Gedanken über Amerika
von Edward Said
02.03.2002 — ZNet
Ich kenne keinen einzigen arabischen oder islamischen Amerikaner, der oder die jetzt nicht das Gefühl haben, zum feindlichen Lager zu gehören, und dass wir durch den Umstand, zu diesem Zeitpunkt in den Vereinigten Staaten zu leben, einer besonders unerfreulichen Erfahrung von Entfremdung und weit verbreiteter, gezielter Feindseligkeit ausgesetzt sind. Denn entgegen gelegentlicher offizieller Aussagen, dass der Islam und Moslems und Araber nicht die Feinde der USA seien, lässt doch sonst alles den gegenteiligen Schluss zu. Hunderte junger Araber und Moslems wurden zu Verhören geholt und, in viel zu vielen Fällen, von der Polizei oder dem FBI inhaftiert. Ganz selbstverständlich wird jede Person mit arabischem oder moslemischem Namen während der Sicherheitskontrolle am Flughafen zur Seite genommen und besonders überprüft. Es gibt viele Berichte über willkürliche Diskriminierung von Arabern, so dass in der Öffentlichkeit arabisch zu reden oder gar etwas in Arabisch zu lesen möglisherweise unerwünschte Aufmerksamkeit auf einen lenkt. Und natürlich hat es in den Medien viel zu viele Artikel von "Experten" und "Kommentatoren" zu Terrorismus, Islam und die Araber gegeben, deren sich endlos wiederholende, vereinfachte Linie so feindselig ist und unsere Geschichte, Gesellschaft und Kultur so sehr verzerrt, dass die Medien selbst praktisch zu einem Teil des Krieges gegen den Terrorismus in Afghanistan und anderswo geworden sind. So wie es nun auch mit dem geplanten Angriff zur "Auslöschung" des Irak der Fall zu sein scheint. Es sind bereits US-Truppen in einigen Ländern mit großer moslemischer Bevölkerung, wie z. B. auf den Philippinen und in Somalia, stationiert, der Aufmarsch gegen den Irak wird fortgesetzt und Israel verlängert seine sadistische Kollektivbestrafung der palästinensischen Bevölkerung, alles offensichtlich mit großer Zustimmung der US-amerikanischen Öffentlichkeit.
Während dies einerseits in einigen Punkten der Wahrheit entspricht, ist es doch auch irreführend. Amerika ist nicht nur das, was es laut Bush und Rumsfeld und andere ist. Mittlerweile ärgere ich mich zutiefst über die Vorstellung, dass ich das Bild eines Amerikas akzeptieren muss, das in einen "gerechten Krieg" gegen etwas verwickelt ist, das von Bush und seinen Berater als Terrorismus bezeichnet wird, einen Krieg, in dem wir entweder die Rolle stummer Zeugen spielen können oder die sich verteidigender Einwanderer, die dankbar dafür sein sollen, dass sie in den USA leben dürfen. Dabei ist die historische Wirklichkeit eine ganz andere: Amerika war und ist immer ein Staat von Einwanderern gewesen. Ein Staat mit Gesetzen, die nicht von Gott, sondern von seinen Bürgern gemacht wurden. Abgesehen von den praktisch ganz ausgerotteten Ureinwohnern Amerikas, den Indianern, kam jeder, der hier heute als amerikanischer Staatsbürger lebt, ursprünglich als ein Einwanderer von irgendwoher in dieses Land, selbst Bush und Rumsfeld. In der Verfassung sind weder unterschiedliche Ebenen von Amerikanischsein, noch als Gesetz verabschiedete oder abgelehnte Formen "amerikanischen Benehmens, einschließlich sogenannter "un-" oder "antiamerikanischer" Aussagen oder Haltungen vorgesehen. Das ist die Erfindung amerikanischer Taliban, die Sprache und Verhalten auf eine Art regulieren wollen, die einen auf unheimliche Weise an die ehemaligen Herrscher Afghanistans, denen niemand nachtrauert, erinnert. Auch wenn Bush auf der Bedeutung der Religion für Amerika beharrt, gibt ihm das doch nicht das Recht, den Bürgern solche Ansichten aufzuzwingen oder im Namen aller zu sprechen, wenn er in China oder anderswo über Gott und Amerika und sich selbst Erklärungen abgibt. In der Verfassung ist die Trennung zwischen Staat und Kirche ausdrücklich festgelegt.
