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'Ethnische Vertreibung' - und die Entstehung Israels

von John Pilger

19.06.2002 — The New Statesman / ZNet

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Angesichts der sich überschlagenden aktuellen Meldungen aus Israel, wird ein (inner-israelischer) Streit über geschichtliche Wahrheit - außerhalb akademischer Zirkel - kaum wahrgenommen. Dennoch ist die Bedeutung dieses Gelehrtenstreits ungeheuerlich: Im Mai 1948 ermordete die vorrückende jüdische Armee mehr als 200 Palästinenser in dem Küstendorf Tantura südlich von Haifa. 40 auf Band aufgezeichneten Zeugenaussagen zufolge - sowohl von Arabern als auch Juden - fielen die Hälfte der Zivilisten in dem Dorf einem „Blutrausch“ zum Opfer. Sie wurden erschossen. Der Rest wurde daraufhin zum Strand getrieben. Man trennte die Männer von den Frauen u. Kindern, führte sie zu einer Mauer neben der Moschee u. schoss ihnen in den Hinterkopf. Die „Säuberung“ (ein damals allgemein gebrauchter Begriff) Tanturas stellte ein gutgehütetes Geheimnis dar. Als man sie vor vier Jahren interviewte, sagten mehrere der palästinensischen Augenzeugen, sie fürchteten um ihr Leben, falls sie die Wahrheit aussagten. Einer der Überlebenden - der als Kind die Ermordung seiner gesamten Familie in Tantura mitangesehen hatte -, sagte dem Interviewer: “Aber so glauben Sie mir doch, man sollte über diese Dinge nicht reden. Ich will nicht, dass sie sich an uns rächen. Ihr bringt uns nur Ärger...“

Und Ärger brachte die Sache tatsächlich. Der Forscher, ein Student namens Teddy Katz, bekam von seiner Universität in Haifa den Magisterabschluß aberkannt - u. das, obgleich er zuvor von der Fakultät „Middle Eastern Studies“ („Nahostpolitik“) mit der Bestnote ausgezeichnet worden war. Nachdem seine Forschungsergebnisse in den israelischen Medien veröffentlicht wurden, verklagten mehrere jüdische Veteranen, die beim Angriff auf Tantura dabeigewesen waren, Katz wegen „Verleumdung“, u. einige seiner jüdischen Zeugen machten einen Rückzieher von ihren Aussagen. Katz hatte das Tabu bzgl. der ethnischen Vertreibung gebrochen - die ja mit zur Geburt des Staats Israels beigetragen hat. Die Palästinenser betrauern sie als die „Nakbah“ - die „Katastrophe“ also. Ohne abzuwarten, bis die Klage gegen Katz überhaupt vor Gericht kam, strich die Universität von Haifa seinen Namen von der Ehrenrolle. Überall wurde geraunt, Katz sei ein Verräter. Katz - ein überzeugter Zionist, der in einem Kibbuz lebte -, geriet unter Druck von Freunden u. Familie. Und unter diesem Druck nahm er seine Behauptungen schließlich wieder zurück. Zwölf Stunden später widerrief er.

Professor Ilan Pappe ist einer der wenigen, der die ganze Niederschrift von Katz“ insgesamt über 60 Stunden dauernden Bandaufnahmen der Augenzeugenberichte kennt. “Darunter“, so Pappe, “sind einfach horrende Beschreibungen von Hinrichtungen - Väter wurden vor den Augen ihrer Kinder ermordet, es gab Vergewaltigung u. Folter“. Über Katz“ Magisterarbeit sagt er: “Eine solide u. überzeugende Arbeit, deren grundlegende Wichtigkeit keineswegs in den Hintergrund gerückt wird durch ein paar Mängel“. Diese „Mängel“ beschränken sich laut Pappe auf vier kleinere Fehler. Die Bedeutung von Katz“ Forschungsarbeit liege jedoch darin, dass sie ein Stück israelischer Geschichte beleuchte - nämlich die “Vertreibung - ob nun direkt oder indirekt - von rund 750 000 Palästinensern, die systematische Zerstörung von mehr als 400 Dörfern u. dutzenden städtischen Vierteln sowie die rund 40 Massaker, die an unbewaffneten Palästinensern verübt wurden“.

Obgleich sich auch andere führende Akademiker hinter Katz gestellt hatten, wurde über den Fall der Mantel des Schweigens gebreitet - ein Schweigen u. eine Art Feindseligkeit, die typisch sind für den Umgang mit denjenigen Leuten in Israel, die die Standesregeln des akademischen Betriebs bzw. der Politik verletzen. Seit der Wahl Ariel Scharons im letzten Jahr hat sich diese Hostilität derart gesteigert, dass nicht mal mehr „Nationalheldinnen“ vor ihr sicher sind. Die Sängerin Yaffa Yarkoni, (“Israels Vera Lynn“), deren emotionsgeladene, versonnene Lieder stets den Triumph der Zionisten - von 1948 bis heute - gefeiert haben, hat über Nacht ihre strahlende Popularität verloren u. das nur, weil sie letzten Monat die Bemerkung fallen ließ, israelische Soldaten sollten doch bitte keine Nummern auf die Arme von Palästinensern schreiben: “Das war doch das, was die Deutschen gemacht haben, oder?“ In einer Zeitungsschlagzeile wurde sie hierauf als “Volksfeindin“ tituliert, u. ein Redakteur sagte, sie “... hat sich auf die Seite der neuen Antisemiten Europas geschlagen“.

