Ein Wahlreport aus dem Libanon
Überall im Süden flammt Widerstand auf
von Bilal El-Amine
10.06.2005 — ZNet
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Libanon
Im Süden nichts Neues - an diesem Morgen. Keine Wolke steht am Firmament über meinem südlibanesischen Dörfchen Deir Kifa.
Bis in die Nacht hinein hörte man gestern von Ferne Feiern und Feuerwerkskörper. Gestern war Wahltag im Südlibanon - im Rahmen der mehrstufigen Parlamentswahlen im Libanon (von Ende Mai bis 19. Juni - Anmerkung d. Übersetzerin), im Anschluss an den syrischen Abzug. Die Bevölkerung im Süden besteht zu 70% aus Schiiten. In einer nie da gewesenen Solidaritätsbekundung gingen die Schiiten des Südens massenhaft an die Urnen - um der Forderung der USA (und nicht nur der USA sondern auch Israels, so glauben viele), den Widerstand im Südlibanon zu entwaffnen, Paroli zu bieten. Der Widerstand kämpfte unter Führung der Hisbollah, um die Menschen nach mehr als zwei Jahrzehnten von der israelischen Militärbesatzung zu befreien.
Die Gewinner der Wahl stehen seit langem fest. Niemand hatte Zweifel, dass das Bündnis aus Amal und Hisbollah - die beiden wichtigsten Schiitenparteien - das Rennen macht. Der eigentliche Testfall war die Wahlbeteiligung. Letzte Woche beim Urnengang in Beirut, der einen gewaltigen Sieg für die Hariri-Liste ergab, war die Wahlbeteiligung enttäuschend gering gewesen, was einen Schatten auf den Sieg warf.
Bei der gestrigen Wahl im Süden standen 6 der 23 Sitze praktisch fest. Hinzu kam, dass etliche Kandidaten der Opposition ihre Kandidatur plötzlich zurückzogen und ein nicht unwesentlicher Teil der Christen einen Wahlboykott plante. Schlechte Vorzeichen für eine hohe Wahlbeteiligung also.
Die Hisbollah aber konterte. Sie machte die Wahl zu einer Volksabstimmung: Wollt ihr den Widerstand schützen? Und die Schiiten ließen sie nicht im Stich - vor allem in so kleinen Dörfern wie dem meinen (in einem Dorf betrug die Wahlbeteiligung gar 93%). In Deir Kifa wurde das Wahllokal in der Grundschule eingerichtet. Sie liegt gleich unterhalb vom Haus. Schon am frühen Morgen hörte ich das geschäftige Treiben. Als wir gegen Mittag zur Wahl gingen, befanden sich die Wahlkämpfer schon beinahe in Festtagsstimmung.
Am Schultor angekommen, sagten uns die Leute: Wir müssen in dieser kritischen Zeit zusammenhalten, wenn die USA versuchen, den Widerstand zu entwaffnen, sind die Schiiten in Gefahr. Dass das Wahlbündnis Amal/Hisbollah - sonst erbitterte Rivalen - zustande kam, ist ein Spiegel dieser Befürchtungen. Die Wähler lohnten ihnen die Vereinigung. Früher hatte Syrien die beiden Schiitenparteien Amal und Hisbollah zu einer gemeinsamen Liste gezwungen. Diesmal jedoch taten sie es - zum erstenmal - freiwillig. Amal und Hisbollah beschlossen, eine Einheitsfront zu bilden. Viele sagten uns: Früher war das Klima bei den Wahlen vergiftet, das hat sich jetzt gelegt.
Der kommunistische Kandidat
Kontrovers war nur die Kandidatur eines Bewerbers der Kommunistischen Partei mit Namen Anwar Yassin. Yassin hatte für seine Rolle im Widerstandskampf 17 Jahre in israelischen Gefängnissen verbracht. Viele im Dorf zollen ihm Respekt für dieses Opfer und gaben ihm ihre Stimme. Yassin kritisierte die Amal-Hisbollah-Liste. Sie missbrauche das Thema Widerstand, um unabhängige bzw. linke Opponenten kaltzustellen.
Einige der Kommunisten im Dorf, die wir trafen, verteilten rote Zettel mit Yassin im Che-Guevara-Stil. Sie klagten, es sei ein Unding, dass eine Partei (Hisbollah) bzw. eine Sekte (Schiiten) das Monopol auf den Widerstand erhebe. Lange bevor es Hisbollah gab, hätten Kommunisten und Nationalisten schon Widerstand geleistet - Christen und Muslime. Diese hätten den bewaffneten Widerstand gegen Israel initiiert. Trotzdem schaffte es selbst der populäre, respektierte Kommunist Anwar Yassin kaum auf die Endliste. Die Liste Amal/Hisbollah errang einen überwältigenden Sieg. Die Wahlbeteiligung lag bei respektablen 45% (ein erheblicher Teil der libanesischen Bevölkerung lebt in der Emigration oder arbeitet im Ausland und kann nicht wählen, daher gelten 45% im Libanon als hohe Wahlbeteiligung).
