Goodbye, New Orleans
von Mike Tidwell
11.12.2005 — Orion / ZNet
—
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Hurrikan Katrina
90 Tage ist es her, seit Katrina zuschlug - höchste Zeit, unsere nationale Verleugnungshaltung aufzugeben. Im Nachhinein scheint der Sprecher des Repräsentantenhauses, Dennis Hastert, auf ganzer Linie recht zu behalten, als er sagte, wir sollten New Orleans aufgeben - wenngleich er damals falsch argumentierte. Es ist nicht so, dass die Stadt nicht relativ Hurrikan sicher zu machen wäre - das ginge schon. Es ist auch nicht so, dass der Aufwand größer wäre, als die ganze Sache wert ist, nein, durchaus nicht. Der Grund ist ein anderer: Nachdem die New-Orleans-Story aus den Nachrichtenschlagzeilen verschwand, hat die Regierung Bush der Stadt stillschweigend den Todeskuss aufgedrückt.
Ich gehöre zu den Leuten, denen New Orleans sehr am Herzen liegt, die dem Charme der Stadt oft erlegen sind - umso schmerzlicher für mich, zum Rückzug zu blasen, ein unbeschreiblicher Schmerz. Ich meine das nicht rhetorisch, ich argumentiere nicht, um zu schocken und so Kompromissgespräche anzuregen. Ich meine, was ich sage: Gebt die Stadt auf, vernagelt sie mit Brettern - bevor noch einmal Tausende Menschen ihr Leben lassen.
In den Wochen nach Katrina wurde die Katastrophe in den Medien so dargestellt, als ginge es um schlechte Deichanlagen und miese Evakuierungspläne. Die Berichterstattung orientierte sich an der Frage: "Was lief schief?". Autopsiegenau wurde jeder gebrochene Damm analysiert, und es gab eine Hexenjagd auf die Verantwortlichen des Superdome-Fiaskos bzw. des Fiaskos im Convention Center. Dabei waren das alles nur schreckliche Symptome einer viel umfassenderen Krankheit.
Katrina hat Big Easy zerstört - künftige Hurrikane werden dies ebenso tun. Nicht die Ingenieure haben versagt, der eigentliche Grund ist der: Im Verlauf des letzten Jahrhunderts haben wir in Louisiana 1 Million Acres* küstennahe Inseln und Marschland eingebüßt. Schuld ist der Mensch. Dieses Land fungierte als natürliche "Bremse". Es bremste in früheren Zeiten die tödlichen Flutwellen der Hurrikane und schuf so eine wichtige Voraussetzung für die Bewohnbarkeit der Stadt New Orleans.
Anfang Dezember rief Präsident Bush die Bewohner von New Orleans auf, Nachhause zurückzukehren. Dem Medienpublikum erklärte er, "wir werden tun, was immer nötig ist", um New Orleans zu retten. Aber eine Sache verweigert er formell - die eine Sache, ohne die ein Überleben für New Orleans nicht möglich ist: die Wiederherstellung des Netzwerkes aus Küsten-Wetlands und Inselbarrieren.
Dagegen wurden mehrere zehn Milliarden Dollar freigegeben, um an den Symptomen zu kurieren - kaputte Dämme, unzureichende Notfallreserven, zerstörte Straßen und Brücken. Zur Bekämpfung der eigentlichen Krankheit aber wird so gut wie nichts ausgegeben. Mit Krankheit meine ich in erster Linie das verlorene Land - denn dadurch konnte der Ozean in die Stadt laufen. Weder neue Dämme - wie hoch sie auch sein mögen -, noch volle Trinkwasserflaschen-Lager werden New Orleans retten können, nicht, solange die Küstenlinie des Bundesstaates Louisiana nicht in ihrer Funktion als natürliche Barriere wiederhergestellt ist.
Allein seit dem Zweiten Weltkrieg versank zwischen New Orleans und dem Golf von Mexiko Land in der Größenordnung von Rhode Island im Wasser, meist Marschland. Pro 2,7 Meilen Marschland, so wird gerechnet, reduziert sich die Höhe einer Hurrikanflutwelle um rund einen Fuß (Anmerkung d. Übersetzerin - 1 Fuß ungefähr 30cm), was die Macht des Sturmes bricht. Einfacher ausgedrückt: Wäre Katrina 1945 und nicht 2005 aufgetreten, die Flutwelle wäre zwischen 5 und 10 Fuß flacher ausgefallen.
