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Die Texaco-Klage

Interview mit einem Vertreter des indigenen Volkes der Cofan

von Hanna Dahlstrom

07.12.2006 — Upside Down World / ZNet

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Thema des Interviews ist ein Rechtsstreit, der in die Geschichte eingehen wird. Verklagt wird das nordamerikanische Ölunternehmen ChevronTexaco - wegen Verseuchung des ecuadorianischen Regenwaldes. In letzter Minute hatte das Unternehmen Widerspruch gegen die Besichtigung der verseuchten Orte durch die Klägerseite eingelegt.

Zwar lehnte Richter Germán Yánez das Ersuchen von ChevronTexaco ab, aber es war bereits das dritte Mal in diesem Jahr, dass ChevronTexaco versuchte, den Fall zu verzögern - einer von vielen Versuchen des Unternehmens, seine Verantwortung zu leugnen. Dabei hatte ChevronTexaco bereits zugegeben, mehr als 18 Milliarden Gallonen toxisches Abwasser illegal entsorgt zu haben. Passt irgendwie nicht zusammen? Das ist die Realität, gegen die 30 000 Indio- und Mestizenkläger aus dem ecuadorianischen Amazonasgebiet ankämpfen. Immerhin verklagen sie eine der profitabelsten Ölgesellschaften der Welt. Für diese Profite haben die Bewohner der Region zwischen 1964 und 1992 (als Texaco in der Region aktiv war) gelitten, sie leiden bis heute.

Mit jedem Tag, den der Fall verzögert wird, multipliziert sich die Zahl der Texaco-Verseuchungsopfer. Da sind die Toten auf dem Friedhof von Andina. Die Gemeinde - verseucht durch Texacos Cononaco-Ölquelle - war Ort der letzten Inspektion. Die Hälfte der Toten auf dem Friedhof sind Menschen, die an Krebs starben. Darüber informierte Pablo Fajardo, der Hauptanwalt der Kläger. Die Kläger verlangen von ChevronTexaco, die Termine seiner nächsten/letzten Inspektionen bekannt zu geben - damit endlich das Licht am Ende des Tunnels zu sehen ist. Das Einzige, was dann noch übrigbleibt, ist die Festlegung der ChevronTexaco-Entschädigungssumme, die das Unternehmen zu zahlen haben wird, falls die Klägerseite gewinnt.

Neben Betroffenen aus der Region und internationalen Beobachtern nahm auch ein Repräsentant der indigenen Cofan - Emergildo Criollo - assistierend an den letzten Inspektionen der Klägerseite teil. Diese Vor-Ort-Besichtigungen fanden zwischen dem 14. und 16. November 2006 statt. Criollo wollte sicherstellen, dass er das Volk der Cofan über die neuesten Fortschritte im Fall unterrichten kann. Criollos Anwesenheit ist ein Beispiel für die Diversität der Klägerkoalition. Unter anderem klagen fünf indigene Volksgruppen sowie Mestizen aus der Region. Hinzu kommt, dass die letzte Inspektion im traditionellen Stammesgebiet der Waorani stattfand, nahe der Ölquellen von Auca und Yuca y Cononaco. Auch betroffene Mestizen nahmen an der Besichtigung teil. Am letzten Tag der Inspektion durch die Kläger kommentierte der Vertreter der Cofan, Emergildo Criollo, den Fall:

Frage: Heute war die letzte Inspektion der Klägerseite. Haben Sie das Gefühl, das Ende des Falles rückt näher?

