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Die cubanische Revolution

50 Jahre nach Moncada

von Saul Landau

18.08.2003 — ZNet

— abgelegt unter:
“Die cubanische Revolution ist fehlgeschlagen, sie ist mit den Nerven am Ende. Dauerherrscher Fidel Castro ist krank und leidet an einem Machtkomplex. Er und sein Regime werden bald zusammenbrechen. Demokratie und der freie Markt werden nach Cuba zurückkehren, um die Menschen wieder glücklich zu machen.”

Dies war die Nachricht der Mainstreammedien anlässlich des 50. Jahrestages des vom 26 Jahre alten Fidel Castro angeführten Angriffs auf die Moncada- Kaserne, die Armeebaracken in Santiago de Cuba, am 26. Juli 1953.

The Economist (2.August 2003) attestierte Fidel “eine zunehmende Ähnlichkeit mit einem karibischen König Lear (britischer Sagenkönig; Held eines Trauerspiels von Shakespeare). Obwohl er viele Gegner überlebt hat, sucht er fleißig neue. Vielleicht hat er deshalb nicht mehr viel außer seinem Überleben zu feiern”.

“Viele arme CubanerInnen profitieren ein wenig von der radikalen Gleichheit der Revolution”, führt The Economist mit geringen Kenntnissen und einem höhnischen Schreibstil weiter aus, “insbesondere von den Errungenschaften im Gesundheits- und Bildungssystem. Die Kindersterblichkeit ist in ganz Lateinamerika die Niedrigste und vergleichbar mit den Zahlen aus den USA. Dennoch werden diese Gewinne nur zu einem hohen Preis, dem Verlust der menschlichen Freiheit und der sowjetischen Subventionen, erzielt.”

Hat The Economist etwa vergessen, dass Castros Vorgänger Fulgencio Batista ein repressives (unterdrückendes) Regime angeführt hat? Tatsächlich stand Cuba in der Geschichte hauptsächlich unter spanischer Herrschaft. Dann, nach 1898 intervenierten (eingreifen) die Vereinigten Staaten drei Mal in Cuba. Friedensperioden waren rar und kennzeichneten sich durch ein dramatisches Maß an Korruption.

Castro solle die Schmach auf sich laden, sich an den Dollar zu verkaufen, “um sein Regime auf Kosten der Prinzipien zu erhalten”, fordert The Economist. In der Tat, so schlussfolgert der/die AutorIn des Artikels, “trennen Herrn Castros Revolution und die Massenarmut nur noch die Überweisungen von über 1,2 Millionen U.S. Dollar der CubanerInnen, die in den USA leben, und der InvestorInnen sowie der TouristInnen aus der EU, deren Regierungen er nun verabscheut.”

Milliarden U.S. Dollar werden allerdings auch monatlich auf die Konten Indiens, Pakistans, Mexikos, der Philippinen und zahlreicher anderer Staaten überwiesen, deren Wirtschaften die vernichtenden Nachwirkungen der Jahrhunderte langen kolonialen Ausbeutung und Plünderung ertragen müssen. In großen Teilen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas mündete das vom Internationalen Währungsfonds (IWF) geförderte freie Marktwirtschaftsmodell, das The Economist favorisiert, in verheerende Desaster. In dem erst vor kurzem bankrott gegangenen Argentinien leben knapp 70% der Bevölkerung in Armut.

Die AutorInnen hätten allerdings auch Castro loben können, die Judopolitik genutzt zu haben, um den Wohlstand der emigrierten CubanerInnen in bares Geld der cubanischen Nationalbank zu verwandeln. Selbst die fanatischsten CastrogegnerInnen tragen ihren Teil zum cubanischen Außenhandel bei, wenn sie ihren Familien Geld auf die Insel schicken.

Castros politische Version der asiatischen Kampfsportarten hatte zudem den Export seiner politischen Gegner zur Folge – warum dachte Machiavelli nicht daran? – so dass sie nun in den Vereinigten Staaten und nicht auf der Insel Ärger machen. Anstatt die KritikerInnen die harten Fakten der Beziehungen zwischen den USA und Cuba betrachten, wiederholen sie abgedroschene Redewendungen wie “Errungenschaften im Bildungs- und Gesundheitssystem auf Kosten der Freiheit”. The Economist verfällt sogar dem absehbaren Trott, die Wirtschaft Cubas mit der der Vereinigten Staaten zu vergleichen – der Staat, der Cubas Reichtum mehr als ein halbes Jahrhundert lang abgesaugt hat, und dessen Wirtschaft nun wirklich kaum Ähnlichkeit mit der irgendeines Landes der Dritten Welt hat.

Die unterschwellige Aufforderung des The Economist: “Werd´ modern, Fidel. Lass die cubanischen ArbeiterInnen sich an 30 Cents pro Stunde erfreuen, für die sie in Maquiladoras arbeiten. Lass die transnationalen Konzerne eure Ressourcen aufsaugen und den IWF und/oder die Weltbank die Kontrolle über den Staatsetat übernehmen! Oder du wirst zusammenbrechen!”

