Feminismus: ein Geschenk an die Männer und eine Herausforderung
Zum Tode von Andrea Dworkin
von Robert Jensen
19.04.2005 — ZNet
—
abgelegt unter:
Feminismus / Gender
Sie war eine Männerhasserin - ich weiß nicht, wie oft ich mir das seit ihrem Tod anhören musste. Die feministische Autorin Andrea Dworkin starb Anfang April. Von allen antifeministischen Lügen macht mich diese am rasendsten, am traurigsten: Dworkin (und damit alle Frauen, die männliche Gewalt in ähnlicher Weise wie sie kritisieren) habe die Männer gehasst. Andrea Dworkins Werk ist ebenso tiefgründig wie kraftvoll. Vor allem durch ihre Pornokritik war sie extrem widerwärtigen Angriffen ausgesetzt - mit den widerwärtigsten, die einer Feministin in den letzten vier Jahrzehnten widerfuhren. Das Etikett Männerhasserin, das man ihr verpasste, spielte bei der Kampagne, Dworkin und ihre Ideen zu marginalisieren, eine zentrale Rolle. Ich bin ein Mann und habe jedes ihrer Bücher gelesen. Mein Fazit:
Ich glaube nicht, dass Andrea Dworkin die Männer hasste. Ich denke, sie hat uns geliebt - Dworkin liebte die Menschen, und wir Männer sind nun mal Teil der Menschheit, menschliche Wesen, auch wenn unser Verhalten manchmal den gegenteiligen Schluss nahe legt.
Folgende Worte sind aus einer Ansprache anlässlich einer Männer-Konferenz. Mit diesen Worten forderte Dworkin die Männer auf, sich gegen Vergewaltigung zu engagieren:
Ich kann nicht glauben, dass Vergewaltigung etwas Natürliches und Unausweichliches ist. Wenn ich das täte, gäbe es für mich keinen Grund, hier zu sein, und meine politische Praxis wäre eine andere. Haben Sie sich je gefragt, warum wir (Frauen) Sie nicht mit der Waffe bekämpfen? Nicht, weil es in diesem Land zuwenig Küchenmesser gibt. Der Grund ist, wir sind der Meinung, ihr seid Menschen, auch wenn vieles dagegen spricht.
Was Andrea Dworkin wollte, war, Männern wieder zu ihrer Humanität zu verhelfen. Aber es ging ihr nicht nur um uns sondern vor allem um ein Ende männlicher Gewalt gegen Frauen. Belästigung, Vergewaltigung, Schläge, Kindesmissbrauch - das alles sollte aufhören. Sie wusste, es würde nur aufhören, wenn Mann sich ändert, wenn Mann sich selbst rettet. In derselben Ansprache, die ich oben zitiere, fordert Dworkin uns Männer auf, in diesem Sinne Verantwortung zu übernehmen:
Es ist nicht Aufgabe (der Frauen), euch zu helfen, Vertrauen in die eigene Menschlichkeit zu fassen. Wir können das nicht länger leisten. Wir haben es so lange versucht, und unser Lohn bestand in systematischer Ausbeutung und systematischer Misshandlung. Von jetzt an müsst ihr euch selber an die Arbeit machen - ihr wisst das auch.
Dworkin bekam das Etikett Männerhasserin nicht verpasst, weil sie eine Männerhasserin war, sondern weil es viele Männer gibt, die diese Herausforderung von sich weisen. Es gibt so viele Männer, die mit der Herausforderung - mit dieser Art Gewalt aufzuhören -, einfach nicht klarkommen. Andrea Dworkin ist tot, aber ihre Herausforderung bleibt bestehen. An die männliche Adresse gerichtet wiederhole ich daher: Bevor Sie Dworkins Werk als das einer Männerhasserin abtun, lesen Sie ihre Bücher, ziehen Sie Nutzen daraus, lernen Sie etwas - nicht nur über die weibliche Erfahrung sondern über das was uns betrifft. Die liebevolle Herausforderung, die sie an uns richtet - nehmen Sie sie ernst (www.andreadworkin.net).
Zu sagen, eine tolle Autorin hat mein Leben verändert, klingt klischeehaft. Aber genau das hat Dworkins Werk bei mir bewirkt. Ihre Leidenschaft für Gerechtigkeit - ich weiß nicht, welcher Mensch ich heute wäre, hätte ich diese Leidenschaft nicht erfahren, indem ich mich einlas, indem ich fühlte. Und ich weiß nicht, womit ich mich heute beschäftigen würde, hätte ich nicht begriffen, hätte sie mich nicht begreifen lassen, dass Feminismus nicht allein eine (weibliche) Emanzipationsbewegung ist sondern auch ein Geschenk an uns Männer. Vielleicht wäre ich heute männlicher - aber auch weniger menschlich.
