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Gedanken aus Rafah

von Starhawk

26.03.2003 — Starhawk / ZNet Deutschland

— abgelegt unter:

Während Bomben auf Bagdad fallen, Ungezählte dabei getötet werden und meine Freunde rund um die Welt aus Protest demonstrieren, Blockaden errichten, Verwaltungen still legen, Straßen und Städte füllen, befinde ich mich in Rafah an der südlichen Grenze des Gazastreifens und beschäftige mich sehr mit dem Tod einer Frau. Vor einer Woche wurde Rachel Corrie von einem Bulldozer zermalmt, als sie versuchte, ihn am Zerstören noch eines palästinensischen Hauses zu hindern. Ich kam hierher, um ihre Freunde und die Aktivisten von der Internationalen Solidaritätsbewegung (ISM), die mit ihr waren, zu unterstützen – und um den Mörder zu sehen. Die Berichte der Freunde ließen keinen Zweifel daran, dass der Soldat, der den Bulldozer fuhr, sie gesehen hat und sich entschieden hat, sie zu töten. So ist Rachel eine Märtyrerin geworden, eine palästinensische Märtyrerin. Sie ist tatsächlich eine von über 1000 Märtyrern dieser Intifada. Ihre Poster schmücken die Wände in ganz Palästina. Sie sind die Kämpfer, die in der Schlacht getötet wurden und die Kinder, die auf ihrem Schulweg erschossen wurden.

Es sind die „Bomben auf Beinen“ und die Jungen, die mit herausfordernder Geste Steine gegen Panzer werfen und die als „Kollateralschäden“ Umgekommenen, wenn die Israelis einen politischen Führer in einem von vielen Familien bewohnten Haus mit Raketen in die Luft jagen. Und nun ist auch Rachel unter diesen in ihrer typisch amerikanisch blonden Schönheit. Auf einem Poster sieht sie ernst und freundlich aus wie eine Studentin, die gerade ihre Hochschul-Prüfung bestanden hat. Auf einem andern hält sie gerade eine Rede, die Haare hinten zusammengebunden, der Mund offen, mit leidenschaftlichem Gesichtsausdruck.

Ich höre ihren Freunden zu, wie sie ihren Tod beschreiben. Sie halten sich an den Händen und weinen und denken daran, wie all dieser Schmerz, die Trauer und die Sorgen sich nun gerade jetzt in Bagdad vielfach wiederholt bei Menschen, die namen- und gesichtslos sind und über die keine unserer Medien berichten wird. Rachels Tod hätte sich auch unbemerkt vollzogen, wenn sie eine Palästinenserin gewesen wäre. Ich denke mir, dass man nichts von Ahmeds Tod gehört hat, einem 50jährigen Straßenkehrer aus Rafah. Er hatte von Rahels Tod gehört, ging nach draußen, um eine Zigarette zu rauchen und wurde auf seiner Türschwelle abgeschossen – aus völlig unerklärlichen Gründen. Er hat auch sein Märtyrerposter. Es hängt neben Rachels Poster und wir trauern um beide.

Die Palästinenser haben ihre besondere Tradition mit Märtyrern. Der Leichnam des Märtyrers kommt nicht mit Wasser in Berührung. Das Blut an seinem Körper ist heilig. Also wird er mit dem Blut ins Grab gelegt.

Diese Traditionen trösten die Palästinenser, sind aber schwierig für ihre Freunde, die ihr Gesicht überall in der Stadt sehen und mit ihrem Verlust in dieser Stadt nicht fertig werden, und die dagegen ankämpfen, sie nicht als Heilige in Erinnerung zu behalten, sondern als die Frau, die sie war, manchmal stark, manchmal schwach, manchmal liebenswürdig, manchmal gereizt, lustig, langweilig, ärgerlich – aber nun nicht mehr da ist, so wie all die andern, die während ihrer Semesterferien oder mitten aus ihrem Leben hierher kamen, um sich einem Panzer in den Weg zu stellen, Kinder zur Schule zu begleiten und jede Nacht in einem anderen bedrohten Haus zu schlafen. Dies sind alles bemerkenswerte, mutige Punkte in ihrem Leben, bei dem sie entscheiden, dass die Angst sie nicht daran hindert, etwas zu tun, von dem sie hoffen, dass es einen positiven Einfluss auf eine unerträgliche Situation hat. Was ungewöhnlich an ihnen ist, ist, dass sie gar nicht ungewöhnlich sind, gar nicht viel anders als andere. Ein im Augenblick Arbeitsloser, ein Fußballer, ein Website-Designer, ein Student, ein freundlicher junger Mann, der sonst mit Pferden und einer Kutsche durch den Park fährt. Einige sind seit Jahren politisch sehr mit Aktionen engagiert. Einige hatten das Gefühl, hierher kommen zu müssen.

Ich trinke mit Mohamed und Chris Kaffee. Sie war Rachels Freundin und hatte Rachel ermutigt, nach Gaza zu kommen. Und Mohamed hatte sein ganzes Leben nur in Gaza verbracht und arbeitet mit einer Menschenrechtsorganisation. Er erzählt uns, wie er sich auf seiner Reise nach Japan gefühlt hat, als er einen Zug von Tokio nach Osaka nahm. „Ich war niemals vorher solch eine weite Strecke ohne einen Kontrollpunkt gefahren, ohne dass ich meinen Ausweis zeigen musste, ohne einen Soldaten zu sehen,“ sagte er. „ Da erlebte ich, was es heißt, frei zu sein.“

Wir sprachen über Traurigkeit und den Tod, und was wir glauben. Mit mehreren Freunden bin ich im Gespräch über Mitleid, und ich gebe zu, dass ich mit dem Fahrer des Bulldozer ein Problem habe. Ich versuche, ihn zu verstehen – aber es bleibt beim reinen Unverständnis. Chris meint, dass Rachel gestorben sei, weil der Soldat sie nicht sah. Nicht, dass er sie physisch nicht wahrgenommen hätte – denn er muss sie gesehen haben. In einem weiteren Sinn sah er sie nicht als menschliches Wesen, als kostbaren Teil des Lebens von besonderem Wert.