Solch einen “logischen Havanajournalismus” gibt es noch immer. Das Drama der CubanerInnen, die im Juli in einem alten, zu einem Boot umfunktionierten Chevy versuchten, die Küste Floridas zu erreichen, rief prompt den Miami Herald auf den Plan, der sofort seinen Sprechgesang über verzweifelte CubanerInnen wiederholte, die “ihr Leben für die Freiheit riskieren”. Allerdings wurden die täglichen Reisenden aus Mexiko, Haiti, Dominica, China und Zentralamerika nicht erwähnt, die ihr Leben auf´s Spiel setzen, um in die USA einreisen zu können. Sie kommen, wie die CubanerInnen, hierher, weil auch sie ein besseres Leben wollen, an das sie durch die weltweite Werbung unaufhörlich erinnert werden.

Die BerichterstatterInnen vergleichen Cuba nur selten mit seinen Nachbar- oder anderen Staaten der so genannten Dritten Welt, von denen große Teile der Bevölkerung in die Vereinigten Staaten emigrierten – wenn es nur möglich wäre. Bezüglich Cubas verwechseln die ReporterInnen häufig Frustration oder den Wunsch auszureisen mit einem sofortigen Regimekollapse. 1992 gewann der Pulitzerpreisträger Andres Oppenheimer mit seinem bekannten Buch “Castro´s Final Hour” (zu dt.: Castros letzte Stunde) einen Platz in der Ruhmeshalle der ProphetInnen. In seinen Kolumnen für den Miami Herald doziert er noch heute über die geeignetsten Wege, die cubanische Revolution zur Strecke zu bringen.

Ich sage, die cubanische Revolution war ein Erfolg. Achten Sie auf das Imperfekt/Präteritum. Von 1959 bis in die 80er Jahre erreichte sie ihre Hauptziele: Souveränität und Unabhängigkeit sowie eine gerechte Verteilung des Einkommens und die Förderung sozialer Gerechtigkeit. Dank der Revolution verwandelte sich Cuba 1958 von einer inoffiziellen U.S. amerikanischen Kolonie in eine stolze Nation. In den 1970ern und 80ern beteiligten sich cubanische Truppen an Auseinandersetzungen in Angola, die die Geschichte Südafrikas veränderte.

Wie viele Inselvölker ohne strategisch wichtige Ressourcen standen wie die CubanerInnen im Rampenlicht? Seit mehr als 45 Jahren wurden cubanische KünstlerInnen aller Genres, ÄrztInnen und WissenschaftlerInnen auf der ganzen Welt berühmt. Die Revolution machte eine relativ ungesunde Bevölkerung gesund und brachte einem Volk mit einer relativ hohen Analphabetismusrate das Lesen und Schreiben bei.

Ja, die CubanerInnen bezahlen einen Preis dafür: getrennte Familien; Ungerechtigkeiten, die im Namen der Revolution begangen werden; beschnittene Zivilrechte – auch wenn das keine Neuigkeit ist. Es gibt keine freie Presse und auch keine Konkurrenz- Politik. Jene, die materielle Ambitionen haben, müssen die Enttäuschung wegen des Anspruchs auf Gleichheit ertragen.

Die Revolution zerstörte die alte Gesellschaft, die ihre Auslöschung verdiente. Die reaktionäre (rückschrittlich), hierarchische, katholische Kirche und die heuchlerische Oberklasse verließen die Insel zusammen mit den Mafiosos, die die Hotels und die Casinos in Absprache mit der Regierung Batistas betrieben. Die Revolution ersetzte diese Gesellschaft durch einen Staat, der den CubanerInnen zuerst als Instrument dienen, um die Insel von der Unterentwicklung zu befreien, und dann gemäß der marxistischen Theorie verschwinden sollte. Die Bürokratie überstand jedoch zum Entsetzen der meisten CubanerInnen diese Planung.

Ein Großteil derer, die 1959 und 60 gingen, nahmen an, dass die U.S. Marines Castro eliminieren (auslöschen, töten) würden, so dass sie zurückkehren und ihr Eigentum, ihre Macht und ihre Privilegien wieder in Anspruch nehmen könnten. Die Vereinigten Staaten bedienten sich dieser Vorgehensweise schließlich in anderen Fällen unhöriger Regierungen in der Hemisphäre und anderswo. Nur fünf Jahre zuvor hatte die CIA (Central Intelligence Agency) die demokratisch gewählte Regierung von Jacobo Arbenz in Guatemala ins Jenseits befördert und eine Bande militärischer Schläger an die Macht gebracht, um die Sicherheit zu gewährleisten, den Kommunismus zu bekämpfen, oder was auch immer. Und noch ein Jahr davor verrichtete die Agency ihre Arbeit auf ähnliche Weise in Iran.

Angesichts der U.S. amerikanischen Bestimmung, Unhörigkeit zu bestrafen, wirkt das Überleben der cubanischen Revolution geradezu übernatürlich. Im April 1961 schickte die CIA 1.500 ExilantInnen, um in der Schweinebucht einzufallen. Die Mission misslang. Allein zwischen 1961 und 1963 unterstützte die CIA tausend gewalttätige Sabotageoperationen, darunter auch Dutzende Mordversuche.

