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Geschenke in Tokio

von Pierre Pariseau

06.11.2003 — ZNet

— abgelegt unter:

George Bush kam vor zwei Wochen in die Stadt. Mehr als 9000 Tokioer Polizisten waren auf den Beinen, um ihn zu begrüßen und sicherzustellen, dass sein Besuch ohne Beeinträchtigungen verlaufe. Hubschrauber, die in Formation in niedriger Höhe über den Fluss westlich der Innenstadt flogen, und Dutzende von Polizeieinsatzbussen, welche man den ganzen Tag und die ganze Nacht lang nahe dem [Akasaka] State Guesthouse und den für seine Autokolonne reservierten Straßen herumlungern ließ, machten schon einen gewissen Eindruck. George kam zum Abendessen, alles lächelte, und ging mit einem großen Geschenk seines guten Freundes Koizumi. Der Premierminister, der von seinen Kritikern oft als Bushs Schoßhund angesehen und manchmal im Fernsehen als solcher gezeigt wurde, bot Bush das unvergleichliche Souvenir in Höhe von anderthalb Milliarden Dollar für den Wiederaufbau eines Teils eben jener Infrastruktur, die von den Befreiern des Iraks zerstört worden war. Um es aussehen zu lassen, als ob die Übergabe dieser Summe eine Entscheidung des Gastgebers und nicht vielmehr eine nicht abzulehnende Abforderung gewesen wäre, wurde sie vor Landung der Air Force One verkündet. Es war ohnehin jedem klar, dass dieses Geschenk abgehoben werden würde, da Tokio Washingtons liebster Geldautomat ist und bleibt, für den es einer Geheimnummer nicht bedarf. Obschon die meisten Japaner gegen den Krieg waren, ließ man denen, die ob dieser selbstlosen Freigiebigkeit in Wut gerieten, sehr wenig Raum zu Protesten.

Die Fahne der Weltbefreier wehte hoch und stolz über der US-Botschaft. Sich dem Gelände nähernd kam die Frage in einem auf, ob man im Begriff sei, den Bunker eines Regimes im Belagerungszustande oder vielleicht ein Gefängnis voller blutrünstiger Insassen zu betreten. Die Straßen, die zu den US-Diplomaten führen, stanken von den giftigen Dieseldämpfen der zahlreichen Polizeibusse und -kleinbusse. Um die Protestierenden vor was auch immer zu beschützen, bewachte die Polizei jenseits der vor dem Haupteingang verlaufenden Straße ein winziges rechteckiges, aus Absperrungen konstruiertes Gebiet, auf dem ein paar Protestierende ihre Ablehnung ausdrücken konnten. Die Medien wurden ebenfalls auf dasselbe Gebiet von etwa sechs Quadratmetern verwiesen. Es wurde (und wird immer noch) in lächerlicher Weise reguliert. Polizeibeamte eilten, einen jeden zu stoppen, der die Vorderabsperrung überquerte, um sich zu äußern. Keine Fahnen oder Plakate durften an der Vorderabsperrung befestigt oder über diese gehängt werden. Kein Kameramann durfte den Betonblock neben dem Käfig betreten.

