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Ein Fuchs im Löwenpelz

von Uri Avnery

10.01.2004 — uri-avnery.de / ZNet Deutschland

— abgelegt unter:

Bei Gott, auf die Araber kann man sich nicht verlassen. Z. B. dieser Gaddafi. Jahrzehntelang benahm er sich wie ein Clown. Alle Welt lachte ihn aus ( außer wenn er ein französisches Flugzeug in Nigeria oder eine Pan Am über Lockerbie abstürzen ließ. Sein Libyen war ein „Schurkenstaat“, ein internationaler Paria-Staat. Er produzierte Massenvernichtungswaffen. Die Amerikaner hassten ihn, und hin und wieder bombardierten sie ihn auch, wobei sogar seine Tochter getötet wurde. Auf den guten, alten Gaddafi konnte man sich verlassen. Er hat uns mit einem Alibi versehen, um alle möglichen Arten von interessanten Waffen herzustellen. Jeder versteht, wenn man von solchen Leuten umgeben ist, dass Israel Waffen des Jüngsten Tages braucht, und dass es unnötig ist, über Frieden zu reden.

Und dann plötzlich ... Plötzlich wird Gaddafi der Liebling der Welt. Schaut ihn an in seiner Beduinengarderobe: Ein ernster Mann, ein nüchterner und pragmatischer Staatsmann. Er zahlt ein Vermögen an die Familien der Opfer der Flugzeuge, die er abstürzen ließ. Er lädt die Amerikaner ein, damit sie selbst sehen können, wie er die Massenvernichtungswaffen zerstört. Morgen – Gott bewahre! – mag er vielleicht Bush einladen, damit er zwischen ihm und seinem lieben Kollegen Ariel Sharon vermittle. Wenn Bush anfängt, Gaddafi zu verwöhnen, wird er Sharon weniger hätscheln. Es besteht die Gefahr, dass er auch von Israel verlangt, seine Massenvernichtungswaffen loszuwerden. Gott behüte!

Oder denkt an den Iran! Nun, die Iraner sind keine wirklichen Araber, nur Muslime – aber alle Muslime sind ja gleich, nicht wahr? Antisemiten. Israelhasser. Miteinander verschworen, uns zu zerstören. Auf die Iraner konnte man sich verlassen. Da gibt es immer jemanden, der schreit: Tod den Amerikanern! Tod den Israelis! Die Iraner versuchten, Atombomben herzustellen. Sie schwören, den „großen Satan“ zusammen mit dem „kleinen Satan“ (uns) zu begraben. Es stimmt, wir verkauften ihnen einige Waffen, ziemlich heimlich und leise, mit dem Segen Amerikas ( s. Irangate), aber das zählt nicht. Präsident Bush hat sie sogar auf seine „ Achse des Bösen“-Liste gesetzt. Wir hofften , dass sich die Amerikaner nach der Besetzung des Irak mit ihnen beschäftigen würden. Zwischen Afghanistan und dem Irak liegt der Iran wie eine Mandel zwischen den Hebeln eines Nussknackers.

Und dann, plötzlich ... Plötzlich hört man aus dem Iran liebliche Töne. Die Iraner danken den Amerikanern für die großzügige Hilfe, die sie den Opfern des Erdbebens gesandt haben. Sie luden internationale Inspektoren ein, die ihre Nuklearanlagen kontrollieren sollen. Und die Amerikaner – kaum zu glauben – lassen sich verführen. Sie geben Töne der Versöhnung von sich. Und schon gibt es Leute, die uns auffordern, uns wie Libyen und der Iran zu verhalten, unsere Nuklearanlagen zur Inspektion zu öffnen. Gott behüte!

Aber all dies ist nichts, verglichen mit Syrien. Wenn es ein arabisches Volk gibt, auf das man sich ohne Vorbehalte verlassen konnte, dann waren es die Syrer. Geborene Israelhasser. Unnachgiebig. Kompromisslos. Chemische und biologische Waffen sammelnd. Es stimmt, sie haben entlang der Waffenstillstandlinie mit Israel den Frieden eingehalten, aber stattdessen benützen sie die Hisbollah gegen uns. Und in Damaskus sind sie Gastgeber für die Hauptquartiere militanter palästinensischer Organisationen. Die Bush-Administration hat Syrien offiziell als Terrorstaat abgestempelt. Sie hat ihn ins Visier genommen. Unsere Freunde im Pentagon, Wolfowitz und die anderen Neo-Zionisten, haben uns versprochen, dass Syrien der nächste Kandidat für eine amerikanische Invasion sein werde, direkt nach dem Irak. Unsere guten Freunde, die Türken würden auch von der Partie sein. Sie haben seit den späten 30er-Jahren, als die Franzosen Mandatsmacht von Syrien waren, einen dauernden Streit mit Syrien - sie hatten den Türken nämlich die syrische Alexandretta-Region vermacht. Dieser Konflikt vertiefte sich noch mehr, als Syrien die kurdische Revolte in der Türkei unterstützte und einen größeren Anteil am Euphratwasser verlangte.

