Eine neue Art der chemischen Kriegsführung
von Stephen Kerr
30.10.2002 — ZNet
—
abgelegt unter:
US- Massenvernichtungswaffen
Die russischen Machthaber wollten sie nur in Schlaf versetzen. Und die 700 seltsamen Geiseln fielen in Schlaf. Aber 116
wachten nie wieder auf.
Die meisten der Überlebenden sind immer noch im Krankenhaus, gehalten als Geiseln eines staatlichen Militärgeheimnisses, das nun heraus geglitten ist.
Die „Rettung“ der Geiseln in Moskau mag erreicht worden sein, indem der machtvolle neue Typ einer chemischen Waffe gebraucht wurde, einer Beruhigungschemikalie, die sofort ihre Opfer einschläfert und sie in Ohnmacht versetzt. Der US-Botschafter in Moskau sagte gestern gegenüber der Washington Post, russische Funktionäre hätten ihm mitgeteilt, dass eine Beruhigungschemikalie benutz worden sei. Die russischen Funktionäre schweigen darüber, welche Chemikalie exakt verwendet wurde.
Es scheint zunehmend wahrscheinlich, dass die von den russischen Truppen verwendete Chemikalie auf neuen medizinischen Forschungen über die Verwandlung populärer Einschläferungsdrogen in handlungsunfähig machende chemische Waffen basiert. Valium, Buspiron, Zoloft und sogar Tierbetäubungsmittel werden auf ihre Eignung geprüft, die politischen Feinde von mächtigen Staaten einzuschläfern und zu betäuben. Russland hat solch eine Substanz entwickelt, mit verheerendem Effekt.
Ein Teil dieser Forschung geschieht auch in den Vereinigten Staaten in offenbarer Verletzung der Chemiewaffenkonvention, die 1997 von der US-Regierung ins Recht eingefügt wurde.
Dieses verkündete eine US-NGO[1] seit Monaten, aber wenige hörten zu. Es brauchte fünfhundertundsechzehn tote Russen, um die Welt auf den jüngsten Fall der Produktion von Massenvernichtungswaffen aufmerksam zu machen. Das jüngste Schlachtfeld ist die Medizin selbst.
Das Sonnenscheinprojekt[2] beschuldigte die Vereinigten Staaten Anfang Oktober beim Treffen der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW[3]) in Den Haag, die Chemiewaffenkonvention verletzt zu haben. Der Vorsitzende des Projekts Ed Hammond hat eine Sammlung von Dokumenten angehäuft, die zeigen, dass die US-Marineinfanterie und Akademien, die mit ihnen zusammenarbeiten, solche auf Einschläferungsdrogen basierenden Waffen entwickeln. Die US-Regierung hält diese Arbeit für legal.
„Wir sehen unsere Denunziation, dass das Pentagon an nichttödlichen Waffen arbeitet, als einen wichtigen Test für die OPCW an, und was wir hier testen werden ist, ob die Chemiewaffenkonvention reagieren und die Durchsetzung des Gesetzes sogar erzwingen kann, wenn es sich um ein so großes und mächtiges Land wie die USA handelt, das dieses Gesetz offensichtlich verletzt.“, sagte Ed Hammond Anfang Oktober.
Die US-Regierung hielt daraufhin Hammond und das Sonnenscheinprojektaus von den OPCW-Treffen fern, indem sie ihnen offizielle Anerkennung verweigerten. Das war beispiellos.
Vorher waren nur taiwanesische NGO-Delegierte von solchen Treffen ausgeschlossen worden – durch China. Washington setzte die Versammlung in den Haag unter Druck, ein Umstand, den wenige heute als ungewöhnlich empfänden. Aber das neue Imperium am Potomac konnte nicht die Entwicklung der historischen Ereignisse kontrollieren oder den Flaschengeist wieder in seine kleine Pillenflasche zurückstecken.
Washington half ursprünglich, den Flaschengeist zu befreien.
