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Einige Israelis verweigern den Militärdienst u. sehen dies als einzig mögliche ehrenhafte Entscheidung an

von Shamai Leibowitz

17.04.2002 — Chicago Tribune / ZNet

— abgelegt unter:
Shamai Leibowitz ist 'Anwalt für Strafrecht' u. lebt in Tel Aviv. Leibowitz ist zudem Reservist (Panzergrenadier) der Israelischen Armee und hat den Aufruf 'Courage to Refuse' (Mut zur Verweigerung) mit unterschrieben.

Israels Herrschaft über 3 Millionen palästinensische Araber in den 'Besetzten Gebieten' hat unser Land in die Lage gebracht, moralische Ungeheuerlichkeiten zu begehen.

Um unsere Herrschaft zu sichern, haben wir während der vergangenen Monate Kriegsverbrechen begangen - haben wir tausende Zivilisten entweder getötet oder verstümmelt. Und anstatt uns Sicherheit zu bringen, hat diese Okkupation auf beiden Seiten nur eine große Anzahl von Opfern produziert. Wir haben auf Zivilisten geschossen, wir haben Ambulanzen beschossen, haben Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Dadurch haben wir uns schuldig gemacht - schuldig, die elementarsten Artikel der 'Genfer Konvention' sowie der 'Haager Konvention' (zum Schutz der Menschenrechte) mißachtet zu haben.

Traurige Ironie: hätten die Länder Europas diese Konventionen schon während des 'Zweiten Weltkriegs' beachtet, wäre es sicher nie zum 'Holocaust' an uns Juden gekommen bzw. wären wir damals gerettet worden. So etwas wie 'aufgeklärte Besatzung' existiert nicht. Unsere Regierung hat uns nur bewiesen, was ohnehin schon klar war - nämlich, daß früher oder später jede Besatzungsmacht grausam u. barbarisch wird - tausende unschuldige Opfer sowie massenhaft Zerstörung produziert.

Außerdem: die Politik der 'kollektiven Bestrafung' widerspricht elementar unserem (jüdischen) Erbe. So könnte man beispielsweise sagen, unser Urvater Abraham sei der erste moralische Kämpfer gegen 'kollektive Bestrafung' gewesen. Lieber riskierte Abraham ja seine eigene Bestrafung durch Gott, als daß er die kollektive Bestrafung der Städte Sodom u. Gomorrah widerspruchslos hingenommen hätte.

Sein Streitgespräch mit Gott wird im Buch 'Genesis' wie folgt beschrieben: "Vielleicht sind 50 Fromme in der Stadt; willst Du sie wirklich vertilgen (Gott)? Willst Du dem Orte nicht lieber verzeihen um der 50 Frommen willen?... Fern sei es von Dir, also zu handeln, Fromme zusammen mit Frevlern zu töten...? Muß nicht der ganzen Welt Richter, das tun, was Recht ist?" (Genesis 18:24-25) Abraham greift Gott also mutig an u. legt quasi Berufung ein gegen dessen Entscheidung, (die beiden Städte) kollektiv zu bestrafen. Und zum Schluß, nach seinem langen Streit mit Abraham, lenkt Gott schließlich auch ein u. entscheidet, daß er die Unschuldigen nicht zusammen mit den Schuldigen bestrafen wird. Wir hingegen, anstatt dem Beispiel Abrahams zu folgen, machen genau das Gegenteil. Hunderte unbewaffneter Männer, Frauen u. Kinder haben wir schon getötet, wir haben Häuser zerstört u. Land, wir haben Millionen Palästinenser in ihren Städten, Kleinstädten u. Dörfern eingesperrt. Wir haben ihnen strenge u. grausame Ausgangssperren auferlegt, wir haben sie enteignet, ihnen Land u. Besitz abgenommen.

Zugegeben, auch wir hier in Israel durchleben derzeit eine schwierige Phase. Da mein Arbeitsplatz in Netanya liegt, war ich selber zweimal weniger als 100 Meter vom Ort eines dieser schrecklichen Selbstmordattentate entfernt - verübt durch fanatische palästinensische Terroristen.

Ich betrauere den Tod dieser unschuldigen Anschlagsopfer. Und dennoch: diese (vereinzelten) Akte des Terrors stellen keine Rechtfertigung dar für unsere fortgesetzte Aggression - für Panzer u. Hubschrauber, die auf unschuldige Zivilisten abfeuern, die Wohngebiete kahlrasieren, die überall in der West Bank u. im Gazastreifen Verwüstung u. Zerstörung verbreiten.

Seit Beginn des Palästinenseraufstands - und das sage ich jetzt als Anwalt -, hat sich der Staat Israel wie eine Diktatur benommen - mit Trauer stelle ich das fest -, wie ein Staat, der sich so weit von Recht u. Moral entfernt hat, daß nichts mehr von einem demokratischen Rechtsstaat übriggeblieben ist. So kann man beispielsweise die Hinrichtungen (ohne Gerichtsprozeß) von politischen Führern der Palästinenser mit (dem Straftatsbestand des) 'Vorsätzlichen Mordes' gleichsetzen. Auf diese Weise töten nur Terrorgruppen. Derartige Praktiken passen nicht zu einem gesunden Staatswesen. Und hieraus ist letztendlich auch der Schluß abzuleiten, daß Israel, da es ja (fortgesetzt) zum Mittel des Terrors greift, inzwischen selbst zu einer Art 'Terrororganisation' geworden ist. Ich schlage deshalb vor, die USA setzen Israel mit auf ihre Liste 'Terroristischer Organisationen'.

Weil wir unser Land (Israel) vor dem kompletten moralischen Kollaps retten wollen, haben wir uns also entschlossen, den Militärdienst in den 'Besetzten Gebieten' zu verweigern. Es ist unsere heilige Pflicht - sowohl als Soldaten als auch als menschliche Wesen. Und da unsere Regierung keinerlei Anstalten macht, die Besatzung zu beenden, fordere ich alle Offiziere u. Soldaten der IDF ('Israeli Defense Force' = Israelische Armee) dazu auf, ihr Vaterland zu verteidigen, indem sie nämlich ausrufen: "Wir werden diese Greueltaten nicht begehen!" Selbstverständlich hat in einer Demokratie die gewählte Regierung das Recht, den Gehorsam ihrer Armee einzufordern. Diese Regel gilt auch für Israel - und sollte auch gelten -, allerdings nur dort, wo Israel auch demokratisch ist: innerhalb der Vor-1967-Grenzen nämlich. In der West Bank u. in Gaza dagegen hat Israel sich während der letzten 35 Jahre noch nie demokratisch aufgeführt. Seine Bürger aufzufordern, eine Militärbesatzung durchzusetzen - und das auch noch im Namen der Demokratie - soetwas ist einfach absurd.

Nein, wir sind keine 'selbsthasserischen' Juden.

Als Soldaten der Israelischen Armee sind wir nach wie vor bereit, unser Land zu verteidigen - innerhalb der Grenzen von vor 1967. Aber da es nunmal so ist, daß sich unsere Armee zu Raubzügen des Terrors mißbrauchen läßt, praktisch tagtäglich Greuel verübt - im Dienste dieses Kolonial-Regimes - haben wir uns dazu entschlossen, den Wehrdienst in den 'Besetzten Gebieten' zu verweigern. Denn: lieber gehen wir ins Gefängnis, als daß wir uns dem gerechten Aufstand dieser Menschen (Palästinenser), die solange in Knechtschaft gehalten wurden, entgegenstellen.

Übersetzt von: Andrea Noll
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