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Die amerikanische Art des Krieges

von Walden Bello

30.12.2001 — ZNet

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Nun, da die Kreuzritter wider den Terrorismus Osama bin Ladens Versteck in Tora Bora einkreisen, sollten nach Washingtonscher Logik überall Knallkörper losgehen. Aber Europa bleibt gelassen, die Länder des Südens sind besorgt und über einen Großteil der arabischen und moslemischen Welt breitet sich völlige Niedergeschlagenheit aus. Die Gründe sind offensichtlich: mindestens 4000 Tote, viele davon Zivilisten, vier Millionen Flüchtlinge, Rückkehr zum Chaos rivalisierender Stämme bei gleichzeitiger Zersplitterung der Zentralmacht. Was Bin Laden und seine Organisation getan haben ist schrecklich und unverzeihlich – aber einem Land so etwas im Namen der Gerechtigkeit zufügen? Wieder einmal haben die Amerikaner, um die Stadt zu retten, diese zerstört.

Washington wird sich aber seine Triumphstimmung nicht durch solche Details verderben lassen. Die Taliban und Al-Qaeda wurden vernichtet, aber für das Pentagon bedeutet dieser Sieg noch viel mehr. Eine massive, gezielt eingesetzte Luftmacht kann Kriege gewinnen, und zwar fast ohne Einsatz von US-Bodentruppen, und in Folge dessen fast ohne Verluste. Natürlich kommt man nicht ganz ohne Bodentruppen aus, aber sie werden eher für die Säuberungsaktionen unter den demoralisierten und völlig verstörten Überlebenden des Feuer- und Stahlregens gebraucht denn für den Angriff, – eine Rolle, die von den lokalen Söldnern wie der Nordallianz übernommen werden kann.

LUFTMACHT BEERDIGT VIETNAMSYNDROM

Was man zum ersten Mal 1999 im Kosovokonflikt ausprobierte, wurde nun in Afghanistan bestätigt. Mit diesem Krieg wurde das "Vietnamsyndrom" endgültig zu Grabe getragen. Mit dem neuen Vertrauen in das, was der Militärhistoriker Russell Weigley "die amerikanische Art des Krieges" nennt, – enorme Feuerkraft, hoher technischer Standard, totaler Sieg –, denkt Washington nun ernsthaft an ähnliche Interventionen in anderen Staaten, die angeblich Terroristen unterstützen und beherbergen. Jemen, Sudan, Somalia und Irak sind die Hauptkandidaten. Und es wäre sehr überraschend, wenn die Pläne für eine starke militärische Rolle der USA in Kolumbien im Krieg gegen Drogen durch die Ereignisse in Afghanistan keinen Auftrieb erhalten hätten. Newsweek berichtet, dass kolumbianische Regierungsstellen, die die USA zu einem stärkeren Engagement bewegen möchten, nun "versuchen, die Parallelen zwischen den Taliban und ihren eigenen Guerillabewegungen aufzuzeigen..." Natürlich ist der Unterschied, dass Afghanistan eine Wüste und Kolumbien von Dschungel bedeckt ist, nicht unbedeutend, aber das ist doch nur ein kleines Problem am Rande, das die amerikanische Technologie ohne große Schwierigkeiten lösen kann.

DAS NEUE MANDAT

Mit dem wiedergewonnen Vertrauen in die amerikanische Art der Kriegsführung wird auch die direkte Einmischung in die Angelegenheiten von Entwicklungsländern wieder als akzeptabel angesehen. Schon vor dem 11. September wurden viele Entwicklungsländer, speziell in Afrika und dem Nahen und Mittleren Osten, als “bankrotte Gesellschaften” (“failed societies") bezeichnet. Robert Kaplans 1994 in The Atlantic erschienener Essay war nur einer von mehreren einflussreichen Essays, in denen nachdrücklich der Standpunkt vertreten wurde, dass die Entkolonialisierung in Afrika und dem Nahen und Mittleren Osten nicht zur Herausbildung stabiler Staatswesen geführt habe, sondern zum Abstieg in die “Anarchie”, was die ganze Welt zu destabilisieren drohe. Mit Hilfe konservativer Intellektueller, die Anschauungen vertreten, die die mächtigen Staaten – noch – nicht vertreten können, wurde nach dem 11. September in Washington und London die Respektierung staatlicher Souveränität und Selbstbestimmung weiter ausgehöhlt. Eine dieser einflussreichen Anschauungen stammt von Paul Johnson, einem Autor der Zeitschrift Modern Times:

