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Eine Razzia in London

von Mike Marqusee

22.06.2006 — ZNet

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Am Morgen des 2. Juni, gegen 4 Uhr morgens, wurde eine ruhige Wohnstraße in East-London zum Schauplatz einer neuen grimmen Episode im 'Krieg gegen den Terror'. Zuerst hatten die Medien die Aktion noch als großen Triumph im 'Krieg gegen den Terror' gepriesen. 250 schwerbewaffnete Polizisten drangen in ein Haus ein, in dem sich, angeblich, muslimische Terroristen befanden - dabei, chemische Waffen gegen unschuldige Londoner zu entwickeln.

Während der Razzia im Morgengrauen wurde Mohammed Abdul Kahar, 23, angeschossen. Gemeinsam mit seinem 20jährigen Bruder Abul Koyair wurde er verhaftet. Nach intensiven Verhören, die über sieben Tage gingen, kamen beide wieder auf freien Fuß. Es wurde keinerlei Anklage erhoben. Ein Hinweis auf chemische Waffen, auf illegale oder auch nur verdächtige Aktivitäten, fand sich nicht.

Nach ihrer Freilassung schilderten die beiden Brüder auf einer Pressekonferenz, was sie durchlitten hatten. Sie wirkten absolut ehrlich und quälend verstört. Kahar erzählte, er habe gehört, wie die Haustüre eingeschlagen wurde. Zunächst habe er an einen Einbruch geglaubt. Er sei aus dem Schlafzimmer gegangen, wollte die Treppe hinunter. Aus einer Distanz von "zwei bis drei Fuß" habe ein Polizist das Feuer auf ihn eröffnet - ohne Warnung und ohne sich zu erkennen zu geben. "Wir hatten Augenkontakt, und er schoss sofort", erinnert sich Kahar. Die Kugel drang in seine Brust ein und durch die Schulter aus. Einige Inches weiter, und er wäre tot gewesen. "Ich bat ihn, "bitte, bitte, ich kann nicht atmen", aber er trat mir einfach ins Gesicht. Immer wieder sagte er, "halt zum Teufel die Klappe".... einer der Polizisten schlug mich ins Gesicht... Ich dachte, sie werden weiter auf mich schießen oder das Feuer auf meinen Bruder eröffnen".

Auch sein Bruder Koyair wurde beschimpft und geschlagen. Die Mutter, eine ältere Frau, wurde in Handschellen hinausgeschleift. Die Schwester, Humeya Kalam, sagte der BBC: "Ich hörte, wie Türen zerbrachen und Fenster eingeschlagen wurden. Ich wachte auf und öffnete meine Tür. Ich sah eine Person, ganz in Schwarz, die ihre Waffe auf mich gerichtet hatte". Mittlerweile durchsuchten Polizisten auch das Nachbargebäude. Mit dessen Bewohnern wurde ähnlich ruppig verfahren.

Um den Irrtum und den bei der Razzia verbreiteten Terror zu relativieren, versuchte die Polizei zunächst, die beiden Opfer in den Dreck zu ziehen. Zuerst hieß es in den Zeitungen, Kahar sei angeschossen worden, nachdem er mit der Polizei gekämpft habe. Plötzlich hieß es, sein eigener Bruder hätte ihn im Handgemenge angeschossen. Dann hieß es, ein Polizist habe "versehentlich" geschossen, weil er zu dicke Handschuhe trug. Kahar sei nur leicht verletzt, hieß es. Zudem wurde behauptet, die beiden Brüder hätten sich an militanten islamistischen Demonstrationen beteiligt. Inzwischen wird zugegeben, dass an all diesen Behauptungen kein Funke Wahrheit ist. Aber die Polizisten, die die Behauptungen aufstellten, mussten dies zuvor gewusst haben.

Wie sich herausgestellt hat, erfolgte die ebenso massive wie aggressive Polizeioperation aufgrund eines unüberprüften Hinweises. Hinweisgeber war ein einziger Informant - ein junger Mann, der gerade seine Haftstrafe absitzt und dessen Intelligenzquotient bei 69 liegen soll. Laut Presseberichten soll Scotland Yard gewarnt haben, es gebe "ernste Bedenken hinsichtlich der Glaubwürdigkeit" der Quelle, doch die Regierung habe darauf bestanden, die Razzia durchzuziehen.

Vagheit der Information, Zeitpunkt und Umfang der Razzia sowie das öffentliche Aufsehen rund um die ganze Aktion - zieht man das alles auf dem Hintergrund dessen, was sich nachträglich herausgestellt hat, in Betracht, so kommt man fast unweigerlich zu dem Schluss, dass hier eine übereifrige britische Regierung eine Highprofile-Aktion zum Besten gab, um den Krieg gegen den Terror zu rechtfertigen. Dieser Krieg ist nur aufrecht zu halten, wenn die Ängste der Bevölkerung regelmäßig geschürt werden.

Mittlerweile hat sich die Polizei entschuldigt - allerdings etwas vage und mehrdeutig. Man entschuldigte sich für "jegliche Verletzung, die möglicherweise verursacht worden ist". Immerhin mehr, als von politischer Seite kam. Tony Blair reagierte auf den Schießerei mit der Versicherung: "Ich will nicht, dass sie (die Polizei) sich irgendwie gehemmt fühlt, wenn sie hinter jenen Leuten her ist, die sich mit Terrorismus befassen". Und der Londoner Bürgermeister Ken Livingstone beschuldigt die Kritiker, sie versuchten, den Commissioner der Metropolitan Police "zu besudeln". Dieser trägt, neben der Regierung Blair, die ultimative Verantwortung für die Razzia.