Criollo: Nein, wir sollten abwarten, bis wir alle Ergebnisse vorliegen haben. Wir müssen warten. Wir können nicht sagen, "es liegt schon alles vor, wir sind fertig". Wir haben es erledigt, aber Texaco muss noch zehn weitere Inspektionen durchführen. Wir müssen abwarten, was bei denen rauskommt. Heute haben wir unsere letzten Arbeiten abgeschlossen. Alle haben mitgemacht, auch die Schüler sind gekommen. Das befriedigt mich. Einig - das müssen wir sein - damit Texaco sieht, dass wir Druck auf sie ausüben, immer mehr Druck. Sie haben stets behauptet, nur zwei Rechtsanwälte seien an dem Fall beteiligt, das stimmt nicht. Wir fünf (indigene) Nationalitäten sind ebenfalls präsent. Sie (ChevronTexaco) sagen, die Betroffenen seien nicht an Bord, nein, falsch, wir sind an Bord, wir alle. Auch die Schüler sind heute gekommen, um zu protestieren. Schließlich brauchen Kinder ein sauberes Leben beziehungsweise saubere Luft für ihre Entwicklung. Ist dies nicht der Fall - siehe die ganzen Verseuchungen hier - werden die Kinder krank werden. Ein Teil der Aussage der Texaco-Anwälte hat mir nicht gefallen, die Worte, die sie stets wiederholen: Es bestünde keine Verseuchung. Die Öffentlichkeit und die Presse haben mitangehört, wie Texaco log. Wie soll das gehen - keine Verseuchung? Ausgelaufenes Öl ist ein karzinogener Verseuchungsherd, doch der Mann sagte, nein. Ich empfinde es als Schande, wenn sie so daherreden. Jeder weiß, dass es sich um Kontamination handelt.

Frage: Der Texaco-Anwalt sagte, die Verseuchung stamme von den Latrinen. Was halten Sie davon?

Criollo: Wir alle haben Latrinen, für die persönliche Benutzung, richtig? Mit ausgelaufenem Öl ist das nicht zu vergleichen. Der Texaco-Anwalt behauptet auch, der Dreck durch das Vieh sei verunreinigend, das stimmt nicht. Dieser Dreck ist nicht krebserregend, er hat mit anderen Krankheiten zu tun. Darum sage ich, was der Mann aussagte, ist nicht gut. Er lügt. Es ist nicht so.

Frage: Seit wie vielen Jahren kämpfen Sie schon gegen Texaco?

Criollo: Ich habe die Bahn frei gemacht gegen Texaco. 1993 war ich in New York, um gegen Texaco zu klagen. Damals war ich Gemeindevorsteher. Seit damals - bis heute - kämpfe ich gegen dieses Problem, wir müssen es ausräumen. Mittlerweile bin ich als Koordinator für das Projekt FEINCE (The Federation of the Cofan Indigenous Nationality of Ecuador) tätig.

Frage: Der Rechtsstreit hat aber auch zu Kritik geführt, manche sagen, er repräsentiere nicht das indigene Volk. Was meinen Sie dazu?

Criollo: Meiner Ansicht nach ist es unwahr, dass er (der Fall) die indigenen Völker nicht repräsentiere, schließlich nehmen die Vertreter der Cofan an allen gerichtlichen Inspektionen teil, die in ihrem Bereich stattfinden. Im Quichua-Sektor nehmen die Quicuas an den gerichtlichen Besichtigungen teil - eben die Menschen der jeweiligen Region, denn sie sind die Betroffenen. Wir alle müssen präsent sein. Aber der Texaco-Anwalt sagt, es gäbe keine aktive Partizipation, was eine komplette Lüge ist.

Frage: Können Sie sich noch persönlich daran erinnern, wie die Operationen der Texaco in ihre Gemeinde eingegriffen haben?

Criollo: 1976 gab es die erste Ölquelle, im Sektor Lago Agrio. Das war Quelle Nummer Eins. Damals war ich 6 Jahre alt, 1976. Als sie die erste Quelle anzapften, lebten wir am Ufer des Rio Aguarico. Sie (Texaco) kamen in Helikoptern, mit ihren kaputten Maschinen. Nach drei Monaten konnten wir bereits den Lärm der Maschinen hören. Wir gingen hin, um es uns anzusehen, damals konnten wir noch kein Spanisch, aber wir gingen hin, um zu sehen. Wir sahen, dass schon eine Plattform da war, sie drangen bereits ein. Nach weiteren drei Monaten war in einem Flüsschen, das dort vorüberfließt, neben dem Aguarico-Fluss, bereits eine Öllache zu sehen. Wir lebten nördlich davon, es floss an unserem Wohnort vorbei. Wir wussten nicht, was es war und dass es uns verseuchte. Wir bewegten uns immer am Ufer (des Flusses), badeten. Später, als wir Hautkrankheiten an uns entdeckten, als das anfing, sagten die Leute, ziehen wir uns besser von hier zurück. Also zogen wir uns vom Lago Agrio nach Süden zurück - dorthin, wo heute die Gemeinde Dureno ist. Wir taten das wegen der Kontamination. Im Fluss war Kontaminierendes, wir konnten nicht bleiben. Unmöglich, das Wasser zu benutzen, also zogen wir in den Süden. Das ist meine persönliche Erfahrung mit der beginnenden Ölverschmutzung in jener Zeit.

