Gedanken zum „Labor Day“: Zeit als Demokratie-Faktor
von Paul Street
03.08.2002 — ZNet Kommentar
Überarbeitete Menschen tun sich schwerer mit ihrer Arbeit. Das eigentliche Ergebnis der Präsidentschaftswahl 2000: ein glatter Sieg für Al Gore, vorausgesetzt, die Stimmen wären sauber ausgezählt worden u. es hätte im Wahlverlauf nicht diese zahlreichen Unregelmäßigkeiten gegeben - vor allem zu Lasten der schwarzen Wählerschaft. Dies ist allerdings keineswegs die einzig extrem wichtige "Information" (wichtig, vor allem für die Demokratie in unserem Land), die sozusagen unter die Räder des 11. Septembers u. dessen Nachbeben gekommen ist. Wichtige "Information" war beispielsweise auch im Spiel bei einer Studie der "Internationalen Labor Organization" (ILO mit Sitz in Brüssel) - die ausgerechnet 11 Tage vor den Anschlägen (am Vortag des US "Labor Day" 2001) herausgebracht wurde: "Arbeiter in den Vereinigten Staaten", so ILOs leitender Arbeitsmarktökonom Lawrence Jeff Johnson, "arbeiten mehr Stunden als alle andern in der industrialisierten Welt" Die ILO-Studie zeigt, der/die durchschnittliche amerikanische Arbeiter/in hat im Jahr 2000 insgesamt 1978 Stunden gearbeitet (im Jahr 1990 waren es noch 1942 gewesen). Bereits davor hatten aber schon viele Amerikaner geklagt, sie hätten das Gefühl, sie müssten sich zu Tode schuften. Die linke Ökonomin Juliet Schor schrieb über dieses Phänomen ein ebenso beachtetes wie exzellentes Buch: "The Overworked American: the Unexpected Decline of Leisure" (Der überarbeitete Amerikaner: der unerwartete Rückgang von Freizeit), erschienen bei Basic, New York, 1992. Diese Entwicklung ging so weit, dass die (amerikanische) Arbeitszeit schließlich um fast 1 Woche pro Jahr zunahm - was in krassem Widerspruch stand zum Trend in andern Industrieländern, wo die Zahl der Arbeitsstunden ja während der 90ger Jahre eher zurückging. Der durchschnittliche mexikanische, kanadische, australische, ja selbst der japanische, Arbeiter malochte 1999 ungefähr 100 Stunden weniger als sein amerikanischer Kollege. Arbeiter in Brasilien oder England arbeiteten 250 Stunden weniger, in Deutschland waren es sogar stolze 500 Stunden (das enstpricht 12 1/2 Wochen im Jahr!). Erstaunlich zudem: von den in der ILO-Studie als "sich entwickelnd" eingestuften Staaten wiesen lediglich die Tschechische Republik u. Südkorea längere Arbeitszeiten auf als die USA. Was für eine Ironie, wenn man bedenkt, dass der 1. Mai - als (fast) weltweit gefeierter "Tag der Arbeit" - einst aus dem Kampf amerikanischer Gewerkschafter für kürzere Arbeitszeiten hervorgegangen ist (am 1. Mai 1886 hatten US-Gewerkschafter zu Großdemonstrationen für den 8-Stunden-Tag aufgerufen).
Aber hierzuland ("im Vereinigten Status der Amnesie", wie Michael Eric Dyson die Vereinigten Staaten zu nennen pflegt) sind die US-Wurzeln des "May Day" (Mai-Tags) ja inzwischen weitgehend vergessen u. die Chicagoer "Haymarket-Märtyrer"* werden für ihr Blutopfer im Kampf um reduzierte Arbeitszeit in jedem entlegenen Anden-Dorf mehr gewürdigt als hier bei uns.
Kein Dank für gesteigerte Produktivität
Der Ironie entbehrt auch folgendes Ergebnis der ILO-Studie nicht: Seit Mitte der 90ger wuchs die Arbeitsproduktivitätsrate (in den USA) beträchtlich schneller als in den meisten übrigen Industriestaaten. Aber in jedem vernünftigen respektive humanen Land müsste sich gesteigerte Produktivität (automatisch) in reduzierter Arbeitszeit für die überarbeitete Bevölkerung niederschlagen - nicht so in unserer profit-orientierten Gesellschaft, die ja mehr kapital- denn menschen-freundlich ist.