"...die Wiedereinführung des alten Völkerbundmandats, das zwischen den Kriegen als ‚respektable‘ Form der Kolonialisierung gute Dienste leistete, wäre mittelfristig die beste Lösung. Das Mandat über Syrien und Irak war damals sehr erfolgreich. Ebenso waren Sudan, Libyen und der Iran durch internationale Verträge einer Sonderverwaltung unterstellt. Länder, die mit ihren Nachbarn nicht in Frieden leben können und die einen verdeckten Krieg gegen die internationale Gemeinschaft führen, können nicht erwarten, dass sie völlig unabhängig agieren können. Nun, da alle ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates, in unterschiedlicher Intensität, die von den Amerikanern angeführte Initiative unterstützen, dürfte es nicht allzu schwierig sein, eine neue Form des UN-Mandats zu finden, um Staaten, die Terroristen unterstützen, unter Aufsicht zu stellen."

Nur wenige dieser Visionen beschäftigen sich mit den Gründen, die extremen Reaktionen wie dem Terrorismus zu Grunde liegen, nämlich von den Kolonialmächten gezogene Grenzen, die post-koloniale Konflikte vorprogrammieren, andauernde Marginalisierung der neuen Länder in einer ungerechten Weltwirtschaftsordnung, fortwährende Kontrolle der Gebiete mit großen Öl- und Gasvorkommen durch die Länder des Nordens, um die Versorgung der öl- und energiefressenden westlichen Zivilisation zu gewährleisten. Nach dem 1993 wegen der Aufsässigkeit Somalias fehlgeschlagenen ersten großen Versuchs in diese Richtung wird die nächste Phase in Afghanistan das neueste Experiment für das neue Mandat oder das neue Mandatssystem sein. Die Europäische Union ist angefragt – selbstverständlich unter britischer Führung –, eine ständige Besatzungsarmee zu stellen, während den Vereinten Nationen die Aufgabe zugeteilt wird, unter den rivalisierenden Stammesgruppen eine "repräsentative Regierung" auszuhandeln, die das politische Vakuum füllt. Beobachtet man die jüngsten Entwicklungen in Afghanistan, muss man feststellen, dass Washington offensichtlich nach der Devise handelt: Alleingang bei militärischen Aktionen, aber Zusammenarbeit beim Aufbau der politischen Strukturen, – damit man anderen die Schuld zuschieben kann, wenn sie zusammenbrechen.

KRIEG OHNE GRENZEN

Da der Krieg gegen den Terror keine Grenzen kennt, muss also der Krieg zu Hause mit gleicher Energie betrieben werden. Der 11. September war das zweite Pearl Harbor, und die Bush Regierung erzählt den Amerikanern, dass sie sich nun mitten in einem totalen Krieg gleich dem Zweiten Weltkrieg befinden. Nicht einmal der Kalte Krieg wurde in einem solchen, den totalen Krieg heraufbeschwörenden Vokabular dargestellt wie nun der Krieg gegen den Terror. Schnelligkeit und Art und Weise, mit der Gesetze und Rechtsverordnungen zur Einschränkung des Rechts auf Privatsphäre und Bewegungsfreiheit verabschiedet wurden, hätten Joe McCarthy gelb werden lassen vor Neid. Wie David Corn in The Nation schreibt, befinden sich die Vereinigten Staaten zwar erst seit neun Wochen in diesem Krieg, aber es wurden bereits Gesetze verabschiedet und Rechtsverordnungen unterschrieben, mit denen geheime Militärtribunale zur Verurteilung von nicht US-Bürgern eingeführt und Einwanderer indirekt zu Schuldigen gemacht werden. Sie autorisieren den Generalstaatsanwalt (Attorney General), Ausländer auf bloßen Verdacht hin unbegrenzt festzuhalten und erweitern die Anwendungsmöglichkeiten von Abhörvorrichtungen und geheimen Hausdurchsuchungen. Für Einwanderungsverfahren erlauben sie die Verwendung geheimer Beweise, denen die Betroffenen nichts entgegensetzen oder die sie nicht widerlegen können. Sie zerstören das Vertrauensverhältnis zwischen Mandant und Anwalt, indem die Gespräche von der Regierung abgehört werden können und institutionalisieren die Verdächtigung von Personen allein auf Grund ihrer ethnischen Zugehörigkeit (racial and ethnic profiling).

