Die Zeiten der Jüdischen Agentur sind vorbei
von Gideon Levy
13.03.2005 — Ha'aretz / ZNet Deutschland
Ein Staat benötigt schon ein hohes Maß an Arroganz, um sich an die Bürger eines anderen Staates zu wenden, sie zur Emigration aufzufordern und zu behaupten, dass er eine höhere Lebensqualität biete. Ja, es ist sogar ziemlich unverschämt, da diese Behauptung einfach nicht stimmt. Es ist auch ziemlich viel Rassismus nötig, zur Einwanderung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe zu ermutigen, während man die Staatstore für andere auf Grund der ethnischen Herkunft schließt. Allein die Tatsache, dass solche Aktivität unter dem Deckmantel der Jüdischen Agentur stattfindet, lässt den Staat Israel nicht weniger verantwortlich dafür sein. Die Zeiten für „Arbeitsmärkte“, die die Jüdische Agentur – wie Haaretz am Donnerstag berichtete - noch kürzlich in Großbritannien und Frankreich betrieb, sind vorbei. Andere zionistische Aktivitäten, die zur Einwanderung (= Aliyah) nach Israel ermutigen, verursachen mehr Schaden als Nutzen. Dasselbe gilt auch für die Jüdische Agentur selbst, eine anachronistische Körperschaft, die aufgelöst werden sollte. Die Tore des Landes sollten offen bleiben für die Juden, die einwandern wollen – aber die Bemühungen, sie für Einwanderung zu gewinnen, sollten aufhören. Die Aktivitäten zur Aliyah stellen eine Einmischung in die Souveränität von Staaten dar, die gegenüber Israel freundlich gesinnt sind. Dass diese Staaten gegen diese problematischen Aktivitäten nicht einschreiten, bedeutet nicht, dass diese offiziell genehmigt sind. Diese zionistischen Aktionen grenzen an Subversion: man stelle sich nur vor, wie wir reagieren würden, wenn ein fremder Staat, sich erdreisten würde, Bürger Israels zur Auswanderung aufzufordern. Wenn der Staat in der Vergangenheit solche Aktionen brauchte, um Juden aus Notlagen zu retten oder um seine Existenz abzusichern – so gibt es heute keine Rechtfertigung mehr dafür. Israel braucht keine zusätzlichen Juden mehr, um seine Existenz zu sichern. Außerdem gibt es fast nirgendwo mehr Juden, die in wirklicher Gefahr leben.
Andrerseits gibt es nicht genügend Substanz hinter den den Immigranten gegebenen Versprechungen der jüdischen Agentur und des Staates, über das, was sie hier erwartet. Heute gibt es keinen Ort für Juden der weniger sicher ist als der Staat Israel. Nur hier ist ihr Leben und das ihrer Kinder in Gefahr. Die „nationale Heimstätte“ und das Land, das Immigranten aufnimmt, ist im Augenblick die gefährdetste Front des jüdischen Volkes. Dasselbe gilt auch für die Versprechen wirtschaftlicher Verbesserung. Die Arbeitsmärkte haften dafür, nur große Enttäuschungen zu bereiten. Ist Israel vom wirtschaftlichen Standpunkt aus wirklich ein besserer Platz als die USA? Ist das Sozialsystem hier wirklich besser, verglichen mit dem in Großbritannien? Erfreuen sich Israels Bürger an mehr Freiheiten als die in Frankreich? Selbst die Juden, die unter antisemitischer Verfolgung in Europa leiden, leben unter einer breiter gefächerten Freiheit und Gleichheit als die, die man in Israel Nicht-Juden gewährt.
Die meisten Juden der Welt leben unter besseren Bedingungen als die, die sie in Israel erwarten. Israel mag einige Juden anziehen, aber nicht aus wirtschaftlichen oder Sicherheitsgründen. Es ist ziemlich schwierig, herauszufinden, warum ein Staat mit wachsender Arbeitslosigkeit und geringer werdenden medizinischen Leistungen es wagen kann, Bürgern anderer Länder, die in allem besser dastehen, Arbeit und andere wirtschaftliche Vorteile anzubieten. Da gibt es einen unmoralischen Grund – nicht nur in Bezug auf die potentiellen Einwanderer, sondern auch in bezug auf die Bürger Israels selbst: (finanzielle) Hilfe für neue Einwanderer geht auf Kosten der geringer werdenden Sozialhilfe in Israel. Dem Korb subventionierter Medizin noch ein Medikament mehr hinzuzufügen, wäre wichtiger und moralisch eher zu vertreten, als noch einen Einwanderer nach Israel zu bringen.
