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Es liegt an uns, den Einberufungsbefehl nicht zu beachten

von Laurie King-Irani

25.12.2002 — Electronic Intifada / ZNet

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Ein kalter Heiligabend, der uns Nachrichten der Verzweifelung aus Bethlehem und von Morden in der Nähe von Jenin brachte, wurde noch kälter durch die Nachricht vom Tod des ehemaligen Leadsängers der legendären britischen Punkband "The Clash", Joe Strummer, der im Alter von nur 50 Jahren starb.

Es ist schon ironisch, dass er und die ursprünglichen Mitglieder der Gruppe, die politische Poesie in der langweiligen und mittelmäßigen, politisch rechten Ära Thatchers in Großbritannien und Reagans in den USA in den Punk einfließen ließen, sich im nächsten Monat zu einer Vorstellung wiedervereinigen wollten, wo die Gruppe mit dem Einzug in die "Rock and Roll Hall of Fame" ausgezeichnet werden sollte.

Es ist genauso ironisch, dass sich die täglichen Nachrichten aus dem Nahen Osten genauso lesen wie die Lieder von "The Clash": "Wahington Bullets" (Washingtons Kugeln) fliegen in Afghanistan, Jenin, Ramallah und Rafah und bald werden sie, vielleicht mit abgereichertem Uran bestückt, im Irak fliegen. "Somebody got murdered" (Jemand wurde ermordet) - heute, gestern, jeden Tag im besetzten Palästina.

So viele Schlagzeilen in den aktuellen Nachrichten geben die politische Situation von vor zwanzig Jahren wieder. Die gleichen unangenehmen Menschen sind in den USA wieder an der Macht: Nicholas Negroponte, Richard Perle, Dick Cheney, Admiral Pointdexter und Elliott Abrams sind wieder "ehrenwerte Männer", welche für eine ähnlich unheimliche US-Politik stehen wie jene, die fortschrittliche Menschen zu Beginn der 1980er erzürnte und schockierte. Die Strategische Verteidigungsinitiative "Star Wars", welche die Menschrechte beim einseitigen Machtstreben der USA überall auf dem Globus, missachtet und amerikanische Bündnisse mit tyrannischen Führen sind wieder in Mode gekommen.

Und auch 2002, genau wie 1982, sehen die USA als stille Komplizen tatenlos zu, wie Ariel Sharon Kriegsverbrechen begeht und dabei amerikanische Steuergelder und aus Amerika gelieferte Waffen benutzt, um eine Politik der zunehmenden ethnischen Säuberung auf der West Bank und in Gaza zu betreiben.

Aber heute sehen oder hören wir kaum Proteste, die so vielsagend, ausdrucksvoll, knapp oder tanzbar sind, wie die Songs von "The Clash", die zeitlos bleiben und heute genauso frisch, aufmunternd und subversiv klingen wie beim ersten Anhören vor zwei Jahrzehnten.

Jedes Mal, wenn ich "The Clashs" Album "Sandinista!" höre, muss ich mich automatisch an den Tag erinnern, an dem ich von den Massakern in Sabra und Shatila* erfuhr. Das war im August 1982; ich war gerade von meiner ersten Reise in den Nahen Osten zurückgekommen, einer archäologischen Expedition in den südöstlichen Bereich des Toten Meeres in Jordanien, anschließend folgten unvergessene Fahrten nach Israel, auf die West Bank und nach Syrien.

Auf dem Nachhauseweg verbrachte ich eine Woche in New York City, wo ich mit den mir verbleibenden wenigen Dollars von meinem Sommerabenteuer in einem Plattenladen am Times Square noch einen Kauf tätigte: "Sandinista!" - ein bemerkenswertes Set, das aus drei Alben bestand, auf denen ausdrucksvolle Protestsongs im Reggae- oder Rockabillyrhythmus oder auch raffinierte Parodien auf Motown-Riffs zu hören sind. Jedes Lied auf den drei Alben von „Sandinista!" enthält scharfzüngige Kommentare zu den Rassenbeziehungen in Großbritannien, zum amerikanischen Abenteurertum in Mittelamerika und der sich damals abzeichnenden Androhung einer nuklearen Kraftprobe zwischen den USA und der UdSSR.

Als ich eines freitagsabends im September 1982 vom College zurückkam, wurde ich von meiner Zimmernachbarin Janine an der Tür empfangen. „Ich glaube, du solltest dir die Nachrichten besser nicht ansehen," sagte sie mit düsterer Stimme als ich ins Haus ging. Die ersten Berichte und Bilder von den Massakern in Sabra und Shatila liefen auf dem Fernseher.

Da es 1982 noch kein E-Mail, kein Handy, keine Telefonlisten von Mitstreitern oder Websites wie die von Electronic Intifada gab, konnte ich meinen Schrecken, meine Wut und meinen Zorn über das, was in den Lagern bei Beirut passiert war, am besten loswerden, in dem ich „The Clash" auf volle Lautstärke drehte und wütend das Haus putzte.

Besonders ein Lied rückt mir diesen Tag in den Brennpunkt: „The Call Up" (Die Einberufung), wahrscheinlich eine der vielsagendsten Balladen gegen den Krieg, gegen das Töten, die je geschrieben wurde; sie hebt hervor, bei wem die Verantwortung für die Gräueltaten liegen: jeder Einzelne muss sich weigern, zum Mittäter zu werden. Diese Ballade könnte sehr wohl die Hymne der mutigen israelischen „Refuseniks" sein, der 500+ israelischen Soldaten, die sich weigern, Komplizen bei Sharons Kriegsverbrechen und den täglichen, von den USA finanzierten, Morden in den besetzten Gebieten, zu sein.

Zu Ehren des verstorbenen, großartigen Joe Stummer und als Warnung, vor dem, was sowohl im Irak als auch in Israel/Palästina in nächster Zukunft passieren kann, ist hier der Text von „The Call Up", der uns daran erinnert, was wir im kommenden, wahrscheinlich furchterregenden neuen Jahr zu tun haben:

The Call Up

It's up to you not to heed the call-up and you must not act the way you were brought up Who knows the reasons why you have grown up? Who knows the plans or why they were drawn up?

It's up to you not to heed the call-up I don't wanna die! It's up to you not to hear the call-up I don't wanna kill! For he who will die Is he who will kill

Maybe I wanna see the wheatfields Over Kiev and down to the sea

All the young people down the ages They gladly marched off to die Proud city fathers used to watch them Tears in their eyes

There is a rose that I want to live for Although, God knows, I may not have met her There is a dance an' I should be with her There is a town - unlike any other

It's up to you not to hear the call-up and you must not act the way you were brought up Who give you work an' why should you do it? At fifty five minutes past eleven There is a rose..

Yeah!

....

Laurie King-Irani war früher Herausgeberin des „Middle East Report" und ist eine von vier MitbegründerInnen der „Electronic Intifada" und gleichzeitig die nordamerikanische Koordinatorin der „Internationalen Kampagne für die Gerechtigkeit der Opfer von Sabra und Shantila". Sie unterrichtet momentan Sozialanthroplogie in British Columbia.

* nähere Informationen zum Masssaker in Sabra und Shatila unter: http://www.kritische-stimme.de/spezial/sabra_shatila.htm

Übersetzt von: Tony Kofoet
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