Aber es kommt noch schlimmer. Mit der Verabschiedung des Patriot Act vergangenen November haben Bush und sein willfähriger Kongress ganze Abschnitte des Ersten, Vierten, Fünften und Achten Amendements unterdrückt, außer Kraft gesetzt oder gekürzt, Verfahrensvorschriften eingeführt, die dem Einzelnen weder Zugang zu einer ordnungsgemäßen Verteidigung noch einem fairen Verfahren ermöglichen, die geheime Durchsuchungen, Abhören und unbegrenzte Inhaftierung erlauben, und die, wie man an der Behandlung der Gefangenen in Guantanamo Bay sieht, der US-Exekutive erlaubt, Gefangenen zu entführen und auf unbegrenzte Zeit festzuhalten, einseitig über ihren Status als Kriegsgefangene und die Anwendung der Genfer Konvention zu entscheiden - was keine Entscheidung ist, die von einem einzelnen Land getroffen werden kann. Außerdem, wie der Kongressabgeordnete Dennis Kucinich (Demokrat, Ohio) in einer hervorragenden Rede am 17. Februar feststellte, waren der Präsident und seine Männer nicht dazu autorisiert, der Welt einen grenzenlosen, unvernünftigen Krieg (Operation Andauernde Freiheit) zu erklären, die jährlichen Militärausgaben auf über 400 Milliarden US-Dollar zu erhöhen und die verfassungsmäßigen Grundrechte außer Kraft zu setzen. Des weiteren, fügte er hinzu, - die erste derartige Aussage eines prominenten, öffentlich gewählten Beamten - "haben wir nicht verlangt, dass das Blut der unschuldigen Menschen, die am 11. September starben, mit dem Blut unschuldiger Dorfbewohner in Afghanistan gerächt wird." Ich empfehle ausdrücklich, dass die Rede des Kongressmitglieds Kucinich, die mit den besten der amerikanischen Prinzipien und Werte im Kopf gehalten worden war, in voller Länge auf Arabisch veröffentlicht wird, so dass die Menschen in unserem Teil der Welt verstehen können, dass Amerika nicht nur ein Monolith ist zum Gebrauch von George Bush und Dick Cheney, sondern in Wirklichkeit viele verschiedene Stimmen und Meinungen enthält, die die Regierung jedoch zum Schweigen zu bringen oder als unbedeutend darzustellen versucht.
Die Welt steht heute vor dem Problem, wie man mit dieser noch nie da gewesenen, beispiellosen Macht der Vereinigten Staaten umgeht, die tatsächlich kein Geheimnis daraus gemacht haben, dass sie es nicht für nötig halten, für die Verfolgung dessen, was einige Männer und Frauen um Bush für die Interessen der Vereinigten Staaten halten, die Zusammenarbeit oder Zustimmung anderer zu suchen. Was den Nahen Osten betrifft, scheint in der US-Politik fast eine Israelisierung stattgefunden zu haben: Tatsächlich haben Ariel Sharon und seine Kollegen George Bushs ausschließliches Augenmerk auf den "Terrorismus" auf zynische Weise ausgenützt und als Deckmantel für die Fortsetzung ihrer verfehlten Politik gegenüber den Palästinensern verwendet. Tatsache ist, dass Israel nicht die USA ist und, glücklicherweise, die USA nicht Israel; selbst wenn Israel momentan Bushs Unterstützung beansprucht: Israel ist ein kleines Land, dessen Überleben als ethnozentrischer Staat inmitten der arabisch-islamischen Welt auf Dauer nicht nur von der zweckdienlichen, wenn nicht ewigen Abhängigkeit von den USA abhängig ist, sondern vielmehr von einer Übereinkunft mit seiner Umgebung, und nicht anders herum. Das ist der Grund, warum sich meiner Meinung nach Sharons Politik für eine bedeutende Anzahl Israelis schließlich als selbstmörderisch entlarvt und immer mehr die Position einiger Reserveoffiziere gegen den Dienst in den besetzten Gebieten als ihre Form des Widerstands übernehmen. Das ist das Beste, was die Intifada hervorgebracht hat. Es beweist, dass Mut und Trotz der Palästinenser im Widerstand gegen die Besatzung schließlich doch Früchte tragen.