Die europäischen Verbündeten der USA haben eiligst gleich gezogen, wobei viele von ihnen wie Washington sich der Gelegenheit bedienten und das günstige Klima für Antiterrormaßnahmen für den Versuch ausnützten, eine ganze Reihe von Gesetzen durchzusetzen, die schon seit vor dem 11. September auf ihre Verabschiedung warteten. Aber anders als in den USA folgen die Bürger und Parlamente nicht so leicht auf diesem Weg ins Dunkle – nicht einmal das britische Parlament, das, überraschenderweise, Tony Blairs drakonischen Vorschlag abschmetterte. Dieser Vorschlag hätte es den Anklägern erlaubt, jeden des Terrorismus verdächtigen Ausländer festzunehmen und auf unbestimmte Zeit zu inhaftieren. Die US-Gesetzgebung nach dem 11. September ist nicht nur wegen ihrer Auswirkungen zuhause Besorgnis erregend, sondern auch wegen der internationalen Folgen. Wir sehen hier, wie ein Regime von legalem Unilateralismus institutionalisiert wird: Mit dem jüngsten Paket von Gesetzen und Rechtverordnungen hat sich Washington selbst mit der Macht ausgestattet, im Ausland praktisch alles unternehmen zu können, um des Terrorismus verdächtige Ziele zu jagen – was uns die US-Streitkräfte erst kürzlich vor Augen führten, als sie in einer Aktion, die sich in nichts von Piraterie unterschied, im Arabischen Meer einfach ohne Zustimmung des Kapitäns ein Schiff aus Singapur betraten, die Mannschaft überwältigten und es, erfolglos, nach Terroristen durchsuchten.

Wäre bei dieser Schiffsdurchsuchung ein Verdächtiger entdeckt worden, hätte ihn das Pentagon in einen US-Stützpunkt z. B. in Deutschland bringen und ihn dort vor ein geheimes Militärgericht stellen können. Wäre er in einem Verfahren, das wesentlich weniger streng ist als ein Verfahren vor einem Zivilgericht, für schuldig befunden worden, hätten sie ihn, möglicherweise anonym, in die Vereinigten Staaten gebracht, um ihn dort zu erschießen oder einzusperren. Es wäre schön, wenn die Länder, auf deren Gebiet Terroristen gefangen genommen werden, kooperierten, aber es wäre nicht nötig, danke schön.