Über Monate sind ein paar unermüdliche Menschen den mächtigen Weltenerretter gegenübergetreten, der sich hinter seinen bombensicheren Toren versteckte. Fernando, ein Italiener, Suleiman aus Jugoslawien und seine japanische Frau Kanako waren mehrmals wöchentlich präsent. Regelmäßig von einigen der weißen Botschaftsdiplomaten beleidigt, bleiben sie doch entschlossen, Fotos von Kindern zu zeigen, die die Besatzer des Iraks ermordeten. In den Tagen vor Bushs Willkommensfeier rief die Polizei bis zu sechsmal täglich bei dem Paar an, um seine täglichen Protestpläne zu ergründen. Leicht identifizierbare Undercoverpolizisten sind den beiden oft gefolgt. Im April wurden etwa dreißig „Gesucht“-Plakate in der Nachbarschaft des Paares aufgehängt. Obgleich diese Plakate inoffiziell waren, behaupteten sie, dass Suleiman als auf Zügen umgehender Mädchengrabscher von der Polizei gesucht werde. Die Nummer der nächsten Polizeiwache wurde angegeben. Das Paar beschwerte sich und wurde zuerst von einem Inspektor beschieden, dass es mit der Verleumdung schlimmer werden würde. Seltsamerweise war es einige Tage später derselbe Beamte, der sie aufforderte, die Angelegenheit zu vergessen. Verschiedene Demonstrationen sind in Tokio veranstaltet worden, seit George zusicherte, den Irak zu befreien und die Welt Demokratie zu lehren. Mit den Protesten in anderen Ländern verglichen waren sie verhältnismäßig zahm. Das Ausbildungssystem der letzten zwei Jahrzehnte und die ununterbrochenen kindischen Programme, die allabendlich zur Hauptsendezeit auf allen Sendern ausgestrahlt werden, haben die Jugend dieses Landes zu einer leicht zu beherrschenden Generation gemacht, die unfähig ist, zu protestieren oder Beschwerden zu äußern außer durch das allgegenwärtige Wort „shoganai“. Vereinzelte Diskussionen über personelle oder soziale Probleme werden gewöhnlich durch dieses Wort abgetan, das etwa soviel wie „da kann man nichts machen“ bedeutet. Die straßenkämpfenden Studenten der späten Siebziger und frühen Achtziger, die gegen die Errichtung des Tokio-Flughafens oder der amerikanischen Basen ankämpften, sind nirgendwo zu sehen. Während einige ihrer Führer auf einen Showdown mit Nordkorea drängen, strömen die Japaner immer noch nach Tokios Disneyland und reihen sich bei McDonalds auf. Nach zwanzig Jahren zählt Micky Maus über dreihundert Millionen Besucher, mehr als das Doppelte der japanischen Bevölkerung.

Akribie und gute Organisation ist eine Qualität, die viele Japaner aufweisen. Die Polizei macht davon keine Ausnahme. Ihre feinen Methoden zur Kontrollierung von Menschenmassen sind recht bemerkenswert. Bei Antikriegskundgebungen versteht sie es, die friedlichen Demonstranten in den Augen der unterdrückten Bürgerschaft relativ bedrohlich aussehen zu lassen. Immer wenn die Erlaubnis gegeben wird, über die Straßen von Shibuya, dem Einkaufsmekka der Stadt und Tummelplatz der Jugend, zu gehen, sieht man Dutzende von Undercoverpolizisten Seite an Seite stehend ihre Notizbücher mit Namen füllen, gnadenlos Fotos schießen und mit ihren Videokameras die Demonstranten aus jedem denkbaren Winkel anzoomen. Diejenigen in Uniform oder Antitumultkleidung gehen in minimalem Abstand voneinander an der Seite des Protestzugs. Diejenigen auf der Plattform des führenden Polizei-Geländefahrzeugs machen Schaulustige und Fußgänger höflich, aber endlos auf die sich nähernden Marschierer aufmerksam und darauf, dass sich die örtliche Polizeistation der Sache gewissenhaft annimmt. Die Polizeilautsprecher sind viel größer und lauter als diejenigen des Kleinbusses, dem Tausende oder Hunderte von Protestierenden folgen. Auf Grün umspringende Ampeln sollen verheerend wirken: Während sie losmarschieren, werden die Teilnehmer geschickt in Gruppen von 200 bis 300 Leuten geteilt und, indem sie auf die Bürgersteige verdrängt werden, der Möglichkeit zur richtigen Entfaltung ihrer Transparente benommen. Die Demonstranten, die von der Polizei an jeder Kreuzung aufgehalten werden, müssen bei Rot anhalten. Das verbreitert die Lücke zwischen den Gruppen und schwächt ihren zahlenmäßigen Eindruck in den Medien massiv ab. Die Marschierenden werden wie ein Haufen Kindergartenkinder behandelt, die der Polizisten in ihren weißen Handschuhen zum Schutz vor den Autos bedürfen, die auf den anderen Spuren weiterhin beschleunigen dürfen. Die Rufe der Demonstranten, sich einzureihen, werden verständlicherweise ignoriert. Nur wenige Zuschauer können die Courage aufbringen, durch die Polizeilinien zu schreiten und sich der protestierenden Gruppe aus Studenten, Großmüttern, jungen Familien und Behinderten in Rollstühlen anzuschließen.

