Die dunkle Seite des bolivianischen Halbmondes
von Ben Dangl
25.01.2007 — Upside Down World / ZNet
—
abgelegt unter:
Bolivien
Geduckt unter einem Hagel von Stockschlägen und Wurfgeschossen aus Abfall sowie Beleidigungen der rechtsgerichteten Zivilgruppen aus Santa Cruz steigt Evo Morales in seinen Präsidentenjeep. Aktivisten und Kameraleute verfolgen ihn, bis schließlich die Polizei die Straßen mit Tränengas füllt. Boliviens erster indigener Präsident, der ehemalige Koka-Bauer Evo Morales, der sich selbst einen Antiimperialisten nennt, war in Santa Cruz nicht erwünscht.
Die Szene spielte sich im September 2006 ab - als Morales uneingeladen zur Feier der Stadtgründung von Santa Cruz erschien. Als er die Festlichkeiten später wieder verlassen wollte, lief er einem Teil jenes Sektors der bolivianischen Gesellschaft in die Hände, der für die Morales-Regierung eine der größten Herausforderungen darstellt. Dieser Sektor besteht aus der führenden Oppositionspartei PODEMOS (Poder Democrático Social Crucenista), dem Zivilkomitee Santa Cruz (Comité Civico Pro-Santa Cruz) und der Jugendorganisation Unión Juvenil Crucenista. Ein Blick auf diese drei Gruppierungen ist wichtig, um den Kontext zu verstehen, der zu der tiefen Kluft zwischen der sozialistischen Regierung Morales und der neoliberalen Rechten Boliviens (mit Basis in Santa Cruz) geführt hat. Am 10. und 11. Januar eskalierte die Spaltung in Cochabamba explosionsartig in Gewalt. Bilanz: 2 Tote und über hundert Verletzte.
Santa Cruz ist eines von vier Departements, das sich in einem Referendum im Juli 2006 mehrheitlich für die Autonomie von der Zentralregierung entschieden hat. Die anderen drei Pro-Autonomie-Provinzen waren/sind: Pando, Beni und Tarija. Gemeinsam formierten sich Bürger und politische Führer aus diesen vier Provinzen zu einem Block gegen die Regierung Morales. Diese Leute agieren in der verfassungsgebenden Versammlung, die die Verfassung Boliviens überarbeiten soll, und sie agieren auf der Straße. Die Autonomie, für die sie eintreten, steht gegen die Verstaatlichung der Ressourcen und gegen die Neuverteilung des Reichtums des Landes. Auf beides drängt Morales. Aufgrund ihrer geographischen Lage werden die vier Provinzen als "Halbmond" oder "Media Luna" bezeichnet. Die rechten Gruppierungen aus Santa Cruz sind die militantesten und mächtigsten innerhalb dieser Vierer-Konstellation - sozusagen die dunkle Seite des Halbmondes.
Santa Cruz ist der ökonomische Motor Boliviens, der 45% zur bolivianischen Wirtschaft beiträgt. Die Provinzhauptstadt Santa Cruz gilt im Land als reiche, glitzernde Stadt. Aber zwischen den Hügeln, den schönen Einkaufszentren und gepflegten Plätzen finden sich überall die Armenviertel der Arbeiterklasse. Der 37jährige Schreiner Mario Colque ist ein Arbeiter, der in Santa Cruz lebt. Er kam aus Potosi, um hier Arbeit zu finden. Jetzt reibt er sich die schwieligen Hände und erzählt von jenem Rassismus, den er, der Außenstehende, in Santa Cruz fand: "Hier gibt es kein Herz. Du musst auf Knien betteln, bevor dir einer auch nur eine Münze zuwirft - falls er Lust dazu hat, falls nicht, verprügelt er dich stattdessen".