Die Position der USA ist dagegen unverändert geblieben. Sie versteigen sich immer mehr in metaphysische Sphären, in denen sich Bush und seine Leute (wie schon der Name der militärischen Kampagne, Operation Andauernde Freiheit, zeigt) mit Rechtschaffenheit, Reinheit, dem Guten und einer von Gott gewollten Vorrangstellung der Vereinigten Staaten (Manifest Destiny; gängige Idee im 19. Jh., nach der die Vorrangstellung der Vereinigten Staaten von Gott gewollt ist; wird heute unterschwellig zur Legitimation der interventionistischen Politik der USA benützt; d. Ü.) identifizieren, ihre äußeren Feinde aber mit einem gleichermaßen absoluten Bösen. Jeder, der die Weltpresse der vergangenen Wochen gelesen hat, kann feststellen, dass die Menschen außerhalb der USA verblüfft und entgeistert sind über die Vagheit der US-Politik, die für sich selbst das Recht in Anspruch nimmt, weltweit Feinde zu sehen und zu schaffen, diese dann mit Krieg zu verfolgen, ohne allzu sehr auf genaue Definition, spezifische Ziele, greifbare Absichten, oder, was am schlimmsten ist, die Rechtmäßigkeit solcher Aktionen zu achten. Was heißt es, in einer Welt wie der unseren den "bösen Terrorismus" zu besiegen? Es kann weder heißen, alle auszurotten, die gegen die USA sind, was eine endlose und merkwürdig sinnlose Aufgabe ist, noch, die Weltkarte nach dem Willen der USA zu ändern, indem wir "böse Kreaturen wie Saddam Hussein" gegen unserer Meinung nach "gute Jungs" austauschen. Diese Radikalität und Einfachheit gefällt den Bürokraten in Washington, die entweder nur theoretisch arbeiten oder im Pentagon hinter dem Schreibtisch sitzen und deshalb die Welt tendenziell als ein entferntes Ziel für die sehr reale, praktisch ohne Gegner dastehende Macht der USA sehen. Lebt man 10.000 Meilen von jedem der als böse bekannten Staaten entfernt und hat massenweise Kriegsflugzeuge, 19 Flugzeugträger und Dutzende von U-Booten zu Verfügung, plus eineinhalb Millionen Menschen unter Waffen, die alle aus idealistischen Gründen ihrem Land bei der Verfolgung dessen, was Bush und Condoleezza Rice immer das Böse nennen, dienen wollen, wird man aller Wahrscheinlichkeit nach all diese Macht einmal irgendwo anwenden wollen, besonders wenn die Regierung weiterhin Milliarden von Dollars zur Aufstockung des ohnehin schon aufgeblähten Verteidigungshaushalts fordert (und sie bekommt).
