Hamas
Das Vermächtnis Sharons
von Neve Gordon
26.01.2006 — In These Times / ZNet
Beide politischen Arenen – sowohl die israelische als auch die palästinensische – befinden sich in Aufruhr. In Israel hat der Herzinfarkt von Premierminister Ariel Sharon das Land und seine seit kurzem etablierte Partei, die Kadima, in ein Durcheinander versetzt. In den palästinensischen Territorien verliert die regierende Partei rapide ihre Unterstützung, während die islamistische Partei Hamas Boden gutmacht. Paradox ist, dass der stetige Aufschwung der Hamas ein Teil von Sharons Vermächtnis ist, wohingegen der bevorstehende Sieg in den anstehenden Wahlen es Israels neuen Führungskräften ermöglichen wird, Sharons politische Vision in die Realität umzusetzen.
Als Vater der renitenten Siedlungsbestrebungen Israels und als Verantwortlicher für den Tod tausender im Libanon, einem Debakel einschließlich der Massaker von Sabra und Shatila, hat Sharon sein strategisches Denken im Laufe der letzten Jahre geändert. Nachdem er für drei Jahrzehnte israelische Bemühungen palästinensische Gebiete zu enteignen angeführt hatte, wurde Sharon nun bewusst, dass die eigentliche Idee eines „jüdischen“ Staates, in dem Juden die Mehrheit ausmachen, „bedroht“ wurde in Zeiten, in denen messianische und militärische Visionen eines Großisraels zur Realität wurden und die Grenzen zwischen Israels eigentlichem und dem besetzten Territorium, das es 1967 einnahm, amortisiert wurden. Wiewohl er die Annexion der West Bank und des Gazastreifens aufgrund vielversprechender geographischer Vorteile für eine verlockende Idee hielt, schloss er sich einer großen Mehrheit von israelischen Juden an, die sich bedroht fühlten von dem Fakt, dass in der heutigen Zeit die Mehrheit der Menschen, die in dem Gebiet zwischen Jordanischem Tiefland und Mittelmeer lebt, nicht jüdisch sind.
Über Jahre hinweg hielt man diese demographische „Bedrohung“ fern, indem Palästinensern die israelische Staatsbürgerschaft verweigerte wurde und sie unter die Herrschaft des Militärs brachte. Mit anderen Worten gesagt, kreierte Israel ein Apartsheidsregime in der West Bank und im Gazastreifen, um so jüdische Mehrheitsverhältnisse inmitten ihrer Grenzen aufrecht zu erhalten. Es schuf ein duales Rechtssystem innerhalb eines Territoriums – eines für jüdische, eines für palästinensische Staatsbürger. Diese Nichtübereinstimmung zwischen israelischen Sehnsüchten und demographischer Realität führten an eine politische Kreuzung, an der es galt sich für eine von zwei möglichen Optionen zu entscheiden: Das Festhalten an einem System der Apartheid oder, der Umkehrschluss, die Aufgabe der Idee eines jüdischen Staates.
Sharon entschied sich dafür, sich einer dritten Option anzunehmen. Er zog sich zurück aus dem Gazastreifen and plante verschiedene Teile der West Bank zu annektieren und so die demographische und geographische Realität der Region zu verändern. Er benutzte den Trennungswall – der aus elektronischen Zäunen, Stacheldraht, Patrouillierwegen, Gräben und massive Betonmauern besteht – als Mittel, seine politische Vision unilateral zu implementieren. Obwohl diese Barrieren fortwährend als vorübergehender, zeitlich begrenzter Sicherheitsapparat präsentiert wird, ist das primäre Ziel in Wirklichkeit, die Landkarte mit dem Gebiet von Israelis und Palästinensern neu zu zeichnen.
Demographisch gesehen wird die Barriere 56 jüdische Siedlungen im Osten des Landes umranden und dieses Gebiet so zugleich annektieren, sodass 171.000 West Bank-Siedler mit in israelischen Grenzen eingebunden werden. Die Mauer in Ost-Jerusalem wurde errichtet um die Annektionen von 1967 dieses Teils der Stadt zu bekräftigen und den Aufenthalt der 183.300 jüdischen Siedler zu legitimieren. Im Falle, dass diese Abgrenzung in der Tat die neue Grenze wird, würde dies das Problem lösen, das ungefähr 87 Prozent aller illegalen israelischen Siedler darstellen. Die verbleibenden 13 Prozent – oder 52.500 Siedler – wären unter Androhung von Gewalt zu evakuieren, ganz wie es mit den jüdischen Siedlern im Gazastreifen geschah.
