es sicherlich einige geben. Es ist aber für mich schwierig, sich vorzustellen, dass die gesamte Bevölkerung so empfindet.

Und wenn vielleicht, was die USA ja beabsichtigen, irakische Öleinnahmen für ihre eigene Besatzung durch ausländische Truppen verwendet würden, dann kann ich mir auch mit viel Fantasie nicht vorstellen, wie Menschen sich darüber freuen können.

Ich glaube, die Menschen hier sind sehr erfahren. Sie sind sich bewusst, dass dem Irak riesige Schulden aufgebürdet werden könnten, so dass, sogar wenn die Ölfelder flössen, die wirtschaftliche Bestrafung nicht automatisch aufgehoben würde.

Denn die USA müssen einzig und allein darauf bestehen, dass der Irak seine Schulden zurückbezahlt oder sich weigern, es einer neutralen Gruppe zu erlauben, Entscheidungen zu treffen, welche Schulden bestehen bleiben und welche erlassen werden sollten. Und der Irak wäre selbst niemals in der Lage, wieder starke und dynamische wirtschaftliche und soziale Verhältnisse zu etablieren.

Deshalb gibt es für die Menschen viel zum Nachdenken. Sie können sich vorstellen, dass die Menschen sich seit langer Zeit durch die momentane Situation gefangen fühlen und wollen, dass sie sich ändert; sie wollen etwas Besseres für ihre Kinder, und sie wollen auf den guten Willen der Leute hoffen, die ihre Bedürfnisse ignoriert und an dieser Bestrafung teilgenommen haben.

Aber ich glaube, dies verlangt von den Menschen in der US-Regierung, die den Status quo der Bombardierungen und der ökonomischen Kriegsführung über diese vielen Jahre beibehalten haben, einen gewaltigen Sinneswandel.

Ich bin sehr beeindruckt von Priestern, die sich trafen, als ich in der vergangenen Woche für einen Tag in Basra war. Ich glaube ihr Gebet war ein ehrliches Gebet, sie beteten für die Menschen, die den Krieg führen wollen und sie beteten für deren Sinneswandel.

Alan Maass:

Aktivisten werden zur Zielscheibe der US-Justiz

Delegationen von "Voices in the Wilderness" haben dringend benötigte medizinische Güter in den Irak geliefert. Aber die US-Regierung sagt, dies sei gegen das Gesetz. Wer den Irak mit medizinischen Gütern versorgt, bricht das UN- Embargo für sogenannte "dual-use"-Artikel, die vermutlich für militärische Zwecke genutzt werden könnten.

Zu den verbotenen Artikeln gehören kardiologische Geräte (die darin enthaltenen Computer könnten umgebaut werden, um damit Waffensysteme laufen zu lassen) und Impfstoffe, um bei Kindern Hepatitis, Tetanus und Diphtherie zu behandeln (sie könnten benutzt werden, um biologische Waffen herzustellen).

Kelly sagt, dass die US-Justiz kürzlich eine 10.000-Dollar-Strafe gegen "Voices" und eine weitere 10.00-Dollar-Strafe gegen sie persönlich verhängt habe. "Wir werden der US-Justiz ganz gewiss keine Strafen zahlen," sagt sie. "Das Geld, über das wir verfügen, wird vielmehr gebraucht, um zu versuchen, das Elend hier zu verringern.

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Voices in the Wilderness ist unter den folgenden URLs zu erreichen:www.vitw.org
und www.iraqpeaceteam.org

Übersetzt von: Tony Kofoet
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