Das aus meiner Sicht Schockierendste ist, dass mit wenigen Ausnahmen die meisten prominenten Intellektuellen und Kommentatoren in diesem Land Bushs Programm toleriert haben, toleriert und in einigen krassen Fällen sogar durch noch rechthaberischere Sophisterei, unkritischere Selbstschmeichelei und noch fadenscheinigere Argumente zu übertreffen versuchten. Sie wollen nicht akzeptieren, dass die Welt, in der wir leben, die historische Welt von Staaten und Völkern, durch Politik bewegt wird und durch sie verstanden werden kann, nicht durch große allgemeine Absolutheiten wie Gut und Böse, Amerika dabei immer auf der Seite des Guten und seine Feinde auf der des Bösen. Wenn Thomas Friedman den Arabern seine lästigen Moralpredigten hält, dass sie selbstkritischer sein müssten, lässt alles, was er sagt, selbst den geringsten Anflug von Selbstkritik missen. Irgendwie ist er der Meinung, dass ihn die Gräueltaten des 11. September dazu berechtigen, anderen ein Predigt zu halten, als ob nur die USA solch schreckliche Verluste erlitten hätten und es die Toten in anderen Teilen der Welt nicht ebenso wert wären, beklagt zu werden oder man daraus keine großen moralischen Schlüsse ziehen könne.
Die gleiche Diskrepanz und Blindheit kann man bei israelischen Intellektuellen beobachten, wenn sie sich auf ihre eigene Tragödie konzentrieren und dabei das so viel größere Leiden eines enteigneten Volkes außer Acht lassen, eines Volkes ohne Staat, Armee oder Luftwaffe, oder richtigen Führung. Die Rede ist hier von den Palästinensern, deren Leiden durch die Hand Israels Minute um Minute, Stunde um Stunde weitergeht. Diese Art von moralischer Blindheit, diese Unfähigkeit, die relative Offensichtlichkeit dessen, wer hier Sünder und wer Unrecht Erleidender ist (um eine moralisierende Ausdrucksweise zu verwenden, die ich normalerweise verabscheue und vermeide), abzuwägen und zu berücksichtigen, ist heute überall auf der Tagesordnung. Der kritische Intellektuelle hat die Aufgabe, nicht in diese Falle zu tappen, - in der Tat muss er aktiv dagegen ankämpfen. Es ist nicht genug, ohne jegliche Regung zu sagen, dass alles menschliche Leiden gleich sei, und weiterhin nur das eigene Elend zu beklagen: Es ist viel wichtiger, die Taten der stärksten Partei zu sehen und diese zu hinterfragen, statt zu rechtfertigen. Die Stimme des Intellektuellen muss in Opposition zu und kritisch gegenüber großer Macht sein, einer Macht, die ständig einer kontrollierenden und klärenden Stimme und vergleichenden Perspektive bedarf, so dass nicht, wie oft der Fall, die Opfer beschuldigt und die wirklichen Machthaber ermuntert werden, zu tun was sie wollen.
Als mich vor einer Woche ein europäischer Freund fragte, was ich von der Erklärung der 60 amerikanischen Intellektuellen halte, die in allen großen französischen, deutschen italienischen und anderen kontinentalen Tageszeitungen veröffentlicht worden war, nur nicht in den USA, außer im Internet, wo sie aber nur von wenigen Leuten bemerkt wurde, war ich fassungslos. Diese Erklärung war ein bombastischer Sermon darüber, dass der amerikanische Krieg gegen das Böse und den Terrorismus "gerecht" sei und den amerikanischen Werten entspreche, wie sie von diesen selbsternannten Interpreten unseres Landes definiert werden. Verfasst wurde diese von Samuel Huntington, Francis Fukuyama, Daniel Patrick Moynihan und vielen anderen unterzeichnete Erklärung von Jean Bethke Elshtain, einer konservativen feministischen Wissenschaftlerin, bezahlt und unterstützt wurde sie vom Institut für amerikanische Werte (Institute for American Values), das (finanziell gut ausgestattet) seine Aufgabe hauptsächlich darin sieht, Gedanken zu Gunsten von Familie, "Verantwortung" und "Sorge" ("fathering" and "mothering") und Gott zu propagieren. Die Hauptargumente für den "gerechten" Krieg wurden von Professor Michael Walzer inspiriert, einem angeblichen Sozialisten, der der pro-israelischen Lobby in den USA verbunden ist und die Rolle hat, Israels Taten durch Rückgriff auf vage linksgerichtete Prinzipien zu rechtfertigen. Durch die Unterzeichung dieser Erklärung hat Walzer jeglichen Anspruch auf eine linke Haltung aufgegeben und sich, wie Sharon, einer Interpretation (einer fragwürdigen dazu) Amerikas als eines gerechten Kriegers gegen den Terror und das Böse angeschlossen, damit Israel und Amerika einmal mehr als einander ähnliche Länder mit ähnlichen Zielen erscheinen.