Frage: Wie hat sich die Kultur der Cofan durch die Texaco-Operationen verändert?

Criollo: Bis heute haben wir unsere eigene Kultur. Aber mit Ankunft der Texaco hat sich diese Kultur komplett verändert. Wir tranken immer Chicha. Das wird aus Yucca gemacht. Als Texaco kam, fingen die Leute an, Alkohol zu trinken. Dadurch hat sich alles verändert. Damals - 1976 - hatten wir einen Schamanen. Die Texaco-Arbeiter töteten ihn durch Alkohol. Sie gaben ihm Alkohol zu trinken, als er betrunken war, ist er erstickt. Sein Name war Guillermo Quenamá. Er starb 1976. Danach haben die Leute ganz allmählich angefangen - jeder konnte ja leicht Alkohol kaufen. Anstatt drei Tage Yucca zu brauen, kauft und trinkt man ihn direkt. (Die Kultur) hat sich total geändert. Auch die Sprache hat sich geändert, und manche Leute schämen sich, sie zu sprechen, sie wollen ihre eigene Sprache nicht sprechen, weil die Spanischredenden sie als Indios bezeichnen. Sie wollen Spanisch sprechen. Was die Nahrung angeht: Früher wuchsen die Kinder schnell, wir aßen die Tiere des Regenwaldes - ohne Kontamination. Heute gibt es keine Tiere mehr im Regenwald, nur noch Essen aus der Stadt. Die Leute gehen arbeiten und kaufen Pasta und Sardinen. Aus diesem Grund wachsen die Kinder nicht mehr schnell, sondern bleiben klein. So geht es den Leuten in der Gemeinde heute.

Frage: Was erwarten Sie von dem Fall?

Criollo: Wir, die Nation der Cofan, hoffen, dass alle Gemeinden wissen, weshalb wir bei dieser Sache mitmachen: Wir wollen, dass Texaco Verantwortung übernimmt - für die Reinigung und Entseuchung - und wir wollen, dass das Unternehmen die Opfer entschädigt (cumpla que quieren los afectados).

Frage: Wie stellen Sie sich die Zukunft des Cofan-Volkes vor, was sind Ihre Hoffnungen für Ihr Volk?

Criollo: Als Organisation der Cofan haben wir diskutiert: Falls wir den Fall gewinnen, wollen wir ein Hospital in der Gemeinde, so dass Ärzte vor Ort bleiben können. Derzeit gibt es in der Gemeinde gar keine Gesundheitsförderer. Falls wir siegen, wollen wir zudem eine weiterführende Schule in unserer Gemeinde, damit unsere Sprache nicht verlorengeht, weil (unsere Kinder) auf eine Schule gehen, auf der Spanisch gesprochen wird. Derzeit müssen alle Kinder in die Stadt zur Schule, aus diesem Grund entwickeln sich die Dinge mehr und mehr ins Spanische. Aber wir wollen eine weiterführende Schule in der Gemeinde, damit in unserer eigenen Gemeinde gute Bildungsmöglichkeiten bestehen.

Falls Sie mehr zum Thema ChevronTexaco in Ecuador bzw. im globalen Kontext wissen wollen, klicken Sie im Originaltext auf 'book free on the Internet' am Schluss des Textes.

Hanna Dahlstrom erreichen Sie unter hannagoanna@hotmail.com

Orginalartikel: The Case Against Texaco
Übersetzt von: Andrea Noll
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