Im November 2000 organisierte das Zusammengelegte Direktorat für nichttödliche Waffen[4] der US-Marineinfanterie zusammen mit der britischen Armee Kriegsübungen, bei welchen sie übereinkamen, dass sie Zivilisten in Schlaf versetzen müssten und dass die Chemiewaffenkonvention im Weg stünde. Man kann das gesamte Dokument auf der Internetseite des Sonnenscheinprojekts lesen[5] zusammen mit vielen anderen interessanten Dokumenten. Die chemische Forschungseinrichtung der US-Armee Edgewood[6] hat schon 1994 nach Waffen auf Basis von Einschläferungsdrogen geforscht.
Die US-Marineinfanterie hat nun aufgehört, Hammond gegenüber im Zuge des Freiheit-der-Information-Gesetzes Dokumente freizugeben.
Das nimmt nicht Wunder. Die Dokumente, die freigegeben worden sind, zeigen das Programm im unvorteilhaften Licht des Tages.
Eine JNLWD-Powerpointpräsentation beschreibt serbische Kinder, die gegen das NATO-Bombardement protestieren, als Terroristen. Auch palästinensische Kinder, die Steine werfen, finden besondere Erwähnung.
Der Kommandeur des Zusammengelegten Direktorats für nichttödliche Waffen wurde in New Scientist wie folgend zitiert: „Ich wünsche mir einen magischen Staub, der jeden in einem Gebäude in Schlaf versetzte, Kämpfer wie Nichtkämpfer.“ Dieser Kommandeur Oberst George Fenton war anwesend bei den Londoner Kriegsübungen, wo über diese neuen Chemikalien gesprochen wurden – und wo die Chemiewaffenkonvention als Hindernis zu ihrer Entwicklung beschrieben wurde.
Eine andere Studie, welche drei Forscher beim Labor für angewandte Forschung der Staatsuniversität von Pennsylvania durchführten, erforscht die Möglichkeiten, aus Einschläferungsdrogen Chemiewaffen herzustellen.
„Die Fortschritte und Begrenzungen von Beruhigungsmitteln als nichttödliche Technik“ erforscht die Verabreichung dieser Einschläferungsdrogen mittels neuer Hilfsmittel einschließlich „Trinkwasser, zeitgemäße Verabreichung über die Haut, Sprühinhalation“ und „ein mit Drogen befülltes Gummigeschoss“.
Die Wissenschaftler der Staatsuniversität von Pennsylvania beschreiben ein potenzielles Ziel für diese neuen Waffen als eine Gruppe von Flüchtlingen, die „aufgeregt und unwillig zu warten“ wäre, bis Notfallnahrung ausgeteilt würde.
Die drei Wissenschaftler, die den Bericht schrieben, entschieden sich einen Sprecher zu erlauben, für die Universität von Pennsylvania aller mit ihrer Forschung zusammenhängenden Fragen zu beantworten. Dieser Sprecher wollte nur sagen, dass der Report „zusammengestellt wurde, um mögliche Alternativen zu tödlicher Gewalt in Krisensituationen aufzulisten“, ein Zweck, der hunderten von Moskauer Anwohnern bekannt klänge, die entweder Neuigkeiten von ihren schwer angeschlagenen Liebsten erwarten oder deren Tod beklagen.
Paul Root Wolpe ist gleichwohl Professor der Universität von Pennsylvania und Direktor für Bioethik bei der NASA. Für Wolpe entsprechen die von der Entwicklung dieser neuen Technologie aufgeworfenen Probleme denen, die durch die Entwicklung der Nuklearwaffen aufkamen. Ein neues Wettrennen um medizinische Waffen wird nun beginnen, sobald Terroristen oder andere Regierungen verstehen, dass medizinisches Wissen dazu genutzt werden könnte, ihre Armeen in Schlaf zu versetzen, ohne dass ein Schuss abgefeuert würde.
„Diese Frage ist über Tausende von Jahre diskutiert worden. Die klassische Philosophie, das hippokratische Werk und Sokrates erörtern die Frage, ob ein Physiker dem Staat helfen soll. Der allgemeine Konsens war, dass ein Physiker dem Staat helfen sollte, insofern der Staat das Gemeinwohl fördert. Sie sollten dem Staat nicht bei irgendwelchen anderen Unternehmungen, insbesondere Kriegsunternehmungen helfen, wenn es in einem ethischen Licht betrachtet wird.“, so sagt er. Für Wolpe fällt Forschung nach auf Drogen basierten Waffen in eine ethische Grauzone.
