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Die cubanischen Medien

Die Taxidermie [das Ausstopfen von Tieren; d.Ü.] der Revolution

von Ben Dangl

21.03.2004 — ZNet

— abgelegt unter:

Ein paar Stammgäste schleifen ihre Stühle vor das kleine Gemeinschaftsfernsehen im Park. Doch an diesem Abend beansprucht Cubas bärtiger Führer die Sendezeit der Standard Soap Opera für sich, um zwei Stunden über (Aus-)Bildung, Gesundheitsversorgung und internationale Beziehungen zu reden. Inmitten von entrüstenden Lauten schaltet jemand auf einen anderen Kanal, und noch einmal. Fidel Castro war auf allen drei cubanischen Fernsehkanälen zu sehen.

Vielleicht ist die Revolution nirgendwo anders so präsent wie in den Medien. Jeden Tag werden die CubanerInnen mit pro- Regierungspropaganda bombardiert. Selbst die banalsten lokalen Nachrichten erhalten ein revolutionäres Gewand, wenn sie durch die Linse der cubanischen Medien berichtet werden. Doch wie sieht die Medienlandschaft auf der sozialistischen Insel wirklich aus und kaufen die Menschen sie eigentlich? Hat die staatliche Kontrolle der Medien eine ausgleichende Wirkung? Und besteht schließlich ein Unterschied zu den korporativ (von Konzernen) kontrollierten U.S. Medien?

Granma und Rebellische Jugend: Alltägliche Nachrichtenquellen

Glücklicherweise variiert die öffentliche Meinung über die nationalen Medien mehr als die Medien selber. „Alle Nachrichtenquellen werden hier vom Staat kontrolliert. Die Regierung zeigt in den Nachrichten das, was ihr nützt und nichts anderes“, sagt Sarai, eine junge Mutter, die einem Vorort von Havanna lebt. Andererseits kommentiert ein Landschaftsauer im mittleren Alter: „Unsere Regierung bemüht sich, uns zu informieren und jeder denkt so. Die Cubaner wissen alles über die Ereignisse auf Cuba und im Rest der Welt.“

Die nationalen Tageszeitungen auf Cuba sind Juventud Rebelde (Rebellische Jugend) und Trabajadores (ArbeiterInnen) für die ArbeiterInnen sowie Granma, die offizielle Zeitung der kommunistischen Partei, die nach dem Boot benannt wurde, mit dem Castro und die anderen von Mexiko nach Cuba übersetzten, um die Revolution zu beginnen. Mit Juventud Rebelde werden Jugendgruppen und Straßenparties versorgt, in Trabajadores werden ArbeiterInnnenfragen diskutiert während in Granma eine sachlicherer Ton angeschlagen wird. Alle drei Zeitungen umfassen beständig weniger als zehn Seiten und berichten über ähnliche Themen.

Auf der Titelseite einer der jüngsten Ausgaben der 8seitigen Granma, das populärste der drei Blätter, wurden mehrere Artikel abgedruckt, die Che Guevaras Beiträge zur Bergbautechnologie und der Geschichte des Kampfes in Santa Clara während der cubanischen Revolution gewidmet waren. Andere Artikel derselben Ausgabe erzählten von der erfolgreichen Kartoffelproduktion in einer cubanischen Provinz, dem zehnten Geburtstag der Zapatistas in Mexiko, der Inhalt einiger beschäftigte sich mit dem Irak und Kolumbien. Ein weiterer Artikel und ein Interview handelten zudem vom Kampf in Santa Clara. Ironischerweise ist ein Spezialartikel, der die gesamte letzte Seite füllte, mit dem Titel „Ein großes Auge beobachtet die Stadt“ veröffentlicht worden. Der Autor/Die Autorin beschreibt ein veraltetes Periskop, das mittlerweile als TouristInnenattraktion genutzt wird, damit sich diese Havanna anschauen können. Der Artikel endet mit der Beschreibung einer Sonnen badenden Frau auf ihrem Balkon.

