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Dieses Gerede von 'Antisemitismus' ist ein Vorwand um Repression zu rechtfertigen

Ein Ende der Israelischen Besatzung wäre zum Vorteil der Juden wie der Muslime in Europa.

von Seumas Milne

10.05.2002 — The Guardian / ZNet

— abgelegt unter:

Schon seit der 'Französischen Revolution' ist das Schicksal der Linken u. der Juden eng miteinander verwoben. Die Forderung der Linken nach universellen Rechten u. sozialer Gerechtigkeit hat sie quasi zu natürlichen Verbündeten eines Volks gemacht, das vom christlichen Establishment Europas lange Zeit über verfolgt u. ausgeschlossen wurde.

Und spätestens seit den Tagen von Karl Marx spielten die Juden im gesamten linken Spektrum eine zentrale Rolle. Viele Führer der 'Russischen Revolution' waren ja Juden - daher auch Hitlers Denunziation des Kommunismus als einer wörtlich: 'Judeo-Bolschewistischen Verschwörung'. Auch der Untergrund-Widerstand gegen Hitler wurde von Linken angeführt. Und nicht zu vergessen: es war die 'Rote Armee', die damals das Todeslager von Auschwitz befreite. Auch in Großbritannien waren es Linke, die in den Dreißigern zu den Waffen griffen, um das jüdische 'East End' vor Angriffen durch Faschisten zu schützen. In der Arabischen Welt waren Juden unverzichtbar beim Aufbau linker Parteien. Und obgleich sich die Klassenverhältnisse in den jüdischen Gemeinden inzwischen sehr verändert haben, leisten doch immer noch unverhältnismäßig viele Juden weltweit ihren Beitrag in progressiven politischen Bewegungen - nicht zuletzt auch in pro-palästinensischen Solidaritätsgruppen.

Und jetzt plötzlich beschuldigt man die Linke also des Antisemitismus - und das nur, weil sie gegen die Israelische Militärokkupation bzw. gegen die fortgesetzte Enteignung der Palästinenser eintritt. Und während die 'Intifada' u. die Israelische Repression immer weiter wüten, bezichtigen rechte (Medien-)Kommentatoren u. religiöse Führer die Linke eines 'anti-jüdischen Vorurteils'. Sie werfen der Linken Doppelmoral vor, werfen ihr sogar vor, durch ihre vehementen an die Adresse Israels gerichteten Massakervorwürfe die mittelalterlichen antisemitischen Progrome zu verhöhnen. Der Oberrabbi von Großbritannien, Jonathan Sacks, ist mit seiner Attacke jetzt sogar an die Medien gegangen. Laut Sacks stellt jede Kritik an Israels Handeln "das Existenzrecht der Juden als Kollektiv in Frage". Und in den USA wird die Verurteilung der Linken wegen ihrer Israel-Kritik mittlerweile auch auf die gesamte europäische Mainstream-Politik ausgedehnt.

Keine Frage andererseits, der offene Antisemitismus in Europa hat zugenommen - insbesondere seit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Europa vor zehn Jahren. Seit der zweiten 'Intifada' u. Ariel Scharons Wahl zum Premier von Israel hat sich dieser Trend noch weiter beschleunigt. Auch in Großbritannien haben tätliche Übergriffe auf Juden zugenommen - selbst wenn deren Zahl nicht zu vergleichen ist mit der Anzahl an Übergriffen auf Schwarze, Asiaten oder Muslime in unserem Land. Und nun wurde also auch noch eine Londoner Synagoge entweiht. Überall in Europa ist die extreme Rechte wieder auf dem Vormarsch - kein Wunder also, daß eine jüdische Gemeinschaft, die gerade mal zwei Generationen vom schrecklichsten Genozid der Menschheitsgeschichte trennen, sich wieder im Belagerungszustand wähnt. Und diese Sicht der Dinge wird noch verstärkt durch die Bilder der furchtbaren Anschläge auf Israelische Zivilisten - wie beispielsweise vom Selbstmordanschlag in Rishon Letzion letzten Dienstag.

Kein Zweifel, viele Linke hier in Großbritannien haben irrigerweise zu der Annahme geneigt, der Sozial-Krebs des Antisemitismus sei weniger verheerend in seiner Wirkung (die Juden hier sind ja vergleichsweise reich u. haben gute Positionen) als andere Formen des Rassismus.

Daß dem nicht so ist, daran erinnern uns permanent die Friedhöfe Europas. Sicher ist auch die Linke nicht immun gegen rassistische gesellschaftliche Strömungen. Sie muß sich auch immer wieder vehement darum bemühen, eine Trennlinie zu finden zwischen 'Antizionismus' u. 'Antisemitismus', u. sie muß in ihren Kampagnen für Gerechtigkeit in Nahost immer auch die Gefühle der Juden berücksichtigen.

Aber das alles rechtfertigt in keinster Weise das derzeitige (Zeitungs-)Geschmiere, in dem behauptet wird, die Unterstützung der Linken bzw. Liberalen für die Rechte der Palästinenser leiste dem Wiederaufflammen eines antijüdischen Rassismus Vorschub - ein geradezu absurdes Geschwätz, das auf der anderen Seite auch dazu benutzt wird, Israels brutalen Unterdrückungskrieg in den 'Besetzten Gebieten' zu rechtfertigen.

