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Dissens bei der 'War-Memorial'-Veranstaltung zum Zweiten Weltkrieg

von Howard Zinn

16.07.2004 — ZNet

— abgelegt unter:

Während ich dies hier schreibe, sind die Geräusche der „World War II Memorial Celebration“ in Washington D.C. noch immer in meinem Kopf präsent. Die Smithsonian Institution hatte mich zu einem Podium eingeladen, Thema “Kriegsgeschichten“, so sagte mir die Person, die anrief und mich einlud. Ich sagte ihm, ich würde kommen, aber nicht, um “Kriegsgeschichten“von mir zu geben, sondern, um über den Zweiten Weltkrieg und seine heutigeBedeutung für uns zu reden. Fein, sagte er.

Ich kam in eine Szenerie, die wie die Kulisse zu einem Cecil B.* wirkte. DeMille*-Extravaganza - Großzelte hie und da, Souvenirverkäufer, tausende Besucher, manche klar als Veteranen des Zweiten Weltkriegs erkennbar, einige in ihrer alten Uniform, mit sportlicher Militärkappe und ordenbehängt. In dem Zelt, in dem die Diskussionsrunde mit mir stattfinden sollte, traf ich den zweiten Podiumsgast, eine Afroamerikanerin, die im Zweiten Weltkrieg im WACs (Armeekorps der Frauen) gedient hatte und über ihre persönlichen Erfahrungen in einer rassensegregierten Armee sprechen wollte.Ich wurde vorgestellt als Veteran des „Army Air Corps“, ein Bomberpilot,der in den letzten Kriegsmonaten Kampfeinsätze über Europa geflogen hatte. Ich war mir nicht sicher, wie dieses Publikum auf das, was ich über den Krieg zu sagen hatte, reagieren würde - Feierstimmung, Totenehrung, Glanz des großen Siegs, umrahmt von unzähligen heroischen Militärtaten.

Im Folgenden gebe ich meine Worte grob wieder:“Ich bin hier, um die beiden Jungs zu ehren, die im Air Corps meinebesten Freunde waren - Joe Perry und Ed Plotkin - beide in denletzten Kriegswochen getötet. Ich will auch alle anderen ehren, die in diesem Kriegstarben. Aber ich bin nicht hier, um den Krieg als solchen zu ehren. Ich bin nicht hier, die Männer in Washington zu ehren, die junge Leute in den Krieg schicken. Und ganz sicher bin ich nicht hier, um die Verantwortlichen zu ehren, die heute im Irak einen unmoralischen Krieg führen“. Ich fuhr fort:“Der Zweite Weltkrieg war nicht schlicht und einfach ein „guter Krieg“. Dazugingen auch auf unserer Seite zuviele Gräuel mit ihm einher - zuviele Bomben auf Zivilbevölkerung. Und zu oft sind die Prinzipien, für die in diesem Krieg angeblich gekämpft wurde, verraten worden. Stimmt, der Zweite Weltkrieg hat einen starken moralischen Aspekt - den Sieg über den Faschismus. Was ich allerdings aus tiefstem Herzen ablehne, ist die Art und Weise, wie dieser sogenannte „gute Krieg“ benutzt wird, um all jene unmoralischen Kriege, die wir in den letzten 50 Jahren führten, erstrahlen zu lassen: Vietnam, Laos, Kambodscha, Grenada, Panama, Irak, Afghanistan. Und was ich ganz sicher nicht will, ist, dass unsere Regierung die triumphierende Aufgeregtheit, die den Zweiten Weltkrieg umgibt, dazu nutzt, den Horror, der derzeit im Irak stattfindet, zu kaschieren. Militärischen Heroismus ehre ich nicht - dahinter versteckt sich zuviel Leid und Tod. Vielmehr will ich jene ehren, die die ganzen Jahre über gegen den Kriegshorror kämpften“.Das Publikum klatschte. Aber ich war mir nicht sicher, was das zu bedeuten hatte.Ich wusste, was ich sagte, war gegen den Strich der Orthodoxie gebürstet, gegen die Romantisierung des Kriegs in Film und Fernsehen, und dies hier war die Kriegsgedenkfeier der Landeshauptstadt.Anschließend war Zeit für Frage und Antwort. Die erste Person, die vortrat, war ein Veteran des Zweiten Weltkriegs - zum Teil in seine alte Uniform gekleidet. Er sagte ins Mikrophon:“Ich wurde im Zweiten Weltkrieg verwundet, das kann ich mit meinem PurpleHeart beweisen. Wäre Präsident Bush jetzt hier, ich würde ihm den Ordenmitten ins Gesicht werfen“.Einen Augenblick herrschte Stille, ich denke, es war der Schock über diestarken Worte.Dann Applaus, und ich fragte mich, werde ich hier Zeuge eines gesellschaftlichen Phänomens, das man häufig erlebt - eine einzelne Stimme erhebt sich gegen die konventionelle Meinung, man erkennt, der sagt ja die Wahrheit, und die Leute lassen sich aus ihrer anfänglichen Stille locken. Die Vorstellung, dass es möglich ist, die standardmäßige Glorifizierung des Zweiten Weltkriegs in Frage zu stellen, war ermutigend für mich, noch wichtiger aber ist, dass man nicht zulässt, dass durch diesen Krieg „Krieg“ einen guten Klang bekommt.Was ich nicht wollte, war, dass diese Feier es der amerikanischen Öffentlichkeitleicht macht, jedes monströse Abenteuer zu akzeptieren, das vomWashingtoner Establishment ausgeheckt wird.

