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Gratuliere Amerika

Du hast bin Laden sehr glücklich gemacht

von Robert Fisk

22.01.2002 — The Independent / ZNet

— abgelegt unter:

Verschleppt in einer entlegenen Ecke der Welt, wo sie hingerichtet werden könnten, wo die Gesetze der Menschenrechte aufgehoben sind. Klingt für mich wie der Mittlere Osten. Angekettet, mit Kapuzen verhüllt, von "Gerichten" mit dem Tod bedroht, die der Verteidigung oder Unschuld keinen Freiraum lassen würden. Im Grunde klingt es wie Beirut in den 80´er Jahren.

Ich habe diese Story schon einmal geschrieben. Letztes Mal erinnere ich mich über die Drohungen gegen meinem entführten Freund und Journalisten Terry Anderson geschrieben zu haben, gefesselt, mit verhülltem Gesicht, ständig von seinen "islamistischen" Entführern im Libanon bedroht. Das war zwischen 1986 und 1991 und Terry - lasst uns diesen Unterschied nicht vergessen - war kein Mann der Gewalt. Er war ein Journalist, ein Kamerad, ein Freund. Aber er wurde äussert grausam behandelt, man erlaubte ihm keine Kontakte zu seiner Familie, man hielt ihn in Einzelhaft gefangen, man bedrohte ihn mit dem Tod, genau so absolut, wie es die amerikanischen Militärtribunale tun, die wissen, dass sie das Schicksal der al-Qa'ida Männer in ihre Hände halten.

Und dann erinnere ich mich an das abscheuliche Gefängnis von Khiam, wo Israel seine libanesische Gefangenen einsperrte - echte oder angebliche, keiner von ihnen von einem Gericht verurteilt - und wohin die Gefangenen in Ketten, kapuzenverhüllt und betäubt geschafft wurden um verhört zu werden. Ihr Verhör umfasste elektrische Folter - stromdurchflossenes Metal, das an Penis und Brustwarzen angebracht wurde (es gab auch weibliche Gefangene) - was niemals in Guantanamo Bay passieren könnte - wie Amerikas israelische Verbündete es ihren libanesischen Milizen in 1980 beibrachten. Sie ihrerseits brachten es ihren Feinden von der libanesischen Shia Miliz bei, die Elektrizität gegen ihre Gefangenen anwendeten. Amerika, Israels Freunde hätte dieses kranke, verabscheungswürdige Gefängnis schliessen können, wenn sie darauf bestanden hätten.

Aber Washington blieb still. Den libanesischen Shia Gefangenen blieb es überlassen den Männern gegenüberzutreten, die Elektroden an ihre Hoden anbrachten. Die Nation, die später ein Krieg des Guten gegen das Böse erklärte, sah an Khiam nicht viel Falsches. Und jetzt, ein kleiner Erinnerungsgang. In den 80´er Jahren, als ich über den Krieg in Afghanistan, zwischen den Mujahedin Guerrillas und den sowjetischen Besatzern berichtete, wurden arabische Kämpfer - bewaffnet von den Amerikanern, bezahlt von den Saudis und dem Westen - gelegentlich von den Russen oder ihren afghanischen kommunistischen Verbündeten gefangen. Zum grössten Teil waren die Araber Ägypter. Sie wurden in Kabul im Fernsehen vorgeführt und dann als " Terroristen" hingerichtet. Wir nannten sie "Freiheitskämpfer". Präsident Reagan behauptete, dass ihre Befehlshaber den amerikanischen Gründerväter nicht unähnlich waren.

Von Zeit zu Zeit setzten diese revolutionären Kräfte über den Amu Darya Fluss über, um die Sowjetunion selbst anzugreifen. Die "arabischen" Afghanen griffen von Afghanistan aus ein fremdes Land an. Das taten sie in ihrem Krieg gegen die Besatzung. Wir haben sie unterstützt. Denn ja, sie waren "Freiheitskämpfer". Jetzt, da sie sich gegen Amerika gewandt haben, da sie es gewagt haben sich U.S.-Kräften innerhalb Afghanistans entgegenzustellen, um U.S.-Kräfte zu zerstören, die Teile der arabischen Welt "besetzen" - in Saudi Arabien, in Kuwait - sind sie "illegale Kämpfer" geworden, "Schlachtfeldgefangene". Das ist im wesentlichen, wie sie von den Russen in den 80´ern genannt wurden. Es rechtfertigte ihre Gefangenschaft in dem abscheulichen Pol e-Chowkri Gefängnis ausserhalb von Kabul, wo sie wie Tiere eingekerkert waren - teilweise den Elementen ausgesetzt - bevor sie vor einem unfairen Gericht geführt wurden.

