Die Schuld der Medien bezüglich Irak
von John Pilger
11.10.2004 — ZNet Kommentar
Im Oktober 1999 stand ich in einem Bagdader Krankenhaus vor sterbenden Kindern - neben mir Denis Halliday. Ein Jahr zuvor hatte Halliday seinen Posten alsstellvertretender UNO-Generalsekretär gekündigt. Halliday: “Durch die UN führen wir einen Krieg gegen das irakische Volk. Wir haben es auf Zivilisten abgesehen, noch schlimmer, auf Kinder... Um was geht es hiereigentlich?“Halliday war 34 Jahre lang für die UN tätig. Als internationaler Zivilangestellter -einer, der “Menschen hilft und nicht schadet“, wie er es ausdrückt -, hatte er sicheinen guten Namen gemacht. Nun schickte man ihn in den Irak, um das Oil-for-Food-Programm umzusetzen, das er später als Trick bezeichnete. “Ich trete zurück“, schrieb er, “denn die Politik der Wirtschaftssanktionen... zerstört eine ganze Gesellschaft. Jeden Monat sterben (hier) fünftausend Kinder. Ich will kein Verwalter eines Programms sein, das man als Genozid definieren kann“.Hallidays Nachfolger im Amt war Hans von Sponeck - auch er einAssistent des UNO-Generalsekretärs. Sponeck war über 30 Jahre für dieUNO tätig. Auch Sponeck trat aus Protest zurück. Die Nächste war Jutta Burghardt, Leiterin des Welternährungsprogramms im Irak.Sie könne nicht länger tolerieren, was dem irakischen Volk angetan werde, so Burghardt. Was die Drei taten, war ein nie dagewesener kollektiver Akt; das Medieninteresse jedochhielt sich in Grenzen. Von journalistischer Seite wurde kein ernsthafter Versuch unternommen, den massiven Anschuldigungen gegen die Regierungen der USA und Großbritanniens - die das Embargo im Prinzip leiteten -, nachzugehen. Über Sponecks Enthüllung, die Sanktionen ließen den Irakern kaum mehr als $100 im Jahr zum leben, wurde nicht berichtet.Sponeck benutzt den Ausdruck “bewußte Strangulierung“. Ebenfalls unberichtetblieb die Tatsache, daß George W. Bush - mit Rückendeckung Tony Blairs - bis Juli 2002 humanitäre Hilfsgüter im Wert von über $5 Milliarden blockierte. Es handelte sich um Hilfgüter, die vom Sanktionen-Komitee der UNO zuvorgenehmigt wurden und vom Irak schon bezahlt waren. Neben Lebensmitteln, Medizin und medizinischem Gerät ging es um so essentielle Dinge wie Wasseraufbereitung, Hygiene, Landwirtschaft und Bildung.Die Todeszahlen sind schockierend. Zwischen 1991 und 1998 starbenlaut UNICEF 500 000 irakische Kinder unter 5 Jahren. “Rechnet man dieErwachsenen noch hinzu“, so Halliday, “liegt die Zahl mit ziemlicher Sicherheitbei über einer Million“.1996 wurde Madeleine Albright zum aktuellen Zeitgeschehen befragt. Die Sendung im amerikanischen Fernsehen hieß „60 Minutes“. Albright war damals US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen. Frage: “Wie wir hören, starben (im Irak) eine halbe Million Kinder... ist es den Preis wert?“ Albrights Antwort: “Wir glauben, es ist den Preis wert.“ Der Sender CBS weigert sich seither, die Aufzeichnung des Interviews freizugeben, und der (interviewende) Reporter ist zu keiner Diskussion bereit.
In den meisten amerikanischen und britischen Medien gilt sowohl Halliday als auch von Sponeck seit langem als „unerwünschte Person“ - zu furchtbar die Enthüllungen der beiden Whistleblower: Das Embargo war nicht nur ein großes Verbrechen gegen die Menschlichkeit, sondern hatte die Kontrollmacht Saddams sogar noch gestärkt. Die Bitterkeit vieler Iraker über die Invasion und die Besatzung rührt daher, daß sie sich noch genau an das britisch-amerikanische Embargo erinnern - eine mittelalterliche Form der Belagerung, die sie schwächte, sodaß sie ihren Diktator nicht selbst stürzen konnten. Aber in Großbritannien wirddarüber so gut wie nicht berichtet.Kurz nach seinem Rücktritt hatte Halliday einen Auftritt bei BBC2 „Newsnight“. Ich habe selbst gesehen, wie Gastgeber Jeremy Paxman dendamaligen Außenminister Peter Hain gewähren ließ, als dieser Halliday als “Rechtfertiger Saddams“ beschimpfte. Hains übler Auftritt überrascht nicht.Kurz vor der diesjährigen Konferenz der Labor Party bagatellisierte Hain den Irak als “Nebensache“.