DEUS EX MACHINA

Der 11. September war der deus ex machina des klassischen Dramas – eine äußere Macht oder Ereignis, welches das sich in der Schwebe befindende Schicksal zu Gunsten eines der Protagonisten beeinflusst. In der historischen Situation vor dem 11. September war der Al-Qaeda-Einsatz in New York das beste Geschenk für die USA und das globale politische Establishment. Nur einige Wochen zuvor hatten 300.000 Menschen in Genua mit der bisher größten Demonstration gegen die Globalisierung der Wirtschaft die Stärke dieser Bewegung demonstriert, die mit Demonstrationen in Seattle, Washington DC, Chiang Mai, Prag, Nizza, Porto Alegre, Honolulu und Göteborg einen Erfolg nach dem andern erzielte. Die Proteste in Genua unterstrichen die Tatsache, dass die Legitimation der wichtigsten Institutionen zur Regulierung der Weltwirtschaft – des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Weltbank und der Welthandelsorganisation (WTO) – auf dem niedrigsten Punkt in ihrer Geschichte angelangt war. Das gleiche gilt für die gesamte Lehre von Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung, die in der Rubrik neoliberale Wirtschaft oder "Washington Consensus" auftauchte. Dieser Verlust an Glaubwürdigkeit war durch eine Verkettung von Katastrophen einschließlich der Krise der asiatischen Finanzmärkte, der Strukturanpassungsmaßnahmen in Afrika and Südamerika, die einer Katastrophe im Zeitlupentempo gleichen, und der Ausweitung der Finanzkrise auf Russland und Brasilien und nun auch Argentinien hervorgerufen worden. Diese Krise der Legitimation der Schlüsselinstitutionen der kapitalistischen Globalisierung war besonders brisant, da sie sich mit einer tiefen Strukturkrise der Weltwirtschaft kreuzte. Die Hauptcharakteristika dieser Strukturkrise waren industrielle Überproduktion, wachsende Monopolisierung zum Ausgleich sinkender Profite und ungezügelte Spekulation auf den Finanzmärkten. Als sich Ende 2000 und Anfang 2001 industrielles Vermögen im Wert von 4.6 Billionen US-Dollar – was der Hälfte des Bruttoinlandsproduktes der USA entspricht – sozusagen in Luft auflöste, ging die sogenannte "New Economy" in einer Rezession unter. Die weltweite Ausdehnung und Tiefe der Rezession führten zu dem Ausdruck "synchronized downturn" (synchronisierte Abwärtsbewegung), womit ein Prozess beschrieben wird, der eben durch die von der weltweiten Liberalisierung von Handel, Investitionen und Finanzmärkten hervorgerufene größere Verzahnung und Integration der Wirtschaftssysteme verursacht wurde.

Kein Wunder also, dass der Wirtschaftswissenschaftler und Befürworter der Globalisierung C. Fred Bergsten angesichts der Tatsache, dass sich die Versprechen der Globalisierung auf Wohlstand, ein Ende der Armut und weniger Ungleichheit verflüchtigen, der Trilateral Commission (in den 70er Jahren von Rockefeller gegründeter Denkfabrik; d. Ü.) mitteilte, die Antiglobalisierungskräfte wären “in der Übermacht".

Zudem waren schon vor dem 1. September nicht nur die internationalen Finanz- und Wirtschaftsorganisationen von der Aushöhlung ihrer Legitimation geplagt worden, sondern auch die Regierungen des Nordens, speziell der Vereinigten Staaten. Immer mehr Amerikanern war bewusst geworden, dass ihre liberale Demokratie durch die Finanzpolitik der Wirtschaft so gründlich korrumpiert war, dass man sie besser als Geldherrschaft bezeichnet. Während der US-Präsidentschaftskampagne 2000 hatte Senator John McCain seine Wahlkampagne auf das Thema einer Reform des Wahlsystems unter der Kontrolle der Wirtschaft ausgerichtet, eine Idee, die in der Welt ihresgleichen sucht.

Die Tatsache, dass der vom Big Business bevorzugte Kandidat die Wahl durch die Wahlberechtigten verlor – und einigen Untersuchungen zufolge auch die durch die Wahlmänner – und trotzdem Präsident der mächtigsten freien Demokratie der Welt wurde, trug nicht dazu bei, die Glaubwürdigkeit eines politischen Systems zu stützen, das von vielen Beobachtern als sich schon im Zustand eines “kulturell bedingten Bürgerkriegs" zwischen Konservativen und Liberalen befindlich beschrieben wurde, eine Polarisierung, die das Land in zwei ungefähr gleiche Lager teilte.

DIE UMKEHRUNG DES SCHICKSALS

Während die Progressiven zwar das tiefe Gefühl von Ungerechtigkeit verstehen, das normale Menschen zu Terroristen macht, haben sie den Terror doch immer verurteilt, nicht nur, weil er das Leben Unschuldiger fordert, sondern auch, weil er das Tor für die Konterrevolution öffnet. Tatsächlich folgen die Ereignisse seit dem 11. September dem von der Geschichte vorgegebenen Manuskript.

