Edward Said
von Ali Abunimah
25.09.2003 — ZNet
Wir sind tiefbetrübt über den (heutigen) Tod von Professor Edward W. Said. Unser tiefstes Mitgefühl gilt seiner Familie, der wir kondolieren. Den großen Verlust teilen wir mit vielen unterschiedlichen Communities, die ihn liebten und ihm Respekt zollten. Professor Saids rastloses Engagement galt den Menschen, galt der Kultur, galt Politik überall auf der Welt - selbst noch in den letzten Wochen seines Kampfs gegen die Krankheit, ein Kampf, der über eine Dekade ging. Weltweit gilt Said als ein öffentlicher Intellektueller. Es gibt wenige Felder der intellektuellen Betätigung, die er nicht bearbeitet hätte, in denen er keinen Beitrag leistete. Er war ein profilierter, bahnbrechender Gelehrter, dessen Arbeiten sowohl die Geistes- als auch die Sozialwissenschaften verändert haben. Aber Saids Bedeutung und sein Engagement reichten weit über den akademischen Betrieb hinaus. Er war auch ein Aktivist, der sich mutig für Gerechtigkeit engagierte und der Macht mit dem furchtlosen Wort der Wahrheit entgegentrat. Das verzerrte, karikierende, von Hass-Stereotypen dominierte Bild - und entsprechende Schilderungen - vom Kampf der Palästinenser, Said war jahrelang der Einzige in den USA, der zur Erhellung und Wahrheit über die palästinensischen Sache beitrug, und Said war auch der effektivste Anwalt dieser Sache. Nie ist Said von seiner Vision des Friedens zwischen Israelis und Palästinensern abgerückt - trotz der unablässigen bösartigen Angriffe auf seine Person - dieser (Friede) sollte auf Grundlage einer tiefen und wechselseitigen Anerkenntnis der Geschichte und der Schilderungen der anderen Seite und einer Versöhnung, die zu völliger Gleichheit führt, entstehen. Edward Said hat eine neue Generation von Aktivisten inspiriert und gelehrt. Er lehrte sie, sich klar auszudrücken und stets nach der Wahrheit zu suchen - ganz gleich, wer sich dadurch beleidigt fühlt. Während der gesamten 90ger Jahre spiegelten Saids Zeitungskolumnen seine konstante Kritik an Verlogenheit, Erosion und am Scheitern des Osloer “Friedensprozesses“. Dieser hat die Palästinenser ihrem Land noch mehr entfremdet und stellt einen Verrat an jener Vision für Versöhnung und Gerechtigkeit dar, für die Said kämpfte. Er war einer der Ersten, der begriff - und artikulierte - wie jener Prozess, dessen Prämisse die Beibehaltung des riesigen Machtungleichgewichts und der Ungerechtigkeit zwischen Israelis und Palästinensern war, in einer Katastrophe münden würde, einer Katastrophe, wie wir sie heute seh“n. Und Said schreckte auch nie davor zurück, die Führer auf palästinensischer Seite zu kritisieren, die ihren Teil zu diesem Zustand beitrugen.
Anfang der 90ger Jahre reiste Said nach Palästina, an den Ort seiner Geburt. Jahrzehnte des Exils lagen hinter ihm. Vielen Palästinensern hat er dadurch geholfen, mit den eigenen Exil- u. Enteignungserfahrungen besser umzugehen. Und viele fühlten sich durch ihn ermutigt, gleichfalls eine Reise in die Heimat anzutreten. Zu Edward Saids Büchern* zählen: „The Question of Palestine“, „After the Last Sky“, „The Politics of Dispossession“ und seine Jugenderinnerungen „Out of Place“ (deutsch: „Am falschen Ort“) - alles fruchtbare Arbeiten. Sie geben der palästinensischen Tragödie ein menschliches Antlitz, personalisieren sie, stellen sie aber auch in einen politischen Kontext. Seine Memoiren zeugen von der Tiefe seines Muts und seiner Ehrlichkeit. Said stellt sich darin kritisch sich selbst, er stellt sich seiner Vergangenheit und seiner Gesellschaft.
Auch wenn die Situation in Palästina sich weiter verschlimmert, nie ließ sich Said von der Verzweiflung unterkriegen. Bis zuletzt in seinem Leben hat er sich aktiv in der „Palestinian National Initiative“ engagiert, einer Bewegung, die die Energien der gesamten Bevölkerung für den gewaltlosen Kampf um Frieden und Befreiung mobilisieren will. Die große Bedeutung von Saids Werk liegt nicht nur in seinem enormen Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden in Palästina. Sie besteht vor allem darin, dass er nicht müde wurde, das Ganze in den Kontext eines viel größeren Kampfs, des Kampfs für eine wirklich universale und menschliche Vision zu setzen. Zu dieser Vision gehört auch, dass Said Ethno-Nationalismus und religiösem Fundamentalismus eine klare Absage erteilte. Durch sein eloquentes Beispiel lehrt uns Said: um seiner Sache treu zu bleiben, braucht man nicht blind an Führer oder Symbole zu glauben. Vielmehr sind Selbstkritik und Debatte nötig. Das bedeutet, sein Engagement in der arabischen Welt - seine scharfe Kritik an dem dort herrschenden Status quo - waren genauso wichtig wie seine kommunikative Arbeit mit den Menschen im Westen.
Edward Said war ein Brunnen - ein Brunnen der Menschlichkeit, des Mitgefühls, der intellektuellen Umtriebigkeit und Kreativität. Nie war seine unersetzliche Stimme so wichtig, wie gerade in heutiger Zeit, in der das rohe Kalkül nackter Macht und der Fanatismus die globale Debatte zu überschwemmen drohen. Das Andenken an Professor Saids Leben und Arbeit ehren wir somit am besten, indem wir mit noch größerem Engagement für die Vision von Gerechtigkeit und Humanität eintreten - eine Vision, die all seine Anstrengungen inspirierte.
Anmerkung d. Übersetzerin
Zum Thema „Nahost“ sind von Edward Said in deutscher Übersetzung u.a. folgende Bücher erschienen:
- „Das Ende des Friedensprozesses. Oslo und danach“
- „Frieden in Nahost“
- „Zionismus und palästinensische Selbstbestimmung“
- „Am falschen Ort“
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