Das Marschland und die Inselbarrieren sind aus dem sedimentreichen Flutwasser des Mississippi entstanden - ein Vorgang, der Tausende von Jahren dauerte. Die modernen Deiche schieben der natürlichen Überflutung einen Riegel vor. Den Wetlands, wo es sie noch gibt, mangelt es an neuem Sedimentmaterial und an Nährstoffen; sie erodieren und "versinken", das heißt, sie werden weggespült. Auch ohne neue Hurrikane verschwindet so alle zehn Monate Louisiana-Land von der Größe Manhattans in den Fluten. Das entspricht 50 Acres jeden Tag oder einem Fußballfeld alle 30 Minuten.
Es existiert ein Plan, mit dem sich das Problem beheben ließe. Er würde $14 Milliarden kosten. Dieser von Umweltschützern, Ölgesellschaften und Fischern gleichermaßen unterstützte Plan gilt als technisch ausgereift und liegt schon seit Jahren auf dem Tisch. Seit Katrina wird noch massiver auf seine Umsetzung gedrängt. Dennoch will die Bush-Administration nichts davon wissen. Warum? Eine schwierige Frage. Die Folgen sind absolut tödlich. Der Plan würde gerade mal soviel an Investitionen kosten wie 6 Wochen Irak - eine Summe, die dem Tunnelprojekt 'Big Dig' in Boston entspricht. Stattdessen müssen wir uns wohl auf weitere $200 Milliarden für den nächsten unvermeidlichen Hurrikan einstellen - hier, gleich um Ecke in Louisiana.
Der große Plan, mit dem sich alles ändern ließe, wurde unter der Bezeichnung 'Coast 2050' bekannt. 'Coast 2050' sieht vor, massive Pipelines, Pumpen und chirurgisch präzise Kanäle zu installieren, um so der Küstenpufferzone wieder einen Teil des sedimentreichen-dickflüssigen Flusswassers zuzuführen. Städte und Gemeinden und die Infrastruktur würden nicht zerstört. Nach und nach würden so Hunderttausende Acres Wetlands neu entstehen und ganze Inselbarrieren wiederhergestellt - in nur 12 Monaten. (Zum Vergleich: Laut Schätzungen könnte der Regierungsplan zur Wiederherstellung der Deiche Jahrzehnte dauern.) Alle sind sich einig: 'Coast 2050' würde funktionieren. Erst letzte Woche hat die National Academy of Sciences die Seriosität seines Ansatzes bestätigt und zu raschem Handeln aufgefordert.
Am 8. November legte das Weiße Haus dem Kongress das zweite und letzte finanzielle Notfallpaket für Katrina vor. In diesem Paket ist der Plan mit schockierenden $250 Millionen veranschlagt - nicht mit den geforderten $14 Milliarden.
Wieso kann eine Regierung, die völlig unvorbereitet auf Katrina I reagierte, nicht begreifen, dass dringendes Handeln geboten ist, um Katrina II zu verhindern? Meine persönliche Theorie: Bush hört das Wort "Wetlands", denkt an "Umweltschutz" und schaltet sofort ab. Er hegt eine ideologische Aversion gegen alles, was mit Umweltschutz zu tun hat. Dies könnte auch die Erklärung dafür sein, dass Bush in seinen diversen Reden, die er nach Katrina auf 6 Foto-Tripps in die Golf-Region hielt, die Worte Wetlands und Inselbarrieren kein einziges Mal in den Mund nahm - kein einziges Mal.
"Entweder, sie haben es nicht begriffen, oder es ist ihnen egal", meint Mark Davis, Direktor der 'Coalition to Restore Coastal Louisiana'. "So oder so, die Folgen werden weitere Katastrophen sein".
Also - hört auf mit dem Aufräumen. Stellt Besen und Kettensäge in die Garage. Schließt die paar Geschäfte, die wieder geöffnet haben. Belasst die Deiche in ihrem kaputten Zustand. Alle nichts wie raus aus New Orleans - sofort! Zum leben ein völlig unsicherer Ort.
Die Menschen zu ermutigen - wie Bush es tut -, nach New Orleans zurückzukehren, ohne den einzigen Plan zu finanzieren, der die Stadt vor der nächsten Großkatastrophe, 'the next Big One', bewahren könnte, ist schlichter Massenmord. Wenn die Regierung - nach allem, was die Menschen durchgemacht haben, nach den immensen Kosten dieser nationalen Tragödie -, selbst eine Investition in der Größenordnung des Bostoner 'Big Dig' (Tunnelprojekt zwischen dem Logan Airport und Downtown Boston) scheut, ist das Spiel wirklich verloren.
Allen, denen diese Nachricht nicht behagt - den Bauern, die ihr Getreide über den Port von New Orleans verschiffen, den New Englanders, die ihre Heime mit Erdgas aus dem Golf von Mexiko beheizen oder den Kulturenthusiasten mit ihrem Faible für den French-Quarter-Gumbo - sei geraten, wendet euch an das Weiße Haus, sagt ihnen die Meinung - aber besser nicht auf Antwort hoffen.
