Die Nachbarn auf der anderen Straßenseite
von Gideon Levy
10.02.2005 — Ha'aretz / ZNet Deutschland
Auf der einen Seite private Villen – auf der anderen Blechhütten. Sichere Straßen auf der einen Seite – auf der anderen Absperrung. Auf der einen Seite internationale Beachtung – auf der anderen völlige Nichtbeachtung: von den 8500 Palästinensern hat noch niemand gehört.
Es gibt Ober-Gush-Kativ, dessen Einwohner sich frei in ihrem Gebiet bewegen können, umgeben von unglaublicher Sicherheit und die im Mittelpunkt weltweiter Aufmerksamkeit stehen. Einige der Bewohner leben in freundlichen Häusern mit viel Platz; sie gehen zu Veranstaltungen ins Gemeindezentrum, werden zu den Schulen und anderen Freizeitaktivitäten gefahren: alle erfreuen sich vollkommener Bewegungsfreiheit und den meisten gehr es sehr gut. Sie leben noch nicht lange in diesem Gebiet. Nun sind sie die Opfer, die großzügig kompensiert werden, die mit Mitleid und Sensibilität behandelt werden.
Und dann gibt es „Unter-Gush-Kativ“ dessen Einwohner ein Spiegelbild der anderen sind. Alles, was die Bewohner von Ober-Gush-Kativ haben, haben die von Unter-Gush-Kativ nicht, obwohl sie ein viel älteres Anrecht auf dieses schöne und fruchtbare Stück Land an der Küste Gazas zwischen Dir-al-Balah, Khan Yunis und Rafah haben. Sie sind eingesperrt wie niemand anderes in den besetzten Gebieten, sie sind völlig verarmt; einige arbeiten für die Nachbarn unter Bedingungen schamloser Ausbeutung - und keiner nimmt an ihrem Schicksal Anteil. Und wenn es darum geht , Opfer zu sein – so sind sie schon länger in diesem „Geschäft“. Einige von ihnen sind seit Israels Unabhängigkeitskrieg von 1948 Flüchtlinge, alle leben seit dem 6-Tage-Krieg unter Besatzung. Nur die Zahl ist ähnlich: 8500 Menschen leben hier – das ist mehr als die der Siedler rund herum um sie.
Man kann sie kaum sehen. Eine Fahrt entlang der Kissufin-Straße, die zu den Gush-Kativ-Siedlungen führt, ist eine Reise in ein Land der Unterdrückung und Nichtbeachtung. Es gibt keine andere Region, in der das Gefühl so israelisch ist: ein Land ohne Araber in der Region mit der höchsten arabischen Bevölkerungsdichte der Welt. Die Betonmauern, die Zäune, die Überführungen und die „offenen“(= leeren) Gebiete, in denen die arabischen Häuser und Felder aus Sicherheitsgründen zerstört wurden, halten die Araber soweit außer Sichtweite, dass jeder Reisende den Eindruck hat, er reise auf Straßen in Sharon, zwischen Ramat Hasharon und Herzlia. Khan Yunis hinter der Mauer? Dir-Al-Balah hinter der Mauer? Rafah hinter dem Zaun? Der Abu Khulil Checkpoint neben der Überführung? Wer sieht sie? Selbst der endlose Verkehrsstau in Abu Khuli ist vor ihren Augen verborgen. Im Gegensatz zur Westbank gibt es hier keine Checkpoints, keine unangenehmen Anblicke von aufgehaltenen Leuten, keine arabischen Dörfer an der Straße entlang. Nichts. Es ist eine grade, nicht unterbrochene Straße von Tel Aviv bis zur Siedlung Morag im südlichen Gazastreifen . Man sieht kaum einen einzelnen Araber, kaum einen Checkpoint; es ist eine Straße, die vollkommen offen und frei für Juden ist. Ein Volk in einem Land.
Nur ein hässlicher Fleck verdirbt die Sache. Was sind das für baufällige Hütten, die da plötzlich neben der Straße erscheinen? Wie kommt es, dass diese jämmerlichen Blechhütten nicht längst verschwunden sind? Welcher Fehler wurde hier gemacht, der Tausende von Flüchtlinge am Ort ließ? Wie ist es mit der Sicherheit?