Die Forscher der Staatsuniversität von Pennsylvania und das JNLWD behaupten, dass die Studie über drogenbasierte Waffen nur wegen des persönlichen Interesses der Forscher und nicht gemäß einem Auftrag des JNLWD oder des Verteidigungsministeriums durchgeführt wurde. Sie vermerkten, dass ethische Erwägungen jenseits des Arbeitsbereichs ihrer Forschung stünden.
Aus purem Zufall arbeiten auch zwei Forscher der Staatsuniversität von Pennsylvania für das Human effects laboratory . Dieses Labor studiert die Auswirkungen von nichttödlichen Waffen auf Menschen – fürs JNLWD.
Andere Studien dieses Labors umfassten auch die Effekte neuer, stumpfe Verletzungen hervorrufender Waffen auf Menschenleichen und Schweine.
Joe Rutigliano, ein Rechtsanwalt des Richter-Rechtsanwalt-Amtes der US-Marineinfanterie, erklärt: „Das JNLWD empfängt jedes Jahr hunderte von Forschungsaufträgen für nichttödlichen Waffenkapazitäten durch dritte Labororganisationen. Was ihr in vielen dieser Dokumente seht, sind nicht geforderte Anforderungen.“ Er erklärt, dass das JNLWD keine Forschung nach neuen, auf Einschläferungsdrogen basierten Waffen anregt.
Rutigliano war anwesend bei den Kriegsübungen im November 2000, bei denen US-amerikanische und britische Militärs übereinkamen, dass das US-Justizministerium und das Energieministerium sich in solcher Forschung betätigen dürften, während das Verteidigungsministerium es nicht darf.
Professor Julian Perry Robinson von der Universität Sussex ist einer der weltweit führenden Experten für Chemiewaffen. Er hat darüber über 400 Schriften verfasst und die UN, das Internationale Komitee des Roten Kreuzes, die WHO[7] und die britische Regierung beraten. Er ist Chemiker und Rechtsanwalt. Robinson sagt, dass diese neuen Substanzen unter die Chemiewaffenkonvention fallen und verboten werden sollten.
„Das Sonnenscheinprojekt zeigt ein ernsthaftes Problem der Chemiewaffenkonvention auf. Eine führende Staatspartei hat sich plötzlich völlig von der verrückten Idee der nichttödlichen Waffentechnologie einnehmen lassen und sie sieht, dass die Chemiewaffenkonvention im Weg zur vollen Entfaltung dieser Idee steht.“, sagt Robinson sich auf die USA beziehend.
Das Sonnenscheinprojekt hat sich auf die Position gestellt, dass Staaten sich an internationales Recht halten sollten. „Wenn die USA in der Welt herumgehen und mit ihrem Finger auf andere Länder zeigen wollen, die Chemie- oder Biowaffenkontrollrecht verletzen, sollten sie besser ihr eigenes Haus in Ordnung halten. Unsere Arbeit kann konkret zeigen, dass das eigene Haus der USA nicht in Ordnung ist.“, sagt Ed Hammond. Im heutigen politischen Klima scheint die Aussage fast radikal.
Hammond bereitet sich darauf vor, eine öffentliche Untersuchung über die Entwicklung dieser neuen Waffen zu fordern: „Das in Moskau benutzte Gas ist das russische Gegenstück des US-Programms zur Produktion von so genannten nichttödlichen oder kampfunfähig machenden chemischen Waffen. Sie können kampfunfähig machen bis hin zur Verursachung von Massentoden.“
Er warnt ebenfalls vor dem tödlichen neuen Wettrüsten. „Wenn Regierungen den politischen Willen nicht dazu anregen, den Gebrauch von Gas in Moskau zu verurteilen, so werden wir mit einer sehr gefährlichen Situation konfrontiert werden; dem weit breiteren Gebrauch von Chemiewaffen.
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[1] Nichtregierungsorganisation, engl. Non Government Organisation
[2] www.sunshine-project.de
[3] Organization for the Prohibition of Chemical Weapons, www.opcw.org, B.B.
[4] Joint non-lethal weapons directorate, www.jnlwd.usmc.mil
[5] http://www.sunshine-project.org/publications/jnlwdpdf/usukassess.pdf, B.B.