Während einige CubanerInnen eine Zeitung der anderen vorziehen, bemerken viele scherzhaft, dass mensch die Publikationen besser als Toilettenpapier verwendet werden könne, weil es billiger sei. Selbst die kritischsten LeserInnen weisen jedoch darauf hin, dass, obwohl die Medien nur die Nachrichten publizieren, die sie als zweckmäßig befinden und dabei kontroverse Themen meiden, sie jedoch nicht lügen – ein Gefühl, das viele KritikerInnen der U.S. Medien nicht teilen. Allerdings ist es eher schwierig, sich ein realistisches Bild der Ereignisse aus den bruchstückhaften Informationen zusammen zu puzzlen, welche die cubanischen Medien liefern. „Aus diesem Grund“, erklärt der Soziologe Juan Valdez Paz in Havanna, „haben wir als Forscher von Hypothesen [nicht bewiesene Annahmen; d. Ü.] zu reden, und nicht von Sicherheiten.“

Professorin Zelia Perez spricht noch über die populärste Zeitung. „Granma ist miserabel. Äußerst miserabel. Sie ist schlecht für die Regierung, schlecht für Cuba, schlecht für die kommunistische Partei und sie wäre schlecht für den Kapitalismus. Die CubanerInnen wissen das, aber sie lesen sie trotzdem. Die Menschen lernen, zwischen den Zeilen zu lesen. Mensch kann ein Bekanntgabe eines Ereignisses lesen und dann losziehen und herausfinden, was wirklich geschah, wenn mensch die Variablen des Themas kennt. Wie wenn mensch die New York Times liest.“ Doch nichtsdestotrotz haben nur wenige U.S. BürgerInnen das Gefühl, dass sie zwischen den Zeilen ihrer Zeitungen lesen müssten, ebenso wie die CubanerInnen. Ernesto, z.B., ein Bauarbeiter mittleren Alters, liest Granma jeden Tag. „Sie ist ein großartige Ergänzung zu den TV Nachrichten, da sie über alles, nationale und internationale Vorgänge berichtet.“ Viele andere pflichten ihm bei.

Zusätzlich zu den nationalen Zeitungen beinhalten tägliche Publikationen auf Cuba auch Lokalseiten, die für jede Provinz extra angefertigt werden, aber inhaltlich der nationalen Presse und The Orbe gleicht, eine wöchentlich erscinende „internationale Zeitung, die von Latino Press herausgegeben wird“. Obwohl sie dieselbe Rhetorik enthält, kommt The Orbe einer „normalen Zeitung“ vielleicht am nächsten. Ihre 16 Seiten sind nach Themen wie „wöchentliche Nachrichten, Wirtschaft, Politik, Varieté, Kultur, Wissenschaft und Technologie sowie Sport“ gestaffelt. Als wöchentliche Publikation kann sie jedoch weder die Lücke einer guten Tageszeitung füllen noch kann dies die Menge kultureller und literarischer Magazine, die im Land existieren.

Laut Professorin Perez spielte die Internetveröffentlichung La Jiribilla (www.lajiribilla.cubaweb.cu) eine entscheidende Rolle während der jüngsten Verhaftungen von DissidentInnen und der Exekution der Bootentführer im April 2003. Für die Berichterstattung dieser strittigen Ereignisse veröffentlichte La Jiribilla internationale Verteidigungen und Kritiken wie Eduardo Galeanos Kommentar „Cuba Duele“, „Cuba schmerzt“[ZNet: http://www.zmag.de/artikel.php?id=620]. Die zugänglichere Papierausgabe der Webseite, La Jiribilla de Papel, ist ein 16seitiges, im zwei Monatsrythmus erscheinende Publikation ausgewählter Artikel der Internetseite. Zensur und Propaganda in anderen Staaten werden konstant kritisiert, ohne ähnliche Themen im Zusammenhang mit Cuba anzuschneiden.

Das Leben in der Seifenblase

Das einzige, abendliche Nachrichtenprogramm Cubas ist populär, da die meisten CubanerInnen, selbst jene, die auf dem Land leben, Fernsehgeräte besitzen. Das TV Nachrichtenprogramm dauert 45 Minuten und konzentriert sich auf dieselben Themen wie die Tageszeitungen. Dabei kommen auch dieselben Motive und dieselbe Propaganda zum Tragen. Filmmaterial für die Berichterstattung über die Geschehnisse im Rest der Welt wird oft von den Nachrichtenkonglomeraten (Zusammenschluss vieler kleiner zu einem großen Unternehmen) wie CNN und BBC entliehen, doch der Kommentar wird immer von der Stimme eines cubanischen Nachrichtensprechers übertönt. Jeden Abend nach der Studiopräsentation der Abendnachrichten erklärt ein „Nachrichtenanalyst“ die Regierungsinterpretation der internationalen Themen wie dem Krieg gegen den Irak. Andere Quellen politischer Informationen wie „Mesas Redondas“, „Runde Tische“, sind Diskussionsforen, in denen Themen innerhalb des von der Regierung offiziell gesteckten Rahmens debattiert werden. Neben den Nachrichtenprogrammen, Soap Operas und Cartoons strahlt einer der drei cubanischen Sender nur Bildungsprogramme wie Wissenschafts-, Sprach- und Geschichtssendungen aus.

