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Ein Feuersturm wird kommen

von Robert Fisk

25.05.2002 — The Independent / ZNet

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Jetzt ist Osama bin Laden also Hitler. Und Saddam Hussein ist Hitler. Und George Bush ist derjenige, der gegen die Nazis kämpft. So einen Quatsch haben wir uns nicht mehr anhören müssen, seit Menachem Begin gegenüber Präsident Reagan darüber phantasiert hat, Hitler in Berlin anzugreifen - während er mit seiner israelische Armee doch in Wirklichkeit Beirut belagert hat u. dabei tausende Zivilisten getötet - wobei ‘Hitler’ natürlich der bemitleidenswerte Arafat war. Aber die Tatsache, daß wir Europäer uns den (Bush-)Quatsch letzten Donnerstag im (Deutschen) Bundestag anhören mußten - und daß dabei die meiste Zeit auch noch respektvolles Schweigen herrschte -, ist wirklich erstaunlich. Das erinnert mich an jenen israelischen Kolumnisten, der den ewigen Verweis auf den ‘Zweiten Weltkrieg’ satt hatte (mit dem die israelische Seite ja ihre immer neue Brutalität rechtfertigt) u. der deswegen einen Artikel mit den Worten anfing: “Herr Premierminister, Hitler ist tot”. Müssen wir denn immer u. ewig unter dem Schatten eines Kriegs leben, der gekämpft u. gewonnen wurde, noch bevor die meisten von uns überhaupt geboren waren? Müssen wir uns andauernd mit Mini-Gegenwartspolitikern (Thatcher u. natürlich Blair) herumschlagen, die unbedingt Churchill spielen wollen - bzw. Roosevelt? “Er ist ein Diktator, der seine eigenen Leute vergast hat”, hat uns Herr Bush nun schon zum zweitausendsten Mal belehrt. Wobei er natürlich wiedermal vergaß zu erwähnen, daß die Kurden, die Saddam Hussein damals furchtbarer- weise getötet hat, für den Iran kämpften u. vor allem, daß die USA zum damaligen Zeitpunkt ja auf Saddams Seite gestanden haben. Aber es gibt auch noch einen anderen, sehr besorgniserregenden Aspekt bei der ganzen Sache: Bush will den russischen Präsidenten Wladimir Putin nämlich dazu bringen, eine neue Politik gegenüber Iran einzuschlagen - Iran zu bedrohen. Bush will sozusagen, daß die Russen sich auf das nördliche Stück der ‘Achse des Bösen’ lehnen (um jenes infantile Bild zu gebrauchen, das Bush nach wie vor gegenüber den Massen zur Anwendung bringt) . Ich habe sowieso das Gefühl, Mr. Bushs Rhetorik nähert sich mehr u. mehr der Sprache bin Ladens in dessen verrückten Videos an. Und immer noch lügt Bush über die wahren Gründe des ‘Verbrechens gegen die Menschlichkeit’ vom 11. September. So wie stets hatte Bush im Bundestag darauf bestanden, die Feinde des Westens haßten nunmal ‘Gerechtigkeit und Demokratie’ - wobei die meisten der muslimischen Feinde Amerikas wahrscheinlich gar nicht wissen, was Demokratie überhaupt ist.

Und inzwischen versetzt die Bush-Administration im Innern (Amerikas) die Bürger in Angst u. Schrecken: von ‘atomaren Anschlägen’ ist die Rede, von Bomben in vielstöckigen Apartment-Blocks, Bomben auf der Brooklyn-Bridge, noch mehr Flugzeug-Selbstmordattentate, Männer mit Explosionsgürteln (beachten Sie bitte, wie hier der gewalttätige palästinensische Kampf gegen die israelische Kolonialisation der Westbank auf den immer merkwürdiger werdenden amerikanischen ‘Krieg gegen den Terror’ projiziert wird). Wenn Sie nachlesen könnten, was Bush, sein Vizepräsident Cheney u. die lächerliche ‘Nationale Sicherheitsberaterin’ Condoleezza Rice während der letzten drei Tage geäußert haben, würden sie feststellen, daß das mehr Drohungen gegen die Amerikaner waren als bin Laden je hervorgestoßen hat.

Aber kommen wir wieder zum Punkt. Was sich immer mehr herauskristallisiert - nämlich daß Israels Politik im Nahen Osten auch die Politik Amerikas im Nahen Osten ist (oder besser gesagt umgekehrt) -, findet seinen Ausdruck jetzt auch schon in Statements von Kongressabgeordneten bzw. in US-Fernsehsendungen. So behauptete beispielsweise der Vorsitzende des ‘Foreign Relations Committee’ (Komitee für Auslandsbeziehungen) des US-Senats, die Hizbollah (jene libanesische Guerilla-Armee, die die demoralisierten israelischen Streitkräfte im Jahr 2000 aus Libanon hinaustrieb) würde Anschlagspläne für Ziele in den USA schmieden. Anschließend dann die ‘Enthüllung’ eines amerikanischen Fernsehsenders, Hizbollah, Hamas u. al- Qa’ida (bin Ladens Organisation) hätten sich zu einem Geheimtreffen im Libanon zusammengefunden, um Angriffe auf Amerika zu planen. Die US-Enthüllungsjournalisten berufen sich selbstverständlich auf ‘Quellen’ - aber für diesen Krampf gibt es natürlich keine Quellen; nichtsdestotrotz wird er bis zum Erbrechen in der gesamten US-Medienwelt perpetuiert. Ein anderer Punkt: der sogenannte ‘Erlaß über die Verantwortung Syriens’, der am 18. April auf Druck der Freunde Israels im US-Senat eingebracht wurde. Und in diesen Zusammenhang gehört auch die Falschinformation - schon früher verbreitet durch den israelischen Außenminister Schimon Peres -, daß nämlich Irans ‘Revolutionsgarden’ “ungehindert”” an der Südgrenze Libanons “operieren” könnten. In Wirklichkeit hat es im ganzen Libanon - geschweige denn an dessen Süd-Grenze - seit 18 Jahren keine ‘Iranischen Revolutionsgarden’ mehr gegeben. Aber warum wird eine derartige Lüge verbreitet?