Der Rauch hing immer noch dicht und beißend über den Ruinen des World Trade Centers, als der US-Handelsbeauftragte Robert Zoellick die Gelegenheit nützte, um die von der Wirtschaft gesteuerte Globalisierung wieder in Schwung zu bringen. Mit dem Argument, dass man als Gegenmittel zum dem der Weltwirtschaft am 11. September versetzten Schlag die Liberalisierung beschleunigen müsse, führten Zoellick, der EU-Handelskommissar Pascal Lamy und der Chef der Welthandelsorganisation Mike Moore den Angriff, mit dem die Entwicklungsländer dazu gedrängt wurden, auf dem Vierten Ministertreffen der WTO vergangenen November in Doha dem Start einer neuen Liberalisierungsphase für den Handels zuzustimmen. Mit der Erklärung von Doha wurde das Rad der Liberalisierung des Handels, das in Seattle zusammengebrochen war, wieder aufgestellt und in Bewegung gesetzt.

Auch IWF-Chef Horst Köhler und Weltbankpräsident Jim Wolfensohn betrachteten den Krieg als eine Gelegenheit, die Krise ihrer Institutionen in ihr Gegenteil zu verkehren. Ohne zu Zögern half Köhler, den Internationalen Währungsfond zu einem Schlüsselelement für Washingtons umfassendes Programm für strategisch wichtige Staaten wie Pakistan und Indonesien zu machen, während er ein strategisch unwichtiges Land wie Argentinien, das kurz vor dem Bankrott steht, in der Luft hängen ließ. Jim Wolfensohn, dessen Präsidentschaft und Institution durch Kritik von links und von rechts in die Zange genommen wurde, benützte seinerseits den 11. September, um sein Institut als Schlüsselpartner des Pentagon im Krieg gegen den Terrorismus ins Spiel zu bringen, indem er die Rolle des “Weichen" einnahm, der sich um die den Terrorismus hervorbringende Armut kümmert, während das Pentagon die Rolle des "Harten" spielt, der die Terroristen in die Luft jagt.

Um auf die Krise der US-Regierung zurückzukommen: Der 11. September machte George W. Bush von einem Minderheitspräsidenten, dessen Partei die Kontrolle über den Senat verloren hatte, zum wohl mächtigsten Präsidenten der USA der jüngsten Zeit – mit einer allgemeinen Zustimmungsrate von 86 %, gemäß einer vor kurzem durchgeführten Umfrage der New York Times. Fast acht von zehn Amerikanern unterstützen seine Politik, dass Nichtstaatsangehöroge, die der Gefährdung der nationalen Sicherheit verdächtigt werden, auf unbegrenzte Zeit inhaftiert werden können, und sieben von zehn sind dafür, dass die Regierung die Gespräche zwischen Mandant und Rechtsanwalt abhört.

Die Liberalen sind völlig eingeschüchtert. Stillschweigend stimmte die liberale Harvard-Koryphäe Laurence Tribe der Einrichtung von Militärgerichten und unbefristeten Inhaftierung von über 1200 Leuten zu, während sich sein nicht minder berühmter Kollege Alan Dershowitz laut einem Bericht von The Nation "dahingehend geäußert hat, dass die Anwendung von Folter gerechtfertigt sein könnte, so lange sie durch eine entsprechende Vollmacht genehmigt ist." Selbst Richard Falk von der Universität Princeton, eine Ikone des Linksliberalismus, fühlte sich zunächst gezwungen, Bushs Krieg als “gerechten Krieg” zu rechtfertigen, doch in der Zwischenzeit hat er dies zurückgenommen – Gottseidank!

VON LOCKE ZU HOBBES

Der Schaden sowohl an der politischen Psyche wie am politischen System Amerikas kann weitreichend sein. Die Amerikaner haben sich oft der Tatsache gerühmt, ein politisches System zu haben, das dazu da sei, gemäß den Ideen John Lockes und Thomas Jeffersons die größtmögliche individuelle Freiheit zu garantieren und diese zu schützen. In den letzten Wochen wurde aber diese sich auf Locke und Jefferson stützende Tradition ohne Skrupel über Bord geworfen, als die Amerikaner von der Regierung gezwungen wurden, ihr neue ausgedehnte Macht über den Einzelnen zu geben, alles, um Ordnung und Sicherheit zu garantieren. Statt in die Zukunft zu blicken, lässt sich Amerikas Demokratie mit beschränkter Haftung nun nicht mehr von den Ideen eines Locke aus dem 17. Jh. inspirieren, sondern von denen Hobbes aus dem 16. Jh. Hobbes vertritt in seinem Hauptwerk Leviathan den Standpunkt, dass die Staatsbürger einem Staat, der ihnen Sicherheit an Leib und Leben garantiert, uneingeschränkte Loyalität schulden.

