Erdrutschsieg: Evo Morales wird neuer Präsident Boliviens
von John Hunt
20.12.2005 — Upside Down World / ZNet
Laut ersten Hochrechnungen konnte der Sozialist Evo Morales bei den Präsidentschaftswahlen in Bolivien am 18. Dezember 51 Prozent der Stimmen erzielen. Das reicht für den Sieg. Der Kandidat der Rechten, Jorge Quiroga, der 32 Prozent erzielte, hat bereits seine Niederlage eingeräumt.
"Ich hoffe, die Xenophobie kann ausgerottet werden", hatte der gewählte Präsident Morales noch am Morgen bei einer Pressekonferenz erklärt, als er vor Hunderten Dorfbewohnern der Ortschaft Chapare seine Stimme abgab. Das Wahlbüro lag auf dem Schulgelände 'Villa 14 de Septiembre'. In Kürze wird Morales der erste indigene Präsident in Lateinamerika sein: "Alles, was wir wollen, ist gut leben... Die Armen wollen nicht reich werden, sie wollen nur Gleichheit".
Die Stimmabgabe war reich an Symbolismus. Evo trug Jeans und ein kurzärmeliges Hemd. Er genoss das Frühstück aus Fisch und gekochter Yuca, das er gemeinsam mit Dorfältesten und Journalisten einnahm, bevor es zur eigentlichen Stimmabgabe ging. Ein Beispiel, das für seinen Wahlkampf insgesamt steht - eine Kampagne voller Charme aber sehr informell (was manche Beobachter irritierte). Ein Campesino mit Cowboy-Hut ritt auf einem Büffel durch das Dorf, die alte mehrfarbige Wipala schwingend, die Flagge der Indios. Einige vertreten die Meinung, die Wipala müsse das neue Wappen des neuerstandenen Boliviens werden.
Bei der anschließenden Pressekonferenz war Evo flankiert von weiblichen und männlichen Cocaleros (Koka-Bauern), die wie beiläufig auf Kokablättern kauten. Die Blätter lagen zerstreut auf dem Tisch. Evo war als Führer des couragierten Widerstands gegen das Programm der amerikanischen und bolivianischen Regierung zur Ausrottung des Kokaanbaus in Erscheinung getreten und so für die Wahl zur Integrationsfigur der verschiedenen Gruppen des großen Volkswiderstands geworden.
"Null Koka bedeutet null Cocaleros", so Evo heute. Es war ein langer Kampf mit vielen Toten, Verletzten und Inhaftierten. Die Cocaleros hatten die Hauptverbindungsstraße zwischen La Paz und Santa Cruz blockiert und so die Wirtschaft lahmgelegt. Im Oktober 2004 schließlich war Präsident Carlos Mesa bereit gewesen, einen Vertrag zu unterzeichnen, der es jeder Bauernfamilie in Chapare erlaubte, ein "Cato" Koka anzubauen. Ein Cato entspricht etwa einer Anbaufläche von 0,4 Acres.
Entgegen anderslautenden Berichten sagt Evo Morales, für den Moment sei er mit der 1-Cato-Regelung zufrieden. Als neuer Präsident wolle er eine internationale Kampagne für das Recht auf legalen Export zahlreicher Kokaprodukte starten - Arzneimittel, Shampoos, Kekse. Gegen den Drogenhandel mit Koka wendet sich hingegen selbst die nationale Cocalero-Föderation (National Cocalero Federation) einstimmig.
Evo bekennt sich erneut zur Verstaatlichung der bolivianischen Gas- und Ölvorkommen, streckt dem privaten Sektor aber die Hand hin: "Alle anständigen Menschen können sich uns anschließen, auch jene Geschäftsleute, die für das Land arbeiten wollen".
Evo Morales sieht sich großen Herausforderungen gegenüber, wenn er Bolivien entwickeln will. Bolivien ist das zweitärmste Land in Lateinamerika. Eine Begegnung in einem Internet-Café am Samstag symbolisiert den Zustand des Landes en miniature: Vier Mädchen im Teenageralter unterhalten sich laut darüber, nach Spanien auszuwandern. Bolivien ist abhängig von den Geldern, die mehr als eine Million Wirtschaftsemigranten in die alte Heimat schicken. Die Summe macht schätzungsweise 8 bis 10 Prozent der nationalen Gesamteinnahmen aus.
Morales bekennt sich offen zu seiner internationalen Ausrichtung: "Fidel ist mein Freund, und ich respektiere das kubanische Volk. Und ich respektiere Chavez, da er von einer großen lateinamerikanischen Nation spricht".
John Hurt arbeitet als Journalist in Bolivien.
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