Dies ist die Muasi-Region mit Tausenden von Bauern und Fischern, ein Drittel von ihnen sind palästinensische Flüchtlinge von 1948, ein Drittel von ihnen Beduinen ( einige Flüchtlinge aus dem Negev) und ein Drittel von Alteingesessenen, die von allen Seiten umgeben und abgesperrt, abgewürgt werden. Da gibt es die Gush Kativ Siedlung im Norden, Süden und Osten. Im Westen ist das Meer, zu dem man wegen eines Zaunes auch nicht gelangen kann und wegen ein paar halluzinatorischen Siedlerhäusern am Strand. Und da gibt es den einen Kontrollpunkt, durch den man muss, wenn man in die beiden Städte der Region will :Khan Yunis und Rafah. Wenn man diesen Checkpoint passiert, glaubt man, eine internationale Grenzstelle zweier Länder zu passieren, die miteinander im Krieg sind. Man versuche mal einen Sack Zwiebeln vom Feld in Muasi auf den Markt von Khan Yunis – nur gerade um die Ecke - zu bringen. Nicht zu reden von einer Mutter, die kurz vor der Geburt ihres Kindes steht oder eine kranke Person. Im Dunkeln sitzt ein Fischer und repariert sein Netz. Er darf nicht an den Strand gegenüber seines Hauses, nur ein paar 100 m entfernt. Da ist ein Zaun und Siedler. An anderer Stelle darf er an den Strand, aber nicht mit dem Boot. Die aufgeklärte Besatzung erlaubt ihm, zum Meer nur durch eine Röhre (??) zu gelangen und nur von dieser Röhre aus zu fischen, nicht vom Strand. Man kann nicht genau sagen, ob es in Muasi Anzeichen der Aufregung über die voraussichtliche Evakuierung der ungeladenen Gäste gibt, die sich vor sie hingesetzt und die sich vor ihr Leben aufgebaut haben. Vielleicht glauben sie es noch nicht. Vielleicht wollen sie sich auch keine zu großen Hoffnungen machen. Aber vor allem haben sie Angst, das zu sagen, was sie denken, solange die Siedler rund um sie sind. Es sind etwa 120 Bauern, die für die Siedler für ganze 5 Schekel die Stunde arbeiten. Da gibt es auch wirtschaftliche Verbindungen mit den Siedlern, die kompliziert und nicht ganz durchsichtig sind z.B. der Verkauf von Gurken und Zwiebeln, die die Siedler für Pfennige kaufen und in Tel Aviv illegal zu Stadtpreisen verkaufen . Eigentlich ist ihnen das Geschäft mit den Siedlern verboten, die den Preis festsetzen. Im Augenblick sind es 11 Scheckel für einen Sack Gurken. Die Bewohner haben entlang der Sandwege ein wenig Bewegungsfreiheit, und es gibt noch einige nicht zerstörte Häuser. Die IDF haben hier kaum einzelne Häuser zerstört, um eine freie Fläche wegen der Sicherheit zu haben – hier könnte noch eine Menge verloren gehen. Vielleicht ist es deshalb, dass diese Gegend ruhig geblieben ist, und dass diejenigen, die hier leben, mit den Brosamen zufrieden sind, die ihnen die Siedler und die Besatzung zuwerfen.
Der Fischer sitzt, von Freunden umgeben, innerhalb des Divan, dem Versammlungsplatz von Muasi-Khan Yunis. Ein Blechdach wird von Plastikwänden und einer Ziegelwand gehalten. Keiner will hier mit Namen identifiziert werden. Die Angst diktiert hier alles. Sie haben auch Angst, mit uns hier auf den Sandwegen entlang zu gehen. Sie haben Angst, dass die Soldaten sie mit uns sehen. Sie haben auch Angst, mit in unserem Wagen zu fahren, weil sie fürchten, Probleme zu bekommen. „Die Soldaten hier kennen jeden in Muasi, und wenn die auf einmal jemanden mit Brille sehen, werden sie Probleme haben“. Wo sind die Soldaten? Dort auf dem Turm und hier auf dem Turm, überall. Sie sehen alles.