Indem die West Bank annektiert wird, bedeutet dies, geographisch gesehen, eine Vergrößerung des israelischen Territoriums und gleichzeitig eine Errichtung von sich selbst verwaltenden Enklaven für Palästinenser. Die Route dieser Barriere teilt dabei palästinensisches Gebiet in 16 kleinere, interne Enklaven mit spezifischen Städten und Gemeinden. Weiterhin entstehen durch diese Teilung mindestens zwei (Norden/Süden), wenn nicht sogar vier größere Enklaven in der West Bank (der Norden teilt sich in drei Teile, nördlich von Ariel, südlich von Ariel und südlich von Jericho). Rechnet man den Gazastreifen dazu, dann wird klar, dass ein zukünftiger palästinensischer „Staat“ nach vollendetem Bau der israelischen Schutzbarrieren sich aus drei bis fünf Hauptregionen bestehen würde.
Während diese Regionen dabei fast vollständig voneinander isoliert werden, wird Israel an einer wirksamen Kontrolle aller Grenzen festhalten, sodass eine hermetische Abriegelung, wann immer es das wünscht, realisiert werden kann. Das Neue an diesen Abgrenzungen ist dabei nicht der Versuch, in den besetzten Gebieten Enklaven zu erschaffen in den besetzen Gebieten, sondern die Anstrengung, diese Enklaven in quasi unabhängige Gebiete, das heißt in einen vorgeblichen palästinensischen Staat umzuwandeln.
Es erscheint nicht als überraschend, dass Sharon mit dieser unilateralen Lösung während der letzten zwei Jahre die Saat des Hasses gesät hat. Es wäre anzunehmen, dass die internationale Gemeinschaft diesen kurzsichtigen, israelischen Unilateralismus verurteilt. Dennoch stehen die Chancen zum jetzigen Zeitpunkt besser als je zuvor, dass, wenn Sharons Nachfolger sich um internationale Zustimmung bemühen werden, ihr Programm auch auf weitreichende Unterstützung treffen wird, da im Kampf gegen den islamistischen Fundamentalismus alles erlaubt ist.
Nun tritt die Hamas auf die Bühne. Hamas, eine Abkürzung für Harakat al-Muquwama al-Islamiyya „Islamistische Widerstandsbewegung“, wurde 1987 von Scheich Ahmad Yasin gegründet, zu einer Zeit, in der die erste Intifada ausbrach. Während bei der Hamas immer die Tendenz besteht, sie mit ihrem militärischen Arm zu identifizieren, Izzedin al-Quassam, der berüchtigt für seine Angriffe auf Israel ist, ist diese Organisation auch immer schon eine dynamische politische und soziale Bewegung gewesen. Sie errichtete Kindergärten und Schulen, die Kindern freie Mahlzeiten bieten können, Bildungszentren für Frauen sowie Jugend- und Sportklubs. Medizinische Kliniken, unterstützt von der Hamas, bieten bezuschusste Behandlungen für Kranke an, und dem Wiederaufbau von Häusern, die zerstört wurden, und Flüchtlingen, die unter widrigen Bedingungen leben, wird mit technischer und finanzieller Hilfe zur Seite gestanden. In diesem Sinne hat die Hamas, seit ihrer Gründung, den Palästinensern extensiven Gemeinschaftsdienst angeboten und mit pragmatischen Entschlüssen auf immer fortwährende Veränderungen in der Politik reagiert.
Die sich verändernden Kräfteverhältnisse innerhalb der palästinensischen Gesellschaft, in der die regierende Fatah Partei viele ihrer Anhänger an die Hamas verloren hat, werden zweifellos Israel helfen, seine unilateralen Lösungen voranzubringen. Als „In These Time“ an die Presse trat, schien es höchstwahrscheinlich, dass die Hamas die größte Partei im palästinensischen Territorium bei den Wahlen am 25. Januar sein würde, wenn sie diese nicht sogar gewinnen würde. Dies wird dem Erben Sharons von Nutzen sein, wird es jenem doch nicht nur helfen, die Vereinigten Staaten, sondern auch Europa zu überzeugen, den israelischen Vorstoß zur Ziehung neuer Grenzen zu unterstützen, und die andauernden Verstöße gegen die Rechte der Palästinenser übersehen, die Israels unilaterales Handeln mit sich ziehen.
Sharon, als brillanter Stratege, scheint dies schon vor langer Zeit erkannt zu haben und implementierte über die Jahre hinweg Richtlinien, die die Hamas stärkten. Die internationale Krisengruppe zum Beispiel hat gezeigt, dass Hamas gerade durch die wirtschaftliche Not, hervorgerufen durch israelische Angriffe und Embargos, gestärkt wurde. Das daraus resultierende wirtschaftliche Desaster schuf eine Lücke, welche Hamas“ karitative Organisation schließen konnten, die palästinensischen Behörden aber nicht. Dank Sharons militärischer und wirtschaftlicher Strategie in den besetzten Gebieten wurden praktisch alle Türen geschlossen – bis auf die der Moscheen.
Sharons Politik während seiner Amtszeit stärkte die Hamas, während der Einfluss der Hamas auf palästinensischen Straßen letztendlich Sharons Anhängern die Rechtfertigung geben wird, ihre Pläne ungehindert zu verfolgen.
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