Übrigens, Kahar arbeitet bei der Post, sein Bruder Koyair im Supermarkt. Über keinen der beiden existiert eine kriminelle Akte. Ironischerweise hatte sich Koyair neulich sogar bei der Polizei beworben. Beide sind hart arbeitende, gesetzestreue Briten und nur zufällig gläubige Muslime. Kahar auf der Pressekonferenz: "Ich glaube, mein einziges Verbrechen bestand darin, ein Asiat mit langem Bart zu sein".

Die Razzia von London steht für eine generellere Strategie - ist lediglich extremes Beispiel für diese Strategie. Während der ersten beiden Monate nach den Bombenanschlägen vom 7. Juli 2005 wurden auf Londons Straßen circa 10 000 Menschen aufgrund der Antiterrorgesetze angehalten und durchsucht. Bei 27% der Gefilzten handelte es sich um Asiaten. Asiaten stellen aber lediglich 12% der Londoner Bevölkerung. Keine einzige dieser Leibesvisitationen hat zu einer Verhaftung oder zu einer Anklage im Zusammenhang mit Terrorismus geführt. Statistisches Material sagt oft mehr aus über Rassismus, als das Verhalten einzelner Polizisten. Und im Leitfaden des Innenministeriums (Home Office) steht: "Es ist angemessen, wenn Polizisten den ethnischen Hintergrund einer Person in Betracht ziehen, wenn sie, in Reaktion auf eine spezifische Bedrohung durch Terroristen, entscheiden, wer gestoppt wird (so stehen beispielsweise einige der internationalen Terrorgruppen mit bestimmten ethnischen Gruppen, wie den Muslimen, in Zusammenhang)." Im März 2005 sagte ein hochrangiger Minister, Muslime müssten die "Realität" akzeptieren, dass sie häufiger gestoppt und durchsucht werden als andere.

Die "britische Toleranz" sei schuld, dass der Terror aufblühe - ein Allgemeinplatz, den Politiker (einschließlich unseres Premiers) und Kolumnisten gerne vertreten. Nun wird uns gesagt, die Bedrohung sei kein Backlash auf die britische Beteiligung an brutalen, ungerechten Kriegen im Ausland, vielmehr gehe diese Bedrohung von der Ideologie des Multikulturalismus und von unserer Sorge um die Menschenrechte aus. Dies habe unsere Selbstverteidigungsbereitschaft, was die islamistische Bedrohung angeht, gelähmt. Selbst die Tatsache, dass ein unbewaffneter, unschuldiger Londoner von der Polizei niedergeschossen wurde - aus nächster Nähe und ohne Warnung - war nicht geeignet, jene Leute zum Nachdenken zu bringen. Beschweren sich die Muslime - angesichts der gegebenen Umstände bemerkenswert zurückhaltend übrigens - wird ihnen das als mangelnde Kooperationsbereitschaft im 'Krieg gegen den Terror' ausgelegt. Ja, es gibt Leute, die suggerieren, der falsche Tipp bezüglich der Razzia stamme von Al Kaida.

Die Zeitung The Observer war einst ein Hort des britischen Liberalismus. Heute lautet die Überschrift des entsprechenden redaktionellen Leitkommentars: "Besser eine schiefgelaufene Razzia, als weiterer Terror-Horror". Aber Kalkül dieser Art - kaltschnäuzig und arrogant - wird niemals aufgehen. Die Razzia hat für die Terrorabwehr nichts gebracht. Wahrscheinlich wird sie es der Polizei künftig sogar erschweren, an brauchbare Information zu kommen - bei einer tatsächlichen Bedrohung der öffentlichen Sicherheit. Worte, wie die des Observers, sind lediglich dazu geeignet, rassistische Polizeibrutalität abzusegnen - ein Rassismus, der für die Menschen von London nicht weniger gefährlich ist als irgendwelcher Terrorismus.

Vor etwas mehr als zweihundert Jahren - in einer Phase noch schlimmerer Repression (damals wurde die Französische Revolution und deren englische Sympathisanten als putative Bedrohung gesehen) -, lebte der Dichter William Blake. Als er durch Londons Straßen wanderte, stieß er auf "Geistesfesseln" (mind-forg'd manacles - Handfesseln, die im Geist geschmiedet werden) - auf Ängste und Vorurteile, die die Menschen dazu brachten, sich nicht den Krallen eines ungerechten Sozialwesens zu entwinden. Aber Blake konnte sich ein alternatives London vorstellen - London als Treffpunkt der gesamten Menschheit:

In the Exchanges of London every Nation walk'd
And London walk'd in every Nation, mutual in love & harmony

Blakes demokratische Vision steht in krassem Gegensatz zur gepredigten und praktizierten Ideologie im heutigen Großbritannien. London wird oft als die harmonischste unter den multikulturellen Großstädten dieser Welt bezeichnet. Darin steckt, bei aller Übertreibung, ein Körnchen Wahrheit - wenn wir dies auch nicht der britischen Polizei, den britischen Zeitungen oder den britischen Politikern zu verdanken haben.

www.mikemarqusee.com

Orginalartikel: London Raiding
Übersetzt von: Andrea Noll
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