In den Vereinigten Staaten ist im privaten (Wirtschafts-)Sektor nicht mal jeder zehnte Arbeiter gewerkschaftlich organisiert. Politik, Kultur u. Rechtssystem werden von den Interessen des Kapitals auf geradezu exzessive Weise dominiert. Kein Wunder also dass die Arbeitgeberklasse bei uns absolut freie Bahn hat. Um moralische oder anderweitige Restriktionen windet man sich einfach herum. Auf diese Art werden die Menschen buchstäblich "zu Tode gearbeitet".
Weiter geschwächt werden unsere Restriktionen zudem durch die derzeitige Rezession - die ja zur Vermehrung jener "Reserve-Armee" des Arbeitsmarkts beiträgt, die das Kapital so gern einsetzt, um jene zu disziplinieren, die “das Glück haben”, (noch) einen Job zu besitzen.
In diesem Zusammenhang kommt vor allem auch der Schwächung der Gewerkschaften ausschlaggebende Bedeutung bei. Wie Schor in ihrem Buch darlegt (u. an meiner Ford-Stoßstange prangt nicht umsonst der Aufkleber: "Die Arbeiterbewegung - das sind die Leute, die euch das Wochenende beschert haben"), gibt es historisch gesehen keine einzige institutionalisierte Kraft, die soviel für die Reduzierung der amerikanischen Arbeitszeit getan hat wie unsere organisierte Arbeiterschaft.
Zeit und Freiräume
Zur Verschärfung der Situation trägt zudem bei, dass viele Amerikaner extrem viel Zeit unterwegs verbringen - Arbeitsweg u. zurück, Weg zum Shopping-Center, zur Schule, Freizeiteinrichtungen, Arztpraxis etc. u. zurück. Die Entwicklung bei Einkauf u. Wohnen geht sowieso immer mehr in Richtung Auto-Zentrierung - sowas nennt man dann "sprawl" (räumliche Streckung). Und dadurch beginnen X-Millionen Amerikaner ihren ohnedies überlangen Arbeitstag da, wo sie ihn später auch beenden werden: nämlich hinterm Lenkrad ihres umwelt-vergiftenden Automobils - auf einer Langstreckenfahrt über gesichtslose, verstopfte Autobahnen ("freeways"!). Selbst die wenigen verbliebenen Stunden der "Freizeit" gestalten sich so noch ermüdend. Die Menschen werden überbeansprucht - sowohl zeitlich als auch räumlich(Mobilitätsanforderung); für sie sind Zeit u. Raum quasi auf dialektisch untrennbare Weise miteinander verbunden. Kürzlich veröffentlichte Volkszählungdaten für den städtischen Raum beweisen, dass die Durchschnittszeit, die man heutzutage "pendelnd" verbringt, mittlerweile um 14 Prozent gestiegen ist. 1990 waren es noch 22,4 Minuten, im Jahr 2000 schon 25,5. Und laut einer Washingtoner (DC) Verkehrsstudie "bedeuten lange Arbeitswege, dass die Menschen eine ganze zusätzliche Arbeitswoche pro Jahr mit der Fahrt von u. zu ihrer Arbeit verbringen".
Wir arbeiten uns zu Tode
Teufelskreis Arbeit plus langer Arbeitsweg: für die amerikanische Arbeiterschaft bringt das viele negative Folgen mit sich: chronische Angstzustände, Schlaflosigkeit, Depression, physische u. psychische Krankheiten. Hinzu kommt, dass man nie genug Zeit hat für Freunde, für die Lieben, für befriedigende Aktivitäten. Forscher fanden während der 90ger heraus, dass oft schon der Konzern ( Arbeitgeber) die Familie ersetzt hat, Freunde u. Nachbarschaft. Der Konzern für den man arbeitet - für Millionen Amerikaner wurde er zum primären Ort sozialer Identifikation, zum Platz, an dem man sich “geborgen” fühlt. Siehe die Kernaussage von Arlie Russel Hochschilds vielbeachtetem Buch: ‘Time Bind: When Work Becomes Home and Home Becomes Work’, 2001 (Deutscher Titel: ‘Die Zeitfalle’). Umso erschreckender als die derzeitigen Skandale ja überdeutlich zeigen, wie rührend u. vor allem wie verläßlich Amerikas Konzerne wirklich für ihre Angestellten-”Familie” gesorgt haben.
Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die Amerikaner inzwischen keine Lust mehr haben, so überproportional viel Lebenszeit an ihre Arbeitgeberklasse ‘auszuleihen’.
