Die angebliche Testosteron-Gefahr - Schnittstelle zwischen Soziobiologie und National Security
von Betsy Hartmann
20.11.2005 — ZNet Kommentar
Dass in Indien und China Söhnen der Vorzug gegeben wird beziehungsweise die weitverbreitete Praxis der selektiven Abtreibung weiblicher Föten hat dazu geführt, dass in diesen beiden Ländern die Ratio weiblich-männlich immer mehr aus den Fugen gerät. Sicher ein sehr ernstes Problem, mit vielen negativen Folgen, vor allem für Frauen und Mädchen, aber ist es deswegen gleich eine Bedrohung für unsere nationale Sicherheit oder für die globale Sicherheit?
In ihrem Buch 'Bare Branches: The Security Implications of Asia's Surplus Male Population' (bei MIT press jetzt auch als Taschenbuch) behaupten die Autorinnen Valerie M. Hudson und Andrea M. den Boer genau dies. Das Buch findet vor allem in Akademiker- und Politikerkreisen reißenden Absatz. Die Argumente der beiden Autorinnen stoßen aber auch bei Medien-Pundits und selbst in der CIA auf Interesse. "Frauenthemen wurden in Sicherheitsstudien lange ignoriert, im 21. Jahrhundert aber könnten sie zur zentralen Frage für die Sicherheitsexperten werden", schreibt das Autorinnen-Duo. Falls das auf 'Bare Branches...' zutrifft, haben wir ein Problem. Nicht nur, dass das Buch hoch problematische Geschlechterstereotypen bedient, es begründet seine Analysen auch noch in erster Linie über soziobiologische Erklärungsansätze zum Unterschied zwischen Mann und Frau. Dies hilft auf der anderen Seite natürlich, grobe sozio-ökonomische Unterschiede zwischen Mann und Frau als etwas Natürliches zu legitimieren. Politischer Widerstand und Migration werden pathologisiert.
Zentrale These des Buches: Herrscht in der Bevölkerung eines Landes ein beträchtlicher Überschuss an jungen, unverheirateten Männern, stellt dies ein potentielles Sicherheitsrisiko dar. Der Ausdruck 'bare branches' (nackte Äste) kommt aus dem Chinesischen. Mit dieser Bezeichnung sind alleinstehende Männer ohne Partnerin und ohne Nachkommenschaft gemeint. 'Bare branches' seien überproportional oft arm, ungebildet und unstet. Vor allem aber neigten sie zu Gewaltverbrechen, zu Drogenmissbrauch und kollektiven Aggressionsausbrüchen. Um ihrer Herr zu werden, würden sich die Regierungen zunehmend autoritär gebärden. Im Innern werde die Gewalt unterdrückt, während man sie in andere Länder exportiere - Kolonialisierung, Kriege (siehe China). Ethnisch inhomogene Länder wie Indien seien potentiell anfällig für bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen, die sich gegen Minderheiten richteten. Anders ausgedrückt, hinter den Gewaltausbrüchen gegen die indischen Muslims hätten die 'nackten Äste' gesteckt und weniger die hinduistische Rechte mit ihren faschistoiden Organisierungsstrategien. Um nicht ganz so deterministisch zu wirken, relativieren die Autorinnen ihre Metapher wieder: Nein, "die bloße Existenz nackter, ausgedörrter Äste führt noch nicht zum Brand. Aber bei einem Funkenflug könnten diese Äste das Feuer nähren und so die Funken in Flammen verwandeln."
'Bare Branches...' ist die neue Variante des alten Themas der angeblich "überzähligen Jugend", "Demographie als Schicksal". Man erinnere sich an jene nationale Sicherheitstheorie, die Mitte der 80ger Jahre vor allem in amerikanischen Geheimdienstkreisen und im US- Verteidigungsministerium im Schwange war und die selbst heute noch häufig zum Einsatz kommt, wenn es gilt, die gewalttätigen Konflikte im Nahen/Mittleren Osten oder in Afrika zu erklären. Laut dieser Theorie macht ein "Überhang" an jungen Menschen ('youth bulge') ein Land anfälliger für politische Instabilität - falls die Jungen mehr als 20 Prozent der Bevölkerung stellten. Vor allem die jungen arbeitslosen Männer innerhalb dieser überrepräsentierten jungen Generation wären leicht von Terroristen zu rekrutieren, heißt es. Nach dem 11. September, so Anne Hendrixson, habe folgende duale Vorstellung die Young-bulge-Theorie bestärkt: Auf der einen Seite entstand das Bild vom zornigen jungen Mann mit dunkler Hautfarbe, ein potentieller Terrorist, auf der anderen das der verschleierten jungen Frau, Sinnbild eines repressiven Regimes. "Dies symbolisiert die doppelte Bedrohung - durch explosive Gewaltbereitschaft einerseits und explosive Fertilität andererseits - und ist die Grundlage für offensichtlich rassistisch und sexistisch angehauchte Erklärungsversuche für fortdauernde US-Militärinterventionen oder für von Amerika geförderte Initiativen zur Geburtenkontrolle in anderen Ländern" (Anne Hendrixson 'Angry Young Men, Veiled Young Women: Constructing a New Population Threat', The Corner House, Dezember 2004, www.thecornerhouse.org.uk).