Überraschenderweise sind einige der moralischeren Hollywoodfilme ein Hauptnahrungsmittel des cubanischen Fernsehens. „Wenn am Samstag Abend kein amerikanischer Film gezeigt wird, gingen die Menschen auf die Straße“, sagt ein in Havanna lebender Mensch halb scherzend. Oft werden in den ausgewählten Filmen kommunistische Werte wie Teamarbeit, soziale Gleichheit und Solidarität herausgestellt.

In den USA kann mensch, abgesehen davon, wie unzulänglich die lokalen oder nationalen Nachrichten sind, immer noch ins Internet gehen, um Nachrichten aus anderen Staaten zu lesen oder aus einer Vielzahl alternativer Medien auszuwählen. Die CubanerInnen verfügen nicht über diese Option. Die exorbitanten Gebühren für die wenigen Internetzugänge beschränken den Gebrauch vorrangig auf TouristInnen. Des weiteren ist es illegal für CubanerInnen, Computer zu besitzen oder einen Internetzugang zu Hause zu haben, es sei denn für Arbeiten, die von der Regierung autorisiert wurden.

Die in den cubanischen Medien veröffentlichten Artikel zu den Vor- und Nachteilen des Internets waren überwiegend kritisch. In einem Artikel in Juventud Rebelde wurde diskutiert, ob die InternetnutzerInnen nicht umgekehrt von der Technologie benutzt würden (30.12.2003). In einem Artikel La Jiribillas ist außerdem debattiert worden, ob das Internet unmoralisch oder nicht sei, und die Schwierigkeit, das Netz zu zensieren, als eines seiner Gefahren dargestellt worden (8.9.2003). Während der Rest der Welt sich über Wege verbindet, die zuvor nicht gangbar waren, ist Cuba durch die Entscheidung, off- line zu bleiben, noch weiter von der Welt isoliert worden.

Wie ein 27 Jahre alter Buchverkäufer sagte: „Wir leben in einer Seifenblase. Die meisten Menschen sind sich darüber im klaren, können jedoch nichts dagegen unternehmen. Es ist wie in Orwells Büchern.“ Er fügte noch hinzu, dass er im Besitz eines Exemplars seines Lieblingsbuches sei, 1984, das auf Cuba illegal ist. Dennoch gibt es auch auf Cuba, wie anderswo auch, viele Menschen, deren Zeit größtenteils mit ihrer Arbeit und der Versorgung ihrer Familie gefüllt wird und die sich nicht mit Nachrichten und Politik auseinandersetzen. Andere BürgerInnen ist es schlichtweg egal. Maria Valdez, eine allein erziehende Mutter, sagt: „Fidel passt auf mich auf, was in der Welt geschieht, betrifft mich nicht. Ich habe auf Cuba meine Rechte und das ist entscheidend.“

Die einzige Alternative

Die Abwesenheit korporativer Kontrolle und Werbung in den cubanischen Medien, welche die Finanzierung zwar erschwert, erlaubt hingegen eine Medienlandschaft, die sich nicht prostituieren muss, um zu überleben. In einer der letzten Ansprachen bezeichnete Castro das Fehlen von Werbung als einen bedeutenden Erfolg der Revolution. Dies wäre tatsächlich eine bewundernswerte Leistung, wenn dieser Raum nicht mit einem riesigen Berg nationalistischer Propaganda gefüllt würde. Nichtsdestotrotz ermöglicht das Verschwinden von Werbe- und korporativen Einflüssen eine erweiterte Konzentration auf konstruktive, lokale Nachrichten indem lehrreiche Informationen über das Land, die Industrien und Institutionen gesendet wird.

Die anti- U.S. amerikanische Tendenz und die humanistische Berichterstattung der internationalen Nachrichten in der cubanischen Presse sind oft vergleichbar mit den Perspektiven alternativer Medien in den USA. Artikel über die Errungenschaften des venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez und Neuigkeiten über die Zapatistas in Mexiko sind in den cubanischen Medien üblich. Seit Beginn des Irakkriegs sind die cubanischen Medien ununterbrochen kritisch und vertreten anti- Kriegspositionen. Die Berichterstattung über den israelisch- palästinensischen Konflikt ist außerdem gleichbleibend pro- palästinensisch.

