Direkte Demokratie in Kolumbien
Ein Inverview mit Alirio Arroyave und Arquimedes Vitonás
von Justin Podur
20.09.2002 — Rabble / ZNet
Die kolumbianischen Gemeinschaftsorganisatoren Aliric Arroyave und Arquimedes Vitonás waren letzten Monat in Toronto um Vorträge zu halten, was ein Teil der Canada-Colombia Solidarity Campaign war. rabble Interviewer Justin Podur hatte Gelegenheit mit beiden Männern während ihres Aufenthaltes über partizipative Politik und direkte Demokratie zu sprechen, und was passieren kann, wenn die Menschen welche die Entscheidungen machen auch jene sind, welche von ihnen betroffen sind.
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Alirio Arroyave ist ein Organisator von Kleinbauern in der Gemeinde von Tarso, Antioquia – im nordwestlichen Kolumbien. In den letzten Jahren wurde in Tarso eine Versammlung der Gemeindemitglieder (Municipal Constituent Assembly) aufgebaut, ein erfolgreiches Experiment in direkter Demokratie, welche die gesamte Gemeinschaft sich an lokalen Entscheidungen beteiligt.
Justin Podur: Erzählen sie mir über Tarso und über die demokratischen Prozesse, welche die Gemeinschaft dort geschaffen hat.
Alirio Arroyave: Tarso ist eine bäuerliche Gemeinde von etwa 7600 Bewohnern. Die Produktion besteht hauptsächlich aus Tierhaltung und Kaffee. Was wir gemacht haben ist eine partizipative Versammlung zu erschaffen, die Versammlung der Gemeindemitglieder. Es bietet Mitgliedern der Gemeinschaft einen offenen Raum ihrer Rechte auszuüben und an Entscheidungen Teilzuhaben.
Podur: Was für eine Art von Entscheidungen?
Arroyave: Am Gemeindeentwicklungsplan zum Beispiel. Das ist ein Dreijahresplan, dessen Inhalt in einem gemeinschaftlichen Prozess entsteht. Es gibt fünf Arbeitsgruppen: über Berufe, soziale Sicherheit, Umwelt, Demokratie und Menschen-rechte bzw. –pflichten – wir wollen nicht nur von Menschenrechten sondern auch von Pflichten sprechen. Mitmachen ist eine Verpflichtung für die Bürger. Die Erschaffung einer Gesellschaft – einer besseren Gesellschaft – bedeutet, dass Menschen ihre Verpflichtungen zu erfüllen haben.
In jeder dieser Arbeitsgruppen gibt es 150 von der Gemeinschaft ausgewählte Sprecher, welche die sozialen Organisationen oder Nachbarschaften repräsentieren. Jeder Gesandte wird der Versammlung genannt. Das System spiegelt eine Übereinstimmung der Bürger wider, zusammen an einer Lösung unserer sozialen und wirtschaftlichen Probleme zu arbeiten.
Podur: Was ist die Geschichte dieses Projektes?
Arroyave: Es ist ziemlich neu. Es begann im Oktober 1999 mit einem Forum über Tarso im neuen Jahrtausend. Einige lokale Aktivisten bildeten ein Komitee mit dem Ziel die Gemeinde zu vereinen. Wir hielten Workshops über Partizipation und Partizipationsmechanismen. Wir wurden von der sozialen und wirtschaftlichen Krise in der Gemeinde dazu bewegt. Es gab eine wachsende öffentliche Schuld. Es gab Gewalt und ein größer werdendes Problem der Zwangsumsiedelung.
Es gab aufgrund der fallenden Kaffeepreise natürlich Arbeitslosigkeit. Das geschieht alles wegen einer Krise in der Art des Regierens – ein Produkt der Art und Weise wie Politik betrieben wird.
Die Politik ist keine Wissenschaft der Verwaltung, sondern etwas was die ganze Gemeinschaft erlebt. Aber Politik wurde von der existierenden Regierung nur als eine Form der Verwaltung dargestellt, und diese Verwaltung zog die Interessen des Kapitals jenem kollektivem Interesse unvermeidlich vor. Dies brachte uns zu der Krise.
