Die ersten Angriffe
von Michael Albert
08.10.2001 — ZNet
Bis jetzt gibt es keine klaren Erkenntnisse über die Ereignisse des heutigen Tages. In den kommenden Tagen werden wir die Ereignisse sowohl registrieren als auch analysieren. Wir wissen nur wenig zum jetzigen Zeitpunkt.
Wir wissen z. B. aus dem CIA Fact Book, dass die Bevölkerung Afghanistans noch vor einigen Monaten etwas weniger als 27 Millionen Menschen umfaßte. Die Lebenserwartung bei der Geburt betrug 47 Jahre. Für mehr als zwei Drittel der Einwohner Afghanistans war es nicht nur unwahrscheinlich, dass sie das Alter von 50 Jahren erreichten, sondern sie waren auch Analphabeten. Das Telefon und seine Nutzung war nicht weit verbreitet. Es gab ungefähr 100.000 Fernseher, das heißt weniger als einer pro 200 Einwohner. Im gesamten Land gab es 24 km Eisenbahnschienen – ja, das ist das, was die CIA-Seite, die ich besuchte, aussagt – und weniger als 3000 km gepflasterte Straße, was ungefähr einem einzigen Highway durch die Vereinigten Staaten entspricht. Wenn man dahinter sieht, ist das Wesentliche offensichtlich. Es gab zehn Flughäfen mit geteerten Start- und Landebahnen.
Noch schlimmer als die starke Armut des Landes war der fast zehnjährige Krieg und dessen ruinöse Nachwirkungen, den Afghanistan mit der Sowjetunion führte. So haben schon vor Wochen die UN und andere internationale Hilfsorganisationen gemahnt, dass es im kommenden Winter ohne bedeutende Hilfsanstrengungen bis zu 7 Millionen Hungertote geben könnte.
In diesen ohnehin erbärmlichen Kontext hinein haben die Vereinigten Staaten zuerst Panik geschürt, die im Gegenzug den Hunger verstärkte, indem sie verlangten, dass Pakistan seine Grenzen schloss, und so die Nahrungszufuhr vier Wochen lang beschnitten. Die Bombendrohung provozierte eine Massenflucht angsterfüllter, schutzsuchender Zivilisten. Noch nicht zufrieden mit dem, was sie diesem verzweifelten Land angetan haben, haben die Vereinigten Staaten nun zu diesem Mix B1 und B52-Bomber, Tarnflugkörper und wer weiß was für andere tödliche Kampfmittel hinzugefügt. Und nachdem wir die Bevölkerung in Hysterie versetzt und in die Flucht getrieben haben, sie von den wenigen Fluchtwegen sowie dem bißchen Elektrizität und anderem Komfort, den das Land hatte, abgeschnitten haben, Grenzen geschlossen und Nahrungsmittellieferungen gekürzt haben, einen Exodus der Hilfsorganisationsmitarbeiter verursacht haben zu Zeiten einer drohenden Hungerkatastrophe, haben wir nun damit begonnen, zusammen mit den Bomben genug Nahrungsmittel abzuwerfen, um 30.000 Menschen pro Tag zu ernähren unter der Annahme, dass dies so weitergeht. Auf die Frage, ob die Nahrungsmittel über Talibangebieten abgeworfen würden, wurde berichtet, dass dies verneint wurde, also, unter der Annahme, dass diese Antwort korrekt ist, werfen wir die Lebensmittel über ca. 10 % des Landesterritoriums ab.
Die gegenwärtige Strategie im Hinblick auf all dies ist nicht komplex. Zuerst sät man Sturm im Land. Verschlechtert die Lebensbedingungen und schürt die Todesverzweiflung in der Bevölkerung. Unterminiert auf diese Weise die Unterstützung für das Talibanregime. Bringt dieses dann zum Einsturz und findet und tötet – vermutlich rechtzeitig – bin Laden. Bleibt der Jubel. Richtet die Kameras der Journalisten in eine andere Richtung. Hofft, dass die unschuldigen Toten unbemerkt durchgehen, verborgen durch die Begeisterung, die unsere Freigebigkeit öffentlich zur Schau stellt.
Natürlich wurde internationales Recht verletzt. Schlimmer, der Mechanismus zur Erreichung illegaler Verfolgung von Selbstverteidigern ist eine Politik, die bewußt und wie vorherzusehen war viele, wenn nicht sogar eine enorme Anzahl unschuldiger Zivilisten töten wird. Wir verwehren Millionen den Zugang zu Nahrungsmitteln und geben dann Zehntausenden Lebensmittel zurück, während wir die Gesellschaft in Panik und Auflösung bomben. Das ist Terrorismus: Zivilisten im Hinblick auf politische Ziele zu attackieren, mit einer Patina von Public Relations. Das ist höchste Ungerechtigkeit, verschleiert von höchstmöglicher Verfinsterung.
Nein, alle Rhetorik beiseite, die Antwort ist, dass die Vereinigten Staaten eine Botschaft übermitteln und einen Prozess einleiten wollen. Die Botschaft ist, wie üblich, mischt euch nicht in unsere Angelegenheiten ein. Wir haben keine Gewissensbisse, zerstörerische Rache an den Schwachen und Verzweifelten zu üben. Der Prozess, auch nicht sonderlich originell seit Ronald Reagan und George Bush sen., hatte ähnliche Bestrebungen, d. h. das Motto 'Krieg dem Terrorismus' als ein die Lynchjustiz initiierendes Grundprinzip sowohl für Innen- als auch für internationale Polik zu legitimieren.
Dieser 'Krieg dem Terrorismus' soll demselben Ziel dienen wie der Kalte Krieg. Wir kämpfen ihn mit geringen – wenn überhaupt irgendwelchen – militärischen Verlusten. Wir benutzen ihn, um Furcht in unserer eigenen Bevölkerung zu säen und durch diese Furcht jegliche Art von elitären Maßnahmen angefangen von der Reduzierung der bürgerlichen Freiheiten über die Erweiterung der Profitspannen militärischer Rüstungsfirmen bis hin zur Legitimierung jeder Art internationaler Maßnahmen zur Erhöhung US-amerikanischer Macht und ihres Profits, sei es im Mittleren Osten oder sonstwo, zu rechtfertigen.
Die kommenden Tage werden nicht einfach werden. Die Attacken vom 11. September schürten plötzliche Angst und die Rückbesinnung auf einen Nationalismus, der jegliche Beweise und Logik vernachlässigt. Allerdings konnte man auch progressive Stimmen hören, und diese machten immer größere Fortschritte, indem sie eine immer größere Zuhörerschaft dazu brachten, weitreichendere Lösungen internationaler Politik und Aussichten in Betracht zu ziehen. In den nächsten Tagen wird es eine Wende hinsichtlich dieses Impulses geben, aber wenn die progressiven Stimmen hartnäckig bleiben, wird verlorengegangener Grund schnell zurückerobert sein. Fragen bezüglich Moral und Vernunft bei der Antwort auf den riesigen und schrecklichen Terroranschlag des 11. September mit noch größerem Terror, bei der Beantwortung eines barbarischen Unglückes mit einer barbarischen Katastrophe, bei der Reaktion auf ignoranten Fanatismus mit hochintelligentem Hurrapatriotismus werden auftauchen, und solche Fragen werden beginnen, das Blatt dieses Militarismus zu wenden.
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