Die Okkupation - das sind wir
von Gideon Levy
27.04.2003 — Ha'aretz / ZNet
Hier zur Abwechslung mal eine gute Nachricht aus den besetzten Gebieten. Am Vorabend der Ferien hat die (israelische) 'Natur- und Nationalparksbehörde' Gilboa-Schwertlilien, die entlang der Route des künftigen Separationszauns wachsen, umpflanzen lassen. Über diese Rettungsaktion werden sich sicher viele Naturliebhaber unter den Israelis freuen. Manche von ihnen glauben ja, die Rettung der Schwertlilie sei soetwas wie die Rettung der Welt. Grundsätzlich ist daran nichts Schlimmes. Aber diese Kleinst-Aktion verdeutlicht, wie apathisch dieselben Leute sind, wenn es um das Schicksal jenes Volkes geht, das in der Nachbarschaft der Schwertlilien lebt, oder denken wir nur an das Schicksal der gesamten Natur, der gesamten Landschaft, in den besetzten Gebieten. Die Schwertlilien sind gerettet - nicht so tausende von Menschen aus Fleisch u. Blut - unschuldige Bauern, die im Zaungebiet leben. Man hat sie enteignet, ihr Land wurde ihnen genommen, u. die Gegend, in der sie leben, wird in Pferche unterteilt, die von der Umgegend isoliert sind. Diese Menschen kann man nicht einfach umpflanzen wie Schwertlilien. Aber nicht viele interessiert ihr Schicksal wirklich.
Die Park-Behörde (eine Regierungsbehörde) sowie die NGO 'Gesellschaft zum Schutz der Natur', die sich jetzt so besorgt über die Schwertlilien zeigen, sagen nichts, wenn die Israelische Armee (IDF) tagtäglich die Natur in den Palästinensergebieten auf ebenso systematische wie brutale Weise zerstört. Zehntausende Bäume hat man schon vernichtet, Haine u. Weinberge wurden zermalmt, altehrwürdige Gebäude - in Stätten des Kulturerbes (siehe die Kasbah in Nablus oder Hebron) - wurden zerstört, grüne Naturflächen hat man in Straßen für Siedler umgewandelt (und nur für Siedler), Bergrücken abgeschliffen, damit man darauf Siedlungen errichten kann. Kein grüner Aktivist, keine entsprechende Organisation auf israelischer Seite hat je etwas dagegen unternommen, und mit einer einzigen Ausnahme (die Umgehungsstraße bei Wolja) haben sich auch die 'Gesellschaft zum Schutz der Natur' u. die Park-Behörde stets still verhalten. Wenn auf unserer Seite auch nur ein Baum fällt, schreien genau diese Leute auf, aber das Schicksal der Bäume auf der anderen Seite ist ihnen völlig egal. Schließlich sei es nicht ihre Natur - sprich: unsere Natur. Natürlich gehört die Natur nicht diesen Leuten, aber die Zerstörung der Natur geschieht nichtsdestotrotz in deren Namen.
Die grünen Gruppen stellen sich so in eine Reihe mit anderen Gruppen - Ärzte, berufstätige Frauen, Journalisten, Akademiker - die alle keinerlei Interesse zeigen an dem, was in den Territorien vor sich geht, auch nicht in Bereichen, die eigentlich ihr Ressort sein müssten, wo man eigentlich davon ausgehen sollte, diese Gruppen greifen schützend ein. Auf diese Weise machen sie sich zu Verbrechenskomplizen. Wer glaubt, lediglich wer in der Regierung sitzt oder Teil der Armee ist, trage die Verantwortung für die Verbrechen der Okkupation, wer andererseits nicht direkt u. alltäglich in die Besatzung involviert ist, sei unschuldig, der irrt gewaltig. Nach 35 Jahren durchdringt die Okkupation unsere Gesellschaft in jeder Hinsicht. Das Schweigen vieler Organisationen u. Institutionen macht diese zu unmittelbaren Komplizen jener Dinge, die im Namen aller Israelis vor sich gehen. Okkupation - das ist keineswegs nur die Ziviladministration - Okkupation, das sind wir alle.