Die kürzlich gemachte Bemerkung des Generalstaatsanwalts John Ashcroft, die Kritiker der Sicherheitsmaßnahmen der Bush-Regierung seien Händler in Sachen Angst, “die friedliebende Menschen mit Geschichten über verlorene Freiheiten erschrecken [und] Terroristen unterstützen”, zeigte das ganze Ausmaß des ungestraften Angriffs gegen traditionelle Freiheiten. Dass die liberalen demokratischen Senatoren, an die er diesen Satz während eines Hearings im Senat richtete, keinen Widerspruch wagten, zeigt, wie geschickt die Konservativen den Kampf gegen den Terrorismus benutzen, um den wirklichen Krieg zuhause zu gewinnen, nämlich den Krieg gegen die Liberalen und Progressiven.

DER KAMPF UM DIE ZUKUNFT

Die Antiglobalisierungsbewegung, die sich vor dem 11. September im Aufschwung befunden hatte, ist verzweifelt darum bemüht, wieder in Schwung zu kommen. Drei Entwicklungen sind hier besonders bedrohlich: Erstens hat die Polizei, nachdem sie für ihre agent provocateur-mäßige Taktik in Genua an den Pranger gestellt worden war, in dem durch eine größere öffentliche Akzeptanz der Einschränkungen grundlegender politischer Rechte charakterisierten neuen Kontext ihr Selbstvertrauen wiedergewonnen. Diese neue Aggressivität der Polizei wurde während des jüngsten IWF- und Weltbanktreffens vom 18. – 19. November in Ottawa unverhüllt zur Schau gestellt, als kanadische Polizei in voller Kampfmontur vor den Augen der Presse, ohne jegliche Provokation über eine friedliche Antiglobalisierungsdemonstration herfiel und junge Protestierer festnahm, Protestierer, die nichts anderes taten als friedlich zu marschieren. Zweitens ist die Definition für “Terrorist”, wie sie in europäischen und amerikanischen Gesetzen verwendet wird, so vage, dass sie auch auf gewaltfreie Gruppen angewendet werden kann, deren Mittel ziviler Ungehorsam ist, eine wichtige Waffe der Bewegung, oder auf Gruppen, die, sozusagen symbolisch, Gewalt gegen Sachen anwenden, durch die aber keine Personen verletzt werden.

Drittens erfordern die großen Antiglobalisierungsaktionen, dass hunderttausende von Leuten Grenzen überschreiten müssen, was nun durch die Anwendung der neuen Gesetze leicht verhindert werden kann, Gesetze, die willkürliche Befragung, Festnahme, Ausweisung oder Verweigerung der Einreise für Ausländer auf den bloßen Verdacht hin, Terroristen zu sein, diese zu unterstützen oder zu ihnen zu gehören, kurz, jeder, der irgendwie mit Terrorismus in Verbindung gebracht werden kann, legalisieren.

All dies lässt die Begeisterung für Massenproteste abkühlen, und die Regierungen und dominierenden Medien sind nur zu glücklich darüber, dass sich die digitalen Bilder von Terroranschlägen im öffentlichen Bewusstsein mit dem militanten, aber friedlichen zivilen Ungehorsam der Antiglobalisierungsaktivisten vermischen.

DARTH VADER ODER LUKE SKYWALKER?