[6] eca.sbccom.army.mil/site_map.htm, B.B.
[7] Weltgesundheitsorganisation, engl. World Health Organisation
Die meisten der Überlebenden sind immer noch im Krankenhaus, gehalten als Geiseln eines staatlichen Militärgeheimnisses, das nun heraus geglitten ist.
Die „Rettung“ der Geiseln in Moskau mag erreicht worden sein, indem der machtvolle neue Typ einer chemischen Waffe gebraucht wurde, einer Beruhigungschemikalie, die sofort ihre Opfer einschläfert und sie in Ohnmacht versetzt. Der US-Botschafter in Moskau sagte gestern gegenüber der Washington Post, russische Funktionäre hätten ihm mitgeteilt, dass eine Beruhigungschemikalie benutz worden sei. Die russischen Funktionäre schweigen darüber, welche Chemikalie exakt verwendet wurde.
Es scheint zunehmend wahrscheinlich, dass die von den russischen Truppen verwendete Chemikalie auf neuen medizinischen Forschungen über die Verwandlung populärer Einschläferungsdrogen in handlungsunfähig machende chemische Waffen basiert. Valium, Buspiron, Zoloft und sogar Tierbetäubungsmittel werden auf ihre Eignung geprüft, die politischen Feinde von mächtigen Staaten einzuschläfern und zu betäuben. Russland hat solch eine Substanz entwickelt, mit verheerendem Effekt.
Ein Teil dieser Forschung geschieht auch in den Vereinigten Staaten in offenbarer Verletzung der Chemiewaffenkonvention, die 1997 von der US-Regierung ins Recht eingefügt wurde.
Dieses verkündete eine US-NGO[1] seit Monaten, aber wenige hörten zu. Es brauchte fünfhundertundsechzehn tote Russen, um die Welt auf den jüngsten Fall der Produktion von Massenvernichtungswaffen aufmerksam zu machen. Das jüngste Schlachtfeld ist die Medizin selbst.
Das Sonnenscheinprojekt[2] beschuldigte die Vereinigten Staaten Anfang Oktober beim Treffen der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW[3]) in Den Haag, die Chemiewaffenkonvention verletzt zu haben. Der Vorsitzende des Projekts Ed Hammond hat eine Sammlung von Dokumenten angehäuft, die zeigen, dass die US-Marineinfanterie und Akademien, die mit ihnen zusammenarbeiten, solche auf Einschläferungsdrogen basierenden Waffen entwickeln. Die US-Regierung hält diese Arbeit für legal.
„Wir sehen unsere Denunziation, dass das Pentagon an nichttödlichen Waffen arbeitet, als einen wichtigen Test für die OPCW an, und was wir hier testen werden ist, ob die Chemiewaffenkonvention reagieren und die Durchsetzung des Gesetzes sogar erzwingen kann, wenn es sich um ein so großes und mächtiges Land wie die USA handelt, das dieses Gesetz offensichtlich verletzt.“, sagte Ed Hammond Anfang Oktober.
Die US-Regierung hielt daraufhin Hammond und das Sonnenscheinprojektaus von den OPCW-Treffen fern, indem sie ihnen offizielle Anerkennung verweigerten. Das war beispiellos.
Vorher waren nur taiwanesische NGO-Delegierte von solchen Treffen ausgeschlossen worden – durch China. Washington setzte die Versammlung in den Haag unter Druck, ein Umstand, den wenige heute als ungewöhnlich empfänden. Aber das neue Imperium am Potomac konnte nicht die Entwicklung der historischen Ereignisse kontrollieren oder den Flaschengeist wieder in seine kleine Pillenflasche zurückstecken.
Washington half ursprünglich, den Flaschengeist zu befreien.
Im November 2000 organisierte das Zusammengelegte Direktorat für nichttödliche Waffen[4] der US-Marineinfanterie zusammen mit der britischen Armee Kriegsübungen, bei welchen sie übereinkamen, dass sie Zivilisten in Schlaf versetzen müssten und dass die Chemiewaffenkonvention im Weg stünde. Man kann das gesamte Dokument auf der Internetseite des Sonnenscheinprojekts lesen[5] zusammen mit vielen anderen interessanten Dokumenten. Die chemische Forschungseinrichtung der US-Armee Edgewood[6] hat schon 1994 nach Waffen auf Basis von Einschläferungsdrogen geforscht.