Das Buch 'Bare Branches...' geht um einiges weiter als die Theorie vom 'Jugendüberhang'. Es greift auf soziobiologische Überlegungen zum Thema Mann zurück, beschreibt das männliche Fortpflanzungsverhalten als Glied in einer evolutionären Kette entsprechender Verhaltensweisen in der Tierwelt - siehe das Fortpflanzungsverhalten der Affen, ja selbst der Singvögel. Der 'T'-Spiegel sagt alles, heißt es. Bei verheirateten Männern sei der Testosteronspiegel wesentlich niedriger als bei den 'nackten Ästen'. Daraus schließen die Autorinnen: "Je mehr Männer ohne Heiratschancen sind, in deren Kreislauf viel Testosteron zirkuliert, desto mehr gewalttätiges und asoziales Verhalten werden diese Männer zeigen" (interessanterweise vermeiden die Autorinnen das Thema Gewalt in der Ehe). Unbekümmert betonen sie, Männer mit niedrigem Sozialstatus begingen mehr Verbrechen als Männer mit hohem Sozialstatus. (So? Was ist dann mit Bush, Cheney, Rumsfeld oder mit Osama bin Laden, der ja aus einer reichen saudischen Familie stammt?) Um ihre Aussage zu belegen, zitieren die Autorinnen aus einer Studie, der gemäß arbeitslose Männer den höchsten Testosteronspiegel aufweisen. Untersucht wurden Männer, die nach Berufsgruppen geordnet waren.
Die Autorinnen berufen sich zudem auf Christian Mesquida und Neil Wiener, beides Forscher an der New York University. Sie behaupten, die "verbündete Aggression" junger Männer sei als genetischer Vorteil zu werten - nämlich um an Ressourcen zu kommen, die nötig seien, um eine Partnerin anzulocken. Fazit: Je höher der Anteil junger Männer in einer Bevölkerung, desto höher das Risiko für Konflikte und Krieg. Auch in Sicherheitskreisen nimmt man die Mesquida-Wiener-Theorie inzwischen ernst. Im Jahr 2001 sprach Neil Wiener bei einem Symposium des renommierten Woodrow Wilson Center in Washington vom Krieg als einem "natürlichen Phänomen, das der menschlichen Natur entspricht und Teil der menschlichen Natur ist". Mesquida zeigte Bilder von Aufständischen aus mehreren Ländern. Allen war gemein, dass es sich um junge Männer handelte. "Wir sehen Somalis, in Wirklichkeit sollten wir (nur) junge Männer sehen" (Woodrow Wilson Center, Environmental Change and Security Project Report, No. 7, 2001).
Biologistischer Determinismus dieser Art fördert Geschlechterstereotypie - nicht nur im Hinblick auf das männliche Geschlecht: Frauen seien im Vergleich zu Männern das schwächere, passivere Geschlecht. Heterosexualität wird gestärkt. Das Ganze wirkt andererseits aber auch auf der subtilen ideologischen Ebene und liefert die natürliche, rationale Erklärung für Klassenunterschiede bzw. für 'Überlegenheit' im Neoliberalismus. Die Autorinnen von 'Bare Branches...', Hudson und den Boer, gewähren uns einen tiefen Einblick in ihre politischen Karten, wenn sie schreiben, eine Nivellierung des sozio-ökonomischen Unterschieds könnte bei mittellosen jungen Männern zu einer Reduzierung ihrer negativen Gefühle beitragen und so die innergesellschaftliche Gewalt reduzieren. Aber leider, so die Autorinnen, sei "diese Option in der freien Marktwirtschaft praktisch nicht zu realisieren". Damit wir uns nicht allzu schlecht fühlen, wird hinzugefügt, selbst wenn die Einkommensunterschiede nivelliert würden, wäre da ja immer noch das Problem der überzähligen Männer, die keine Frau finden, wir erinnern uns. Lieber treten die Autorinnen für ein paar gezielte soziale Auffangnetze ein - ganz à la Weltbank.