Ein Hotelmanager - er möchte anonym bleiben -, den ich treffe, ist ein Beispiel für den Zorn, gegen den Colque anzukämpfen hat. Der Manager wurde im bolivianischen Tarija geboren, hat aber einige Zeit in den USA gelebt und spricht perfektes Englisch. Er bezeichnet Vizepräsident Garcia Linera als "Schwulen" und sagt, die Regierung sei ein Haufen von dummen "Indianern". Die Regierungspartei MAS werde nicht länger als ein Jahr an der Macht sein, so seine Meinung. "Die gleichen Leute, die Morales an die Regierung gebracht haben, werden ihn von da auch wieder wegholen", prophezeit er.
Der Hotelmanager erklärt mir den Weg zum Comité Civico Pro-Santa Cruz. Diese Organisation ist einerseits eng mit der Geschäftswelt der Provinz und andererseits mit jenen rechten Politikern verbandelt, die an der Spitze der Autonomiebewegung gestanden haben. Das Hauptquartier des Comité liegt in einem der reichsten Viertel der Stadt. Im Innern des berüchtigten Gebäudes hängen Fotos von Kundgebungen anlässlich der Siegesfeiern der Autonomiebewegung. Ich sehe Auszeichnungen und Slogans wie diesen: 'Wenn du nichts zu tun hast, tu es woanders: Arbeit mit Würde'. Die Journalisten, die hier vorbeikommen, verkehren freundschaftlich mit den Komiteeleuten. Einige verabreden sich auf einen Drink, ein Treffen oder ein Grillfest im Familienkreis mit ihnen.
Über dem Pressekonferenzraum, dessen Teppich kotzgrün-oliv ist, liegt ein Duft von Männerparfüm. Der Präsident des Komitees, ein Mann mit einem Schnauzbart namens German Antelo, spricht zu einem Dutzend TV-Kameras. Er erklärt, die (Regierungspartei) MAS sei dabei, das Land zu spalten - mit Blockaden und Protesten. Auf diese Weise werde das bolivianische Volk unter Druck gesetzt, die Regierung zu unterstützen. Antelo sagt, anders als die MAS, mit ihren diktatorischen Methoden, stehe seine Organisation für Legalität und Demokratie. Seine Rede ist geschmeidig und gut formuliert. Dennoch kann er seinen selbstgerechten Zorn kaum unterdrücken, seine Wut brodelt geradezu über: "Wir greifen nicht zur Einschüchterungstaktik", so Antelo. Sein Komitee bestehe aus hart arbeitenden Bolivianern. Die Journalisten nicken und schalten auf einen Wink ihre Kameras aus.
Die zweite Machtgruppe in Santa Cruz ist die politische Partei PODEMOS. Senator Jorge Aguilera unterstreicht die Position des Komitees, was deren Haltung gegenüber der MAS angeht. Über Morales und Linera macht er eine erstaunliche Bemerkung: "Sie haben keine Familie, also schätzen sie das menschliche Leben nicht". Ruben Cuellar Diario, Führer der PODEMOS-Fraktion in der verfassungsgebenden Versammlung, sagt, die MAS wolle die Zentralgewalt erhalten, anstatt Autonomie zu unterstützen. Morales glaube wohl, "geteilte Armut sei besser", so Aguilera.
PODEMOS und das Komitee verleihen den Geschäftseliten von Santa Cruz und der Autonomiebewegung Stimme und Gesicht. So gesehen sind die Mitglieder der dritten Gruppe - der Jugendbewegung Unión Juvenile Crucenista - die Leute fürs Grobe. PODEMOS und das Komitee lehnen sich rhetorisch und in ihren wirtschaftspolitischen Konzepten an die Linke an. Die Jugendorganisation hingegen ist dafür bekannt, Campesinos zu verprügeln, die für die Gasverstaatlichung marschieren, große Steine auf Studenten zu schleudern, die sich gegen die Autonomie organisieren oder Molotow-Cocktails gegen den staatlichen Fernsehsender. Die Unión ist auch bekannt für brutale Angriffe auf Mitglieder der Landlosenbewegung, die gegen das auf dem Lande herrschende (Grund-)Besitzmonopol kämpfen. Im Grunde ist die Jugendbewegung die jüngere, weniger aalglatte Variante des Comité. Ihre Anführer betonen ihre Unabhängigkeit, aber zufällig liegt ihr Hauptquartier direkt hinter dem des Komitees, und viele Mitglieder der Jugendorganisation wechseln später zum Komitee über.