Wie sie es seit Jahren zu tun pflegen, streifen die Extremisten des rechten Flügels über die Straßen und Wege der Städte und ländlichen Gegenden in ganz Japan. Normalerweise tun sie das in schwarzen Bussen, die mit den Kaiser preisenden Zeichen bemalt und außerdem mit kraftvollen Lautsprechern ausgestattet sind, aus denen oft Militärmusik aus dem Zweiten Weltkrieg erklingt. Im Gegensatz zu den gegen den Krieg Protestierenden sind die Paraden der Rechten in ihrem Fluss durch Kleinbusse der Polizei ungehindert. Man sieht sie oft Militäruniformen tragen und hört sie vor größeren U-Bahn- oder Bahnstationen und ausländischen Botschaften, wie sie fremdenfeindliche Pro-Kaiser-Reden schwingen. Diese Leute behaupten, reine Verteidiger des vergangenen Japans vor den Jahren des Zweiten Weltkriegs zu sein. Auch ist ihr Arrangement mit den mächtigen kriminellen Yakusa-Organisationen wohl bekannt. Sie arbeiten häufig als professionelle Erpresser, die fähig sind, ihre Lautsprecher auf das Haus eines von ihnen verachteten Politikers oder eines Unternehmenschefs zu richten, der schnell bereit ist, für ein Schweigen über einen möglicherweise schädigenden Skandal zu zahlen. Ausländern erscheinen sie ziemlich albern, insofern sie beim Streiten zu grummeln und zu geifern scheinen, während sie von den Dachplattformen ihrer düsteren schwarzen Fahrzeuge herab schreien. Den Japanern erscheinen sie nicht sonderlich helle, aber bleiben nichtsdestominder angsteinflößend. Wenn man nicht ernstlich zusammengeschlagen werden will, behindert man sie nicht auf den Straßen oder diskutiert ihre Ansichten über den Kaiser. Auch stellt man ihre Weigerung, Maut zu zahlen, oder ihre aggressive Haltung gegenüber Nordkorea nicht in Frage. Viele Jahre lang war es Schulrektoren gestattet, das Hissen der Flagge der aufgehenden Sonne zu verweigern, die viele in einer engen Verbindung zu dem Angriff und den unaussprechlichen Leiden sehen, die Japan seinen Nachbarn verursachte, als es Nazideutschlands Verbündeter war. Im letzten Monat verkündete der Bildungsausschuss der Tokioer Regierung, dass er Lehrer bestrafen würde, die das Hissen der Flagge oder das Singen der Nationalhymne bei Schulzeremonien verweigerten. Die Rechten werden sich Schulen lautstark nähern, die das vergessen sollten. Niemand wird sie auffordern, den Lautsprecher auszudrehen, obschon wie meistens niemand ihren Hasstiraden zuhört. Das vorm Bahnhof von Shibuya angesichts Hunderter potenzieller Zeugen und der sichtbaren Präsenz uniformierter Polizeibeamten zu tun, die in ihrem Unterstell dreißig Meter entfernt stehen, ist keine Garantie für ein geringeres Maß von Gewaltanwendung ihrerseits. Ich habe das auf Kosten meines eigenen Blutes vor ein paar Jahren lernen müssen; je mehr Leute zuschauen, desto eindrücklicher der Unterricht.