Die US-Marineinfanterie hat nun aufgehört, Hammond gegenüber im Zuge des Freiheit-der-Information-Gesetzes Dokumente freizugeben.
Das nimmt nicht Wunder. Die Dokumente, die freigegeben worden sind, zeigen das Programm im unvorteilhaften Licht des Tages.
Eine JNLWD-Powerpointpräsentation beschreibt serbische Kinder, die gegen das NATO-Bombardement protestieren, als Terroristen. Auch palästinensische Kinder, die Steine werfen, finden besondere Erwähnung.
Der Kommandeur des Zusammengelegten Direktorats für nichttödliche Waffen wurde in New Scientist wie folgend zitiert: „Ich wünsche mir einen magischen Staub, der jeden in einem Gebäude in Schlaf versetzte, Kämpfer wie Nichtkämpfer.“ Dieser Kommandeur Oberst George Fenton war anwesend bei den Londoner Kriegsübungen, wo über diese neuen Chemikalien gesprochen wurden – und wo die Chemiewaffenkonvention als Hindernis zu ihrer Entwicklung beschrieben wurde.
Eine andere Studie, welche drei Forscher beim Labor für angewandte Forschung der Staatsuniversität von Pennsylvania durchführten, erforscht die Möglichkeiten, aus Einschläferungsdrogen Chemiewaffen herzustellen.
„Die Fortschritte und Begrenzungen von Beruhigungsmitteln als nichttödliche Technik“ erforscht die Verabreichung dieser Einschläferungsdrogen mittels neuer Hilfsmittel einschließlich „Trinkwasser, zeitgemäße Verabreichung über die Haut, Sprühinhalation“ und „ein mit Drogen befülltes Gummigeschoss“.
Die Wissenschaftler der Staatsuniversität von Pennsylvania beschreiben ein potenzielles Ziel für diese neuen Waffen als eine Gruppe von Flüchtlingen, die „aufgeregt und unwillig zu warten“ wäre, bis Notfallnahrung ausgeteilt würde.
Die drei Wissenschaftler, die den Bericht schrieben, entschieden sich einen Sprecher zu erlauben, für die Universität von Pennsylvania aller mit ihrer Forschung zusammenhängenden Fragen zu beantworten. Dieser Sprecher wollte nur sagen, dass der Report „zusammengestellt wurde, um mögliche Alternativen zu tödlicher Gewalt in Krisensituationen aufzulisten“, ein Zweck, der hunderten von Moskauer Anwohnern bekannt klänge, die entweder Neuigkeiten von ihren schwer angeschlagenen Liebsten erwarten oder deren Tod beklagen.
Paul Root Wolpe ist gleichwohl Professor der Universität von Pennsylvania und Direktor für Bioethik bei der NASA. Für Wolpe entsprechen die von der Entwicklung dieser neuen Technologie aufgeworfenen Probleme denen, die durch die Entwicklung der Nuklearwaffen aufkamen. Ein neues Wettrennen um medizinische Waffen wird nun beginnen, sobald Terroristen oder andere Regierungen verstehen, dass medizinisches Wissen dazu genutzt werden könnte, ihre Armeen in Schlaf zu versetzen, ohne dass ein Schuss abgefeuert würde.
„Diese Frage ist über Tausende von Jahre diskutiert worden. Die klassische Philosophie, das hippokratische Werk und Sokrates erörtern die Frage, ob ein Physiker dem Staat helfen soll. Der allgemeine Konsens war, dass ein Physiker dem Staat helfen sollte, insofern der Staat das Gemeinwohl fördert. Sie sollten dem Staat nicht bei irgendwelchen anderen Unternehmungen, insbesondere Kriegsunternehmungen helfen, wenn es in einem ethischen Licht betrachtet wird.“, so sagt er. Für Wolpe fällt Forschung nach auf Drogen basierten Waffen in eine ethische Grauzone.
Die Forscher der Staatsuniversität von Pennsylvania und das JNLWD behaupten, dass die Studie über drogenbasierte Waffen nur wegen des persönlichen Interesses der Forscher und nicht gemäß einem Auftrag des JNLWD oder des Verteidigungsministeriums durchgeführt wurde. Sie vermerkten, dass ethische Erwägungen jenseits des Arbeitsbereichs ihrer Forschung stünden.