Ich sitze mit zwei der Jugendführer in einem Büro mit komfortablen Sofas. Die Klimaanlage läuft bei offener Tür - in einem armen Land wie Bolivien ein Zeichen für Verschwendung und Opulenz, so meine Interpretation. Wilberto Zurita ist Vizepräsident der Unión Juvenile. Er sitzt direkt neben mir. Seine Jeans sind neu, sein schwarzes Haar ist glatt nach hinten gekämmt, er trägt Seitenkoteletten und eine nette Uhr. Sein Handy klingelt dauernd, während wir uns unterhalten. Er hat Ingenieur studiert und ist heute in der Baubranche tätig. Sein Kumpel Alfredo Saucedo arbeitet für das Öffentlichkeitsbüro der Jugendorganisation. Er studiert Jura und möchte später gerne in die Politik. Beide sind 31 Jahre alt. In vier Jahren müssen sie die Unión verlassen und gehören dann der "alten Garde" an.
Ich befrage sie zu den Vorwürfen, die Unión sei gewalttätig. Sie bezeichnen dies als von der Linken gestreutes Gerücht. Allerdings geben sie zu, bereit zu sein, zu den Waffen zu greifen, um Santa Cruz vor einer Invasion der Indigenen zu verteidigen. In diesem Zusammenhang gebrauchen sie einen Ausdruck, der im allgemeinen verwendet wird, um Campesinos und indigene Menschen (Kollas) als "Invasion" herabzuwürdigen. Die beiden sehen die Regierung Morales als Bedrohung an, die ihren Wunsch nach Autonomie verstärkt. "Wenn wir unsere Kultur mit Gewalt verteidigen müssen", so Saucedo, "dann werden wir dies tun". "Die Freiheit zu verteidigen ist wichtiger als das Leben... Hier in der Provinz werden die Menschen alles tun, um die Freiheit zu verteidigen". Meine Frage, ob es möglicherweise notwendig sein könnte, mittels Militärcoup gegen Morales vorzugehen, verneinen beide. Zurita scheint mir bei dieser Frage allerdings besonders nervös. Seine Knie zappeln rauf und runter. Sie kritisieren die Campesinos offen: "Nur um Geld zu sparen, baden die nicht und wechseln ihre Klamotten nicht regelmäßig". Die 'Cambas' (so werden die reichen, normalerweise eher hellhäutigen Bewohner der Stadt Santa Cruz genannt) und die Großgrundbesitzer seien höflicher und sauberer als die 'Kollas', so ihre Meinung.
Sowohl Zurita als auch Saucedo waren führend beim Aufbau der Autonomiebewegung. Sie haben das Gefühl, keinerlei Verbindung zur bolivianischen Kultur außerhalb von Santa Cruz zu haben. Saucedo gibt offen zu, er wolle "nichts mit Pachamama (Mutter Erde) und all dem Kram zu tun haben". "Wir wissen ja gar nicht, was das ist, Pachamama". Allerdings scheinen beide zu begreifen, dass es genau ihre Art von Rassismus ist, der Santa Cruz spaltet. "Wahrscheinlich stehen wir am Anfang dessen, was ihr in den USA erlebt habt, kurz bevor das mit der Bürgerrechtsbewegung zwischen Schwarzen und Weißen losging", so Saucedo. Ich frage nach der Bedeutung des Kreuzes auf der Flagge seiner Bewegung. Zurita: "Es ist kein Nazisymbol". Danach habe ich gar nicht gefragt, sage ich. Inzwischen haben beide eine Verteidigungshaltung eingenommen. "Wir sind keine Rassisten", sagt Zurita.