Der Fischer ist seit vier Jahren nicht mehr auf dem offenen Meer zum Fischen gewesen – aber er repariert sein Netz. 65 Tage lang war der Checkpoint geschlossen. Sie konnten ihre Hütten nicht verlassen. Auf jeden Fall war es ihnen vier Tage lang nicht erlaubt, mit dem Wagen wegzufahren. Nur zu Fuß, Kaufleute, schwangere Frauen – nur zu Fuß . Alles, was man hier benützen kann, ist ein Spielzeugauto oder ein Scooter ohne Motor. An einem guten Tag war es ihnen erlaubt, nur zwischen Muasi-Khan Yunis und Muasi-Rafah zu fahren, ein bis zwei Kilometer in jeder Richtung. Den Tufah-Checkpoint zu überqueren, ist nur zu Fuß möglich. Am Kontrollpunkt muss man stundenlang warten, sagen sie. Die Soldaten lassen Fünfergruppen durch und gewöhnlich nicht mehr als 20 –25 am Tag. 25 glückliche Leute von 8500 Menschen. Junge Leute, jünger als 35, dürfen überhaupt nicht passieren. Das ist Israels großmütige Geste gegenüber dem palästinensischen Präsidenten Mahmoud Abbas (Abu Mazen) . Bis er zur Macht kam, war das Mindestalter 50 und drüber. Jetzt im Namen der Aufklärung,(Erleuchtung/ Vernunft?) , der Koexistenz und der Entspannung hat man das Alter nach unten verschoben. Der Checkpoint ist nicht immer offen. Einmal ist das Röntgengerät kaputt, ein andermal ist kein Hund da. Ohne den Hund kann man den Checkpoint nicht überqueren. „Alles um der Sicherheit willen,“ erklären sie im Divan. Jetzt kommt der hoch verehrte Scheich in den Divan. Er war heute morgen um halb sechs zum Checkpoint gegangen, um sich einen Platz zu reservieren. Und jetzt um halb drei kam er nach Hause. Er erzählt lachend. Es war kalt und regnerisch. Es gibt keinen Unterstand, keine Toilette. Aber alles ging gut. Es gibt keine Oberschule in Muasi und jeder, der studieren will, geht nach Khan Yunis und mietet sich dort eine Wohnung, weil es nicht möglich ist, täglich den Checkpoint zu überqueren. An einem Tag ist er offen, am anderen Tag nicht - und auf jeden Fall schließt er um 4 Uhr am Nachmittag.
Muasi ist ein Vorort von Khan Yunis, er ist näher als Ramat Aviv an Tel Aviv, aber, um dorthin zu gehen, braucht man einen Passierschein. Man findet keine Bitternis hier – außer bei dem jungen Mann, der uns erzählt, was am letzten Donnerstag geschehen ist. Um 5 Uhr morgens kamen Soldaten und befahlen, alle Mitglieder der Hanoun Familie sollen sich nach draußen begeben. Mehr als 80 Leute waren gezwungen, ihr Heim zu verlassen und in der Kälte zu stehen. Die 19 Männer mussten sich ausziehen und in den Unterhosen in eisiger Kälte stehen. Sie wurden zwei mal ausgezogen, zweimal angezogen, verhört und nach 13 Stunden entlassen. Einer wurde verhaftet. Aber gewöhnlich ist es hier ruhig. Das Feuer, auf dem Kaffee gekocht wird und das den Raum etwas wärmt, füllt ihn aber auch mit Rauch. Der Wind schlägt gegen die Plastikwand. Die alten Leute verdienen 70 Schekel am Tag in der Siedlung, aber es sind nur wenige. Sie haben eine Genehmigung: „Arbeitsgenehmigung für Gazasiedlungen und in der Erez-Industrie-Zone. Aus- und Eingang über die Ganei-Tal-Kreuzung. Schichtarbeit ist nicht erlaubt. Ein Fahrzeug zu fahren, ist nicht erlaubt.“ Eine kostbare Arbeitsgenehmigung für drei Monate – für eine Arbeit, für die man 5 Schekel pro Stunde erhält.
Nein, wir haben keine Probleme mit den Siedlern, sagen sie. Es gab mal Probleme, aber jetzt schon lange nicht mehr. Hier wird also Koexistenz praktiziert, so wie es sein sollte: die Siedler oben und die Palästinenser ganz unten. Oder wie es einer sehr vorsichtig ausdrückt: „Die Siedler innerhalb des Zaunes – und wir innerhalb unseres Gefängnisses.“
Gibt es eine Chance? Natürlich gibt es eine Chance. Bush wünscht es in dieser Weise. Am Ende wird der Frieden siegen.“ „Werdet Ihr nach Ganei Tal, einer Siedlung, ziehen? „Das Land wird von einer Regierung zur anderen übergehen. Zunächst waren es die Türken, dann die Briten, danach die Ägypter und schließlich die Israelis. Es wird von einer Regierung zur anderen gehen. Wenn wir nicht nach Ashkalon zurückkehren können, dann wird unsere Situation so bleiben wie sie ist.“ „Trennung?