Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Artikel Die gängige Weisheit gängiger Medien lautet: Gehorsam.
Artikelaktionen

Die gängige Weisheit gängiger Medien lautet: Gehorsam.

von Norman Solomon

13.03.2003 — ZNet

— abgelegt unter:
Während die Möglichkeit einer US-Invasion die Form eines massiven Blutbades annimmt, trifft der Krieg im Irak bei Amerikanern unwillkürlich auf eine stille Erwartungshaltung, die von den Medien all zu selten untersucht wird. Mit einem Wort: Gehorsam.

Wenn eine Nation - eine "Demokratie" im besonderen - in den Krieg zieht, wird die passive Zustimmung der Regierten zum Schmiermittel der Kriegsmaschine. Stillschweigen ist eine wichtige Form der Zusammenarbeit, aber das System der Kriegführung besteht nicht unbedingt auf Zustimmung oder das Unterdrücken von Meinungsäußerungen. Einfache Selbstbeherrschung und Passivität reichen schon aus, um die Raketen weiter fliegen, die Bomben weiter fallen und Menschen in fernen Landen weiter sterben zu lassen.

An der Heimatfront zählen persönliche Meinungen wenig. Will man einen Krieg aufhalten, ist eine kriegskritische Haltung zwar notwendig - aber nicht hinreichend. Hierfür braucht es mehr als Unmutsäußerungen, die im üblichen Rahmen bleiben.

Die täglichen Spekulationen in den Medien darüber, wann genau der Irakkrieg nun losbricht, haben der grassierenden Passivität weiter Vorschub geleistet. Bei den Kriegshandlungen, die in unserem Namen unternommen werden, haben wir eine Zuschauerrolle eingenommen.

Dabei können wir die Schuld an der allgemeinen Starre nicht einfach den Medienkonzernen und den PR-Profis aus Washington anlasten. Nach Jahrzehnten abstumpfender Propaganda dürsten wir regelmäßig nach der distanzierenden Wirkung der Nachrichten. Unsere eigenen Leben sind schließlich kompliziert genug, da müssen wir uns nicht auch noch über weltpolitische Ereignisse aufregen.

Spätestens wenn die ersten Raketen Bagdad erreichen, werden Leitartikelschreiber und Politiker sich unweigerlich in den Dienst der Sache stellen. Das lehrt die Erfahrung mit dem politischen Leben in Amerika. Konformismus ist -im scharfen Gegensatz zum aufrechten Gewissen- eine äußerst dehnbare Geisteshaltung.

Ein bedauernswertes Beispiel hierfür ist Senator John Kerry, demokratischer Abgeordneter aus Massachusetts, der im vergangenen Oktober im Kongress für die Kriegsresolution gestimmt hat und sich gleichzeitig als ein Kritiker von Bushs Kriegseuphorie verkaufen wollte. Bei einer Kampagne zu seiner Nominierung als Präsidentschaftskandidat in Iowa sagte er einem Reporter der New York Times: "Wenn der Krieg beginnt, so er denn beginnt, stehe ich voll hinter unseren Soldaten und hoffe, dass die Vereinigten Staaten von Amerika den Konflikt so schnell wie möglich gewinnen. Ich weiss aus eigener Erfahrung, wie diese Soldaten empfinden. Ich finde, sie brauchen ein vereintes Amerika, das willens ist den Krieg zu gewinnen während sie auf dem Schlachtfeld stehen und kämpfen - sollte es dazu kommen."

Willens den Krieg zu gewinnen. Solche Sätze gleiten locker über geölte Lippen. Zur Folge haben sie allerdings den Tod vieler Unschuldiger.

Howard Dean, ehemaliger Gouverneur von Vermont, bewirbt sich als vermeintlicher Kriegsgegner ebenfalls um die demokratische Präsidentschaftskandidatur. Während seiner Kampagne in Iowa "hielt er inne, als er nach seiner Meinung im Falle eines Krieges gefragt wurde," berichtet die Times.

"Wissen sie, ich kann das noch gar nicht beantworten. Natürlich werde ich hinter den amerikanischen Jungs stehen, die dorthin geschickt werden. Es versteht sich doch von selbst, dass ich ihnen alle das Beste wünsche. Man steht schließlich zu seinem Land." Man steht zu seinem Land. Ganz egal wie schrecklich die Handlungen dieses Landes sein mögen.

Überall in den Vereinigten Staaten werden sich in den nächsten Wochen Milliarden Knospen zahlloser Bäume und Blumen auf wunderbare Weise öffnen. Zeitgleich wird die Feuerkraft des Pentagons zahllose Menschen im Irak vernichten. In einem Angriffskrieg- milde ausgedrückt.

Die Nürnberger Urteile und die moralischen Grundsätze internationalen Rechts verbieten Angriffskriege - eine adäquate Beschreibung dessen, was die US-Regierung für die irakische Bevölkerung dieses Frühjahr im Sinn hat.

"Wir müssen den Deutschen deutlich machen, dass ihre Führer nicht vor Gericht stehen weil sie den Krieg verloren haben - sondern weil sie ihn begonnen haben," sagte Robert L. Jackson, oberster Bundesrichter und US-Vertreter beim Internationalen Militärgericht Ende des Zweiten Weltkriegs. Er sagte weiter, "Es gibt keine Beschwerden oder Handlungen die einen Angriffskrieg rechtfertigen können. Als Mittel der Politik ist er auf das Schärfste geächtet und verdammt."

Eine Erklärung, die letzten November von über 300 Rechtswissenschaftlern in den USA unterzeichnet wurde, betont: "Internationales Recht ist kein Luxusgut, auf das verzichtet werden kann wann immer Regierungen den Rückgriff auf rohe Gewalt für genehm erachten."

Es fällt uns leichter, den betäubenden Gleichschritt des Gehorsams in anderen Kulturen zu kritisieren. Während bei uns das Adrenalin unfassbarer Gewalt in amerikanische Wohnzimmer gepumpt wird, geht der Ruf nach Respekt vor der Obrigkeit. Dieser Sirenengesang mag unwiderstehlich scheinen. Aber er ist es nicht.

---

Norman Solomon ist Co-Autor des bei Context Books neu erschienenen Buches "Target Iraq: What the News Media Didn't Tell You" www.contextbooks.com/newF.html).

Eine Textfassung von Solomons Auftritt bei CNN, wo am 11.März US-Pläne für einen Krieg im Irak diskutiert wurden, kann hier eingesehen werden: www.cnn.com/TRANSCRIPTS/0303/11/sdi.04.html

Weiterführende Links: www.lcnp.org/global/IraqLetter.htm

Übersetzt von: Patrick Müller
Artikelaktionen