Ausser der Folter, tun die Vereinigten Staaten jetzt genau das, was die meisten arabischen Regierungen seit Jahrzehnten getan haben: ihre brutalen "islamistischen" Feinde zu verhaften, sie incommunicado zu halten, angekettet, mit verhüllten Gesichtern, während sie unfaire Gerichtsverhandlungen vorbereiten. Präsident Mubarak von Ägypten würde beipflichten. Ebenso König Abdullah von Jordanien. Ebenso die Saudis, deren groteskes, hoffnungslos ungerechtes, islamisches "Rechtsystem" den amerikanischen Gefangenen vertraut anmuten würde. Saddams Gefängnise wären viel schlimmer - bleiben wir fair - aber im grössten Teil der arabischen Welt und Israel, würden die al-Qa'ida Männer ähnlich behandelt werden. Und ob uns das gefällt oder nicht, viele Saudis glauben, dass amerikanische Truppen ihr Land besetzen, dass schon die Anwesenheit von U.S.-Soldaten in dem Königreich ein Verbrechen ist. King Fahd lud die Amerikaner 1990 nach der irakischen Invasion Kuwaits natürlich nach Saudi Arabien ein. Präsident Bush Senior versprach den Arabern das Land zu verlassen, wenn die Gefahr einer irakischen Besetzung vorbei sein würde. Aber sie sind immer noch hier.

Vor einigen Jahren berichtete ich im Independent, dass Kronprinz Abdullah - der eigentliche Herrscher, jetzt da der König so schwer behindert ist - wollte, dass die Amerikaner das Land verlassen. Von amerikanischen Kommentatoren erhielt das viel Hohn. Aber nun berichtete niemand geringeres als die Washington Post, dass die Saudis die Amerikaner raushaben wollen, und die Kommentatoren schweigen. Nicht so US Innenminister Colin Powell. Für ihn, könnte die amerikanische Anwesenheit in Saudi Arabien dauern bis die Welt sich in "die Art Ort verwandelt den wir uns erträumt haben". Amerikanische Truppen in Saudi Arabien sind nicht nur ein Abschreckungsmittel gegen Saddam, sagte er an diesem Wochenende, sie sind ein "Symbol" des amerikanischen Einflusses. Könnten die al-Qa'ida einen noch stärkeren Grund haben ihren Widerstand weiterhin fortzusetzen?

Die "Besetzung" Saudi Arabiens bleibt der Eckpfeiler von Osama bin Ladens Krieg gegen die Vereinigten Staaten, der ursprüngliche raison d' être seines gnadenlosen Kampfes gegen Amerika. Und hier ist Mr. Powell, effektiv demonstrierend, dass Washington tiefergehende Motive hatte ihn in den Golf zu schicken. Als er hinzufügte, dass "wir uns der Regierung nicht mehr aufzwingen sollten, als das absolute Minimum an Forderungen die wir haben", sagte die Phrase "mehr als das absolute Minimum" alles. Die Vereinigten Staaten werden entscheiden wie lange sie in Saudi Arabien bleiben werden - nicht die Saudis; was genau das ist, was Mr. bin Laden schon die ganze Zeit gesagt hat.

Jetzt erfahren wir, dass US Truppen sechs Araber verhaftet haben, als sie aus einem Gefängnis in Bosnien freigelassen wurden. Die Bosnier erklärten, da die Amerikaner die Beweise die gegen sie in einer Verhandlung vorgebracht werden könnten, nicht enthüllen wollen - um US - "Nachrichtenquellen" zu schützen - die Männer aus ihrem bosnischen Gefängnis freigelassen werden sollten. Was sie auch wurden - nur um von den Amerikanern ergriffen zu werden. Und was erzählte uns die Washington Post allen Ernstes? Dass die Operation Berichten zufolge von US-Truppen durchgeführt wurde, die unabhängig von den NATO-Kräften (in Bosnien) handelten.

Wirklich? Ist die Washington Post so dumm? Sind wir es? Ist es das, worum es bei Recht und Ordnung geht? Ja, der Westen kämpft gegen einen grausamen Feind. Jeder, der Osama bin Ladens vollständige Videoerklärung in Dezember gelesen hat, muss begreifen, dass der Krieg gegen ihn - tatsächlich der Konflikt in Afghanistan - erst begonnen hat. Aber schon jetzt verwandeln wir uns in die Art betrügerische, grausame Menschen, für die Mr. bin Laden uns hält. Angekettet, kapuzenverhüllt, betäubt. Für eine Verhandlung vorbereitet ohne Enthüllung der Beweise. Mit einem möglichen Todesurteil am Ende, sind wir nun das genaue Vorbild der Feinde, die Mr. bin Laden bekämpfen will. Er muss ein glücklicher Mann sein.

Orginalartikel: Congratulations, America.
Übersetzt von: Dana
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