Mit seiner herausfordernden Kritik am Zionistischen Umgang mit der Geschichte Israels, gehört Ilan Pappe zu den sogenannten „Neuen Historikern“ („new historians“). Er ist ein herausragender u. mutiger Kritiker. Pappe vergleicht Israel mit dem früheren Apartheidsregime Südafrikas - siehe die palästinensischen „Bantustans“ sowie die ständigen u. demütigenden Kontrollen, denen die Palästinenser unterworfen sind - die jetzt sogar schon ihre Bewegungsfreiheit in den eigenen Vierteln einschränken. Pappe glaubt, Scharons eigentliches Ziel sei es, eine Massenvertreibung der Palästinenser über den Jordan zu initiieren. Es fehle nur noch ein geeigneter Vorwand. Einer Umfrage zufolge befürworten mittlerweile 44 Prozent der Israelis eine solche neuerliche „Säuberung“ - „Transfer“ genannt. Auch so ein Euphemismus aus der Vergangenheit: 1948 hatte David Ben-Gurion, Israels erster Premierminister, geschrieben: “Wir haben es geschafft, uns hier niederzulassen durch den Transfer der (palästinensischen) Bevölkerung “.

Aber dieser Transfer ist eben noch nicht komplett abgeschlossen. Die Idee eines sogenannten “endgültigen Transfers“ wird inzwischen von mehreren Ministern des regierenden Likud, von führenden Mitgliedern der Arbeitspartei, von Professoren u. Medienkommentatoren befürwortet. “Nur sehr wenige wagen es noch, diese Lösung zu verurteilen“, so Ilan Pappe: “Auf diese Art schließt sich der Kreis. 1948 hat Israel fast 80 Prozent Palästinas an sich gerissen - in erster Linie durch Besiedlung u. durch „ethnische Säuberung“. Jetzt hat Israel einen Premier, mit breiter Unterstützung in der Bevölkerung, der mittels Gewalt eine Entscheidung über die restlichen 20 Prozent des Landes herbeiführen will“.

Im Moment sieht es so aus, als sei Prof. Pappe der Nächste, der von der Uni Haifa fliegt. In einem offenen Brief, den er vor wenigen Wochen in Umlauf gebracht hat, schreibt Pappe, der Fakultätsvorstand der „Geisteswissenschaften“ hätte seinen Rausschmiss verlangt, weil er die Universität im Katz-Fall angegriffen habe. Aber das ist nicht der eigentliche Grund: Pappe ist langjähriger Kritiker der illegalen israelischen Militär-Besatzung in Palästina. Jenes Universitäts-“Tribunal“, das ihn womöglich verurteilen wird, bezeichnet Pappe als: “Scharade im McCarthy-Stil“. Pappe ruft alle Universitäten weltweit dazu auf, “über einen Boykott israelischer Institutionen (Universitäten) nachzudenken - auf dem Hintergrund deren grundlegender Mißachtung akademischer Freiheit bzw. objektiver Forschung nämlich.“ Pappe sagt weiter, nur mutige internationale Ächtung - ohne Angst, jede Kritik an Israel könnte sofort mit „Antisemitismus“ gleichgesetzt werde -, könne das Schweigen brechen bzgl. jener “grauenvollen Taten von 1948 u. so deren Wiederholung noch verhindern“.

Aber es gibt noch andere in Israel, die ebenso couragiert sind wie Ilan Pappe - u. ebenso unter Druck stehen wie er - die roh u. heimtückisch verfolgt werden. In der „Ha“aretz“ - Israels Pendant zu unserm „Guardian“ - berichten zwei herausragende Journalisten, nämlich Amira Hass u. Gideon Levy, immer wieder die unpopuläre Wahrheit über Israels Besatzungspolitik in jenen 22 Prozent Land, die von Palästina noch übrig sind (u. die Israel seit 1967 okkupiert hält). Diese beiden Journalisten haben tagtäglich mit Drohungen u. Schmähbriefen zu kämpfen. Aber beide repräsentieren sie die tapfersten Traditionen des jüdischen Humanismus -, und sie brauchen dringend unsere (internationale) Solidarität.

John Pilgers brandneues Buch ist soeben erschienen: „The New Rulers of the World“ / Verso-Verlag

Übersetzt von: Andrea Noll
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