Anläßlich einer Internet-Umfrage von CNN (durchgeführt im letzten Sommer unmittelbar nach Veröffentlichung des ILO-Berichts (siehe oben)) kreuzten 64 Prozent der insgesamt 6994 Umfrage-Teilnehmer auf die Frage: “Arbeiten Sie inzwischen mehr Stunden als noch vor 10 Jahren?” die Antwort an: “Und ob - und ich bin’s leid”.
Die Qual der “überarbeiteten Amerikaner” - sie findet ihren oft durchaus objektiven Niederschlag in einer umfassenden Literatur zum Thema ‘Industrie’ bzw. ‘Ressource Mensch’. Einige Autoren wagen es zudem, die Frage zu stellen, ob es langfristig tatsächlich effizient ist, “Menschen zu Tode zu arbeiten”.
“Zeit sich zum mündigen Bürger heranzubilden”: Thema ‘Demokratie’ u. warum es komischerweise so vernachlässigt wird.
Selbst in den Arbeiten so (zeitgeist-)sensibler u. progressiver Intellektueller wie Schor oder Hochschild kommt ein Problem oftmals zu kurz: Welche Auswirkungen hat der Teufelskreis (Arbeit) auf die Fähigkeit des Menschen, sich ausreichend über öffentliche Dinge zu informieren bzw. sich ernsthaft öffentlich zu engagieren.
Zwar ist es nichts weiter als ein eigennutziger (im Hinblick auf die eigene Karriere nämlich) Mythos, wenn sogenannte “Sozialwissenschaftler” bzw. der Rest dieser ach so päpstlichen Kaste darauf insistieren, man bräuchte spezielle “Fachkenntnisse” - also jahrelanges Training (bzw. Indoktrination) in entsprechenden Sparten der “gehobenen Bildung” -, um die wesentlichen Fakten bzgl. der sozialen u. politischen Entwicklung unserer Menschheit (in Vergangenheit u. Gegenwart) begreifen zu können.
Aber eines stimmt doch: dieses Begreifen braucht - Zeit. Es braucht genügend freie Zeit: zum lesen, zum nachdenken, um sich über die einzelnen gegensätzlichen Standpunkte klarzuwerden, sich für oder gegen sie zu entscheiden oder um weniger klare, oft auch versteckte Fakten hinsichtlich Politik, Taktik oder Macht für sich herauszuarbeiten. Denn jemand wird wohl kaum zum kritischen Experten für US-Nahost-Politik, für Justiz-, Nuklear- u. Umweltpolitik, wenn er oder sie ständig nur erschöpft u. abgelenkt ist, wenn man sich seine Zeit buchstäblich stehlen muss - vom endlosen Kreislauf der Arbeit abknapsen bzw. von der Zeit, die einem noch fürs ‘Pendeln’ bleibt, fürs Einkaufen, fürs Schlafen (falls man überhaupt noch schlafen kann). Und aus reinem Zeitmangel werden unsere geistig erschlafften arbeitenden Mitbürger auch zur leichten Beute häufig verfälschter, fast immer voreingenommener u. massivst gefilterter Information - Information, wie sie von jenen Leuten aufbereitet wird, deren entlohnter Job es ist, die Einstellung der Massen in die richtige Bahn zu lenken, das heißt, sie im Sinne derer zu beeinflussen, die diesen Leuten ihren Lohn zahlen. Und wer entlohnt diese Leute? Die Chefs (CEOs) der immer stärker fusionierenden privaten Mega-Medienkonzerne - und die wiederum gehören zur Elite unserer amerikanischen Konzern-Plutokratie. Letzten September setzten die Mainstream-Medien (besser gesagt: Konzern-Medien) ihre unglaubliche Macht, die ihnen nicht zuletzt durch unsere abnehmende Freizeit zuwächst, dazu ein, den zeit-verarmten Massen Amerikas jenen Riesenbären aufzubinden, die Flugzeug-Hijacker des 11. Septembers hätten die Vereinigten Staaten hauptsächlich deshalb angegriffen, weil sie unsere “Freiheit” hassten bzw. unsere “demokratische” Lebensart. Will man eine Organisation gründen, will man Treffen abhalten, um demokratisches Engagement zu fördern, will man gar “alternative” Medien aufbauen - konzernunabhängige Medien - dann braucht man vor allem eins: Zeit - freie Zeit, die man aber in immer geringerem Maße zur Verfügung hat. Dass selbst der Arbeiterbewegung sympathisierend gegenüberstehende Analysten die demokratie-schädlichen Folgen des Zeit-Stresses übersehen, ist dabei schon mehr als ironisch. Schließlich war aus historischer Sicht der Kampf um Freizeit zur Ausbildung einer mündigen Bürgerschaft nachweislich das erste zentrale Thema der Arbeiterbewegung Amerikas. Letztendlich war die Zerstörung der Muße durch das Kapital - so Helen Sumner, eine der ersten Historikerinnen der Arbeiterbewegung - der “Grund für das Erwachen eines ersten Klassenbewußtseins bei den amerikanischen Lohnarbeitern” - Anfang des 19. Jahrhunderts war das. In ihren Anfängen war die amerikanische Arbeiterbewegung noch sehr am Erbe der (amerikanischen) Revolution orientiert. Und entsprechend