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Eine politische, nicht eine militärische Lösung ist erforderlich

von Tariq Ali

15.06.2001 — ZNet

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Auf einer Reise nach Pakistan sprach ich vor einigen Jahren mit einem Ex-General über die militanten islamistischen Gruppen in der Region. Ich fragte ihn, warum diese Leute, die während des kalten Krieges Gelder und Waffen aus den Vereinigten Staaten glücklich akzeptiert hatten, über Nacht Antiamerikaner geworden seien. Er erklärte, daß sie nicht alleine wären, viele pakistanische Offiziere, die den USA seit 1951 treu gedient hatten, fühlten sich von Washingtons Gleichgültigkeit gedemütigt.

'Pakistan war das Kondom, das die Amerikaner brauchten, um in Afghanistan einzudringen', sagte er. 'wir haben unsern Zweck erfüllt, und sie denken, daß wir einfach die Toilette hinuntergespült werden können'.

Das alte Kondom wird zum Gebrauch noch einmal herausgefischt, aber funktioniert es? Die neue 'Koalition gegen den Terrorismus' braucht die Dienste der Pakistanischen Armee, aber General Musharraf wird äußerst vorsichtig sein müssen. Ein zu starkes Engagement für Washington könnte zu einem Bürgerkrieg in Pakistan führen und die Streitkräfte spalten. Viel hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten geändert, aber die Ironie der Geschichte fährt fort sich zu multiplizieren.

In Pakistan selbst bezieht der Islam seine Stärke weniger von der staatlichen Politik als aus öffentlicher Unterstützung. Die Vorherrschaft des religiösen Fundamentalismus ist das Erbe des vorherigen Militärdiktators General Zia-ul Haq, der von Washington und London während seiner 11 Jahre als Diktator Rückendeckung erhielt. Während seiner Regierungszeit (1977-89) wurde ein Netz von Madrassahs (religiösen Internatsschulen), finanziert vom saudischen Regime, geschaffen.

Den Kindern, die später ausgesandt wurden, um als Mujahedeen in Afghanistan zu kämpfen, wurde beigebracht, alle Zweifel zu verbannen. Die einzige Wahrheit sei die göttliche Wahrheit. Jeder der gegen den Imam rebellierte, rebellierte gegen Allah. Die Madrassah-Schulen hatten nur ein Ziel: die Produktion von Fanatikern im Namen eines unfrohen islamischen Kosmopolitanismus. In den Lehrbüchern wurde den Schülern beigebracht, daß der Urdubuchstabe jeem für 'jihad' stand; tay für 'tope' (karambolieren), kaaf für Kalashnikov und khay für khoon (Blut).

2500 Madrassahs produzierten eine Ernte von 225.000 Fanatikern, die bereit zu töten sind und für ihren Glauben zu sterben, wenn es ihre religiösen Führer verlangen. Von Pakistans Armee über die Grenze geschickt, wurden sie in den Kampf gegen andere Moslems geworfen, von denen ihnen gesagt worden war, daß sie keine wahren Moslems seien. Die Taliban sind eine extreme Sekte, inspiriert von der Wahhabi-Sekte, die Saudi-Arabien beherrscht. Die Strenge der afghanischen Mullahs ist von sunnitischen Geistlichen von al-Azhar in Kairo und schiitischen Theologen in Qom als eine Schande für den Propheten verurteilt worden.

Die Taliban könnten Kabul jedoch nicht allein mit ihrem religiösen Eifer besiegt haben. Sie wurden von 'Freiwilligen' der Pakistanischen Armee bewaffnet und geführt. Wenn Islamabad beschließt den Stecker zu ziehen, könnte das Talibanregime stillgelegt werden, jedoch nicht ohne ernste Probleme. Der Sieg in Kabul gilt als Triumph der pakistanischen Armee. Bis heute widersetzt sich US-Staatssekretär Zbigniew Brezinskis der Einsicht: 'Was war wichtiger im Verlauf der Weltgeschichte?' fragt er mit mehr als ein Anflug von Irritation, 'das Talibanregime oder der Fall des sowjetischen Imperiums? Einige aufrührerische Moslems oder die Befreiung Zentraleuropas und das Ende des Kalten Krieges?'