Ich mache zunehmend die Erfahrung, dass ich nicht der einzige Veterandes Zweiten Weltkriegs bin, der sich nicht dazu hergibt, heutige Kriegezu rechtfertigen - unter Berufung auf den emotionalen und moralischenKredit des Zweiten Weltkriegs. Auch andere Veteranen lehnenes ab, die moralische Komplexität des Zweiten Weltkriegs zu übersehen:die imperialen Absichten der Alliierten - selbst wenn diese erklärt hatten,es sei ein Krieg gegen Faschismus und für Demokratie -, unddie bewusste Bombardierung der Zivilbevölkerung, um die Moral des Feindeszu brechen.Paul Fussell war im Zweiten Weltkrieg Leutnant der Infanterie und wurde als Platoon-Führer in Frankreich sehr schwer verwundet:“In den vergangenen 50 Jahren wurde der Krieg der Alliierten keimfrei gemacht und romantisiert, bis fast zur Nichtwiedererkennbarkeit und zwar durch dieSentimentalen, die verrückten Patrioten, die Dummen und die Blutrünstigen“,schreibt er in „Wartime“ (“Wartime: Understanding and Behavior in the SecondWorld War“, Paul Russell).In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war es leichter, in fiktiver Form - anstatt mit direkten Angriffen - auf die Idiotie und die Grausamkeit des Zweiten Weltkriegs aufmerksam zu machen, schließlich wurde er universell als “der gute Krieg“ beklatscht. So bringt etwa Joseph Heller in seinem Buch „Catch 22' die Idiotie des Militärlebens, die krasse Profitgier, das sinnlose Bombardement auf den Punkt.Mit seinem Buch „Schlachthaus fünf oder Der Kinderkreuzzug“ brachte Kurt Vonnegut die schreckliche Geschichte der Bombardierung Dresdens einem großen Publikum nahe.

Meine eigene Kritik am Krieg setzte verspätet ein - ich war Kriegsfreiwilliger gewesen und ein begeisteter Bomberpilot. Es fing an, als ich über meine Rolle bei der Bombardierung Royans nachdachte. Royan ist ein kleines Städtchen an der französischen Atlantikküste. Dort befanden sich mehrere tausend deutsche Soldaten, die überrannt worden waren und nun auf das Kriegsende warteten.Zwölfhundert schwere Bombermaschinen flogen über die Gegend von Royan und warfen Napalm ab. Sie töteten deutsche Soldaten und französische Zivilisten. Der einst schöne kleine Erholungsort Royan wurde zerstört.Vor kurzem schrieb mir ein Mann, der mich im Radio hörte, als ich über meinenBombereinsatz in Royan sprach. Er schrieb, auch er sei dabeigewesen.Nach dem Krieg war er zuerst Feuerwehrmann, dann Schreiner, heuteist er ein absoluter Kriegsgegner. Er erzählte mir von einem Freund,der gleichfalls bei dieser (Bomber-)Mission dabei war. Dieser Freund seiinzwischen schon häufig bei Friedensaktionen festgenommen worden.Dies zu lesen, machte mir Mut.Von Zeit zu Zeit melden sich Weltkriegs-Veteranen bei mir. Einer davon ist Edward Wood Jr. aus Denver. Als er hörte, dass ich beim Washington Memorialdabei sein werde, schrieb er: “Wäre ich dort, ich würde sagen: Als Frontveteran des Zweiten Weltkriegs, 1944 in Frankreich schwer verwundet und aufgrunddieser Verwundung nie mehr der Mann, der ich andernfalls gewesen wäre,wünschte ich mir sehr, dieses Zweite-Weltkriegs-Denkmal wäre aus mehrals nur Stein und Marmor. Ich betrauere das Versagen meiner Generation nachunserem Sieg im Zweiten Weltkrieg (...), unser Vermächtnis (sind) fortwährende Kriege in kleineren Ländern, die weit weg liegen von unseren Grenzen“.

Und da ist noch ein Pilot - Ken Norwood, abgeschossen bei seinem zehnten Einsatzüber Europa. Er verbrachte ein Jahr in deutscher Kriegsgefangenschaft.Norwood hat seine Erinnerungen aufgeschrieben (noch unveröffentlicht), “mit Absicht“, sagt er, “eine Antikriegs-Kriegsstory“. Im Frühjahr 1945hatte man ihn zunächst in einen Güterzug gesteckt, dann musste er zwei Wochendurch Bayern marschieren. Norwood sah verstümmelte Leichen - Opferalliierten Bombardements - und die zerstörten Arbeiterviertel. All dieseErfahrungen, so Norwood, “sind ein weiteres grimmes Zeugnis, wiesinnlos und obszön der Krieg ist“.Auf unseren Fernsehschirmen und Kinoleinwänden herrscht sie noch immer vor - die Glorifizierung des “guten Kriegs“ - auch in der Presse und in den schönen Ansprachen der Politiker. Und je hässlicher die Stories, die uns aus dem Irak erreichen - Bomben auf Zivilisten, verstümmelte Kinder, Eindringen in Privathäuser und aktuell die Folterung von Gefangenen - desto wichtiger ist es für unsere Regierung, all diese Bilder mit triumphalen D-Day-Stories, Stories vom Zweiten Weltkrieg, zu überkupfern.Die Leute, die im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben, sind vielleicht mehr als alle anderen in der Position, darauf zu beharren, dass, welche Moral auch immer man jenem Krieg zugestehen kann, diese nicht dazu missbraucht werden darf, uns blind zu machen für Bushs Gräuel in Afghanistan und Irak.

Howard Zinn ist Autor von „Amerika, der Terror und der Krieg“ (2002) u. „A People“s History of the United States“. Zinn ist Kolumnist bei „The Progressive“.

Anmerkung d. Übersetzerin

* Cecil B. DeMille (1889 - 1959) Hollywood-Monumentalfilmer(z.B. „Die Zehn Gebote“)

Übersetzt von: Andrea Noll
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