verknüpften (organisierte) Arbeiter ihren Wunsch nach mehr freier Zeit denn auch in direkter Weise mit dem Bürgerschafts-Gedanken. “Sie brachten zum Ausdruck”, so der Historiker Benjamin Hunnicut, “dass sie unbedingt die Zeit bräuchten, um mehr über den demokratischen Prozess zu erfahren, um ihn zu begreifen, (sie bräuchten Zeit,) um Fragen zu diskutieren, um sich politisch zu organisieren oder auch einfach nur, um zur Wahl zu geh’n”. Derartige Anliegen der Arbeiterschaft standen damals in sehr starkem Einklang mit der republikanischen Tradition Amerikas - reflektierten diese geradezu -, was den Arbeitern (den Rest des 19. Jahrhunderts über) eine Menge öffentlicher Unterstützung im Kampf um kürzere Arbeitszeiten einbrachte. Ein Beispiel dafür ist auch der Bericht der ‘Spezial-Kommission bzgl. der Stunden der Arbeit’ von 1866, gerichtet an das Massachusetter Repräsentantenhaus. Dieser Kommissionsbericht kommt zum Schluss: “Überarbeitung verdummt die Sinne, sie läßt keine Zeit für kulturelle Betätigung, gewährt keine Möglichkeit zum Lesen, zum Lernen, zur Förderung seiner geistigen Fähigkeiten. Der ganze Organismus wird (durch Überarbeitung) erschöpft u. ausgelaugt, man kann nichts mehr lernen. Das hier”, so die Kommission weiter, “ist ja das Land des arbeitenden Mannes”. (Ein Argument, das seinerzeit allgemein zog). “Das Wohl des Staats (Massachusetts) wie der Nation verlangen es also, dass man ihm (dem arbeitenden Mann) die Zeit gewährt, sich zum mündigen Bürger heranzubilden. Denn in einem freien Land braucht es ein Volk, das ebenso gebildet wie frei ist”.
Wo man ihnen allerdings nicht die Zeit gewährte, die durch die Revolution errungenen liberalen Freiheiten auszuleben bzw. zu kultivieren, hatten die ersten amerikanischen ‘Lohnarbeiter’ andererseits das Gefühl: “verurteilt zu sein, im Staat eine untergeordnete Position zu bekleiden”. So hatten im 19. Jahrhundert viele Amerikaner den Eindruck, es ginge ihnen im Grunde nicht viel besser wie den leibeigenen amerikanischen Sklaven oder wie dem heruntergekommenen Proletariat im fernen (vermutlich eher) reaktionären Europa: “Ein Arbeiter in den USA”, so anno 1867 ein Verfechter des 8-Stunden-Tags vor der Massachusetter Legislative, “hat mehr freie Zeit nötig als einer, der in Europa die gleiche Arbeit tut, er besitzt nämlich das bürgerliche Wahlrecht und ist somit Teil der Regierung”. Dieser enthusiastische Verfechter reduzierter Arbeitszeit hat seine Ansicht ja in einer Zeit geäußert bzw. niedergeschrieben, in der es bei amerikanischen Arbeitern nicht selten üblich war (sofern erlaubt), einen Mann aus ihrem Arbeits-Team dazu abzustellen, den andern aus der Zeitung vorzulesen - während diese weiterschufteten. Diese Praxis reflektierte nämlich die feste Entschlossenheit jener Arbeiter, sich nicht durch die Interessen des Kapitals davon abhalten zu lassen, sich über die wichtigen Dinge ihrer Zeit zu informieren. Außerdem war jener Verfechter der Arbeitszeitverkürzung Produkt einer Gesellschaft, deren ‘Gründerväter’ damals noch davon ausgingen, auch ein Handwerker oder ein Bauer könne (nach modernen Maßstäben) komplexe politische u. strategische Argumente nachvollziehen (siehe ‘Federalist Papers’) - Argumente, die heutzutage einen Aufstand verursachen, wenn man sie gestressten College-Studenten vorlegt: die finden die Gedanken von Madison u. Hamilton nämlich viel “zu schwierig” zum lesen. Thomas Jefferson - der ja der Ansicht war, ohne gebildete Bürgerschaft könne es keine Demokratie geben -, würde sich vermutlich im Grab umdreh’n, müsste er unsere heutige amerikanische Zeit-Armut mitanseh’n. Wo - so würde er sich fragen -, nehmen die Urenkel meiner Revolution eigentlich noch die Zeit her, um ‘Bürger’ zu sein - mehr als nur dem Wort nach? Und wo nehmen sie den nötigen Freiraum her, würde er sich fragen, um das Wesentliche über aktuelle Ereignisse u. Themen zu erfahren (siehe die derzeitige Debatte über die US-Politik im Mittleren Osten), wenn sie die meiste Zeit ihres Wachseins damit verbringen, sich auf ihre Arbeit vorzubereiten bzw. zur Arbeit zu fahren bzw. wieder heimzufahren u. sich zu erholen - u. das für einen Job, der im Allgemeinen (fast) ihre gesamte geistige Energie absorbiert? Und eins würde sich Jefferson sicher auch fragen: Was nützt Amerikas wimmelnden Massen von Zeit-, Lohn- u. Gehalts-Sklaven im Grunde eigentlich noch meine ‘Unabhängigkeitserklärung’?