Mike Tidwell ist Autor von 'Bayou Farewell: The Rich Life and Tragic Death of Louisiana's Cajun Coast'. Tidwell lebt in Takoma Park. Zu den Hintergründen, Folgen und Konsequenzen von Katrina: www.katrinanomore.com
Anmerkung d. Übersetzerin
* 3 Acres entsprechen etwas mehr als 1 Hektar
Ich gehöre zu den Leuten, denen New Orleans sehr am Herzen liegt, die dem Charme der Stadt oft erlegen sind - umso schmerzlicher für mich, zum Rückzug zu blasen, ein unbeschreiblicher Schmerz. Ich meine das nicht rhetorisch, ich argumentiere nicht, um zu schocken und so Kompromissgespräche anzuregen. Ich meine, was ich sage: Gebt die Stadt auf, vernagelt sie mit Brettern - bevor noch einmal Tausende Menschen ihr Leben lassen.
In den Wochen nach Katrina wurde die Katastrophe in den Medien so dargestellt, als ginge es um schlechte Deichanlagen und miese Evakuierungspläne. Die Berichterstattung orientierte sich an der Frage: "Was lief schief?". Autopsiegenau wurde jeder gebrochene Damm analysiert, und es gab eine Hexenjagd auf die Verantwortlichen des Superdome-Fiaskos bzw. des Fiaskos im Convention Center. Dabei waren das alles nur schreckliche Symptome einer viel umfassenderen Krankheit.
Katrina hat Big Easy zerstört - künftige Hurrikane werden dies ebenso tun. Nicht die Ingenieure haben versagt, der eigentliche Grund ist der: Im Verlauf des letzten Jahrhunderts haben wir in Louisiana 1 Million Acres* küstennahe Inseln und Marschland eingebüßt. Schuld ist der Mensch. Dieses Land fungierte als natürliche "Bremse". Es bremste in früheren Zeiten die tödlichen Flutwellen der Hurrikane und schuf so eine wichtige Voraussetzung für die Bewohnbarkeit der Stadt New Orleans.
Anfang Dezember rief Präsident Bush die Bewohner von New Orleans auf, Nachhause zurückzukehren. Dem Medienpublikum erklärte er, "wir werden tun, was immer nötig ist", um New Orleans zu retten. Aber eine Sache verweigert er formell - die eine Sache, ohne die ein Überleben für New Orleans nicht möglich ist: die Wiederherstellung des Netzwerkes aus Küsten-Wetlands und Inselbarrieren.
Dagegen wurden mehrere zehn Milliarden Dollar freigegeben, um an den Symptomen zu kurieren - kaputte Dämme, unzureichende Notfallreserven, zerstörte Straßen und Brücken. Zur Bekämpfung der eigentlichen Krankheit aber wird so gut wie nichts ausgegeben. Mit Krankheit meine ich in erster Linie das verlorene Land - denn dadurch konnte der Ozean in die Stadt laufen. Weder neue Dämme - wie hoch sie auch sein mögen -, noch volle Trinkwasserflaschen-Lager werden New Orleans retten können, nicht, solange die Küstenlinie des Bundesstaates Louisiana nicht in ihrer Funktion als natürliche Barriere wiederhergestellt ist.
Allein seit dem Zweiten Weltkrieg versank zwischen New Orleans und dem Golf von Mexiko Land in der Größenordnung von Rhode Island im Wasser, meist Marschland. Pro 2,7 Meilen Marschland, so wird gerechnet, reduziert sich die Höhe einer Hurrikanflutwelle um rund einen Fuß (Anmerkung d. Übersetzerin - 1 Fuß ungefähr 30cm), was die Macht des Sturmes bricht. Einfacher ausgedrückt: Wäre Katrina 1945 und nicht 2005 aufgetreten, die Flutwelle wäre zwischen 5 und 10 Fuß flacher ausgefallen.
Das Marschland und die Inselbarrieren sind aus dem sedimentreichen Flutwasser des Mississippi entstanden - ein Vorgang, der Tausende von Jahren dauerte. Die modernen Deiche schieben der natürlichen Überflutung einen Riegel vor. Den Wetlands, wo es sie noch gibt, mangelt es an neuem Sedimentmaterial und an Nährstoffen; sie erodieren und "versinken", das heißt, sie werden weggespült. Auch ohne neue Hurrikane verschwindet so alle zehn Monate Louisiana-Land von der Größe Manhattans in den Fluten. Das entspricht 50 Acres jeden Tag oder einem Fußballfeld alle 30 Minuten.