Nichts kann jedoch als „alternativ“ betrachtet werden, wenn es die einzige Option ist. Rechts oder links, kein Standpunkt ist ausreichend, um eine intelligente Öffentlichkeit zu befriedigen. In diesem Licht sind die ungenügenden Nachrichtenquellen nicht das größte Problem der cubanischen Medien. Schwache und engstirnige Zeitungen, Fernsehsender und Radioprogramme existieren überall auf der Welt. Cuba fehlt hingegen die Vielzahl an Medien, teilweise infolge der fehlenden Internetzugänge und teils wegen der staatlichen Kontrollen, die den Wettbewerb um qualitative und tiefgehende Berichterstattung beschneiden.

In nahezu jedem Staat der Welt werden die Medien vorrangig von jenen kontrolliert, die die Macht inne haben. Während die U.S. Medien überwiegend von Konzernen und Geschäftsleuten kontrolliert werden, übernimmt auf Cuba die Regierung diese Rolle. Nachrichtenquellen werden in jedem Staat in Abhängigkeit von der Gefahr, die sie für die MachthaberInnen darstellen, kontrolliert. Es gibt einen riesigen Berg kritischen, intelligenten und alternativen Journalismus in den USA, aber er ist oft keine wirkliche Bedrohung für die Ziele der mainstream Medien, dementsprechend wird er nicht zensiert. Auf Cuba wird aufgrund der historischen Spannungen mit den USA, jede Form der Abtrünnigkeit, wie die Veröffentlichung oppositioneller Schriften, umgehend als U.S. Verschwörung gegen die Regierung Cubas bezichtigt.

Trotzdem erklärt der Redaktionsleiter des Kulturmagazins Temas, Rafael Hernandez:

„Mensch kann nichts gegen die Revolution schreiben, doch innerhalb der Revolution kann mensch sich kritisch äußern. Die Interpretation, wo sich die Grenze befindet, war immer Gegenstand der Diskussionen. Die KünstlerInnen und Intellektuellen Cubas gewinnen für sich selbst weiterhin an Raum, um sich auszudrücken. Uns ist diese Freiheit nicht zugestanden worden, wir haben sie uns erkämpft.“

Mediale Kreuzzüge: Das Lesen zwischen den Zeilen

Jahrelang war das „schlechte“ Beispiel des Kommunismus die größte Bedrohung für das Imperium der USA. Nun ist es der vermeintliche Terrorismus. Auf Cuba ist die Bedrohung, oder der Feind, immer der Imperialismus gewesen, und die Personifikation des Feindes war und wird Uncle Sam bleiben. Als eines der letzten sozialistischen Länder der Welt, kämpft das kleine Cuba mit Zähnen und Fingernägeln gegen den nahen und radikal anderen Nachbarn, um die eigene Souveränität zu erhalten. Die Kontrolle der Medien ist nur eine Ausdrucksform dieses Kampfes.

In jüngster Zeit hat der Patriotismus in den USA seinen fiebrigen Höhepunkt erreicht, der zeitweise vergleichbare Züge wie der extreme Nationalismus an Orten wie Cuba besitzt. Durch die zu häufige Verwendung des Wortes „Terrorismus“ in den USA ist es zu einer hohlen Phrase verkommen, ebenso wie das Wort „Imperialismus“ auf Cuba. Der „Krieg gegen den Terror“ hat der Bush Administration eine Entschuldigung geliefert, um die BürgerInnenrechte aufgrund der „Bedrohung“, die TerroristInnen für die U.S. Gesellschaft darstellten, einzuschränken Das U.S. Handelsembargo sowie die fünf in den USA inhaftierten Cubaner [näheres: ZNet: http://www.zmag.de/artikel.php?id=1068] geben Castro hingegen einen Vorwand, die BürgerInnenrechte einzudämmen und die Meinungsfreiheit zu kontrollieren. Auf Cuba sitzen mögliche DissidentInnen im Gefängnis und die USA halten mögliche TerroristInnen auf Guantanamo Bay, Cuba, fest. Und obwohl die politischen Perspektiven der beiden Staaten entgegengesetzt sind, dämonisieren sie „den Feind“ in gleicher Weise. Beide Regierungen hängen von ihrem jeweiligen vagen und überall gegenwärtigem Feind ab, um Angst und Solidarität zu schüren und um an der Macht zu bleiben. Die Medien sind ein grundlegendes Werkzeug für diese Ziele. Obgleich die Manipulation der cubanischen Medien weniger subtil ist, glorifizieren und vereinfachen die medialen Kreuzzüge indem Nachrichten das ausdrücken, was die MachthaberInnen wollen. Und gleichzeitig wird die/der interessierte LeserIn gezwungen, zwischen den Zeilen zu lesen.

Benjamin Dangl und April Howard sind freischaffende JounalistInnen. Ihre Internetseite ist:

www.UpsideDownWorld.org

Orginalartikel: The Cuban Media
Übersetzt von: christian stache
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