Natürlich ist mir andererseits klar, dass ein Mangel an Freizeit nicht das einzige Hindernis für die Demokratie hierzuland ist - wahrscheinlich nicht mal das Haupt-Hindernis. Und auch die amerikanische Freizeit ist ja keineswegs unangefochtenes Terrain: immer wieder fallen die Truppen der Konzern-’Gedankenpolizei’ in sie ein - beim Versuch, möglichst auch noch die innere Welt unserer Muße zu kolonialisieren. (Aber um was es mir eigentlich geht:) All diejenigen in Amerika, die um unser brandgefährliches Demokratiedefizit wissen, die es untersuchen u. dagegen ankämpfen, sollten sich des Themas überlanger Arbeitszeit bzw. Stress annehmen - viel mehr als bislang der Fall. Dieses Defizit zeitigt nämlich verheerende Folgen - für den gesamten Planeten. Und umgekehrt: Leute, die für gewöhnlich über die negativen Folgen überlanger Arbeitszeit schreiben / berichten, täten gut daran, unsere ‘Demokratie- Unfähigkeit’ - als typisches Überarbeitungs-Syndrom - in ihren Malaisen- Katalog mitaufzunehmen. Sowohl die Gründer unserer Nation als auch die unserer nationalen Arbeiter- bewegung wußten damals schon genau: Demokratie hat etwas mit Zeit zu tun, u. wenn Menschen immer weniger Zugang zu ‘Zeit’ haben, muss es mit der Herrschaft des Volks im “Land der Freien” auf Dauer bergab geh’n.
Anmerkung d. Übersetzerin
* Am 1. Mai 1886 hatten die Gewerkschaften Amerikas zu landesweiten Kundgebungen zur Durchsetzung des 8-Stunden-Tag aufgerufen. Nachdem es zu mehreren Polizeiübergriffen gekommen war, rief man für den 4. Mai zu einer zentralen Großkundgebung auf dem Chicagoer ‘Heumarkt’ auf. Dort kam es zu einem Zwischenfall: Ein bis heute Unbekannter warf eine Bombe zwischen die Polizisten, wobei es mehrere Tote u. Verletzte gab. Hierauf verhaftete man mehrere Mitglieder der Anarchistischen Bewegung u. verurteilte sie ohne stichhaltige Beweise zum Tode. 4 der Verurteilten wurden gehängt (‘Haymarket-Märtyrer’), einer erhängte sich im Gefängnis selbst, die andern wurden (6 Jahre später) begnadigt. Die gewerkschaftliche 8-Stunden-Bewegung wurde nach diesen Ereignissen rücksichtlos bekämpft u. zerschlagen. 1889, auf dem internationalen Arbeiterkongress in Paris, wurde von der amerikanischen Delegation der Vorschlag unterbreitet, den 1. Mai (zum Gedenken an die Ereignisse von Chicago) permanent als Arbeiter-Solidaritäts- bzw. -kampftag einzuführen. Seither gilt der 1. Mai in vielen Ländern der Welt als ‘Tag der Arbeit’ - nicht so in den USA. Der amerikanische ‘Tag der Arbeit’ (‘Labor Day’) findet seit 1894 immer am ersten Montag im September statt.
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