Anmerkungen
Benjamin Dangl ist Autor von 'The Price of Fire: Resource Wars and Social Movements in Bolivia'. Das Buch wird im März 2007 bei AK Press erscheinen. Dangl arbeitet als Redakteur bei TowardFreedom.com (eine Internetseite mit progressiver Sicht auf globale Ereignisse) und UpsideDownWorld.org (ein Online-Magazin, das über Politik und Aktivismus in Lateinamerika berichtet). Sie können Dangl erreichen unter Ben@upsidedownworld.org
Die Szene spielte sich im September 2006 ab - als Morales uneingeladen zur Feier der Stadtgründung von Santa Cruz erschien. Als er die Festlichkeiten später wieder verlassen wollte, lief er einem Teil jenes Sektors der bolivianischen Gesellschaft in die Hände, der für die Morales-Regierung eine der größten Herausforderungen darstellt. Dieser Sektor besteht aus der führenden Oppositionspartei PODEMOS (Poder Democrático Social Crucenista), dem Zivilkomitee Santa Cruz (Comité Civico Pro-Santa Cruz) und der Jugendorganisation Unión Juvenil Crucenista. Ein Blick auf diese drei Gruppierungen ist wichtig, um den Kontext zu verstehen, der zu der tiefen Kluft zwischen der sozialistischen Regierung Morales und der neoliberalen Rechten Boliviens (mit Basis in Santa Cruz) geführt hat. Am 10. und 11. Januar eskalierte die Spaltung in Cochabamba explosionsartig in Gewalt. Bilanz: 2 Tote und über hundert Verletzte.
Santa Cruz ist eines von vier Departements, das sich in einem Referendum im Juli 2006 mehrheitlich für die Autonomie von der Zentralregierung entschieden hat. Die anderen drei Pro-Autonomie-Provinzen waren/sind: Pando, Beni und Tarija. Gemeinsam formierten sich Bürger und politische Führer aus diesen vier Provinzen zu einem Block gegen die Regierung Morales. Diese Leute agieren in der verfassungsgebenden Versammlung, die die Verfassung Boliviens überarbeiten soll, und sie agieren auf der Straße. Die Autonomie, für die sie eintreten, steht gegen die Verstaatlichung der Ressourcen und gegen die Neuverteilung des Reichtums des Landes. Auf beides drängt Morales. Aufgrund ihrer geographischen Lage werden die vier Provinzen als "Halbmond" oder "Media Luna" bezeichnet. Die rechten Gruppierungen aus Santa Cruz sind die militantesten und mächtigsten innerhalb dieser Vierer-Konstellation - sozusagen die dunkle Seite des Halbmondes.
Santa Cruz ist der ökonomische Motor Boliviens, der 45% zur bolivianischen Wirtschaft beiträgt. Die Provinzhauptstadt Santa Cruz gilt im Land als reiche, glitzernde Stadt. Aber zwischen den Hügeln, den schönen Einkaufszentren und gepflegten Plätzen finden sich überall die Armenviertel der Arbeiterklasse. Der 37jährige Schreiner Mario Colque ist ein Arbeiter, der in Santa Cruz lebt. Er kam aus Potosi, um hier Arbeit zu finden. Jetzt reibt er sich die schwieligen Hände und erzählt von jenem Rassismus, den er, der Außenstehende, in Santa Cruz fand: "Hier gibt es kein Herz. Du musst auf Knien betteln, bevor dir einer auch nur eine Münze zuwirft - falls er Lust dazu hat, falls nicht, verprügelt er dich stattdessen".
Ein Hotelmanager - er möchte anonym bleiben -, den ich treffe, ist ein Beispiel für den Zorn, gegen den Colque anzukämpfen hat. Der Manager wurde im bolivianischen Tarija geboren, hat aber einige Zeit in den USA gelebt und spricht perfektes Englisch. Er bezeichnet Vizepräsident Garcia Linera als "Schwulen" und sagt, die Regierung sei ein Haufen von dummen "Indianern". Die Regierungspartei MAS werde nicht länger als ein Jahr an der Macht sein, so seine Meinung. "Die gleichen Leute, die Morales an die Regierung gebracht haben, werden ihn von da auch wieder wegholen", prophezeit er.