Weniger moralisch ist es, Immigranten aus dem Westen zu umwerben, während gleichzeitig die Tore für andere Gruppen geschlossen bleiben. Tausende von Falashmura (Äthiopische Juden) warten zusammengedrängt in Addis Abeba, um nach Israel einwandern zu können. Dort ist kein Arbeitsmarkt nötig, um die Leute zur Einwanderung zu überreden – doch seit Jahren sind für sie die Tore Israels geschlossen. Die europäischen Juden werden umworben, während man unter verschiedenen Vorwände, afrikanische Juden an der Einwanderung hindert. Hier steckt nicht wenig Rassismus dahinter.
Die Haltung gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen ist sogar noch schlimmer. Fremdarbeiter, die sich hier jahrelang abrackern und die von uns eingeladen wurden, werden auf schändliche Weise ausgewiesen. Es ist nicht wie in Ländern des Westens, wo sie die Möglichkeit haben, die Staatsbürgerschaft zu erhalten, hier gibt es diese Möglichkeit für sie nicht. Warum? Unerträgliche Schwierigkeiten erwarten Juden, die mit ihrem nicht jüdischen Partner hier leben wollen. Nach dem jetzt gültigen Gesetz gibt es keine Möglichkeit der Familienzusammenführung für Palästinenser, die doch Kinder dieses Landes sind. Wegen einer harten und diskriminierenden Einwanderungspolitik werden die Frauen von ihren Ehemännern, Kinder von ihren Eltern getrennt. Auf der einen Seite ermutigt man zur Aliyah – auf der anderen Seite schlägt man grausam das Tor zu. Das einzige Kriterium ist ethnisch begründet. Rechtfertigt der Wunsch, „den jüdischen Charakter“ des Staates zu erhalten, alle diese Mittel? Aliyah ist nicht mehr ein Wert an sich. Diejenigen, die es wollen, tun es und diejenigen, die es in Zukunft wollen, sollen es auch tun. Und diejenigen, die aus Israel auswandern wollen, sollen frei sein, auch dies zu tun. Das hat nichts mehr mit besonderen Werten zu tun. Israel weiß heute, wie es seine Emigranten ehrt, die in ihren neuen Ländern Erfolg hatten. Wer entscheidet denn, dass ein größeres Israel besser ist? Und wer bestimmt, dass Einwanderung nach Israel einen Wert an sich hat? Die Politik der Ermutigung zur Aliyah ist nur dem „demographischen Dämon“ gewidmet – der demographischen Gefahr, die angeblich die Existenz des Staates bedroht. Dieser Dämon wird nicht mit Hilfe der Aliyah verschwinden, selbst wenn es eine groß angelegte Aliyah wäre. Selbst wenn eine Million neuer Immigranten ankommen würde, wie in der übertriebenen Vision des Ministerpräsidenten, wird dies die fortdauernde Tatsache nicht ändern, dass zwischen Jordan und Mittelmeer zwei Völker mit dem gleichen Recht leben. Keine noch so massive Aliyah wird das andere Volk zum Verschwinden bringen. Der Dämon wird nur dann Aufhören, ein Dämon zu sein, wenn Frieden herrscht und der Staat mehr Gerechtigkeit praktiziert.
Die Vertreter der Jüdische Agentur für Aliyah sollten nach Hause kommen, die Arbeitsmärkte geschlossen werden und die Jüdische Agentur zu existieren aufhören. Juden, die einzuwandern wünschen, sind willkommen, tun es aber auf eigene Verantwortung. Sie sollten wissen, dass im Zusammenhang mit solch einem Wechsel auch ein beträchtliches Abenteuer verbunden ist. Die Hilfe, die sie bekommen, sollte genau so sein wie für die Bürger des Staates. In der Realität des Augenblicks kann ihnen ehrlicherweise keiner persönliche Sicherheit, eine wirtschaftliche Zukunft oder eine besonders gerechte Gesellschaft versprochen werden . Es wäre nur fair, ihnen dies zu sagen.
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