Eine bessere Art den Hunger zu bekämpfen
von Anna Lappé und Frances Moore Lappé
07.07.2002 — ZNet
Frances Moore Lappé u. Anna Lappé sind Autorinnen des Buchs: ‘Hope’s Edge: The Next Diet for a Small Planet’; www.dietforasmallplanet.com Bill Gates denkt, er hat eine brillante Idee - er will den Hunger in der Welt bekämpfen, indem er einfach die Nahrung kräftig aufpeppt. Das Projekt, das von der Gates-Stiftung mit 50 Millionen Dollar gefördert wird, sieht Geldmittel für Firmen wie ‘Proctor & Gamble’, ‘Kraft’ (‘Philip- Morris’) und andere Konzerne vor, die Lebensmittel entwickeln sollen, die mit zusätzlichen Vitaminen u. Eisen aufgepeppt sind. Anschließend sorgt die Gates-Stiftung dann dafür, dass die künstliche Nahrung erleichterten Zugang zu den ‘Dritte-Welt-Märkten’ erhält. Gates scheint anscheinend der Auffassung zu sein, die Zeit sei zu knapp, um die komplexen sozialen u. politischen Ursachen von Unterernährung anzugehen. Aber mit seinem eindimensionalen, rein technischen Lösungansatz, der das Pferd quasi vom Schwanz aufzäumt, wird Gates womöglich genau das Gegenteil erreichen - nämlich den Menschen schaden, denen er eigentlich helfen will. Denn Gates Ansatz ignoriert eine wichtige Tatsache: Viele der am meisten vom Hunger Betroffenen, wenn nicht gar der überwiegende Teil, sind ja gerade Bauern. Viele von ihnen kratzen sich mühsam eine Existenz zusammen - indem sie das Wenige, das sie produzieren, verkaufen bzw. selbst essen. Indem man ausländischen Lebensmittelkonzernen den Markt öffnet, wird diesen Menschen ihre Lebensgrundlage noch weiter entzogen. Nehmen wir als Beispiel nur mal die indischen Molkerei-Kooperativen - viele von ihnen ja von Frauen aus armen Verhältnissen betrieben: wie sollten die wohl gegen die aggressive Marktmacht eines Konzerns wie ‘Kraft’ ankämpfen können?
Aber das Gates-Projekt schadet den Armen auch noch in anderer Weise - indem es nämlich für eine Geschmacksverschiebung bei den Konsumenten in Richtung Industrienahrung sorgt - Industrienahrung, die typischerweise mit viel Fett, Salz u. Zucker angereichert ist, während wichtige Ballaststoffe u. Spuren- elemente fehlen. Dieser Ernährungstrend trägt in der industrialisierten Welt bereits seit langem zur Verbreitung von (Zivilisations-)Krankheiten bei, die die Gesellschaft belasten. Übergewicht u. ernährungsbedingte Krankheiten wie Diabetes, Herzkrankheiten u. Krebs werden auf diese Weise aber jetzt zu einem weltweiten Problem gemacht. In der sogenannten ‘Dritten Welt’ zeichnet sich bereits ein Trend ab, die ohnehin beschämend geringen Gesundheitsbudgets - die ja dringend zur Bekämpfung tödlicher Infektionskrankheiten benötigt würden -, zur Behandlung dieser (Zivilisations-)Krankheiten umzuleiten.
Eine Marktöffnung für die globalen Lebensmittelkonzerne führt zudem dazu, dass Konsumenten sich generell von ausländischen Waren abhängig machen - auch bezüglich ihrer Grundnahrungsmittel. Denn natürlich wirken Konzerne wie ‘Proctor & Gamble’ oder ‘Kraft’ liebendgern an menschenfreundlichen Hilfsprojekten wie dem von Gates mit, aber letztendlich haben sie alles andere im Sinn als das Wohl der Armen. Allein schon ihre Geschäftsrichtlinien verpflichten diese Konzerne nämlich dazu, den höchstmöglichen Ausschüttungsgewinn für ihre Shareholder - nichtinländische Shareholder wohlgemerkt - herauszuholen u. keinesfalls die Verbesserung der Lage der inländischen Menschen im Auge zu haben, geschweige denn die der Hungernden, die ja zu arm sind, um dem Markt als Konsumenten zu nützen.