Die Wahlen im Libanon gehen weiter. Zwei weitere Wahlrunden - die eine in Mount Libanon, die andere im Nordlibanon - stehen noch aus. Was die Hisbollah angeht, so ist es ihr zweifellos gelungen, die Wahl zu nutzen, um ihre ohnedies starke Position im Libanon weiter zu festigen. Die meisten Kommentatoren gehen davon aus, dass die Schiiten-Partei (Hisbollah/Amal) ihren Block im libanesischen Parlament durch die Wahlen weiter ausbaut(von 12 auf 14 Abgeordnete). Der Schiitenblock wird im neuen Parlament viele Verbündete finden, und die Regierung hat ihm bereits ihre Unterstützung zugesagt. Sie stellt sich gegen die Haltung der USA, die Hisbollah sei eine Terrorgruppe - gar eine Miliz - die es zu entwaffnen gelte.
Die Parlamentswahl im Südlibanon fand am 5. Juni statt. Dass der Südlibanon dem Widerstand ausgerechnet an diesem Tag so überzeugend den Rücken stärkte, passt gut: Am 5. Juni 1982 marschierte die israelische Armee in den Libanon ein. Die Menschen im Südlibanon werden jeden Tag an die Gefahr durch Israel erinnert (als ob das überhaupt nötig wäre), nämlich, wenn israelische Kampfflugzeuge in den libanesischen Luftraum eindringen - Kampfflugzeuge, die die USA zur Verfügung stellen. Zwei Tage nach der Wahl im Südlibanon, während ich hier sitze und schreibe, dröhnen vier israelische Jets im Tiefflug über unser Dorf hinweg. Es wirkt wie eine Botschaft der Ablehnung und des Trotzes. Aber die Dorfbewohner haben ihre Entscheidung getroffen und stehen zu ihrem Wort, daran gibt es keinen Zweifel. Nach der Wahl am letzten Sonntag wird sie keine israelische oder amerikanische Schikane mehr umstimmen können.
Bilal El-Amine ist Gründer und Ex-Redakteur des Magazins Left Turn www.leftturn.org Vor kurzem kehrte er in seine Heimat Libanon zurück. Sie können ihn kontaktieren unter zaloom33@yahoo.com
Bis in die Nacht hinein hörte man gestern von Ferne Feiern und Feuerwerkskörper. Gestern war Wahltag im Südlibanon - im Rahmen der mehrstufigen Parlamentswahlen im Libanon (von Ende Mai bis 19. Juni - Anmerkung d. Übersetzerin), im Anschluss an den syrischen Abzug. Die Bevölkerung im Süden besteht zu 70% aus Schiiten. In einer nie da gewesenen Solidaritätsbekundung gingen die Schiiten des Südens massenhaft an die Urnen - um der Forderung der USA (und nicht nur der USA sondern auch Israels, so glauben viele), den Widerstand im Südlibanon zu entwaffnen, Paroli zu bieten. Der Widerstand kämpfte unter Führung der Hisbollah, um die Menschen nach mehr als zwei Jahrzehnten von der israelischen Militärbesatzung zu befreien.
Die Gewinner der Wahl stehen seit langem fest. Niemand hatte Zweifel, dass das Bündnis aus Amal und Hisbollah - die beiden wichtigsten Schiitenparteien - das Rennen macht. Der eigentliche Testfall war die Wahlbeteiligung. Letzte Woche beim Urnengang in Beirut, der einen gewaltigen Sieg für die Hariri-Liste ergab, war die Wahlbeteiligung enttäuschend gering gewesen, was einen Schatten auf den Sieg warf.
Bei der gestrigen Wahl im Süden standen 6 der 23 Sitze praktisch fest. Hinzu kam, dass etliche Kandidaten der Opposition ihre Kandidatur plötzlich zurückzogen und ein nicht unwesentlicher Teil der Christen einen Wahlboykott plante. Schlechte Vorzeichen für eine hohe Wahlbeteiligung also.
Die Hisbollah aber konterte. Sie machte die Wahl zu einer Volksabstimmung: Wollt ihr den Widerstand schützen? Und die Schiiten ließen sie nicht im Stich - vor allem in so kleinen Dörfern wie dem meinen (in einem Dorf betrug die Wahlbeteiligung gar 93%). In Deir Kifa wurde das Wahllokal in der Grundschule eingerichtet. Sie liegt gleich unterhalb vom Haus. Schon am frühen Morgen hörte ich das geschäftige Treiben. Als wir gegen Mittag zur Wahl gingen, befanden sich die Wahlkämpfer schon beinahe in Festtagsstimmung.