Traditionellerweise bestand die örtliche Politik nur aus einem Rennen um die Exekutivmacht. Die Exekutive die gerade an der Macht ist versucht eine Mehrheit im Konzil zu bekommen, die Bürokratie zu kontrollieren, und die Ressourcen zu kontrollieren. Das Konzil – die Repräsentanten der Bevölkerung – verliert jede Macht Vorschläge zu machen.
Als die Bürgerversammlung das übernahm restrukturierten wir die Verwaltung und investierten wieder in soziale Ausgaben. Wir machten die Erziehung kostenfrei; wir haben den Zugang zu Gesundheitsdiensten verbessert; wir haben Verbesserungen beim Wohnen durchgeführt. Wir haben die Qualität des Unterrichts und die Qualität der Umwelt verbessert. Wir versuchen mehr Arbeit zu schaffen.
Podur: Woran mangelt es?
Arroyave: An mehreren Dingen. Wir brauchen internationale Kooperation. Wir würden zum Beispiel gerne eine sichere Nahrungsversorgung bieten. Und beim auslöschen der Armut können internationale Kooperationen auf mehreren Ebenen helfen. Vor allem brauchen wir Rückendeckung für unseren Prozess. Wir werden bedroht. Wir sind ein Beispiel für Demokratie und Frieden, und wir werden vom Krieg im Land bedroht. Wir brauchen Schutz von der internationalen Gemeinschaft, damit wir in unserer Gemeinschaft den Wohlstand ausbauen können.
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Arquimedes Vitonâs ist ein indigener Organisator der Paez von Toribio, Cauca – im südwestlichen Kolumbien. Cauca hat einen demokratisch gewählten indigenen Gouverneur, Fioro Tunabala, aber praktiziert auch direkte Demokratie durch örtliche Konzile. Die Konzile erlassen Planes de Vida, oder Lebensprojekte, welche sich mit Landreform, Entwicklung, Erziehung, Gesundheit und der allgemeinen Verwaltung beschäftigen.
Podur: Wie lauten einige der Prinzipien hinter Planes de Vida in Cauca?
Arquimedes Vitonás: Unsere Arbeit basiert auf drei Prinzipien. Zuerst beginnen wir einmal von der Grundvoraussetzung, dass niemand etwas besitzt. Das oder der einzige, der etwas besitzen kann, ist der große Geist. Wenn eine Person sich so zu fühlen beginnt, als könnte sie Dinge besitzen, beginnen Probleme. Niemand besitzt Öl. Niemand besitzt Wasser oder Wind oder Holz – wie könnte er? Wer könnte sie ihm gegeben haben? Für uns kann nur der Geist – in unserer Sprache Chaus – besitzen.
Unser zweites Prinzip lautet, dass alles geteilt werden muss. Sonst trägt man zum Neid und zur Gewalt bei. Wir haben eine Selbstregulation bei diesem Prinzip. Wenn ich gierig profitiere und profitiere und nicht teile, werde ich ausgeschlossen. Also schadet es einem wenn man in unserer Gemeinschaft nicht teilt.
Drittens, und das lehnt sich an das zweite Prinzip an, begeht jemand der nicht teilt und glaubt er besitzt Diebstahl von der Gemeinschaft, von der Natur und von den Geistern. Dieses Verhalten muss bestraft werden.
Podur: Es scheint offensichtlich, dass Ihre politische Arbeit untrennbar und basierend auf, einer bestimmten kulturellen und spirituellen Fabrik ist. Inwiefern können Außenstehende von Ihnen lernen, wenn Ihr Prozess auf Ihrer besonderen sozialen Fabrik basiert? Können Außenstehende die Lehren anwenden, welche Sie gelernt haben?
Vitonás: Ich glaube daran, ja. Zum Beispiel glaube ich, dass die Menschen hier etwas über Solidarität von uns lernen könnten. Ich habe hier nur wenig gesehen, aber es scheint mir hier einen extremen Individualismus zu geben. Jeder ist für sich selbst da. Zum Großteil kennen die Leute sich gegenseitig gar nicht. Man kann zu einer Feier gehen, mit jemandem tanzen, ihn am nächsten Tag auf der Straße sehen und dabei nicht einmal grüßen. Für uns ist die Idee des Zusammenseins heilig – mit jemandem zusammen sein oder für jemand auf einer persönlichen Ebene da sein, aber auch in der Gemeinde oder in der politischen Ebene. Wenn wir hören, dass jemand gestorben ist, gehen wir zu ihrem Haus um für die Familie da zu sein.