Wenn die Regeln von Holywood einen kurzen, scharfen Krieg gegen den neuen Feind erforderlich machten, wäre dem amerikanischen Cäsar am besten geraten, nicht auf der pakistanischen Armee zu bestehen. Die Folgen könnten schrecklich sein: ein brutaler und bösartiger Bürgerkrieg, der noch mehr Bitterkeit schafft und noch mehr Menschen zu individuellem Terrorismus ermutigt. Islamabad tut alles, um eine militärische Expedition nach Afghanistan zu verhindern. Denn es gibt pakistanische Soldaten, Piloten, und Beamte in Kabul, Bagram und anderen Lagern. Wie werden ihre Befehle dieses Mal sein, und gehorchen sie ihnen? Viel wahrscheinlicher sind, daß Ossama bin Laden im Interessen der größeren Sache geopfert, und sein toter oder lebendiger Körper seinen früheren Arbeitgebern in Washington überreicht wird. Aber genügt das?

Die einzige wirkliche Lösung ist eine politische. Sie verlangt die Ursachen der Unzufriedenheit zu beseitigen. Die Verzweiflung nährt den Fanatismus, und das ist das Ergebnis der Politiken Washingtons im Nahen Osten und anderswo. Die orthodoxe Gewissensrhetorik der loyalen Lakaien, Kolumnisten und Höflinge von Washingtons Regime wird durch Tony Blairs persönlichen Assistenten für Außenpolitik treffend wiedergegeben, Ex-Diplomat Robert Cooper schreibt ziemlich offen: 'wir müssen uns an die Vorstellung doppelter Standards gewöhnen'. Die zugrundeliegende Maxime dieses Zynismus ist: wir bestrafen die Verbrechen unserer Feinde und belohnen die Verbrechen unserer Freunde. Ist das nicht wenigstens einer allgemeine Straflosigkeit vorzuziehen? Die Antwort darauf ist einfach: 'Strafe' nach dieser Methode verringert nicht, sondern züchtet Kriminalität durch jene, die so vorgehen. Der Golfkrieg und die Balkankriege waren Paradebeispiele, wie dank selektiver Wahrnehmung moralische Blankoschecks ausgegeben wurden. Israel kann sich UN-Resolutionen bei Straflosigkeit widersetzen, Indien darf Kaschmir tyrannisieren, Rußland Groszny zerstören, aber es ist der Irak, der bestraft werden muß, und es sind die Palästinenser, die zu leiden haben.

Cooper fährt fort: 'Ein Rat an die post-modernen Staaten: akzeptieren Sie Interventionen in der Vor-Modernen als Tatsache des Lebens. Solche Eingriffe mögen keine Probleme beheben, aber sie können das Gewissen beruhigen. Und es sind nicht unbedingt die schlechtesten.' Versuch das mal den Überlebenden in New York und Washington zu erklären.

Die Vereinigten Staaten bringen sich selbst in Raserei. Ihre Ideologen reden von einem Angriff auf die 'Zivilisation', aber was für eine Zivilisation ist das, die in Kathegorien von Blutrache denkt. Die letzten sechzig Jahre und mehr haben die Vereinigten Staaten demokratische Führer gestürzt, Länder in drei Kontinenten bombardierte, Kernwaffen gegen japanische Zivilisten verwendet, aber sie wußten nie, wie es sich anfühlt, in Ihren eigenen Städten angegriffen zu werden. Jetzt wissen sie es. Den Opfern des Angriffs und ihren Verwandten können wir nur unser tiefes Mitgefühl anbieten, ebenso wie den Menschen, die die US-Regierung auf dem Gewissen hat. Aber zu akzeptieren, daß ein amerikanisches Leben irgendwie mehr ist als das von einem Ruander, einem Jugoslawen, einem Vietnamesen, einem Koreaner, einem Japaner, einem Palästinenser ... das ist unannehmbar.

Übersetzt von: Hermann Cropp
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