Die etwas andere Art der Gewalt
von Justin Podur
02.03.2003 — ZNet
„Gewalt in Kolumbien“ ist ein solch populäres Thema, das es hunderte Artikel, Bücher und Aufsätze mit diesem Titel gibt. Einige, die von Menschen verfasst wurden, die sich selbst als „GewaltologInnen“ bezeichnen, sind sehr gut und ernstgemeint. Andere weniger. Die meisten AutorInnen konzentrieren sich auf den militärischen Konflikt zwischen den Streitkräften und dem bewaffneten Widerstand. Viele diskutieren zudem die Auswirkungen des Drogengeschäfts und – handels. Die Ernsthafteren sprechen außerdem das Problem des Paramilitarismus an. Die Besten untersuchen, welche Rolle die multinationalen Interessen, inklusive die der Vereinigten Staaten und der multinationalen Konzerne, bei der Anheizung des Konflikts spielen.
Allerdings erzählt kaum eine/r die Geschichte der leisen, entsetzlichen Gewalt, die den armen Menschen widerfährt, und die sie weiterhin durchleben müssten, selbst wenn die gesamte „Gewalt“, die Kolumbien berühmt macht, plötzlich aufhörte. Aber dort wird Gewalt verübt. Und ein/e gute/r „GewaltologIn“, jemand, der/die wirklich daran interessiert ist, Terror zu bekämpfen, findet möglicherweise auch eine ganze Menge Gewalt und Terror fernab der Schlachtplätze.
Letzte Woche bekam ein 16-jähriges Mädchen namens Paola in Cali, Kolumbien, ein Baby. Paola kam auf dem selben Weg nach Cali, wie viele andere Jugendliche – sie wurde durch Drohungen der Paramilitärs aus ihrer Heimatstadt vertrieben. Mehr als 2,5 Millionen KolumbianerInnen sind auf diese Weise hauptsächlich in den Randbezirken der Großstädte gestrandet. Paola war schon schwanger als sie vertrieben wurde.
In Cali fand sie sich ohne finanzielle Ressourcen, die Unterstützung ihrer Familie, oder ähnlichem – für sich selbst oder ihr Baby – wieder. Sie ging zu einem Regierungsamt – „zum „Amt für Friedensmanagement“, wie es interessanterweise genannt wird. Sie ging aus zwei Gründen dorthin: 1.) Weil sie kein Fahrgeld hatte und 2.) weil es ihr vom Amt geraten wurde, als sie anrief, dass es gesund für Schwangere sei, zu laufen.
Paola brachte ihr Kind in einem Krankenhaus in Cali zur Welt, und ihre FreundInnen kratzten ein wenig Geld zusammen, um Kleidung für das Baby sowie Spritzen und Gummihandschuhe (, die nicht vom Krankenhaus gestellt wurden) für die Krankenhausangestellten zu kaufen. Eine dieser FreundInnen, Maria Eugenia, versuchte Paola anzumelden. Als Maria sagte, Paola sei vertrieben worden, entgegnete das Krankenhauspersonal: „Es tut uns leid, aber jede/r sagt, dass er/sie vertrieben worden sei, damit sie/er nicht bezahlen muss.“ Die Gebühr? Mehr als 200 U.S. Dollar, ein Vermögen für eine vertriebene, junge Kolumbianerin. Als Paolas FreundInnen daraufhin fragten, was mit ihr geschehe, falls sie nicht zahlen könnte, zuckte das Personal mit den Schultern. Es war offensichtlich, dass Paola und ihr Baby das Krankenhaus nicht verlassen dürften, bis sie ihre Rechnung bezahlten. Die Schwierigkeiten ergaben sich, weil die staatliche Krankenversicherung 20 Dollar für die Vertriebenen zahlt und dann nichts mehr – eine Neuerung, die mit dem letzten kolumbianischen Staatshaushalt eingeführt wurde.
Letztendlich entkam sie dem Krankenhaus aus demselben Grund, aus dem wir ihre Geschichte kennen. Unter ihren FreundInnen waren AktivistInnen, die genug Geld aufbrachten, um ihr aus der Patsche (einem Krankenhaus) zu helfen und um eine e- Mail an unsere UnterstützerInnen von Außerhalb zu senden. Mindestens 2,5 Millionen Geschichten wie Paolas passieren jeden Tag.