Nichts könnte weniger der Wahrheit entsprechen als das, da Israel nicht das Land seiner Staatsbürger, sondern aller Juden ist, während die USA ganz sicher nur das Land ihrer Staatsbürger sind. Darüber hinaus hat Walzer nicht den Mut, klar zu sagen, dass er durch die Unterstützung Israels einen Staat unterstützt, der nach ethnisch-religiösen Prinzipien aufgebaut ist, etwas, das er (mit typischer Heuchelei) in den USA ablehnen würde, sollte dieses Land für weiß und christlich erklärt werden.
Abgesehen von Walzers Widersprüchlichkeit und Heuchelei ist dieses Dokument in Wirklichkeit an "unsere moslemischen Brüder" gerichtet, die verstehen sollen, dass Amerikas Krieg nicht gegen den Islam, sondern diejenigen gerichtet ist, die jegliche Prinzipien ablehnen, etwas, gegen das wenig einzuwenden ist. Wer könnte schon gegen das Prinzip sein, dass alle Menschen gleich sind, dass das Töten im Namen Gottes schlecht ist, dass Gewissensfreiheit alles übertrifft und dass "die Hauptperson der Gesellschaft der Mensch ist und es die legitime Rolle der Regierungen ist, die Bedingungen für gedeihliches menschliches Leben zu schützen und nach Kräften zu fördern"? Im Folgenden stellt sich Amerika aber als die gekränkte Partei heraus und wird, obwohl einige Fehler der Politik kurz (und ohne Nennung spezifischer Einzelheiten) angesprochen werden, dargestellt als jemand, der auf Prinzipien herumreitet, denen nur die Vereinigten Staaten anhängen, wie, dass alle Menschen moralische Würde und Status zu eigen ist, es universelle Wahrheiten gibt und diese für alle gelten, dass bei Unstimmigkeiten Feingefühl wichtig ist und Gewissens- und Religionsfreiheit eine Widerspiegelung der grundsätzlichen Menschenwürde und universell anerkannt sind. Schön und gut. Und obwohl die Autoren dieses Sermons feststellen, dass diesen großen Prinzipien oft zuwider gehandelt wird, versuchen sie nicht, konsequent darzustellen, wann und wo die Missachtungen tatsächlich stattfinden (da sie die ganze Zeit über passieren), ob diese Prinzipien öfter missachtet denn befolgt werden oder sonst wie konkretes dieser Art. Dennoch listen Walzer und seine Kollegen in einer ausführlichen Fußnote auf, wie viele Amerikaner von Moslems oder Arabern "ermordet" wurden, einschließlich der Marines 1983 in Beirut und anderer militärischer Kämpfer. Irgendwie ist eine Liste dieser militärischen Verteidiger Amerikas aufzustellen die Anstrengung wert, während die Morde an Arabern und Moslems - einschließlich der Hunderttausende von Israel mit US-Unterstützung mit amerikanischen Waffen Getöteten, oder der Hunderttausende, durch die von den USA aufrecht erhaltenen Sanktionen gegen die unschuldige Zivilbevölkerung im Irak verursachten Toten - weder erwähnt noch aufgelistet werden müssen. Im Namen welcher Art von Würde werden Palästinenser von Israelis, mit amerikanischem Wissen und sogar Zusammenarbeit, gedemütigt, und welche Art von Edelsein und gutem Gewissen liegt in dem Schweigen angesichts des gewaltsamen Todes palästinensischer Kinder, der Belagerung von Millionen Menschen und der Tatsache, dass Millionen Menschen weiterhin staatenlose Flüchtlinge sind? Und was ist mit den Millionen in Vietnam, Kolumbien, Türkei und Indonesien, getötet mit amerikanischer Unterstützung und Einwilligung?