Drei Jahre lang hat Koizumi Asien, insbesondere Südkorea und China in Rage gebracht, indem er dem Yasukunischrein jährlich seine Aufwartung machte, der neben allen japanischen Soldaten und den zivilen Opfern des Zweiten Weltkrieges auch dessen Kriegsverbrechern geweiht ist. Der Schrein wird als heilig angesehen, da während des Krieges Soldaten riefen, dass sie sich dort nach dem Tode treffen würden. Versuche, ihn durch ein nichtreligiöses Denkmal zu ersetzen, werden mit viel Unterstützung der Rechten in ihren Bussen bekämpft. Momentan werden Geldmittel für den Bau eines Schreins für Kaiser Hirohito gesammelt, der nach dem Krieg zu keinem Zeitpunkt von den Alliierten schuldig gesprochen worden war. Sowohl der Premierminister Koizumi als auch der gegenwärtige Gouverneur von Tokio Ishihara, der für seine rassistische Rhetorik wohlbekannt ist, sind den Rechten Helden. Der Gouverneur hat wiederholt gefordert, dass Japan Nordkorea angreifen solle. Er ist auch bekannt für seine arroganten antichinesischen Einstellungen; er besteht darauf, dass Japan sich wiederbewaffnet, was lediglich etwas Allgemeinbekanntes öffentlich zu äußern bedeutet, da Tokio schon seit Jahren dabei ist, in aller Stille militärische Macht aufzubauen. Letzte Woche bezeichnete er die Chinesen als „ignorant“ mit Bezug auf ihren jüngsten Erfolg im Aussenden eines bemannten Raumschiffes, bei dem sie sich auf aus seiner Sicht veraltete Technologie stützten. Ein paar Tage zuvor wiederholte er, dass Korea sich entschieden hatte, durch Japan kolonisiert zu werden. Die schwarzen Busse preisen den Gouverneur in den Straßen sogar in noch höherem Maße, seit er gesagt hat, dass ein hochrangiger Funktionär die Bombe verdient hätte, die im September in seiner Garage gefunden wurde. Derart unterstützen auch die meisten rechten Gruppen, die jahrelang einen lautstarken antiamerikanischen Ton angeschlagen hatten, plötzlich den amerikanischen Angriff auf den Irak in der Hoffnung, daraus eine Rechtfertigung für einen vergleichbaren Angriff auf Nordkorea ziehen zu können. Mehrere Busse hießen im letzten Monat George willkommen, indem sie seinen Botschaftskomplex in die Nationalhymne der USA hüllten und derweil lautstark ihre Abneigung gegen Nordkorea hinausbrüllten.

Es sind schwierige Zeiten für Friedensaktivisten in Japan. Die Medien haben die hysterische Stimmung vieler Politiker und überhaupt des Landes angeheizt. Gouverneur Ishihara ist der beliebteste Politiker Japans. Antikriegszeichen zu zeigen kann gefährlich werden in diesem Land mutmaßlicher Harmonie. Wie ich während der Proteste Ende März wieder auf die harte Tour gelernt habe, werden die schwarzen Busse nicht zögern zu versuchen, einen mit einem Friedenszeichen bedeckten Kleinbus zu rammen, trotzdem er von zehn Polizeibeamten flankiert ist. Der staatliche Fernsehsender NHK, normalerweise der einzige Ort für Berichte über die Korruptionsskandale der herrschenden Partei, ist offensichtlich proamerikanisch und noch in hohem Maße eingebettet. Der/Die Sender ignoriert/en die Proteste. Die unendliche Geschichte der fünf dereinst von Nordkorea entführten und vor einem Jahr repatriierten Japaner sorgt immer für wichtige Neuigkeiten, während die Hunderttausende immer noch nicht entschädigter asiatischer Kriegssklaven, die vor sechzig Jahren entführt oder mit Gewalt nach Japan zu kommen gezwungen worden waren, keine Schlagzeilen machen. Gemäß der Sicht der Rechten und vieler einflussreicher Mitglieder der herrschenden politischen Partei waren Japan und sein göttlicher Kaiser Opfer des Krieges. Ein riesiges und neu renoviertes imperialistisches Kriegsmuseum, das sich neben dem Yasukunischrein befindet, erklärt die Sicht der Revisionisten. Kann man es da dem paranoiden Kim Jung Il vorwerfen, dass er in den Besitz nuklearer Abschreckung zu gelangen wünscht? Im letzten Jahr entschuldigte er sich für den Entführungsfall. Neue Gespräche mit ihm sollten für die japanische Regierung höchste Priorität besitzen. Doch leider ist dies nicht der Fall. Das Aufbauen von Furcht und Bestehen auf Gerüchten über auf Japan gerichtete Raketen haben einen gefährlichen Effekt und höchstwahrscheinlich werden sie zu einer Wiederwahl Koizumis und seiner Spießgesellen am neunten November führen [1]. George bleibt ein gutes Vorbild. Wir können erwarten, dass er bald für weitere Geschenke wieder ins Land kommt.

[1]: Koizumis Liberaldemokratische Partei errang zusammen mit ihrem Koalitionspartner, der buddhistischen Komeito-Partei, 278 von 480 Sitze, wobei sie nur durch Fusion mit der Neuen Konservativen Partei ihre absolute Mehrheit von 242 Sitzen erhalten konnte. Insgesamt büßte die Koalition neun Sitze ein.

Orginalartikel: Goodies in Tokyo
Übersetzt von: Larissa Brosig
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