Gebt Arafat die Schuld - zum ersten Jahrestag des Todes von Jassir Arafat
von Ramzy Baroud
19.11.2005 — ZNet
Ursprünglich hieß es, nachdem Arafat - das "Hindernis" für den Frieden - nun verschwunden ist, werde der arabisch-israelische Friedensprozess wieder aufleben, aber die Ereignisse vor Ort strafen dieses Szenario Lügen. Seit einen Jahr ist der mächtige Palästinenserführer tot.
Aber die israelische Regierung hält unbeirrt an ihrer Linie der unilateralen Aktionen fest, und Premierminister Scharon hält die Palästinenserführung weiterhin für "irrelevant" für den Friedensprozess. Dieses Etikett war früher exklusiv Arafat vorbehalten und begleitete ihn jahrelang - bis zu seinem Tod am 11. November 2004.
Arafats mysteriöse Erkrankung und sein Tod in Frankreich bedeuteten das Ende einer Ära. Warum? Die Abwesenheit Arafats - wenn auch nur als lebendes Symbol - hatte weitreichende Konsequenzen. Nachdem dies gesagt ist, sollten wir uns nicht dem Fehler hingeben, den Kampf der Palästinenser auf diesen einen Mann und sein Vermächtnis zu reduzieren.
Einige hielten Arafat für nichts anderes als einen dieser arabischen Führer, die an ihrer Position kleben und nicht gewillt sind, ihre Macht zu teilen, die nur Leuten Verantwortung übertragen, die zu ihren korrupten Kumpels zählen. Er sei einer, der nichts anderes zu bieten habe als die abgedroschene Rhetorik vom "Licht am Ende des Tunnels", vom "Berg, (an dem) der Wind nicht rütteln kann". Wer nur diese Seite Jassir Arafats sieht, ignoriert den klugen Politiker Arafat, mit seiner kulturellen und intellektuellen Mischung, ignoriert die Kunst, mit der Arafat es verstand, für viele unterschiedliche Leute, sehr viele unterschiedliche Dinge zu repräsentieren.
Ob bewusst oder unbewusst, Arafat hat es verstanden, sich mit dem Elend, das die Palästinenser über die Jahrzehnte durchlebten, gemein zu machen. Seit seinen frühen Jahren - Ende der 40ger Jahre, als Studentenaktivist in Kairo - bis zur Gründung der Fatah-Bewegung 1965, war Arafat immer da.
Arafat war für die Führer der arabischen Welt ein wahres Gottesgeschenk - selbst wenn er sich bisweilen mit dem ein oder anderen von ihnen überwarf. Arafats Präsenz war die Entschuldigung für deren Abwesenheit. Es war Arafat, der darauf bestand, die PLO als "legitime und alleinige" Vertretung des palästinensischen Volkes anzusehen. Die arabischen Regime stürzten sich begeistert auf den Slogan, denn er rechtfertigte ihr vollkommenes Versagen, der palästinensischen Sache und dem palästinensischen Volk zur Seite zu stehen.
Natürlich sahen die Palästinenser Arafat in einem anderen Licht - selbst jene, die gegen seine politische Linie und seine Friedensangebote ohne Vorbedingungen waren. Arafats Vermächtnis? Lupenreiner Symbolismus - substantieller, bedeutungsvoller Symbolismus. Über all die Jahre hat es keinen anderen palästinensischen Führer seinesgleichen gegeben, keinen, dem es tatsächlich gelang, die Palästinenser im Kampf zu vereinen.
Als im November letzten Jahres ein Militärhelikopter Arafat aus seinem Hauptquartier in Ramallah holte und in eine Pariser Klinik brachte, endete seine dreijährige Belagerung durch die Israelis. Auf Arafats Tod vor nicht allzu langer Zeit reagierten die Palästinenser mit einer stillen Betrachtung: Wieder etwas, das ihnen weggenommen wurde, in der langen Geschichte der Enteignung, an der sie alle teilhaben. Palästinensische Kommentatoren schrieben über die längst vergangene und doch unvergessene Geschichte: von Amman bis Beirut, von Tunis bis Gaza, von Ramallah bis schließlich Paris.
1982 hatte man die Kämpfer und Anführer der PLO gezwungen, aus dem Libanon abzuziehen. Die USA hatten immensen Druck ausgeübt, auch Verhandlungsdruck. Bis dahin war das Hauptquartier der PLO im libanesischen Exil gewesen. Bevor Arafat Beirut verließ, stellte er sich trotzig hin und verkündete seinen Kameraden, der Pfad nach Jerusalem rücke näher - der Libanon sei nur eine Station auf dem langen Weg in die Heimat gewesen. Die räumliche Entfernung zwischen Beirut und Tunis (der nächsten Zwischenstation), schien wenig Bedeutung zu haben. Arafats Präsenz strahlte weiter - nicht nur unter den palästinensischen Flüchtlingen im Libanon sondern auch in den Flüchtlingslagern von Gaza.
Als Kind habe ich oft mitangesehen, wie junge Palästinenser von israelischen Soldaten auf die Knie gezwungen wurden. Wenn ihr dieses Foto von Jassir Arafat nicht anspuckt, verprügeln wir euch. Das war in jenem Flüchtlingslager in Gaza, in dem ich lebte. "Sagt, Arafat ist ein Arschloch", brüllten die Soldaten. Aber keiner wollte Arafats Bildnis schmähen, nur um auf der sicheren Seite zu sein. Lieber nahm man es in Kauf, verletzt zu werden, erduldete die Schmerzen, als dass man so etwas sagte. Es war weniger Arafats Charakter, der diese Standfestigkeit erzeugte, als vielmehr das, wofür er stand.