Am Schultor angekommen, sagten uns die Leute: Wir müssen in dieser kritischen Zeit zusammenhalten, wenn die USA versuchen, den Widerstand zu entwaffnen, sind die Schiiten in Gefahr. Dass das Wahlbündnis Amal/Hisbollah - sonst erbitterte Rivalen - zustande kam, ist ein Spiegel dieser Befürchtungen. Die Wähler lohnten ihnen die Vereinigung. Früher hatte Syrien die beiden Schiitenparteien Amal und Hisbollah zu einer gemeinsamen Liste gezwungen. Diesmal jedoch taten sie es - zum erstenmal - freiwillig. Amal und Hisbollah beschlossen, eine Einheitsfront zu bilden. Viele sagten uns: Früher war das Klima bei den Wahlen vergiftet, das hat sich jetzt gelegt.
Der kommunistische Kandidat
Kontrovers war nur die Kandidatur eines Bewerbers der Kommunistischen Partei mit Namen Anwar Yassin. Yassin hatte für seine Rolle im Widerstandskampf 17 Jahre in israelischen Gefängnissen verbracht. Viele im Dorf zollen ihm Respekt für dieses Opfer und gaben ihm ihre Stimme. Yassin kritisierte die Amal-Hisbollah-Liste. Sie missbrauche das Thema Widerstand, um unabhängige bzw. linke Opponenten kaltzustellen.
Einige der Kommunisten im Dorf, die wir trafen, verteilten rote Zettel mit Yassin im Che-Guevara-Stil. Sie klagten, es sei ein Unding, dass eine Partei (Hisbollah) bzw. eine Sekte (Schiiten) das Monopol auf den Widerstand erhebe. Lange bevor es Hisbollah gab, hätten Kommunisten und Nationalisten schon Widerstand geleistet - Christen und Muslime. Diese hätten den bewaffneten Widerstand gegen Israel initiiert. Trotzdem schaffte es selbst der populäre, respektierte Kommunist Anwar Yassin kaum auf die Endliste. Die Liste Amal/Hisbollah errang einen überwältigenden Sieg. Die Wahlbeteiligung lag bei respektablen 45% (ein erheblicher Teil der libanesischen Bevölkerung lebt in der Emigration oder arbeitet im Ausland und kann nicht wählen, daher gelten 45% im Libanon als hohe Wahlbeteiligung).
Die Wahlen im Libanon gehen weiter. Zwei weitere Wahlrunden - die eine in Mount Libanon, die andere im Nordlibanon - stehen noch aus. Was die Hisbollah angeht, so ist es ihr zweifellos gelungen, die Wahl zu nutzen, um ihre ohnedies starke Position im Libanon weiter zu festigen. Die meisten Kommentatoren gehen davon aus, dass die Schiiten-Partei (Hisbollah/Amal) ihren Block im libanesischen Parlament durch die Wahlen weiter ausbaut(von 12 auf 14 Abgeordnete). Der Schiitenblock wird im neuen Parlament viele Verbündete finden, und die Regierung hat ihm bereits ihre Unterstützung zugesagt. Sie stellt sich gegen die Haltung der USA, die Hisbollah sei eine Terrorgruppe - gar eine Miliz - die es zu entwaffnen gelte.
Die Parlamentswahl im Südlibanon fand am 5. Juni statt. Dass der Südlibanon dem Widerstand ausgerechnet an diesem Tag so überzeugend den Rücken stärkte, passt gut: Am 5. Juni 1982 marschierte die israelische Armee in den Libanon ein. Die Menschen im Südlibanon werden jeden Tag an die Gefahr durch Israel erinnert (als ob das überhaupt nötig wäre), nämlich, wenn israelische Kampfflugzeuge in den libanesischen Luftraum eindringen - Kampfflugzeuge, die die USA zur Verfügung stellen. Zwei Tage nach der Wahl im Südlibanon, während ich hier sitze und schreibe, dröhnen vier israelische Jets im Tiefflug über unser Dorf hinweg. Es wirkt wie eine Botschaft der Ablehnung und des Trotzes. Aber die Dorfbewohner haben ihre Entscheidung getroffen und stehen zu ihrem Wort, daran gibt es keinen Zweifel. Nach der Wahl am letzten Sonntag wird sie keine israelische oder amerikanische Schikane mehr umstimmen können.
Bilal El-Amine ist Gründer und Ex-Redakteur des Magazins Left Turn www.leftturn.org Vor kurzem kehrte er in seine Heimat Libanon zurück. Sie können ihn kontaktieren unter zaloom33@yahoo.com
Orginalartikel:
Lebanon Election Report
Übersetzt von:
Andrea Noll
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