Der Hotelmanager erklärt mir den Weg zum Comité Civico Pro-Santa Cruz. Diese Organisation ist einerseits eng mit der Geschäftswelt der Provinz und andererseits mit jenen rechten Politikern verbandelt, die an der Spitze der Autonomiebewegung gestanden haben. Das Hauptquartier des Comité liegt in einem der reichsten Viertel der Stadt. Im Innern des berüchtigten Gebäudes hängen Fotos von Kundgebungen anlässlich der Siegesfeiern der Autonomiebewegung. Ich sehe Auszeichnungen und Slogans wie diesen: 'Wenn du nichts zu tun hast, tu es woanders: Arbeit mit Würde'. Die Journalisten, die hier vorbeikommen, verkehren freundschaftlich mit den Komiteeleuten. Einige verabreden sich auf einen Drink, ein Treffen oder ein Grillfest im Familienkreis mit ihnen.
Über dem Pressekonferenzraum, dessen Teppich kotzgrün-oliv ist, liegt ein Duft von Männerparfüm. Der Präsident des Komitees, ein Mann mit einem Schnauzbart namens German Antelo, spricht zu einem Dutzend TV-Kameras. Er erklärt, die (Regierungspartei) MAS sei dabei, das Land zu spalten - mit Blockaden und Protesten. Auf diese Weise werde das bolivianische Volk unter Druck gesetzt, die Regierung zu unterstützen. Antelo sagt, anders als die MAS, mit ihren diktatorischen Methoden, stehe seine Organisation für Legalität und Demokratie. Seine Rede ist geschmeidig und gut formuliert. Dennoch kann er seinen selbstgerechten Zorn kaum unterdrücken, seine Wut brodelt geradezu über: "Wir greifen nicht zur Einschüchterungstaktik", so Antelo. Sein Komitee bestehe aus hart arbeitenden Bolivianern. Die Journalisten nicken und schalten auf einen Wink ihre Kameras aus.
Die zweite Machtgruppe in Santa Cruz ist die politische Partei PODEMOS. Senator Jorge Aguilera unterstreicht die Position des Komitees, was deren Haltung gegenüber der MAS angeht. Über Morales und Linera macht er eine erstaunliche Bemerkung: "Sie haben keine Familie, also schätzen sie das menschliche Leben nicht". Ruben Cuellar Diario, Führer der PODEMOS-Fraktion in der verfassungsgebenden Versammlung, sagt, die MAS wolle die Zentralgewalt erhalten, anstatt Autonomie zu unterstützen. Morales glaube wohl, "geteilte Armut sei besser", so Aguilera.
PODEMOS und das Komitee verleihen den Geschäftseliten von Santa Cruz und der Autonomiebewegung Stimme und Gesicht. So gesehen sind die Mitglieder der dritten Gruppe - der Jugendbewegung Unión Juvenile Crucenista - die Leute fürs Grobe. PODEMOS und das Komitee lehnen sich rhetorisch und in ihren wirtschaftspolitischen Konzepten an die Linke an. Die Jugendorganisation hingegen ist dafür bekannt, Campesinos zu verprügeln, die für die Gasverstaatlichung marschieren, große Steine auf Studenten zu schleudern, die sich gegen die Autonomie organisieren oder Molotow-Cocktails gegen den staatlichen Fernsehsender. Die Unión ist auch bekannt für brutale Angriffe auf Mitglieder der Landlosenbewegung, die gegen das auf dem Lande herrschende (Grund-)Besitzmonopol kämpfen. Im Grunde ist die Jugendbewegung die jüngere, weniger aalglatte Variante des Comité. Ihre Anführer betonen ihre Unabhängigkeit, aber zufällig liegt ihr Hauptquartier direkt hinter dem des Komitees, und viele Mitglieder der Jugendorganisation wechseln später zum Komitee über.