Washington genießt seinen Triumph. Aber während es sich als das Amerika, das in der Person des Luke Skywalker das afghanische Volk von der unterdrückerischen Herrschaft der Taliban befreit, darstellen möchte, wird es in großen Teilen der Dritten Welt, wie John Lloyd von der Financial Times zeigt, eher als der böse Darth Vader, Lukes Gegenspieler, gesehen. Tatsächlich wird dies durch die amerikanische Kriegsführung mit ihrem todbringenden Regen aus einer unsichtbaren, entfernten Hand verstärkt. Das war ein äußert unpersönlicher und Furcht erregender Krieg. John Barry, Korrespondent von Newsweek, hatte sicherlich recht, als er sagte, dass “die Amerikaner”, mit ihrer zermürbend genauen Bombenkampagne, “vielen Taliban wie Wesen von einem anderen Planeten irgendwo dort weit draußen, am Himmel oder hinter dem Horizont erschienen sein müssen, unvorstellbar mächtig." George Lucas hätte kein besseres Drehbuch für das zurückschlagende Imperium schreiben können als den Afghanistankrieg.

Eines ist jedoch sicher: Imperien bringen immer Widerstand hervor. Man kann tatsächlich behaupten, dass sich die strategische Situation im Nahen Osten und Südasien für die USA durch diesen Konflikt verschlechtert hat, auch wenn sie möglicherweise einen anderen Kampf gewonnen haben. In Pakistan liegt nun eine fundamentalistische Regierung im Bereich des Möglichen. Die von Washington unterstützte feudale saudiarabische Elite ist mehr denn je von den Massen isoliert, eine nicht unerhebliche Anzahl saudischer Jugendlicher betrachtet bin Laden offensichtlich als einen Helden, der sich den USA entgegenstellt, den USA, die wohl letzten Endes als eine Polizeitruppe dienen werden, die die Elite vor dem eigenen Volk rettet. Aufgrund der Bombardierung Afghanistans und der offensichtlichen Bevorzugung Israels durch die Regierung Bush nistet sich vom moslemischen Nordafrika bis zum moslemischen Indonesien ein tiefer Zorn gegen die USA und den Westen ein und bereitet so einen fruchtbaren Boden für die Ausdehnung von Bewegungen, die den mit den USA alliierten Regimen die Macht zu entreißen suchen.

Was wird der entscheidende Faktor in diesem epochalen Kampf um Freiheit, Gerechtigkeit und Souveränität der Völker des Südens gegen das Imperium sein, neueste Technologie oder Volksbewegungen? Wird es ein Ende geben wie in Afghanistan oder wie in Vietnam? Wer wird überleben, Darth Vader oder Luke Skywalker? Diese Fragen sind noch nicht entschieden, und das Ergebnis wird noch einige Zeit auf sich warten lassen.

Um auf die Antiglobalisierungsbewegung zurückzukommen: der 11. September könnte sich als zeitweiliger Rückschlag herausstellen, aus dem sie aber gestärkt hervorgehen kann. Die massenhaften Demonstrationen parallel zu den großen Treffen der Spitze der Globalisierung, wie den IWF- und G-8-Treffen, sind an die Grenzen ihrer Effektivität gestoßen, was die Bewegung zu innovativen Herangehensweisen veranlassen kann, die Massenproteste, juristische und parlamentarische Strategien vereinen. Wenn es in der Situation nach dem 11. September tatsächlich ein Hoffnungsschimmer gibt, dann ist es die Tatsache, dass drei Bewegungen, die bisher voneinander unabhängig agiert haben – die Friedensbewegung, die Menschenrechtsbewegung und die Antiglobalisierungsbewegung – nun eine engere Zusammenarbeit wichtig finden. Das ist eine mächtige Allianz, die sehr wohl dazu beitragen kann, auf mittlere und lange Sicht das Kräfteverhältnis zu ändern, auch wenn sich die ausschließenden, marginalisierenden, repressiven Kräfte des globalen Systems unaufhaltsam durchsetzen. Die Hüter und Propagandachefs des Imperiums rufen den Sieg zu früh aus. Und um bei dem Bild aus dem 2. Weltkrieg zu bleiben, das George W. Bush, Donald Rumsfeld und John Ashcroft zur Zeit so gerne verwenden: Leute, wir befinden uns nicht im Jahr 1945, sondern im Jahr 1941.

* Dr. Walden Bello ist der Leiter von Focus on the Global South in Bangkok, Thailand, und Professor der Soziologie an der University of the Philippines.

Orginalartikel: -
Übersetzt von: Eva-Maria Bach
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