Es existiert ein Plan, mit dem sich das Problem beheben ließe. Er würde $14 Milliarden kosten. Dieser von Umweltschützern, Ölgesellschaften und Fischern gleichermaßen unterstützte Plan gilt als technisch ausgereift und liegt schon seit Jahren auf dem Tisch. Seit Katrina wird noch massiver auf seine Umsetzung gedrängt. Dennoch will die Bush-Administration nichts davon wissen. Warum? Eine schwierige Frage. Die Folgen sind absolut tödlich. Der Plan würde gerade mal soviel an Investitionen kosten wie 6 Wochen Irak - eine Summe, die dem Tunnelprojekt 'Big Dig' in Boston entspricht. Stattdessen müssen wir uns wohl auf weitere $200 Milliarden für den nächsten unvermeidlichen Hurrikan einstellen - hier, gleich um Ecke in Louisiana.
Der große Plan, mit dem sich alles ändern ließe, wurde unter der Bezeichnung 'Coast 2050' bekannt. 'Coast 2050' sieht vor, massive Pipelines, Pumpen und chirurgisch präzise Kanäle zu installieren, um so der Küstenpufferzone wieder einen Teil des sedimentreichen-dickflüssigen Flusswassers zuzuführen. Städte und Gemeinden und die Infrastruktur würden nicht zerstört. Nach und nach würden so Hunderttausende Acres Wetlands neu entstehen und ganze Inselbarrieren wiederhergestellt - in nur 12 Monaten. (Zum Vergleich: Laut Schätzungen könnte der Regierungsplan zur Wiederherstellung der Deiche Jahrzehnte dauern.) Alle sind sich einig: 'Coast 2050' würde funktionieren. Erst letzte Woche hat die National Academy of Sciences die Seriosität seines Ansatzes bestätigt und zu raschem Handeln aufgefordert.
Am 8. November legte das Weiße Haus dem Kongress das zweite und letzte finanzielle Notfallpaket für Katrina vor. In diesem Paket ist der Plan mit schockierenden $250 Millionen veranschlagt - nicht mit den geforderten $14 Milliarden.
Wieso kann eine Regierung, die völlig unvorbereitet auf Katrina I reagierte, nicht begreifen, dass dringendes Handeln geboten ist, um Katrina II zu verhindern? Meine persönliche Theorie: Bush hört das Wort "Wetlands", denkt an "Umweltschutz" und schaltet sofort ab. Er hegt eine ideologische Aversion gegen alles, was mit Umweltschutz zu tun hat. Dies könnte auch die Erklärung dafür sein, dass Bush in seinen diversen Reden, die er nach Katrina auf 6 Foto-Tripps in die Golf-Region hielt, die Worte Wetlands und Inselbarrieren kein einziges Mal in den Mund nahm - kein einziges Mal.
"Entweder, sie haben es nicht begriffen, oder es ist ihnen egal", meint Mark Davis, Direktor der 'Coalition to Restore Coastal Louisiana'. "So oder so, die Folgen werden weitere Katastrophen sein".
Also - hört auf mit dem Aufräumen. Stellt Besen und Kettensäge in die Garage. Schließt die paar Geschäfte, die wieder geöffnet haben. Belasst die Deiche in ihrem kaputten Zustand. Alle nichts wie raus aus New Orleans - sofort! Zum leben ein völlig unsicherer Ort.
Die Menschen zu ermutigen - wie Bush es tut -, nach New Orleans zurückzukehren, ohne den einzigen Plan zu finanzieren, der die Stadt vor der nächsten Großkatastrophe, 'the next Big One', bewahren könnte, ist schlichter Massenmord. Wenn die Regierung - nach allem, was die Menschen durchgemacht haben, nach den immensen Kosten dieser nationalen Tragödie -, selbst eine Investition in der Größenordnung des Bostoner 'Big Dig' (Tunnelprojekt zwischen dem Logan Airport und Downtown Boston) scheut, ist das Spiel wirklich verloren.
Allen, denen diese Nachricht nicht behagt - den Bauern, die ihr Getreide über den Port von New Orleans verschiffen, den New Englanders, die ihre Heime mit Erdgas aus dem Golf von Mexiko beheizen oder den Kulturenthusiasten mit ihrem Faible für den French-Quarter-Gumbo - sei geraten, wendet euch an das Weiße Haus, sagt ihnen die Meinung - aber besser nicht auf Antwort hoffen.
Mike Tidwell ist Autor von 'Bayou Farewell: The Rich Life and Tragic Death of Louisiana's Cajun Coast'. Tidwell lebt in Takoma Park. Zu den Hintergründen, Folgen und Konsequenzen von Katrina: www.katrinanomore.com
Anmerkung d. Übersetzerin
* 3 Acres entsprechen etwas mehr als 1 Hektar
Orginalartikel:
Goodbye New Orleans
Übersetzt von:
Andrea Noll
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