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Eine Bewegung für Demokratie am Arbeitsplatz?

von Yves Engler

11.03.2003 — ZNet

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Letzte Woche wurde der Demokratie ein neuer Schlag versetzt. Nein, wir reden hier ausnahmsweise nicht über Bush, der Druck auf Regierungen ausübt, um sie zu einer Unterstützung seines Kriegskurses zu bewegen, obwohl ihr Volk dagegen ist. Was ich vielmehr meine: Letzte Woche wurde bekannt, dass die Rate der gewerkschaftlichen Organisierung in den USA erneut gesunken ist. Laut 'New York Times' gingen gewerkschaftlich organisierte US-Jobs letztes Jahr um 280 000 auf 16,1 Millionen zurück (Stand: 26. Febr.). Mitte der 50ger hatte der Grad gewerkschaftlicher Organisierung in den USA - mit 53 Prozent - seinen Höchststand erreicht. Seither ging's stetig bergab. Jetziger Tiefpunkt: 13 Prozent. Eine der wesentlichen Aufgaben von Gewerkschaften ist die Förderung der Arbeitsplatz-Demokratie. Kollektiv geführte Verhandlungen (der Gewerkschaften) sind eine Waffe der Arbeiter, um für einen faireren Anteil an den Früchten ihrer Arbeit zu kämpfen. Gewerkschaften schaffen Freiräume für die Arbeitenden u. schützen sie vor der Willkür ihrer Arbeitgeber. Kollektives Arbeitnehmerhandeln hat sich als wirkungsvollstes Mittel zur Erreichung eines gewissen Maßes an Demokratie - als Gegengewicht zur Undemokratie der modernen Konzerne - bewährt. Denn Konzerne - vor allem solche, bei denen Gewerkschaften unerwünscht sind -, weisen eine extrem authoritäre Strukturierung auf. Die Arbeitenden in diesen Strukturen haben kaum demokratische Kontrollmöglichkeiten. Aus dieser Tatsache macht die Geschäftswelt auch gar kein Hehl. So stellt John Hunt - in Englands wichtigstem Handelsblatt, der 'Financial Times' (FT) - fest: "Firmen sind und bleiben die undemokratischsten aller modernen Institutionen". Und Michael Skapinker schreibt in der FR: "das Konzernleben ist von Natur aus undemokratisch". Arbeitende verfügen über keinerlei demokratische Kontrolle ihres Arbeitsplatzes, stattdessen existiert eine paradox authoritäre Zentralstruktur. Arbeiter haben wenig bis gar nichts zu melden - man sagt ihnen, was zu tun ist, und fertig.

Statt Demokratie herrscht in der Konzernstruktur das Prinzip '1 Dollar gleich 1 Stimme'. Denn nur entsprechend der Zahl seiner Aktien ist ein Shareholder ja stimmberechtigt. Bei dieser Gleichung spielen die Belange der Arbeitenden praktisch keine Rolle - eine Rolle spielt jedoch die Gewerkschaftsmacht (auch an bestimmten nichtorganisierten Arbeitsplätzen genießen Arbeitende allerdings Rechte, die ihnen das Gesetz zubilligt, bzw. die in Zusammenhang stehen mit bestimmten persönlichen Attributen, etc.).

Wenn man zu denen gehört, die von inhumanen Arbeitsbeziehungen betroffen sind, wenn man andererseits aber erkennt, dass es in der Natur des Menschen liegt, sein/ihr Leben selbst zu managen, fällt es schwer, dieses System zu akzeptieren. Sehr vielsagend ist da der (ehrliche) Kommentar Spakinkers, der erläutert, wie Wirtschaftsideologen versuchen, jenen Widerspruch zwischen dem, was Arbeitende wollen u. was Wirklichkeit ist, zu überbrücken:

"Die 'Schule für menschliche Beziehungen' versucht, 'freiheitsliebende Amerikaner' davon zu überzeugen, sie könnten an ihrem Arbeitsplatz genauso frei sein wie in ihrer Freizeit (...) Durch Konzepte wie 'Empowerment' versuchen Management-Gurus, Angestellte von der Idee zu überzeugen, sie besäßen tatsächlich Macht" (5. März). Einmal davon abgesehen, dass Spakinker eine eher naive Vorstellung von den Freizeit-Möglichkeiten der (meisten) Amerikaner hat, spricht er hier doch einen wichtigen Punkt an. Amerikanische Arbeiter halten enorm viel von Freiheit u. Demokratie - diese Dinge wollen sie auch an ihrem Arbeitsplatz realisiert sehen. Für die Linke ist dieser Widerspruch zwischen den Idealen der Menschen u. dem, was sie am Arbeitsplatz erleben, ein wichtiges Instrument zur Organisierung. Die meisten Menschen glauben an ihre eigenen Fähigkeiten u. daher glauben sie auch an Demokratie als erstrebenswertes Ideal. Dennoch ist im Bewußtsein des amerikanischen Volks kaum Raum für Betriebsräte oder die Vorstellung einer Arbeitsplatz-Demokratie. Mit dem Niedergang der (gewerkschaftlich) organisierten Arbeit gehen auch viele der entsprechenden Ideen verloren - Ideen, die ursprünglich dazu geführt haben, dass Menschen sich organisierten. Gleichzeitig scheinen manche Leute zu akzeptieren, dass heute nur noch die parlamentarische Demokratie zählt. Und das, obwohl im Grunde "alle demokratischen Gesellschaften das gleiche Paradox aufweisen. Wir wählen zwar unsere politischen Führer (...) aber nicht jene Leute, denen unsere Arbeitsplätze gehören." (FT vom 5. März). "Wir rühmen uns, in einer demokratischen Gesellschaft zu leben - weshalb dann undemokratische Arbeitsplätze? Die meisten Leute halten sich 40 Stunden in der Woche an ihrem Arbeitsplatz auf; das bedeutet, fast 25 Prozent ihrer wachen Zeit verbringen sie in einer undemokratischen Struktur. Warum das? Und noch wichtiger: Welche allgemeinen gesellschaftlichen Implikationen bringt eine undemokratische Konzernstruktur - fußend auf dem Prinzip 1 Dollar = 1 Stimme - mit sich?"