Eine 16 Jahre alte, vertrieben Frau, die einem Baby gerade das Leben geschenkt hat, kann im Krankenhaus festgehalten werden, weil ihr Geld nicht ausreicht, um die Entbindung zu bezahlen, da die Gesundheitsversorgung für Vertriebene gekürzt worden ist.
Sind „Anti- Terror-“ Operationen in Arbeit, die sich damit auseinandersetzen? Wenn Sie darauf warten, dass „Gesundheitsversorgung für junge Mütter als Anti- Terrormaßnahme“ beschlossen wird, könnten sie eine ziemlich lange Zeit warten.
Ein Beispiel des bestehenden „Anti- Terrors“ konnte m. kurz vor der Geburt von Paolas Baby, am 23. Februar 2003, beobachten. An diesem Tag gingen zwei indigene Männer, Evelio Sanapi Sintua (23 Jahre alt) und Fernando Antibia (21), in einer ländlichen Gemeinde namens Meseta in Choco um 6.00 Uhr morgens auf die Jagd. Als sie am nächsten Tag nicht zurückkehrten, bildete die Gemeinde Suchtrupps. Ein Suchtrupp spürte eine Armeepatrouille auf, die ihnen mitteilte, dass zwei junge Indigenas fest genommen wurden. Als der Suchtrupp mit dem verantwortlichen Offizier sprach, wurde ihnm gesagt, dass die Männer getötet worden wären und dass die Leichen in einer anderen Kommune gefunden werden könnten.
Ein weiteres Beispiel: die nationale Ölgesellschaft, ECOPETROL, führt momentan Tarifverhandlungen. Als Teil der Verhandlungen hat die Regierung den Gewerkschaftsvorsitzenden den Zutritt zum Werksgelände verboten und zusätzlich hat die Armee am 21. Februar die Ölraffinerien in Barrancabermeja und Cartegena besetzt und dabei hunderte MitarbeiterInnen verletzt.
Ein drittes Beispiel: Seit dem 14. Februar beschießt die Armee Kommunen im Norden des Departements Cauca – die Gemeinden Jambalo, Toribio, Corinto und Teile von Caloto. Die angeführte Entschuldigung ist, dass sich die FARC dort aufhielte, trotzdem hat die überwiegend indigene Bevölkerung ein Bulletin ( Bericht ) herausgegeben, mit dem sie bekannt gibt, lieber nicht beschossen zu werden. Die Bevölkerung wird nicht nur wegen der Präsenz ( Anwesenheit ) der FARC zum Ziel sondern weil sie ihre eigenen „life projects“, eine eigene Landreform und Regierungsstruktur, die von der Zentralregierung unabhängig ist, erfolgreich aufgebaut haben. Wie die MitarbeiterInnen von ECOPETROL sind sie aufgrund ihres Widerstands bestraft worden.
Diese Art von Gewalt ist nicht nur ein Phänomen Kolumbiens. Es gibt auf der ganzen Welt junge Mütter, denen keine Gesundheitsfürsorge infolge von Privatisierungen, IWF- Rezepten, Profit orientierten Sozialsystemen und der Demütigung der Armen gewährt wurde. Es gibt andere Regierungen, die ihre Armeen aufmarschieren lassen, um Kommunen zu beschiessen, Gewerkschaften zu demontieren und Unschuldige zu ermorden. Die „GewaltologInnen“ schaden Paola, Evelio und Fernando, den Arbeiterinnen von ECOPETROL, den Bauern in Cauca, wenn sie ihre Geschichten ignorieren – nicht nur, weil dies eine enorme Gewaltquelle ist, die noch nicht ausreichend studiert worden ist sondern auch, weil zu den anderen Arten der Gewalt eventuell Verbindungen bestehen.
Justin Podur hält/versorgt ZNet´s Colombia Watch Seiten (in Stand). Kontakt unter: justin.podur@utoronto.ca
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