Und jetzt auf einmal ... Auf einmal wechselt dieser junge Kerl, Bashar, übernacht die Richtung. Plötzlich wird aus al-Assad, (dem „Löwen“) ein al-Taleb (ein „Fuchs“) und sagt, er wolle Frieden. Er wolle den Amerikanern helfen. Er lädt Israel zu neuen Verhandlungen ein. Er besucht die Türkei und schließt mit ihr ein Bündnis gegen die kurdische Unabhängigkeit im nördlichen Irak ab. Das ist gefährlich. Sehr gefährlich. Die Amerikaner könnten uns unter Druck setzen, damit wir mit Syrien Frieden machen und den Golan zurückgeben. Es ist wahr, bis jetzt haben die Amerikaner gegenüber den syrischen Vorschlägen kühl reagiert. Aber das kann sich ändern. Die amerikanischen Wahlen rücken näher. Und je mehr Bushs Feinde behaupten, dass der Irakkrieg ein einziges großes Fiasko war, um so mehr wird Bush daran interessiert sein, zu zeigen, dass der Krieg ein Riesenerfolg war. Er hat einen Neuen Mittleren Osten geschaffen (leider ohne Shimon Peres). Die bösen Staaten, der Iran, Syrien und Libyen haben ihre schlimmen alten Wege aufgegeben und sich der Pax Americana angeschlossen. Alle Massenvernichtungswaffen sind abgeschafft worden - nur nicht in Israel. Kein Wunder, dass die Sharon-Regierung in einem Dilemma steckt. Sie tut alles, um diese Pläne zu durchkreuzen. Sie veröffentlicht alle Vorschläge von Gaddafi, als ob er gezwungen werden solle, sie zu leugnen. Sie weist Assads Friedensvorschläge zurück. „Ganz schön ruhig bleiben!“ ermahnte Sharon seine Minister in dieser Woche und befahl ihnen, sich nicht aufzuregen. Assad muss man nicht ernst nehmen. Er will sich bei den Amerikanern nur einschmeicheln. Er will uns ausnützen, um Bush zu erreichen. Für ihn ist Israel nur „eine Treppe zum Weißen Haus“, wie Sharon es nannte.

Ein Defätist mag nun sagen: Lasst uns die Gelegenheit ergreifen. Assad ist schwach? Assad hat Angst? Assad möchte die Amerikaner beschwichtigen? Um so besser, das ist die Möglichkeit, Frieden zu schließen. Was haben wir zu verlieren? Wenn Assad es ernst meint, beenden wir unserm Konflikt mit einem gefährlichen Feind. Wenn er es nicht ernst meint, reißen wir ihm die Maske vom Gesicht. (Dieselben Defätisten schlugen 1972 vor, die Friedensangebote von Anwar Sadat, die uns vom damaligen UN-Gesandten Gunnar Jaring übermittelt wurden, anzunehmen. Doch Golda Meir wies sie „sogleich“ zurück. Es stimmt, dies verursachte den Yom Kippur-Krieg und den Tod von 2000 jungen Israelis, ganz zu schweigen von den Zehntausenden von Ägyptern und Syrern, aber sicherlich wischte es den Defätisten eines aus.) Sharon wird dem syrischen Vorschlag nicht zustimmen; denn diesem zuzustimmen, würde Frieden bedeuten. Und Frieden mit den Syrern bedeutet, den Golan zurückgeben und das Auflösen aller Siedlungen dort. Das wäre schrecklich. Es wäre auch ein gefährlicher Präzedenzfall für die Palästinenser.

Bashar, der Fuchs im Löwenfell, will die Verhandlungen dort wieder aufnehmen, wo sie von Barak abgebrochen worden waren. Zu jener Zeit gelang es Barak, sich selbst gerade noch rechtzeitig vor der Gefahr des Friedens zu retten. Assad sen. verlangte das (östliche) Ufer des Genezarethsees, die Grenze vom 4.Juni 1967. Er wollte nicht die Grenze von 1949: zehn Meter vom Ufer entfernt. Aber Barak war die Idee unerträglich, dass Assad seine langen Beine ins Wasser des Sees tauchen würde. Nun gibt Assad jun. zu verstehen, dass er bereit wäre, auf dieses Vergnügen zu verzichten. Er kann seine Füße woanders eintauchen, vielleicht ins Wasser des Euphrat. Sharon will nicht die Fehler von Barak wiederholen, der sich mit letzter Kraft hat herausziehen können. Er will auf keinen Fall mit Verhandlungen beginnen. Und in der Tat, wenn Assad schwach ist, warum mit ihm verhandeln? So war es immer: wenn die Araber stark sind, kann man nicht mit ihnen Frieden machen. Man muss sie besiegen. Und wenn die Araber schwach sind, ist es nicht nötig, mit ihnen Frieden zu machen. Warum etwas aufgeben? Oder: Wenn die Araber sagen, dass sie Krieg wollen, dann soll man ihnen glauben. Wenn die Araber aber sagen, sie wollen Frieden, dann ist es klar, dass sie lügen. Und wie kann man mit Lügnern Frieden machen?

Orginalartikel: Dieser Artikel ist NICHT auf zmag.org erschienen!
Übersetzt von: Ellen Rohlfs
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