Eine der problematischen unterschwelligen Botschaften dieses Buches lautet: Fürchtet euch vor dem Volkswiderstand gegen soziale und ökonomische Ungerechtigkeiten. So etwa werden Migranten ständig als "Durchreisende" (transients) beschrieben und pathologisiert. Vor solchen Leuten müsse man sich besonders in Acht nehmen. Chinesische 'transients' beispielsweise wiesen einen hohen Testosteronspiegel auf - bei gleichzeitig miesen Lebensgewohnheiten. Diese Leute hatten die Frechheit zu streiken oder mit anderen Formen des Protests gegen ihre Arbeitsplatzproblematik vorzugehen. Dieses "disruptive Verhalten" der 'nackten Äste' sei eine Gefahr für die bestehende soziale Ordnung.
Wie nachhaltig der Erfolg von 'Bare Branches...' in amerikanischen Sicherheitskreisen im Endeffekt sein wird, bleibt abzuwarten. Das Buch ist konservativ, aber es spielt andererseits den Interessen von Liberalen in die Hände, die sich über das leider sehr reale Problem des Missverhältnisses zwischen Jungen und Mädchen in Asien Sorgen machen. Und genau das ist die Gefahr. Ein solches Buch könnte - im Namen der Frauenrechte - eine zusätzliche Legitimierung liefern für die fortgesetzte Stereotypisierung der jungen männlichen Bevölkerung des globalen Südens bzw. für die fortdauernde Stereotypisierung der Migranten im globalen Norden, es könnte legitimieren, dass diese Gruppen zu Sündenböcken gemacht werden. Allein schon der Begriff 'nackte Äste' ist zutiefst menschenverachtend. Die jungen Männern werden sowohl ihrer Identität als auch ihre Mündigkeit beraubt. Ihr Verhalten sei allein testosterongesteuert.
Über Entmenschlichung dieser Art legitimiert sich häufig staatliche Gewalt. Während der Unruhen in Frankreich hatte der französische Innenminister Nicolas Sarkozy die jungen Männer, die sich daran beteiligten, als "Gesindel" (la racaille) bezeichnet. Der Ausdruck 'la racaille' ist negativer als "Pack". Er suggeriert, dass es sich bei den jungen Männern um subhumane, zutiefst kriminelle und bösartige Individuen handle. Sarkozy sagte, er wolle diese Leute "karcherisieren" (Karcher ist der Markenname eines Sandstrahlgebläses - Anmerkung d. Übersetzerin) - dass er sie quasi wie mit einem Sandstrahler bzw. mit Wasserwerfern aus der französischen Gesellschaft hinwegfegen wolle. "Wenn man einen solchen Begriff auf junge Menschen anwendet und dies auch noch als Strategie ausgibt, ist dies eine verbal-faschistische Beleidigung, und wenn es sich auch noch um den politischen Vorschlag eines Innenministers handelt, kommt dies der lauten Propagierung einer "ethnischen Säuberung" so nahe wie nur möglich, ohne den Begriff selbst auszusprechen", schreibt Doug Ireland ('Why is France Burning?', Doug Ireland vom 6. November 2005 www.direland.typepad.com).
Oder blicken wir nach Tschetschenien. Die International Helsinki Federation wirft der russischen Armee vor, in Tschetschenien junge Männer zu entführen und zu ermorden. Von einem gezielten Prozess zur "Ausdünnung der jungen Männer in der Bevölkerung" ist die Rede. In Indien kämpfen viele progressive Aktivisten gegen die Bevorzugung männlicher Geburten, gegen geschlechtsspezifische Selektion und eine Politik der Geburtenkontrolle, die beides fördert. Dies alles stelle einen Verstoß gegen die Rechte der Frauen und Mädchen dar. Diese Aktivisten greifen nicht zu gefährlichen Begriffen wie 'bare branches' und bedienen auch keine diffusen National-Security-Ängste. Ihr Kampf verdient internationale Unterstützung. Zu dieser Unterstützung gehört auch, dass wir die theoretischen Grundlagen dieses irritierenden Buches offen anprangern.
Betsy Hartmann hat gemeinsam mit Banu Subramaniam und Charles Zerner ein Buch herausgegeben: 'Making Threats: Biofears and Environmental Anxieties' (erschienen 2005 bei Rowman and Littlefield) B. Hartmann leitet das 'Population and Development Program' am Hampshire College von Amherst, Massachussettes.
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