Abgesehen von der Tatsache, dass die großen Aktienbesitzer disproportional viel Macht über das Leben "ihrer" Arbeiter haben, verfügen sie auch noch über Reichtümer, die ihnen innerhalb des politischen Systems exzessive Macht verleihen. Über ihren Aktienbesitz kaufen sie sich in politische Parteien ein, sie besitzen Medien, sponsern 'Think-tanks', organisieren sich in Wirtschaftslobbies, usw.. Kurz gesagt, diese Leute versuchen, die Struktur der Gesellschaft - in politischer, ökonomischer wie kultureller Hinsicht - zu ihren Gunsten zu verformen. Die Gewerkschaften spielen eine zentrale Rolle, wenn es gilt, diesen Kräften etwas entgegenzusetzen. Wen wundert's da, dass Gesellschaften mit hoher Gewerkschaftsorganisierung tendenziell lebendige politische Demokratien sind mit sozial fortschrittlichen Regierungen. Der Grad der Gewerkschaftsstärke variiert allerdings von Staat zu Staat.

Zwei Beispiele: Schweden u. Kanada, beides Industrienationen. Schweden ist mit der fortschrittlichste Wohlfahrtsstaat weltweit. Der Grad der gewerkschaftlichen Organisierung beträgt in Schweden rund 80 Prozent. Zudem verfügen Arbeitende in Schweden, in einigen weiteren skandinavischen Ländern sowie in Deutschland (alles Staaten mit einer generell fortschrittlichen Sozialpolitik) über ein Mitbestimmungsrecht am Arbeitsplatz. Die Arbeitenden spielen dort eine direkte Rolle, wenn es gilt, Firmenpolitik mitzugestalten. In Kanada hingegen können Gewerkschaften (siehe USA) nur indirekt in der Firmenpolitik mitmischen. Allerdings herrscht in Kanada (gegenüber den USA) ein wesentlich höherer Grad an gewerkschaftlicher Organisierung - was wiederum ein progressives u. demokratiestärkendes Moment ist. In Kanada stellen Gewerkschaftsmitglieder rund 1/3 der Gesamtarbeiterschaft. Der Zusammenhang zwischen dem Einfluss der Gewerkschaften u. sozial fortschrittlicher Politik ist hier evident. Erst kürzlich zwang die größte kanadische Gewerkschaft des privaten Sektors, 'Canadian Auto Workers', den Autokonzern 'General Motors' (GM), zu einem öffentlichen Bekenntnis zur sozialen kanadischen Krankenkasse 'Medicare system'. (Aufgrund der sozialen Krankenversicherung kann GM in Kanada billiger produzieren als in den USA. Das heißt allerdings nicht, dass Firmen dazu neigen, die Vorteile öffentlicher Dienstleistungen zu loben. Die Mainstream-Geschäftsideologie der heutigen Zeit lautet ja: privatisiert alles). Wenn es darum geht, Kanadas 'Medicare system' zu retten, sind die kanadischen Gewerkschaften vornedran.

Die Situation in den USA ist folgende: Zwar geht der Grad der gewerkschaftlichen Organisierung wie gesagt, enttäuschend zurück, die Popularität der Gewerkschaften ist jedoch im Steigen - eine sehr positive Entwicklung. Laut 'New York Times' sind 66 Prozent aller Amerikaner pro Gewerkschaften u. nur 22 Prozent contra. Das ist die höchste Zustimmungsrate seit 35 Jahren. Dieses verbesserte Image der Gewerkschaften in Kombination mit dem Verlangen der Menschen nach mehr Demokratie am Arbeitsplatz ist potentiell bester Nährboden für all jene, die die Gesellschaft grundlegend verändern wollen. Die Demokratie erhebt ihr Haupt auf der Straße - mit der Antikriegs-Bewegung u. der antikapitalistischen, globalisierungskritischen Bewegung. In dieser Situation ist es wichtig, dass auch die Bewegung für mehr Arbeitsplatz-Demokratie neuersteht.

Der Autor, Yves Engler, ist Student an der 'Concordia Universität'/ Montreal, zudem Sprecher der Studentenorganisation 'Concordia Student Union Montreal'. Sie können ihn kontaktieren unter: yvesengler@hotmail.com

Übersetzt von: Andrea Noll
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