Aber Gates Projekt ist selbst dort noch fragwürdig, wo es um die Erzeugung von gehaltvollerem Getreide geht (wahrscheinlich sogar vor Ort erzeugt?). Anscheinend hat Gates nichts dazugelernt seit jener Zeit vor fast drei Dekaden, als die erste ‘Welternährungskonferenz’ in Rom dem Hunger in der Welt den Kampf angesagt hat. Damals waren ja Viele noch davon ausgegangen, das Problem des Hungers sei durch eine simple (landwirtschaftliche) Massenproduktion aus der Welt zu schaffen. Aber nach Jahrzehnten gescheiterter rein technologischer Lösungsansätze, dämmern jetzt so langsam neue Erkenntnisse herauf. Vor kurzem haben wir eine Reise durch 5 Kontinente unternommen u. dabei viele hoffnungsvolle Initiativen vor Ort kennenlernen dürfen - Initiativen, die sich der Lösung des in komplexen u. wechselweisen Ursachen wurzelnden Problems des vermeidbaren Hungers widmen. Diese Initiativen schweben nicht auf rosa Wolken, ihre Ansätze funktionieren wirklich und tatsächlich.
Erstes Beispiel: 1993 erklärte Brasiliens viertgrößte Stadt - Belo Horizonte - Nahrung zu einem Recht jedes ihrer Bürger. Diese einfache Verschiebung der Rahmenbedingungen genügte allein schon, um dutzende neuer Innovationen anzuregen - jenseits von Markttyrannei u. Karitativität. So vergab die Stadt beispielsweise Parzellen an organisch-produzierende lokale Bauern - mit der Auflage, den Preis für ihre Produkte so niedrig zu halten, dass selbst Arme ihn bezahlen können. Die Stadt macht Aushänge für die Bevölkerung, in denen sie bzgl. 40 (wichtiger) Nahrungsmittel informiert, wo diese jeweils am billigsten zu bekommen sind. Und die Stadt verbessert die Ernährung ihrer Schulkinder, indem sie verfügt, dass das Schulessen nur aus organisch-erzeugten regionalen Nahrungsmitteln zu bestehen hat - u. nicht aus Industriefraß. Zudem informiert die Stadt ihre Neubürger vom Land über die Vorteile einer gesunden, ganzheitlichen Ernährung (mit der diese Menschen ja auch aufgewachsen sind). Damit will sie die Menschen sozusagen immunisieren gegen die Werbung für Waren der globalen Lebensmittelkonzerne (darunter sicher auch diejenigen aus dem Bill-Gates-Programm).
Zweites Beispiel: Auf der andern Seite des Globus, in Kenia, gibt es die Frauen der sogenannten Bewegung des ‘Grünen Gürtels’. Diese Frauen haben eine Anti-Verwütungskampagne gestartet u. mittlerweile bereits über 20 Millionen Bäume gepflanzt. Im Moment konzentriert sich die Organisation auf den Erhalt der Vielfalt traditioneller Anbaupflanzen. Die Frauen legen organische Küchengärten an, in denen Gemüse u. Früchte wachsen, die ja genau jene Nährstoffe enthalten, die Gates mit seinem Projekt der Nahrung künstlich zusetzen will.
Ein drittes hoffnungsvolles Projekt ist die internationale ‘Fair-trade’-Bewegung. Sie kämpft gegen die (ökonomische) Machtlosigkeit an - die ja Hauptgrund dafür ist, warum Menschen nichts zu essen haben. Produzenten aus der sogenannten ‘Dritten Welt’ können ihre Erzeugnisse, wie beispielsweise Kaffee, bei ‘Transfair’ (mit Sitz in Oakland/USA) als ‘Fair-trade-Produkt ’ zertifizieren lassen u. so dem (internationalen) Markt zuführen; dieses Projekt unterstützt einige der ärmsten Menschen der Welt in deren Überlebenskampf.
Auf jedem Kontinent gibt es zehntausende solcher innovativen Projekte - viele davon von den Bürgern selbst geleitet - u. ständig kommen neue hinzu. Ihr Erfolg liegt in der Tatsache, dass sie sich den wirklichen Ursachen von Unterernährung widmen - nämlich der Konzentration von ökonomischer u. politischer Macht, die die Menschen ja daran hindert, sich selbst zu helfen u. eine kraftvolle, tragfähige Wirtschaft in der eigenen Region aufzubauen - einen Markt, der auch den Bedürfnissen vor Ort Rechnung tragen würde. Und jetzt stellen Sie sich mal vor, wie toll es wäre, wenn Bill Gates anstatt seine 50 Millionen in die Optimierung von Konzernlebensmitteln zu stecken, Projekte wie die oben vorgestellten optimieren würde - damit sie weiterwuchern können u. sich wechselseitig befruchten. Denn: angesichts der Tatsache, dass derzeit mindestens 2 Milliarden Menschen dieser Erde infolge Unterernährung körperlich verkümmern, können wir uns keine Projekte leisten, die schlecht durchdacht sind - u. deshalb mehr Schaden anrichten als Nutzen bringen.
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