Alles in allem scheint diese Erklärung von Prinzipien und Klagen amerikanischer Intellektueller, an ihre moslemischen Brüder gerichtet, weder ein wahres Bekenntnis noch eine wirklich intellektuelle Kritik des arroganten Gebrauchs der Macht zu sein, sondern eher eine Eröffnungssalve für einen neuen kalten Krieg, den die USA erklärt haben, ironischerweise, wie es scheint, mit voller Kooperation derjenigen Islamisten, die argumentieren, dass "unser" Krieg ein Krieg mit dem Westen und Amerika ist. Als jemand mit einem Anspruch auf Amerika und die Araber verabscheue ich zutiefst diese Art vereinnahmender Rhetorik. Während dieses Dokument den Anspruch erhebt, eine Erklärung und Feststellung von Prinzipien und Werten zu sein, ist es in Wirklichkeit genau das Gegenteil, nämlich eine Übung in Nicht-Wissen, darin, die Leser mit einer patriotischen Rhetorik zu blenden, die Ignoranz fördert, indem sie über reale Politik, reale Geschichte und die wirklichen moralischen Fragen hinweg geht. Trotz dieses ganz gewöhnlichen Handels mit großen "Prinzipien und Werten" erfüllt es eben diesen Anspruch nicht, sondern schwenkt sie auf einschüchternde Weise, um die ausländischen Leser gefügig zu machen. Ich habe das Gefühl, dass dieses Dokument aus zwei Gründen hier nicht veröffentlicht wurde: zum ersten, dass es von amerikanischen Lesern so hart kritisiert worden wäre, dass man es unter Gelächter aus der Öffentlichkeit hätte verschwinden lassen müssen, und zum zweiten, dass es Teil einer vor kurzem angekündigten, vom Pentagon großzügigst finanzierten Propagandakampagne zur Unterstützung des Krieges und deshalb für die Leserschaft im Ausland bestimmt ist.
Wie dem auch sei, die Veröffentlichung von "What are American Values?" kündet eine neue, herabgewürdigte Ära für den öffentlichen intellektuellen Diskurses an. Wenn sich Intellektuelle des mächtigsten Landes der Weltgeschichte so offensichtlich auf die Seite dieser Macht stellen und, statt auf Zurückhaltung, Reflektion und wirkliche Verständigung und Verständnis zu drängen, das Anliegen dieser Macht vertreten, dann sind wir wieder in den schlechten alten Tagen des intellektuellen Kriegs gegen den Kommunismus angelangt, der, wie wir heute wissen, allzu viele Kompromisse, Kollaboration und Märchen von Seiten der Intellektuellen und Künstler mit sich gebracht hat, die eigentlich eine ganz andere Aufgabe gehabt hätten. Von der Regierung subventioniert und getragen (speziell vom CIA, der so weit ging, Subventionen für Zeitschriften wie Encounter zu beschaffen und wissenschaftliche Untersuchungen, Reisen, Konzerte und Ausstellungen finanzierte), trieben diese militant gedankenlosen und unkritischen Intellektuellen und Künstler in den 1950er und 1960er Jahren das ganze Konzept von intellektueller Ehrlichkeit und Mittäterschaft in eine neue, katastrophale Dimension, da damit in den USA eine Kampagne einherging, mit der die Debatte unterdrückt, Kritiker eingeschüchtert und das Denken eingeschränkt wurden. Für viele Amerikaner, wie mich selbst, ist das eine beschämende Periode in unserer Geschichte, und wir müssen dagegen auf der Hut sein und uns gegen ihre Rückkehr zur Wehr setzen.
Twitter
RSS Feed