Auf Iran liegt die Drohung. Auf Libanon liegt die Drohung. Auf Syrien liegt sie auch (Syriens ‘Terrorismus’-Status ist vom US-Außenministerium heraufgesetzt worden) u. selbstverständlich liegt sie auch auf dem Irak. Ariel Scharon indessen, Israels Premier, der sogar vor einer israelischen Ermittlungskommission für persönlich schuldig an den Massakern an 1700 Palästinensern in Sabra u. Shatila (1982 in Beirut) befunden wurde, ist laut Bush “ein Mann des Friedens”. Wie weit führt das noch? Ich fürchte, sehr weit.

Der Antiamerikanismus derzeit überall in Nahost ist direkt mit Händen greifbar - wobei die arabischen Zeitungen nicht die Hälfte der öffentlichen Stimmung wiedergeben. In Damaskus beispielsweise hat eine Frau Berühmtheit erlangt - Majida Tabbaa - weil sie am 7. April den US-Konsul Roberto Powers aus dem Lokal ihres Mannes in der Unterstadt von Damaskus hinausgeschmissen hat: “Ich bin zu ihm hingegangen”, so Frau Tabbaa, “und sagte: ‘Mr. Roberto, sagen Sie Ihrem George Bush, daß ihr alle nicht mehr willkommen seid - bitte gehen Sie hinaus”“. Und überall in der Arabischen Welt haben inzwischen ernstzunehmende Boykotts amerikanischer Waren begonnen.

Wie weit führt das noch? Amerika lobt den pakistanischen Präsidenten Musharraf für dessen Unterstützung im ‘Krieg gegen den Terror’ u. bewahrt Stillschweigen angesichts dessen diktatorischem ‘Referendum’, mit dem er seine Macht sichert. Wir erinnern uns: Amerikas Feinde hassen die USA angeblich wegen der ‘Demokratie’. Wird Amerika Musharraf also Dampf machen? Vergessen Sie’s - ich bin überzeugt, die pakistanische Unterstützung für dessen berühmten ‘Krieg gegen den Terror’ - oder ‘Krieg für die Zivilisation’, wie es ja ursprünglich hieß -, ist Amerika viel, viel wichtiger. Und falls Pakistan und Indien demnächst einen Krieg anfangen sollten, gehe ich jede Wette ein, Amerika wird das undemokratische Pakistan gegen die indische Demokratie unterstützen.

In den südlichen Muslim-Republiken der ehemaligen Sowjetunion richten die USA inzwischen überall Luftbasen ein - um ihren ‘Krieg gegen den Terror’ nämlich gegen jede militante moslemisch-islamistische Gruppe führen zu können, die es wagen sollte, die herrschenden lokalen Diktatoren anzugreifen. Aber denken Sie jetzt bloß nicht, es geht um Öl. Glauben Sie nicht einen Moment lang, nur weil diese Länder reich an Öl- u. Gasvorkommen sind, hätten sie irgendeine ökonomische Bedeutung für die Öl-betriebene Bush-Administration. Ebensowenig die möglichen Pipelines, die man ja von Nord-Afghanistan bis zur pakistanischen Küste installieren könnte - vorausgesetzt, die lästige ‘Loya Jirga’ ist in der Lage, eine afghanische Regierung zu wählen, die eine entsprechende Konzession an jene Firma mit dem seltsamen Namen ‘Unocal’ vergibt, deren früherer Chef ganz zufällig einer von Bushs Afghanistan-Chef-’Beratern’ ist.

An dieser Stelle legen wir eine Denkpause ein. Abdelrahman al-Rashed hat in der internationalen arabischen Tageszeitung ‘Asharq al-Awsat’ geschrieben, wenn irgendwer vor dem 11. September gesagt hätte, Araber würden ein großes Attentat auf tausende von Amerikanern in deren eigenem Land planen, so hätte das niemand geglaubt: “Wir hätten Anklage erhoben, dies sei ein Versuch, das amerikanische Volk gegen die Araber und die Muslime aufzuhetzen”. Und recht hat er. (Aber es ist nunmal doch passiert:) Araber haben das ‘Verbrechen gegen die Menschlichkeit’ vom 11. September begangen. Und bei vielen in der arabischen Bevölkerung herrscht jetzt die große Angst, dies sei erst der Anfang - dieselbe Organisation werde noch weiter von sich hören lassen. In der Zwischenzeit geht Präsident Bush hin u. macht genau das, was seine Feinde von ihm erwarten: er provoziert die Muslime und die Araber, er lobt deren Feinde und dämonisiert ihre Länder, er bombardiert den Irak u. hungert dessen Bevölkerung aus, er läßt Israel alles durchgehen u. unterstützt weiter die Diktaturen in Nahost. Wenn ich derzeit morgens aufwache - in Beirut, mit Blick aufs Mittelmeer -, dann mit einem starken Gefühl der Vorahnung. Ein Feuersturm wird kommen. Und wir ignorieren fröhlich sein Kommen - nein, wir provozieren es sogar.

Orginalartikel: A Firestorm Is Coming
Übersetzt von: Andrea Noll
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