Alle Beweise sprechen dafür, daß die extreme Rechte (eine traditionelle Quelle antisemitischen Gifts aller Art) zum überwiegenden Teil für die Anschläge auf jüdische bzw. muslimische Ziele in Europa verantwortlich ist, und natürlich stellen auch islamische Randgruppen eine gewisse Gefahr dar, aber nicht mal in den kühnsten Reden der Israel-Hochjubler wird ernsthaft der Verdacht geäußert, linke Gruppen könnten etwas mit solchen Anschlägen zu tun haben - wie beispielsweise dem auf die die Finsbury Park Synagoge.

Auch ist es keineswegs eine israel-feindliche Medienberichterstattung, die die Kritik an Israel anheizt, vielmehr das was vor Ort selbst geschieht - in Bethlehem, Nablus oder in Ramallah.

Denn in Wahrheit ist - was immer die Freunde der 35jährigen Israelischen Besatzungspolitik auch sagen mögen -, die Existenz des Staats Israel in keinster Weise gefährdet. Und auch mit viel Phantasie kann niemand behaupten, Israel stünde 'allein da' (auch wenn einige darauf insistieren). Nicht umsonst wird die Sicherheit Israels ja von der stärksten Macht der Welt (USA) bewacht.

Ganz im Gegensatz hierzu ist die Bedrohung, der Palästinenser ganz real u. konkret. Inzwischen sind die Palästinenser nämlich nicht mehr nur in ihren nationalen Rechten bedroht, selbst ihre Existenz in dem ihnen verbliebenen Teil Palästinas, ist ja nicht mehr gewährleistet.

Während der letzten Wochen haben Menschenrechtsorganisationen in der West Bank Beweismaterial für ernstzunehmende Verstöße der Israelis gegen die 'Genfer Konvention' - also für Kriegsverbrechen - gefunden. Israel hingegen ist es gelungen, das Jenin-Untersuchungsteam des UN-Sicherheitsrats wieder wegzuscheuen - u. geht dabei auch noch straffrei aus.

Wer sich weigert, diese brutalen Fakten anzuerkennen - Fakten über Machtentfaltung u. Ungerechtigkeit - spiegelt in seiner Haltung erstens antiarabischen Rassismus u. zweitens Islamophobie wider - und beides findet heutzutage auf den Straßen Europas ja viel mehr gewalttätigen Ausdruck als der Antisemitismus u. ist auch im politisch-gesellschaftlichen System Europas viel, viel akzeptierter.

Wenn die Linke die Besatzungspolitik (Israels) verdrängt, verübt sie Verrat. Wie hat der Zapatistenführer Marcos doch einmal gesagt, er sei "... ein Jude in Deutschland, ein Palästinenser in Israel".

Letzte Woche hat Dick Armey, der Führer der Republikaner im US-Repräsentantenhaus u. wichtiger Bush-Unterstützer doch tatsächlich offen an Israel appelliert, die 'Besetzten Gebiete' ganz in Besitz zu nehmen u. die Palästinenser zu vertreiben. Mit anderen Worten: Armey schlägt die 'ethnische Säuberung' der Territorien (von ihrer arabischer Bevölkerung) vor. Sein Ausspruch ist bei Kommentatoren auf wenig Echo gestoßen, kommt aber just zu einem Zeitpunkt, da ohnehin 40 Prozent der (jüdischen) Israelis u. auch verschiedene Israelische Kabinettsminister sich offen für den sogenannten 'Transfer' (Vertreibung aller Palästinenser) aussprechen, u. kann somit von den extremsten Elementen des Israelischen Establishment nur als große Ermutigung empfunden werden.

Und was 'ethnische Säuberung' als solches angeht - nichts wirklich Neues in Israel. Schon zweimal hat die Israelische Armee ja Palästinenser-Vertreibungen in großem Stil durchgeführt, nämlich 1948 u. 1967 - mit der Absicht nämlich, in den von Israel kontrollierten Gebieten eine überwältigende Mehrheit an Juden herzustellen (nachzulesen in den Archiven u. Memoiren der Israelischen Führer jener Zeit).

Die Flüchtlinge, die damals 'produziert' wurden, sind jetzt die Wurzel des Konflikts. Es gehört zur Tragödie des Zionistischen Projekts, daß die (nationale) jüdische Selbstbestimmung auf Kosten eines andern Volks gehen mußte. Die einzige Chance, in vorhersehbarer Zukunft zu einem Frieden zu gelangen, besteht einzig in der sogenannten 'Zwei-Staaten-Regelung'.

Aber damit eine solche Regelung zustandekommen kann, müssen bestimmte Folgen früherer 'ethnischer Säuberungen' (durch Israel) wieder revidiert werden. Wer heute noch sagt, der Staat Israel, so wie er jetzt verfasst ist, dürfe auf keinen Fall angerührt werden - auch nicht seine diskriminierenden Gesetze, wie etwa das 'Heimkehrrecht' für jeden Juden irgendwo auf der Welt, während gleichzeitig den gewaltsam vertriebenen Palästinensern ein Heimkehrrecht verweigert wird -, wer also eine solche Haltung einnimmt, der kämpft nicht gegen Rassismus, eher schon für das Gegenteil. Nicht mal den Israelis selber tun diese Leute einen Gefallen.

Die jüngsten Selbstmordanschläge in Israel haben deutlich bewiesen, wie sehr Scharon mit seiner Strategie 'die Infrastruktur des Terrors zu zerstören', gescheitert ist. Was wir hingegen brauchen, ist 'die Zestörung der Infrastruktur der Besatzung'. Nicht nur im Nahen Osten würde dies nämlich den Weg zum Frieden ebnen. Auch für die Juden u. Muslime hier in Europa wäre dies eine Chance zu begreifen, daß sie gemeinsame Interessen haben.

S.milne@guardian.co.uk

Übersetzt von: Andrea Noll
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