Vor kurzem schrieb „Guardian“-Herausgeber Alan Rusbridger im„New Statesman“ zum Thema Journalismus. Einige Journalisten “betrachten esals schlechten Stil, in öffentlichen Debatten Stellung zu beziehen - zu allem, was mit Ethik oder Standards zu tun hat -, und dies ungeachtet desjournalistischen Grundziels“. Rusbridgers Aussage bildet eine erfreuliche Ausnahme - bei demganzen Stammtischgeschwätz, das sich heute „Medienkommentar“ nennt, aber wenig mit dem “journalistischen Grundziel“ zu tun hat. Vor allem von dertödlichen Komplizenschaft des Schweigens ist selten die Rede.“Wo an die Stelle der Wahrheit die Stille tritt“, sagte einst dersowjetische Dissident Jewgeni Jewtuschenko, “wird Stille zur Lüge“.Dies gilt auch für das Stillschweigen über die verheerenden Auswirkungendes Embargos. Ihr Stillschweigen machte Journalisten (damals) zu Accessoires. Und Stillschweigen ist auch mit schuld an jenem illegalen, unprovozierten Einmarsch in ein wehrloses Land. Natürlich lärmten die Medien im Vorfeld desSpektakels. Aber Blairs Spin-Version dominierte. Wer auf der Strecke blieb, warendie Verkünder der Wahrheit.
Scott Ritter war früher Leiter der UN-Waffeninspekteure im Irak. Vor rund5 Jahren wurde er zum Whistleblower: “Im Jahr 1998 war die Infrastrukturfür chemische Waffen (im Irak) durch UNSCOM komplett abgebaut oder zerstört... Es existierte kein Program für biologische Waffen mehr, unddie wichtigsten Anlagen waren eliminiert... Komplett eliminiert war das Programm für (ballistische) Langstrecken-Raketen. Wenn ich die Bedrohung,die vom Irak ausgeht, quantitativ einschätzen soll, würde ich sagen null.“Ritters Einschätzung fand kaum Beachtung. Wie Halliday und von Sponeck schaffte auch er es so gut wie nie in die Fernsehnachrichten. Dabei sind dieTV-Nachrichten die Hauptinformationsquelle der meisten Menschen. Aber die“Gegenstimmen“ waren weit weniger akzeptiert als die Denunzierung HansBlix aus gelehrtem Mund. Schließlich gar keine Frage: Blix spielemit Washington sein persönliches Spiel - ebenso Kofi Annan.
Bis zum Fall Bagdads sendeten, legitimierten und highlighteten Journalistendie Lügen und Desinformation Bushs und Blairs - vor allem die BBC,deren politische Berichterstattung definiert ist durch Ankündigungen, Ereignisse und Persönlichkeiten aus dem „Village“: Whitehall und Westminster. Mit seiner erstklassigen Bagdad-Berichterstattung brach Andrew Gilligan (BBC) die Regel - und später, indem er Blairs wichtigstesTäuschungsmanöver entlarvte*. Dabei gibt zu denken, daß die hartnäckigstenAngriffe gegen Gilligan ausgerechnet von Journalisten-Kollegen kamen.In jenen wichtigen 18 Monaten vor dem Angriff auf Irak - während Bushund Blair die Invasion insgeheim vorbereiteten -, waren populäre,gutbezahlte Journalisten wenig mehr als Weitergabekanäle - sie waren die Verwerterder Verwerter. Die Franzosen nennen solche Leute „Fonctionnaires“. Dabei besteht die Hauptaufgabe jedes echtenJournalisten nicht im Weiterleiten sondern im Infragestellen, nichtim Stillhalten vielmehr im Enthüllen. Natürlich gab es rühmlicheAusnahmen - wie Richard Norton-Taylor vom „Guardian“ oder Robert Fiskvom „Independent“. Fisk läßt sich den Mund nicht verbieten.Zwei (britische) Zeitungen waren die Ausnahme: der „Mirror“ und „The Independent“. Bei den Fernsehleuten gab es außer Gilligan noch einoder zwei Ausnahmen. Die anderen schafften es nicht, mit dem wachsenden Wissen der Öffentlichkeit Schritt zu halten. Da war dieser wichtige Reportereines kommerziellen Radios, der zuviele Fragen stellte. “Halten Sie sichmit diesem Antikriegs-Zeugs zurück, oder unsere Werbekundensind unzufrieden“, wurde ihm bedeutet.
In den USA - das heißt, im sogenannten „Mainstream“ der verfassungsrechtlich freiesten Presse der Welt -, hielt die Front. Ergebnis: Die Mehrheit der (amerikanischen) Bevölkerung schluckte die Lügen Bushs. Inzwischen entschuldigen sich die amerikanischen Journalisten -zu spät. Im Irak geraten die US-Streitkräfte außerKontrolle, sie bombardieren dichtbesiedeltes Gebiet und gehen straffrei aus.Wieviele irakische Familien trauern heute wohl wie die Familie von Kenneth Bigley? Von deren Qualen, deren Flehen um Gnade bekommen wir nichts mit.Neueste Schätzungen gehen von rund 37 000 Irakern aus, die dieserGroteske schon zum Opfer fielen.Charles Lewis, ein ehemaliger CBS-Reporter, der heute das „Center for PublicIntegrity“ in Washington D.C. leitet, sagte mir, er habe keinen Zweifel:Hätten seine Kollegen ihren Job getan - anstatt als Chiffrierer zu fungieren -, es wäre nie zur Invasion gekommen. Die modernen Medien haben Macht. Diese Macht müssen wir aus den Händen jener zurückzuerobern, die sie beschneiden.
Anmerkung d. Übersetzerin
*Der BBC-Reporter Andrew Gilligan gab Informationendes ehemaligen UN-Waffeninspekteurs und Regierungsberaters David Kellyan die Öffentlichkeit weiter - siehe Kelly-Affäre und dessen Selbstmord.
Twitter
RSS Feed