CIA Laboratorien widmeten zahllose “kreative” Stunden der Entwicklung von Mordwaffen, um Fidel Castro zu töten. Als ich 1968 einen Dokumentarfilm für das öffentliche Fernsehen mit ihm drehte, erzählte er eine Geschichte – die er außerdem auch Frank Minkiewicz 1974 erneut berichtete – von einem “verderblichen Gift, das sie entwickelt haben, sich im Blutkreislauf ausbreitet und nach meinem Tod keine Rückschlüsse auf eine mysteriöse Krankheit zulässt”.

Cuba hat als Reaktion auf die in den USA beheimatete Konterrevolution einen Sicherheitsapparat aufgebaut. Und wenn diese repressive Bürokratien einmal agieren (handeln, “arbeiten”), bilden sie immer neue Ableger. An solchen Organisationen wie der NATO, die einst gegründet wurde, um sowjetische Aggressionen zu bekämpfen, kann m. die beschriebene Ausbreitung, die in diesem Fall nach dem Niedergang der Sowjetunion einsetzte, gut aufzeigen. Die cubanische Revolution unterdrückt in der Tat diejenigen, die ihre Linie nicht vertreten. Ich bin der Meinung, dass dies ein ernst zu nehmendes Problem ist. Aber es sollte nicht die Tatsache verdecken, dass sie echte GegnerInnen hat, die sie über mehr als 45 Jahre hinweg gewalttätig attackieren. Um das zu verstehen, muss m. sie in den geschichtlichen Hintergrund einordnen.

Bis 1959 haben die Kolonien gegen ihre Herrscher und für Unabhängigkeit und Entwicklung rebelliert, um die das Unrecht der Jahrhunderte zu berichtigen. Verschiedene Experimente sind allerdings fehlgeschlagen – Simbabwe, Irak, Ägypten, Pakistan sind nur ein paar Beispiele – die cubanische Revolution hat jedoch an Fäden geschichtlichen Zusammenhalts festgehalten. In den 1860er Jahren und dann später im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts versuchten die CubanerInnen die Unabhängigkeit von den Spaniern zu erlangen. Castro nahm diesen historischen Faden wieder auf, als er am 26. Juli einen Überfall auf die Moncada- Kaserne anführte. Wie Jose Martis Angriff auf dem Rücken seines Pferdes in die Maschinenpistolen der Spanier im Jahr 1895, roch die Attacke auf Moncada nach Verzweiflung – und Überzeugung.

Die Akteure glaubten, dass die Darstellung dramatischen Heldentums, den Willen des Volkes entflammen könnte. Fünfeinhalb Jahre später marschierten Castros Guerillas triumphierend in Havanna ein.

Fidel wird diesen Monat 77 Jahre alt. Und selbst The Ecomomist räumt ein, dass “die vergangenen sozialen Errungenschaften Herrn Castro eine bestimmte Aura verleihen, die auf Menschen wie Europaabgeordnete, Hollywoodregisseure und lateinamerikanische StudentInnen wirkt. Aber wie die amerikanischen Autos und die verfallenen Mietshäuser aus der spanischen Kolonialzeit ist Herr Castro Teil des Zeitverzerrung der Insel”.

Viele verschiedene ZuhörerInnen geraten in diese “Zeitverzerrung”, wenn sie Castro applaudieren. Während des UN Gipfels zur Finanzierung von Entwicklung in Monterrey 2002 und auch bei der Vereidigung Nestor Kirchners im vom Internationalen Währungsfonds gebeutelten Argentinien in diesem Jahr erhielt er wie bei Anlässen in Europa und New York in den vergangenen Jahren “standing ovations”. Und sogar Castros ideologischen Feinde erkennen die Schulden an, die sie bei ihm gemacht haben, als er gegen Uncle Sam aufgestanden ist.

Die Revolution endete in den späten 1980ern als die Sowjetunion kollabierte (zusammenbrach). Cuba verfügt nicht mehr länger über die Ressourcen, sich oder die Welt zu verändern. Der Tourismus und die Dollarisierung haben dubiose Werte eingeführt. Die Schwarzmärkte blühen. Welchen Weg wird Cuba einschlagen? Welchen werden Peru und Mexiko beschreiten? Die meisten Länder der Dritten Welt, in denen es keine strategisch wichtigen Ressourcen gibt, haben keine wirtschaftlichen Fahrpläne. Die Cubanerinnen haben hingegen, dank ihrer Revolution, zumindest den Vorteil institutioneller Gleichheit und Dienste, die in großen Teilen der Dritten Welt schmerzlich vermisst werden.

Landaus neues Buch: Preemptive Empire: A Guide to Bush´s Kingdom wird im September bei Pluto Press veröffentlicht. Seine Kolumnen erscheinen regelmäßig bei www.rprogreso.com. Er ist Mitglied (Fellow) des Instituts für Politikwissenschaften und unterrichtet an der Cal Poly Pomona University.

Übersetzt von: Christian Stache
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