Fragen und Antworten
von Tariq Ali
20.10.2001 — ZNet
Wie läßt sich die Entwicklung Afghanistans seit der sowjetischen Invasion und dem Sieg der Talibans analysieren?
Das PDPA ( - Peoples Democratic Party of Afghanistan - afghanische kommunistische Partei), welche eine starke Basis in der Armee und in der Luftwaffe hatte, machte 1978 einen Staatsstreich und stürzte das korrupten Regime von Daoud. Das Volk begrüßte die Änderung. Die PDPA war anfangs beliebt. Sie versprach wichtige soziale Reformen und Demokratie. Aber das letztere Versprechen wurde nie eingehalten, obwohl wichtige Bildungsreformen durchgedrückt wurden, wie kostenlose Bildung und Schulen für Mädchen. In den Städten begannen Mädchen und Jungen dieselben Schulen zu besuchen. Die Medizinische Versorgung war auch verbessert worden, außer daß ein bitterer Parteienkampf geführt wurde, der zum Sieg einer von Hafizullah Amin geführten Pol-Pot-Fraktion führte, der eine Kampagne massiver Unterdrückung begann. Inzwischen entschieden sich die Vereinigten Staaten das Regime durch Bewaffnung der ultra-religiösen Stämme zu destabilisieren, unter Verwendung der Pakistanischen Armee als Verbindungsglied, um den religiösen Extremisten zu helfen. Die Amerikaner legten eine Bärenfalle, und die sowjetische Führung fiel hinein. Sie sandten die rote Armee, Amin zu kippen und das PDPA-Regime durch Gewalt aufrechtzuerhalten. Dies verschlimmerte die Krise, und die Vereinigten Staaten riefen zu einem Jihad gegen den Kommunismus auf. Die pakistanischen Militärs dachten, daß es dem Jihad helfen würde, wenn ein saudischer Prinz käme um den Kampf anzuführen, aber von der Seite gab es keine Freiwilligen. Stattdessen schlug das saudische Regime dem CIA Osama Bin Laden vor. Er wurde genehmigt, rekrutiert, ausgebildet und nach Afghanistan geschickt, wo er gut kämpfte. In einem Fall führte Bin Laden seine Männer zu einem Angriff auf eine gemischte Schule (Jungen und Mädchen) und tötete alle Lehrer. Die USA beobachteten dies mit Anerkennung. Der Rest ist Geschichte. Die Sowjetunion wurde besiegt und zog 1989 ihre Kräfte ab. Ein Bürgerkrieg folgte und eine Koalitionsregierung aus Kräften, die gegenüber dem Iran loyal war, Tadschikistan und Pakistan gewannen an Einfluß. Instabilität herrschte. Dann schickte Pakistan die Taliban (Studenten), die mit offener Unterstützung der pakistanischen Armee in speziellen Priesterseminaren zum Kampf trainiert worden waren. Kabul wurde erobert, und das Regime allmählich über den Rest des Landes ausgeweitet. Amerikanische Think-Tanks redeten bis vor einigen Monaten davon, die Taliban zu verwenden, um die zentralasiatischen Republiken weiter zu destabilisieren! Jetzt führen die USA und Pakistan Krieg, um ein Regime zu kippen, das sie schufen. Wer sagte, diese Geschichte hatte aufgehört, ironisch zu sein?
Was zeichnet den Islamismus der Taliban besonders aus?
Es ist eine virulente, sektiererische, ultra-puritanische Lehre, stark vom Wahhabismus, der offiziellen Staatsreligion Saudi-Arabiens, beeinflußt. Es waren saudische religiöse Ausbilder, die die Taliban trainierten. Sie glauben an einen permanenten Jihad gegen Ungläubige und andere Moslems (besonders die Schiiten). Bin Laden ist auch ein standhafter Wahhabit. Sie wollen zurück zu etwas, das der Islam nach ihrer Vorstellung im 7. Jahrhundert unter der Führung von Mohammed war. Was sie nicht verstehen ist, daß Mohammed ein sehr flexibler Propheten-Politiker war, wie Maxime Rodinson in seiner ausgezeichneten Biographie erklärt.
Was war das strategische Ziel der Vereinigten Staaten, als sie sich auf den schlimmsten Hardliner-Flügel des islamischen Widerstand gegen die UdSSR stützten, und allgemein auf Gruppen wie die von bin Laden in der arabisch-moslemischen Welt?