Ich sitze mit zwei der Jugendführer in einem Büro mit komfortablen Sofas. Die Klimaanlage läuft bei offener Tür - in einem armen Land wie Bolivien ein Zeichen für Verschwendung und Opulenz, so meine Interpretation. Wilberto Zurita ist Vizepräsident der Unión Juvenile. Er sitzt direkt neben mir. Seine Jeans sind neu, sein schwarzes Haar ist glatt nach hinten gekämmt, er trägt Seitenkoteletten und eine nette Uhr. Sein Handy klingelt dauernd, während wir uns unterhalten. Er hat Ingenieur studiert und ist heute in der Baubranche tätig. Sein Kumpel Alfredo Saucedo arbeitet für das Öffentlichkeitsbüro der Jugendorganisation. Er studiert Jura und möchte später gerne in die Politik. Beide sind 31 Jahre alt. In vier Jahren müssen sie die Unión verlassen und gehören dann der "alten Garde" an.
Ich befrage sie zu den Vorwürfen, die Unión sei gewalttätig. Sie bezeichnen dies als von der Linken gestreutes Gerücht. Allerdings geben sie zu, bereit zu sein, zu den Waffen zu greifen, um Santa Cruz vor einer Invasion der Indigenen zu verteidigen. In diesem Zusammenhang gebrauchen sie einen Ausdruck, der im allgemeinen verwendet wird, um Campesinos und indigene Menschen (Kollas) als "Invasion" herabzuwürdigen. Die beiden sehen die Regierung Morales als Bedrohung an, die ihren Wunsch nach Autonomie verstärkt. "Wenn wir unsere Kultur mit Gewalt verteidigen müssen", so Saucedo, "dann werden wir dies tun". "Die Freiheit zu verteidigen ist wichtiger als das Leben... Hier in der Provinz werden die Menschen alles tun, um die Freiheit zu verteidigen". Meine Frage, ob es möglicherweise notwendig sein könnte, mittels Militärcoup gegen Morales vorzugehen, verneinen beide. Zurita scheint mir bei dieser Frage allerdings besonders nervös. Seine Knie zappeln rauf und runter. Sie kritisieren die Campesinos offen: "Nur um Geld zu sparen, baden die nicht und wechseln ihre Klamotten nicht regelmäßig". Die 'Cambas' (so werden die reichen, normalerweise eher hellhäutigen Bewohner der Stadt Santa Cruz genannt) und die Großgrundbesitzer seien höflicher und sauberer als die 'Kollas', so ihre Meinung.
Sowohl Zurita als auch Saucedo waren führend beim Aufbau der Autonomiebewegung. Sie haben das Gefühl, keinerlei Verbindung zur bolivianischen Kultur außerhalb von Santa Cruz zu haben. Saucedo gibt offen zu, er wolle "nichts mit Pachamama (Mutter Erde) und all dem Kram zu tun haben". "Wir wissen ja gar nicht, was das ist, Pachamama". Allerdings scheinen beide zu begreifen, dass es genau ihre Art von Rassismus ist, der Santa Cruz spaltet. "Wahrscheinlich stehen wir am Anfang dessen, was ihr in den USA erlebt habt, kurz bevor das mit der Bürgerrechtsbewegung zwischen Schwarzen und Weißen losging", so Saucedo. Ich frage nach der Bedeutung des Kreuzes auf der Flagge seiner Bewegung. Zurita: "Es ist kein Nazisymbol". Danach habe ich gar nicht gefragt, sage ich. Inzwischen haben beide eine Verteidigungshaltung eingenommen. "Wir sind keine Rassisten", sagt Zurita.
Anmerkungen
Benjamin Dangl ist Autor von 'The Price of Fire: Resource Wars and Social Movements in Bolivia'. Das Buch wird im März 2007 bei AK Press erscheinen. Dangl arbeitet als Redakteur bei TowardFreedom.com (eine Internetseite mit progressiver Sicht auf globale Ereignisse) und UpsideDownWorld.org (ein Online-Magazin, das über Politik und Aktivismus in Lateinamerika berichtet). Sie können Dangl erreichen unter Ben@upsidedownworld.org
Orginalartikel:
The Dark Side of Bolivia's Half Moon
Übersetzt von:
Andrea Noll
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