Histradrut (israelischer Gewerkschaftsverband - Anmerkung d. Übersetzerin) hat sich noch nie für das Schicksal der palästinensischen Arbeiter interessiert. Als praktisch über Nacht 120 000 von ihnen gefeuert wurden, sah man keinen Handlungsbedarf. Das Gleiche gilt für die Frauenorganisationen: Palästinensische Frauen gebären an Checkpoints, verlieren ihre Babies - hat WIZO etwas dazu zu sagen? Oder Na'amat? Wissen die Mitglieder dieser Organisationen überhaupt, dass die Kleinkindersterblichkeit in den Territorien in den letzten 2 Jahren um das Fünffache angestiegen ist? Dass die Zahl der Hausgeburten aufgrund der Abriegelungen von 5 auf 50 Prozent emporgeschnellt ist?
Per Militärdekret werden in den Territorien die Universitäten geschlossen - oft monatelang. A-Najah beispielsweise war im letzten Jahr 3 Monate geschlossen. (Israelische) Soldaten gehen auf den Campus der Universitäten u. richten Verwüstungen an - so in der Offenen Universität von Ramallah oder im Landwirtschafts-Kolleg von Tul Karm. Aber das interessiert unsere Universitätsleitungen in keinster Weise. Akademische Freiheit - nur für uns. Und unsere Schülerorganisationen organisieren wilde Demonstrationen gegen Schulgeld, aber wenn es um das Schicksal palästinensischer Schüler geht, die in ihren Häusern eingesperrt sind u. nicht zur Schule können, verhalten sie sich apathisch.
Dr. Khalil Suleiman, Leiter des 'Roten Halbmonds' in Dschenin, wurde erschossen - von israelischen Soldaten. Die 'Israel Medical Association' interessiert sich nicht für den Vorfall. 65 palästinensische Ambulanzen wurden in den letzten zweieinhalb Jahren beschädigt. Die IMA verliert kein Wort über die Bedingungen, unter denen die Medizin-Teams in den Territorien ihre Arbeit verrichten müssen. Das Ethikbüro der IMA empfindet es anscheinend als ethisch viel brennender, ob u. wie israelische Ärzte für ihre Dienste werben, als wenn die Israelische Armee Ambulanzen davon abhält, ihr Ziel zu erreichen. Oder ist es etwa zuviel verlangt, dass die 'Gesellschaft gegen den Krebs' ihre Stimme erhebt, wenn in den besetzten Gebieten Onkologie-Patienten misshandelt werden? Sollten sich unsere Gesundheitsorganisationen nicht geschockt zeigen, angesichts der Strapazen, die Nierenkranke (in den Territorien) erdulden müssen, um an ihr Dialysegerät zu kommen?
Israels Künstler protestieren vehement gegen die Budgetkürzungen der Regierung im Bereich Kunst u. Kultur - aber kein Wort des Protests gegen den kulturellen Stillstand, den man jenen belagerten Menschen auferlegt, die gar nicht weit von unseren israelischen Bühnen leben. Dass man palästinensischen Journalisten die Presseausweise abnimmt - damit sie in den Territorien noch weniger Bewegungsfreiheit haben - von Reisen nach Israel ganz zu schweigen -, sowie natürlich vor allem die Angriffe auf das Leben palästinensischer Journalisten rufen bei der 'Journalists' Association of Israel' keinen nennenswerten Protest hervor. Die Journalisten in Israel sollten sich schämen.
Auf die Weise bilden sie alle - Frauen, Bauern, Arbeiter, Ärzte, Journalisten, die Grünen, die Akademiker, die Künstler, usw. - all diese Organisationen zusammen bilden ein Sicherheitsnetz für die Okkupation. Sie erlauben es ihr nämlich, eine Fassade der Wohlanständigkeit aufrechtzuerhalten. Ihr Stillschweigen legitimiert den Skandal. Täten diese Organisationen ihren Job,würden sie in den einzelnen Sparten tatsächlich für Protest sorgen - gegen das, was in den Territorien vor sich geht -, gut möglich, dass die Tage der Okkupation gezählt wären. Eines steht jedenfalls fest: Die Okkupation wäre weniger brutal.
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