Dies erklärt den Enthusiasmus der Menschen von Gaza, als ihr legendärer Führer schließlich heimkehrte - nach Unterzeichnung des Osloer Friedensabkommens. Im Rückblick erklärt dieser Umstand jedoch auch das starke Gefühl, betrogen worden zu sein, das viele Palästinenser empfanden, als ihre Ikone, die sie als Exilant so vergöttert hatten, nach der Rückkehr in die Heimat plötzlich nicht die gestellten Erwartungen erfüllte. Nachdem Arafat Mitte der 90ger nach Gaza zurückkehrte, schien sich seine Ära dem Ende zuzuneigen. Dies hing keineswegs damit zusammen, dass Arafats Gesundheitszustand sich verschlechterte, dass Arafat alt wurde oder damit, dass Israel ihn als Friedenspartner ablehnte usw.. Es hing damit zusammen, dass der Mann, der einst den Mond versprochen hatte, nun nicht einmal einem verzweifelten Flüchtlingslager helfen konnte, dass der Mann, der uns Jerusalem versprach, endlos über das kleine Abu Deis verhandelte. Als die israelische Militärmaschinerie erneut die Westbank überrannte, konnte Arafat wenig tun - der trotzige Mann, der von einem Frieden der Tapferen, "the peace of the brave", gesprochen hatte.
Es fiel Arafat nie leicht, sein Image als Krieger mit dem des Bürokraten zu vereinen. Israel verlangte von ihm, diejenigen niederzuschlagen, die für ihn gekämpft hatten, an seiner Seite gekämpft hatten. Israel verlangte von ihm, er solle "den Terrorismus verurteilen - nicht mit Worten, sondern durch Taten". Aber war es nicht der bewaffnete Widerstand, der Arafats Kampf über Jahrzehnte getragen hatte? Arabische Führer setzten Arafat unter Druck, sie überbrachten die Botschaften Amerikas und Israels. Sie selbst wollten nichts von Verantwortung wissen - kaum - dabei ging es um etwas, das jahrzehntelang als arabische Angelegenheit gegolten hatte. Arafats Jongelage geriet in Schieflage, seine Aura begann langsam zu verlöschen.
Schließlich bombardierte Israel Arafats Hauptquartier in Ramallah und machte Arafat zum Gefangenen - mit stillschweigender Zustimmung der USA. Es dürfte kaum in der Absicht der Israelis gelegen haben, dem alten Anführer so die Bühne für seinen letzten heroischen Auftritt zu liefern. Die israelische Besetzung der Westbank und seine eigene physische Gefangenschaft enthoben Arafat aus Sicht seines Volkes der Verantwortung. Sein Image als Kämpfer, der sich auch in der Niederlage nicht ergibt, lebte wieder auf.
Es kam zum Machtkampf innerhalb der Fatah, Korruptionsvorwürfe flackerten auf, aber Arafat selbst blieb immun. Der Anführer der Al-Aqsa-Märtyrerbrigaden sagte mir in einem Telefoninterview wenige Monate vor Arafats Tod: "Arafat ist unser Symbol, unser Führer - nichts kann daran etwas ändern". Als die Brigaden ein Gebäude der Palästinensischen Autonomiebehörde in Dschenin nieder brannten, um gegen die Korruption in der Palästinenserbehörde zu protestierten, retteten die Kämpfer ein Foto Arafats aus den Trümmern und brachten es vorsichtig in Sicherheit. Es gibt nur wenige Führer, die ein derartiges Vermächtnis hinterlassen, wenige Führer, die so widerstrebende Interessen unter einen Hut bringen konnten.
In den Wochen und Monaten nach Arafats Tod waren Israel, die USA und die arabischen Regime emsig bemüht, die Ära nach Arafat im eigenen Interesse zu nutzen. Mehrere arabische bzw. muslimische Staaten starteten offen einen "Normalisierungsprozess" mit Israel - ungeachtet der Tatsache, dass die israelische Besatzung konstant weiter intensiviert und gefestigt wurde. Die Bush-Administration entsprach schließlich dem israelischen Wunsch auf ein Ende des Friedensprozesses bzw. auf einen indefinitiven Zeitplan für einen Palästinenserstaat. Zuerst müsse der neue Präsident der Palästinenserbehörde, Mahmoud Abbas, den israelischen Test bestehen und die palästinensische Opposition niederschlagen. Angesichts der israelisch-amerikanischen Kontrolle über den Friedensprozess kann Abbas seine unzähligen Versprechen - Freiheit, Unabhängigkeit - zu denen er sich verpflichtet hat, nicht erfüllen.
Heute sieht es so aus, als ob keineswegs der angeblich starrsinnige Arafat zwischen Scharon und dem Frieden stand, zwischen Bush und seinen immerwiederkehrenden "Visionen". Aber nur Wenige sind ehrlich genug, dies zuzugeben. Die Geschichte beweist, dass die Palästinenser Standfestigkeit besitzen - dies zum Schluss. Kämpfer, Weise, Führer kommen und gehen - einige früher, die anderen etwas später. Aber der Marsch für Freiheit wird mit Sicherheit weitergehen, denn "an einem Berg kann der Wind nicht rütteln".
Überarbeiteter Auszug aus Ramzy Barouds neuem Buch: 'Writings on the Second Palestinian Uprising: A Chronicle of a People's Struggle', das demnächst bei Pluto Press, London, erscheint.
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