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Die amerikanischen Wirtschaftsrezepte scheitern weiterhin in Lateinamerika

von Mark Weisbrot

25.04.2003 — ZNet

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Angesichts dessen, dass der Irak aus dem Zentrum der Medienberichterstattung langsam zurückweicht, wendet die Bush Administration einen Teil ihrer Aufmerksamkeit unserem traditionellen "Hinterhof", Lateinamerika, zu. Der amerikanische Finanzminister John W. Snow beendete vor kurzem seine Reise nach Brasilien, Ecuador und Kolumbien.

In den Washingtoner Kreisen wird diese Aufmerksamkeit als eine positive Entwicklung betrachtet. Es ist trotzdem überwiegend anerkannt, dass unsere Regierung keine andere Politik gegenüber Lateinamerika besitzt als jene, die sich mit Drogen und Terrorismus beschäftigt, und dass dies nicht die beste Art ist, um sich Freunde zu machen.

Die Anti- amerikanischen Ressentiments (Groll, Abneigung) in Lateinamerika sind stärker als zu jener Zeit, als Präsident Richard Nixon seine gutmütige Südamerika Tour aufgrund von Krawallen abbrechen musste. Der Krieg in Irak ist immens unbeliebt und lässt viele LateinamerikanerInnen darüber nachgrübeln, wer der nächste auf Washingtons Hitliste sein könnte.

Zu Hause angekommen weisen sie in immer größer werdenden Zahl den "neoliberalismo" zurück, das ökonomische Experiment, das ihre Regierungen - auf Washingtons Drängen hin - in den vergangenen zwei Jahrzehnten übernahmen. In Bezug auf das Scheitern dieses Experiments, bestehend aus einer wahllosen Öffnung für den ausländischen Handel und Investitionsfluss, breit angelegten Privatisierungen und der im Großteil vollständigen Umsetzung der nicht erfolgreichen makroökonomischen1 Politik des IWF (Internationaler Währungsfonds), kann es keinen Zweifel geben.

Über die gesamte Periode von 1980 bis 2000 wuchs das pro Kopf Einkommen nur um sieben Prozent. In den vorexperimentellen Jahren von 1960 bis 1980 stieg es um 75 Prozent. Und angesichts dieser Tatsachen bedarf es wirklich keines statistischen Tests, um festzustellen, dass etwas ziemlich schiefgelaufen ist.

Die ersten Jahre des 21sten Jahrhunderts wirken ebenso wie der Anfang eines weiteren "verlorenen Jahrzehnts". Der Abschwung in den Jahren 2001 und 2002 war der Gravierendste in Lateinamerika in fast zwei Jahrzehnten. Die gegenwärtige Erholung ist zudem saft- und kraftlos: der IWF sagte ein regionales Wachstum von 1,5% pro Jahr voraus, was zum Stillstand des pro Kopf Einkommens - das den Ausschlag für den Lebensstandard gibt - für das Jahr 2003 führte.

Und angesichts der Schwäche der amerikanischen Wirtschaft - inklusive einer 3 Billionen Dollar großen Immobilienblase, aus der noch die Luft gelassen werden muss - könnten die Dinge einen noch schlechteren Ausgang nehmen. Knapp zwei Drittel der lateinamerikanischen Exporte gehen in die USA, so dass eine Rezession (wirtschaftliches Tief im Konjunkturzyklus) unserer Wirtschaft die restlichen amerikanischen Staaten mit herunter zöge.

Die LateinamerikanerInnen sind in wachsender Zahl zu den Wahlurnen und auch auf die Straßen gegangen, um effektivere und fairere Wirtschaftspolitik einzufordern. Die Wahlen populistischer Präsidenten wie Hugo Chávez in Venezuela 1998 und 2000 sowie Luis Inacio Lula Da Silva in Brasilien (vergangenen Oktober) und Lucio Gutierrez in Ecuador (November) sind mitunter das Ergebnis dieser Rebellion.

Washington weigert sich anzuerkennen, dass jedwede Art ihrer Wirtschaftspolitik fehlgeschlagen ist, und da das amerikanische Finanzministerium den IWF kontrolliert - der einem Kreditgeberkartell vorsteht, mit dem der Großteil der Entwicklungsländer auskommen muss - besitzt es einen enormen Einfluss auf die wirtschaftlichen Entscheidungen in der gesamten Region.

Der Slogan, den unsere Regierung scheinbar nichtsdestotrotz auserkoren hat, lautet: "Nicht einen Schritt zurück." Finanzminister Snow pries Brasilien während seiner Reise für die außergewöhnlich straffe Geld- und Finanzpolitik: die Zinssätze für kurzfristige Kredite sind von der Zentralbank auf 26,5 Prozent hinauf gesetzt worden und die Regierung erwirtschaftete ein großes Plus (vier Prozent des Bruttoinlandsprodukts) im Hauptetat. (Plus im "Hauptetat" deshalb, weil die Schuldenzahlungen nicht im ihm enthalten sind.) Es ist unter diesen Bedingungen unwahrscheinlich, dass die Wirtschaft wachsen wird und es wird infolge dieser Situation schwer, wenn nicht gar unmöglich, die sozialen Verbesserungen zu retten, für die Millionen BrasilianerInnen gestimmt haben.

In Argentinien hat der IWF kürzlich ein Abkommen unterschrieben, das dazu führen könnte, dass die langsame Erholung nach der schwersten Wirtschaftskrise in der argentinischen Geschichte - die selbst überwiegend ein Produkt der IWF Politik gewesen ist - schnell wieder abstirbt. Trotzdem verschreibt der IWF weiterhin dieselbe Medizin finanz- und geldpolitischer Einschränkung.

Andere Aspekte der amerikanischen Außenpolitik haben zudem tiefen Groll in Lateinamerika hervorgerufen. Die Unterstützung der Bush Administration für einen militärischen Coup in Venezuela im vergangenen April gegen die demokratisch gewählte Regierung Venezuelas erinnerte an die schlimmsten Skandale des Kalten Kriegs. Das scheint - zumindest in den meisten politischen Kreisen - als ein Fehler beurteilt zu werden. Das langfristige Scheitern der Washingtoner Wirtschaftspolitik, die fast der gesamten Region geschadet hat, wird allerdings nicht in diesem Licht betrachtet. Und bis sie endlich geändert wird, verschlechtert sich unser Ruf bei unseren südlichen Nachbarn weiterhin.

Fussnoten

1 Makroökonomie: Teil der Wirtschaftstheorie, der gesamtwirtschaftliche Zusammenhänge analysiert indem gesamtwirtschaftliche Größen zusammengefasst (aggregiert) werden Solche zusammengefassten Größen (Aggregate) sind z.B. die Unternehmen, die haushalte, etc.. Teilbereiche der Makroökonomie sind z.B.: Kreislauf-, Konjunktur- und Wachstumstheorie.

Übersetzt von: Christian Stache
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