“ „Unter keinen Umständen werden wir von den Israelis getrennt werden. Die Palästinenser und die Israelis sind wie Haut und Fleisch. Das kann nicht getrennt werden. Es ist wie eine Krankheit – dafür gibt es auch Heilmittel. Entweder sind wir die Krankheit und ihr seid das Heilmittel oder Ihr seid die Krankheit und wir sind das Heilmittel. Aber Trennung ist unmöglich. Ich habe unter den Siedlern keine Freunde, aber ich habe in Israel eine Menge Freunde. Ich war ein Unternehmer für Mosaikarbeit, und dieser war ein Unternehmer für die Grundlage/ für den Unterbau. Wir haben alle Freunde. Wir warten alle auf den Augenblick, dass Frieden kommt und wir unsern Lebensunterhalt wieder in Israel verdienen können. Ich denke, wir müssen Israel dann einen neuen Namen geben. „Ein Land für Jedermann“, einschließlich Muasi. Ich hörte, am Dienstag sei ein großes Gipfeltreffen. Gott möge helfen, dass es auch ein guter Gipfel wird.“ Die Antwort auf die Frage, ob sie das Weggehen der Siedler feiern werden, wird äußerst vorsichtig formuliert: „Wir werden wegen Frieden feiern, nicht weil die Siedler weggehen..“
Wir kehrten zu ihrer täglichen Routine zurück. Eine schwangere Frau fuhr wegen der bevorstehenden Geburt in einem Ambulanzwagen weg. Im Ambulanzwagen den Checkpoint zu überqueren, ist erlaubt . Aber keiner weiß, wann es ihr erlaubt sein wird, wieder zurückzukehren. Manchmal bleibt man in Khan Yunis zwei bis drei Wochen „stecken“, bis der Checkpoint wieder öffnet. Es gab junge Mütter, die 40 Tage warten mussten und die mit ihren Neugebornen nicht nach Hause kommen konnten. Jeder Sack, der hier vom Feld mit Früchten kommt und zum Markt nach Khan Yunis soll, muss durch die Tupah-Kreuzung durch einen Röntgenapparat.. Das Warten in der Schlange dauert Stunden. Um Verwandte zu einer Hochzeit einzuladen, muss man eine komplizierte Prozedur durchlaufen: die Namen zum Koordinations- und Verbindungsbüro bringen und dann das Beste hoffen. Vergiss eine einfache Einladung von Verwandten aus der nächsten Stadt zu einer Tasse Kaffee!
Im anschließenden Raum steht ein Gefrierschrank, ein Überbleibsel aus den Tagen, als die Bewohner hier noch Blumen anbauten. Sie haben seit Jahren weder Blumen noch Erdbeeren für den Export angebaut; denn wie lange halten sich Blumen und Erdbeeren, wenn sie am Checkpoint von den Soldaten nicht durchgelassen werden? Die Zwiebeln kommen auf ein Fließband und werden an einem Bildschirm gecheckt. Fleisch zu transportieren ist schwer, nur Hühner. Am Feiertag aßen wir ein Schaf, das in Khan Yunis auf besondere Weise geschlachtet wurde . Man ließ es am Checkpoint 40 Tage liegen; es kam dann gefroren aus dem Gefrierschrank.“ Was haben sie sonst? Kaninchen, die sie in ihrem Hof versorgen. Es ist ihnen nicht erlaubt, mit einer Uhr oder einem Handy den Kontrollpunkt zu überqueren . Im Handy könnte ja Sprengstoff sein. Wenn ein Füller den Metalldetektor in Betrieb setzt, muss man umkehren. Man kann ihn nicht einfach beiseite werfen. Vielleicht explodiert er. Man kann am anderen Tag wieder kommen. Sie sagen, dass die Frau des Muhtar der Flüchtlinge heute zurückkommen sollte. Ihr Mann hat keine Ahnung, wo sie jetzt eigentlich ist, und am Nachmittag war sie noch nicht da. Soll ich noch einmal erklären, dass Khan Yunis ihre Stadt ist und dass es nur ein kurzer Weg von dort zu ihrem Haus ist?
Müllberge liegen am Rande der Sandwege, die zum Meer führen. Die UNWRA sammelt nur den Müll der Flüchtlinge ein. Der Rest verfault im Sand. Es gibt kein fließendes Wasser in den Häusern nur auf den Feldern. Man kann von den Fenstern der Siedlerhäuser von Neve Dakalim oder Ganei Tal alles sehen. Am Ende der Sandwege, die zwischen den Häusern nach Westen gehen, ist ein Zaun, und es ist unmöglich, den Strand zu erreichen. Hinter den Betonmauern lebt eine Handvoll Siedler direkt am Wasser. Soldaten in einem Wachturm bewachen sie. Unser lokaler Führer ist sehr nervös, als er in unserem Wagen in der Nähe des Zaunes sitzt „Halt nicht an, fahr schnell! Hier schießen sie. Die Straße südlich von Muasi läuft nur wenige Meter davon entfernt vorbei. Reste von Touristenattraktionen, ihre und solche der Siedler liegen in Ruinen. Der Strand ist wunderbar - aber der Anblick traurig. Das Hof-Ashalim-Restaurant pflegt am Shabbat offen zu sein . Jetzt ist alles nur vernachlässigt; die Straße nach Rafah geschlossen und die Straße zur Siedlung von Rafiah Yam offen – doch nur für Juden.
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