Aus purem Zufall arbeiten auch zwei Forscher der Staatsuniversität von Pennsylvania für das Human effects laboratory . Dieses Labor studiert die Auswirkungen von nichttödlichen Waffen auf Menschen – fürs JNLWD.
Andere Studien dieses Labors umfassten auch die Effekte neuer, stumpfe Verletzungen hervorrufender Waffen auf Menschenleichen und Schweine.
Joe Rutigliano, ein Rechtsanwalt des Richter-Rechtsanwalt-Amtes der US-Marineinfanterie, erklärt: „Das JNLWD empfängt jedes Jahr hunderte von Forschungsaufträgen für nichttödlichen Waffenkapazitäten durch dritte Labororganisationen. Was ihr in vielen dieser Dokumente seht, sind nicht geforderte Anforderungen.“ Er erklärt, dass das JNLWD keine Forschung nach neuen, auf Einschläferungsdrogen basierten Waffen anregt.
Rutigliano war anwesend bei den Kriegsübungen im November 2000, bei denen US-amerikanische und britische Militärs übereinkamen, dass das US-Justizministerium und das Energieministerium sich in solcher Forschung betätigen dürften, während das Verteidigungsministerium es nicht darf.
Professor Julian Perry Robinson von der Universität Sussex ist einer der weltweit führenden Experten für Chemiewaffen. Er hat darüber über 400 Schriften verfasst und die UN, das Internationale Komitee des Roten Kreuzes, die WHO[7] und die britische Regierung beraten. Er ist Chemiker und Rechtsanwalt. Robinson sagt, dass diese neuen Substanzen unter die Chemiewaffenkonvention fallen und verboten werden sollten.
„Das Sonnenscheinprojekt zeigt ein ernsthaftes Problem der Chemiewaffenkonvention auf. Eine führende Staatspartei hat sich plötzlich völlig von der verrückten Idee der nichttödlichen Waffentechnologie einnehmen lassen und sie sieht, dass die Chemiewaffenkonvention im Weg zur vollen Entfaltung dieser Idee steht.“, sagt Robinson sich auf die USA beziehend.
Das Sonnenscheinprojekt hat sich auf die Position gestellt, dass Staaten sich an internationales Recht halten sollten. „Wenn die USA in der Welt herumgehen und mit ihrem Finger auf andere Länder zeigen wollen, die Chemie- oder Biowaffenkontrollrecht verletzen, sollten sie besser ihr eigenes Haus in Ordnung halten. Unsere Arbeit kann konkret zeigen, dass das eigene Haus der USA nicht in Ordnung ist.“, sagt Ed Hammond. Im heutigen politischen Klima scheint die Aussage fast radikal.
Hammond bereitet sich darauf vor, eine öffentliche Untersuchung über die Entwicklung dieser neuen Waffen zu fordern: „Das in Moskau benutzte Gas ist das russische Gegenstück des US-Programms zur Produktion von so genannten nichttödlichen oder kampfunfähig machenden chemischen Waffen. Sie können kampfunfähig machen bis hin zur Verursachung von Massentoden.“
Er warnt ebenfalls vor dem tödlichen neuen Wettrüsten. „Wenn Regierungen den politischen Willen nicht dazu anregen, den Gebrauch von Gas in Moskau zu verurteilen, so werden wir mit einer sehr gefährlichen Situation konfrontiert werden; dem weit breiteren Gebrauch von Chemiewaffen.
--
[1] Nichtregierungsorganisation, engl. Non Government Organisation
[2] www.sunshine-project.de
[3] Organization for the Prohibition of Chemical Weapons, www.opcw.org, B.B.
[4] Joint non-lethal weapons directorate, www.jnlwd.usmc.mil
[5] http://www.sunshine-project.org/publications/jnlwdpdf/usukassess.pdf, B.B.
[6] eca.sbccom.army.mil/site_map.htm, B.B.
[7] Weltgesundheitsorganisation, engl. World Health Organisation
Orginalartikel:
A New Type Of Chemical Warfare
Übersetzt von:
Benjamin Brosig
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