Etwas anderes, dass wir den Menschen hier lehren würden, ist es, das Leben zu lieben. Zu leben. Es scheint mir so, als wären die Menschen hier nicht glücklich. Ihre Identität, ihr Leben, dreht sich um die Arbeit. Für uns geht es bei der Arbeit darum, was man braucht. Wir arbeiten um zu leben. Wir planen während wir uns bewegen. Wir weigern uns mit dem Leben aufzuhören, mit dem Lachen aufzuhören, sogar wenn es Gewalt gibt. Das ist eine Art des Widerstandes gegen die Gewalt.
Aber ist unser politischer Prozess von unserer Kultur untrennbar? Ich glaube, dass er das ist. Die Gemeinderegierung, welche wir [die Indigenen vom Nordcaucal] jetzt kontrollieren, teilt ihre öffentlichen Ressourcen. Wenn unsere kulturellen Werte des Teilens nicht vorherrschen würden, wäre unsere Regierung unmöglich. Und es gibt Fälle in denen die Gemeinschaft Regierende akzeptieren hat müssen, welche zu dem Glauben gelangten, dass das Auto der Gemeindeverwaltung, zum Beispiel, für ihren persönlichen Gebrauch da war.
Podur: Cauca ist eines der erfolgreichsten Gebiete der Hemisphäre, in denen eine Landreform durchgeführt worden ist. Könnten Sie mir ein Beispiel einer Landwiedergewinnung geben?
Vitonás: Man muss zuerst daran denken, dass das Land uns gehörte. Es wurde nur in den 50ern und 60ern während der La Violencia verloren. Zu dieser Zeit wurden wir mit Gewalt von großen Landbesitzern vertrieben, und diese Beschlagnahmungen von Land sind im nachhinein von der Regierung legalisiert worden. Als die Indigenen wieder von ihrer Flucht zurückkehrten, fanden sie sich als ArbeiterInnen dieser großen Landbesitzer wieder. Also begannen sie in den 70ern das Land wieder zurückzuholen.
Das ist ein langer Prozess. Zuerst gibt es Gemeindeversammlungen. Diese werden zwischen 1 und 4 Uhr in der Nacht abgehalten, da sie verboten sind und am Tag verhindert werden. Sie werden so geheim wie möglich abgehalten. Es gibt nichts schriftliches, da es für die Behörden und Landbesitzer in dieser Zeit viel schlimmer war eine Schreibmaschine als eine Waffe zu haben. Während der Versammlungen sind 200 bis 500 ArbeiterInnen beim einig werden über Entscheidungen beteiligt.
Der nächste Schritt ist die Besetzung selbst, welche wir beim Morgengrauen beginnen, wobei wir das Gebiet mit den Menschen einfach übernehmen, indem wir das Land zu bearbeiten beginnen. Es gibt dann bereits ausgemachte Fluchtruten und Leute die Ausschau halten. Also wenn die Polizei und die Armee kommen, was immer geschieht, rennen wir und verstecken uns. Die Polizei bleibt drei oder vier Tage und zieht dann wieder ab – und an diesem Punkt kommen die Leute wieder zurück.
Nach Monaten dieser Art, vielleicht nach Jahren, in welchen es gezielte Morde, versuche die Organisatoren auszumachen, usw. gegeben hat, sieht der Besitzer ein, dass er verhandeln muss.
Es gab auch Leute die von innen heraus mit juristischen Waffen kämpften und die Eroberungen, welche die Menschen gemacht hatten, legalisierten. Es ist ein langer Kampf, und viele wurden getötet, aber wir gewannen das Land wieder.
Und als wir es wieder hatten, machten wir es zum kollektiven Eigentum. Manchmal haben wir mit der Tierhaltung weitergemacht, aber wir haben immer Diversität, Nahrungssicherheit und Bäume dazugemischt. Die Ranch wird zur Ranch, zur Farm und zum Wäldchen. Als Konsequenz werden wir dafür angeklagt die Fleisch- und Milchproduktion zu reduzieren. Das stimmt, aber wir haben Bäume und Wasser, wo vorher keine waren.
Justin Podur ist ein Kommentator bei ZNet und ein Mitglied der Kanada-Columbia Solidaritätskampagne (Canada-Colombia Solidarity Campaign)
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