Robert Jensen ist Journalistikprofessor an der University of Texas in Austin; er ist Ko-Autor von A. Dworkins Buch: Pornography: The Production and Consumption of Inequality rjensen@uts.cc.utexas.edu
Anmerkung der Übersetzerin
Die amerikanische Feministin Andrea Dworkin starb Anfang April im Alter von 58 Jahren. Bei uns wurde sie vor allem durch Ihre Zusammenarbeit mit der Frauenzeitschrift Emma bekannt (Por-No-Kampagne). Auf Deutsch von ihr erhältlich:
Pornographie (1987), Erbarmen (1992), Geschlechtsverkehr (1993) Eis & Feuer (Roman, 1991)
Ich kann nicht glauben, dass Vergewaltigung etwas Natürliches und Unausweichliches ist. Wenn ich das täte, gäbe es für mich keinen Grund, hier zu sein, und meine politische Praxis wäre eine andere. Haben Sie sich je gefragt, warum wir (Frauen) Sie nicht mit der Waffe bekämpfen? Nicht, weil es in diesem Land zuwenig Küchenmesser gibt. Der Grund ist, wir sind der Meinung, ihr seid Menschen, auch wenn vieles dagegen spricht.
Was Andrea Dworkin wollte, war, Männern wieder zu ihrer Humanität zu verhelfen. Aber es ging ihr nicht nur um uns sondern vor allem um ein Ende männlicher Gewalt gegen Frauen. Belästigung, Vergewaltigung, Schläge, Kindesmissbrauch - das alles sollte aufhören. Sie wusste, es würde nur aufhören, wenn Mann sich ändert, wenn Mann sich selbst rettet. In derselben Ansprache, die ich oben zitiere, fordert Dworkin uns Männer auf, in diesem Sinne Verantwortung zu übernehmen:
Es ist nicht Aufgabe (der Frauen), euch zu helfen, Vertrauen in die eigene Menschlichkeit zu fassen. Wir können das nicht länger leisten. Wir haben es so lange versucht, und unser Lohn bestand in systematischer Ausbeutung und systematischer Misshandlung. Von jetzt an müsst ihr euch selber an die Arbeit machen - ihr wisst das auch.
Dworkin bekam das Etikett Männerhasserin nicht verpasst, weil sie eine Männerhasserin war, sondern weil es viele Männer gibt, die diese Herausforderung von sich weisen. Es gibt so viele Männer, die mit der Herausforderung - mit dieser Art Gewalt aufzuhören -, einfach nicht klarkommen. Andrea Dworkin ist tot, aber ihre Herausforderung bleibt bestehen. An die männliche Adresse gerichtet wiederhole ich daher: Bevor Sie Dworkins Werk als das einer Männerhasserin abtun, lesen Sie ihre Bücher, ziehen Sie Nutzen daraus, lernen Sie etwas - nicht nur über die weibliche Erfahrung sondern über das was uns betrifft. Die liebevolle Herausforderung, die sie an uns richtet - nehmen Sie sie ernst (www.andreadworkin.net).
Zu sagen, eine tolle Autorin hat mein Leben verändert, klingt klischeehaft. Aber genau das hat Dworkins Werk bei mir bewirkt. Ihre Leidenschaft für Gerechtigkeit - ich weiß nicht, welcher Mensch ich heute wäre, hätte ich diese Leidenschaft nicht erfahren, indem ich mich einlas, indem ich fühlte. Und ich weiß nicht, womit ich mich heute beschäftigen würde, hätte ich nicht begriffen, hätte sie mich nicht begreifen lassen, dass Feminismus nicht allein eine (weibliche) Emanzipationsbewegung ist sondern auch ein Geschenk an uns Männer. Vielleicht wäre ich heute männlicher - aber auch weniger menschlich.
Robert Jensen ist Journalistikprofessor an der University of Texas in Austin; er ist Ko-Autor von A. Dworkins Buch: Pornography: The Production and Consumption of Inequality rjensen@uts.cc.utexas.edu
Anmerkung der Übersetzerin
Die amerikanische Feministin Andrea Dworkin starb Anfang April im Alter von 58 Jahren. Bei uns wurde sie vor allem durch Ihre Zusammenarbeit mit der Frauenzeitschrift Emma bekannt (Por-No-Kampagne). Auf Deutsch von ihr erhältlich:
Pornographie (1987), Erbarmen (1992), Geschlechtsverkehr (1993) Eis & Feuer (Roman, 1991)
Orginalartikel:
Feminisms Gift -- And Challenge -- To Men
Übersetzt von:
Andrea Noll
Twitter
RSS Feed