Überall im kalten Krieg verwendeten die Vereinigten Staaten den Islam als ein Bollwerk gegen Kommunismus und Revolution. Das geschah überall in der islamischen Welt, nicht nur in Südasien. Also können wir sagen, daß der Islamismus, wie wir ihn kennen, ein Produkt von Imperialismus und Moderne ist.
Der Schlüssel zu dem, was in der Region geschieht, ist Pakistan. Welche Art von Regime ist es, was sind seine Ziele, und in welchen Widersprüchen befindet es sich?
Es ist ein Militärregime, aber kein Bösartiges wie sein Vorgänger. Es ist ein Regime, das den Neoliberalismus in Pakistan beaufsichtigen will. Die Armee ist natürlich geteilt, aber die genaue Stärke von Pro-Taliban-Strömungen in der Armee ist strittig. Es könnten zwischen 15-30 Prozent sein. Die Islamisten sind in der pakistanischen Gesellschaft insgesamt sehr schwach. Es ist wichtig, dieses Tatsache zu verstehen. In aufeinanderfolgenden Wahlen haben weniger Menschen für Fanatismus in Pakistan gestimmt, als in Israel. Darum beschlossen die pakistanischen Taliban, ihre Position in der Armee zu stärken. Wenn die Vereinigten Staaten zu viel Blut in Afghanistan verschütten, könnte das im Laufe eines Jahres innerhalb der Pakistanischen Armee schreckliche Folgen haben.
Im Moment scheint Präsidenten Musharraf sich neben sie USA stellen zu wollen. Ist es möglich, daß Pakistan eine logistische Unterstützung für eine amerikanische Intervention in Aghanistan wäre?
Pakistan hat zugestimmt logistische Unterstützung zu geben. In der Tat ist die Pakistanische Armee für die ganze Operation notwendig. Die US-Flugzeuge und Truppen werden in der Gwadur-Basis in Baluchistan stationiert, die während des kalten Krieges gebaut wurde. Vergessen Sie nicht, daß Pakistan von 1954-1992 Verbündeter der USA im Kalten Krieg war. Beide Seiten kennen einander gut. Die pakistanische Elite ist erfreut, daß die Schulden des Landes (36 Milliarden Dollar) erlassen wurden, und mehr Geld zugesichert worden ist. Dafür sind sie bereit, die Taliban besiegt und entwaffnet zu sehen. Die Schwierigkeiten beginnen, wenn zu viele bärtige Männer getötet werden. Nach meiner Meinung ist ein Grund für die Verzögerung des Angriffs, daß die Pakistanische Armee sich vergewissern will, daß die Taliban den Vereinigten Staaten keinen Widerstand leisten. Der Rat, der den Gläubigen gegeben wird, ist: rasiert eure Bärte und haltet euer Pulver trocken. Der Westen geht weg und dann sehen wir. Islamabad verabscheut die Nordallianz, die mit Hilfe der Taliban besiegt wurde, als Kabul fiel. Ich kann nicht deutlich genug betonen, daß die Taliban von Pakistan auf jede Weise aufrechterhalten werden. Was eingeschaltet wird, kann auch ausgeschaltet werden. Das Problem für Pakistan ist, daß ein Flügel der Taliban zu Bin Laden und seinen Prätorianer-Garden arabischer anarcho-Islamisten überlief. Diese Typen schlagen wahrscheinlich zurück, wie immer die Chancen stehen.
Wenn der Konflikt regional wird, welche Auswirkungen würde dies auf der Situation in der Region und die Einstellung von Ländern wie Indien, China und Rußland haben ?
Alle drei Länder sind begeistert vom 'Krieg gegen Terrorismus'. Sie sind jetzt alle Amerikaner! Indien möchte die Opposition in Kaschmir aufreiben. Das türkische Militär will eine Endlösung des 'Kurdenproblems'. Putin hat Tschetschenien schon zerstört. China hat grünes Licht, um zu tun, was es will. So paßt es ihnen allen, aber viel hängt davon ab, wie dieses Abenteuer endet. Erleben wir noch einen neuen Aufschwung der US-Welthegemonie, oder ist das Imperium im Begriff, sich zu Tode zu triumphieren?
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