Dieses Nicht-sehen ist die Wurzel der Beziehungen meines eigenen Volkes zu den Palästinensern. Ich war niemals gelehrt worden, sie zu hassen. Als mir in der Hebräischen Schule die Geschichte der Gründung Israels nahe gebracht wurde, waren die Palästinenser bei Seite gedrängt worden. Sie wurden nicht erwähnt. Sie waren einfach nicht vorhanden. Ich kann verstehen, dass für meine Großmutter, die in größter Armut in einem russischen Schtedl aufgewachsen ist und in Duluth in etwas weniger großen Armut lebte, die Palästinenser nicht vorhanden waren und sie nie jemanden von ihnen traf. Ich kann begreifen, dass Juden, die vor den KZs und dem Nazi-Europa flohen und sich nach einem eigenen Staat sehnten, genau so wenig die Palästinenser ins Bewusstsein bekamen wie die aus Hitlers Deutschland voller Angst Geflohenen, die nur einen Zufluchtsort suchten.

Aber diejenigen, die tatsächlich dort im Land waren und die neuen Tatsachen ihrer Zeit schufen, müssten die (Einheimischen) bemerkt, aber sich absichtlich entschieden haben, das andere Volk, das ihnen im Weg stand, nicht zu sehen – auch wenn dieses sich darum bemühte, nicht mit Bulldozern in die Vergessenheit befördert zu werden. So wie Sharon, Bush &Co und alle die, die schweigend daneben stehen und rechtfertigen, die augenblicklichen Morde nicht zu sehen. So wie uns jetzt die Opfer der Bomben auf Bagdad nicht gezeigt werden.

Es gibt eine biblische Geschichte, die mich verfolgt und die anscheinend mit all diesem hier etwas zu tun hat. Es ist eine Geschichte, die in der Hebräischen Schule nie behandelt wurde: Der Levit und die Konkubine.: ein Levit reiste mit seiner Konkubine. In der Stadt Gideon, im Stamme Benjamin, gab ihnen ein alter Mann für die Nacht Unterkunft. Nachts kam eine Bande von Männern und wollte mit ihm Sex haben. Stattdessen schickten der Gastgeber und der Levit die Konkubine nach draußen, die von allen vergewaltigt und schließlich tot auf der Türschwelle liegen gelassen wurde. Als der Reisende nach Hause kam, teilte er die Leiche in 12 Stücke und sandte jedem Stamm ein Stück, um sie zum Krieg aufzufordern. Der Krieg war blutig und brachte mehrere Runden von Vernichtung und Kampf mit sich, tötete 16 000 hier und 20 000 dort in einem wahnsinnigen, genau so sinnlosen Krieg wie der jetzige Angriff auf den Irak, bis Benjamin besiegt war und alle anderen Stämme schwörten, dass sie ihre Töchter nicht den Benjamitern geben würden. Danach erst wurde ihnen klar, dass sie einen Völkermord begangen, ja, einen ihrer eigenen Stämme ausgelöscht haben.... Ich habe darüber viel nachgedacht, während ich zu ergründen versuche, was sich im Kopf des Fahrers des Bulldozers abgespielt haben mochte, das ihn dazu befähigte, absichtlich eine schöne junge Frau mit seiner Maschine zu zermalmen..... Ich kam zu dem Schluss, dass der Soldat nur das tat, was bei Kolonisierung unvermeidbar ist. Als Kolonialherren können wir es uns nicht leisten, die Kolonisierten als vollwertige Menschen zu betrachten.

Wenn man dir also weis macht, den „Palästinensern wird das Hassen beigebracht; Barak habe ihnen alles angeboten, aber sie wollten keinen Frieden; sie lieben ihre Kinder nicht“... dann sage: Genau das ist Kolonisation: du musst glauben, was sie sagt.

Es beschädigt dein Ansehen, so wie der Fahrer jenes Bulldozers durch diese Tat in seinem Ansehen viel, viel mehr beschädigt wurde, als Rachels Körper durch das Zermalmen je beschädigt werden kann.

Wenn ich könnte, würde ich euch jetzt einen Knochen zusenden. Nicht um euch zu einem Krieg aufzufordern – weit entfernt davon! Sondern, damit ihr konkret etwas sehen und fühlen müsst. Etwas, das das Blut an euren Händen sichtbar und sehr deutlich werden lässt. Ein Körperteil, eine Schulter, ein dickes Stück Fleisch, von dem wirkliches Blut tropft, etwas von dem Schutt unter dem Bulldozer, von der Türschwelle, von dem Kind, das totgeschossen oder unter dem Haus begraben wurde, etwas von den Schutzkellern von Bagdad oder den blutigen Bussen in Tel Aviv. Ein Knochen, rot von Blut, der darauf hindeutet: Dies ist es, was Kolonisation verlangt: blutgetränkten Sand, heilige Erde, befleckt vom Tod und menschlichem Opfer.

Starhawk (USA) 059-713923

Orginalartikel: A Bone from Rafah
Übersetzt von: Ellen Rohlfs
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