Hiroshima
von Michael Zezima
05.08.2001 — ZNet Kommentar
Es ist eine Atombombe. . . . Es ist die großartigste Sache der Geschichte.
Präsident Harry S. Truman, August 6, 1945
Vor etwa zwei Monaten schrieb ich einen Artikel über den Film Pearl Harbor. In diesem Aufsatz versuchte ich einen Zusammenhang mit dem 7ten Dezember 1941, dem Angriff auf Pearl Harbor, herzustellen. Dazu erreichten mich einige hundert e-mails, die meisten meine These unterstützend, muss ich dazu sagen. Eine Meinung die des öfteren geäussert wurde, von denen, die nicht besonders begeistert waren von dem, was ich zu den U.S.Aktionen im zweiten Weltkrieg zu sagen hatte, war: Amerika hatte keine Wahl und musste die Atombomben auf japanische Zivilisten in Hiroshima und Nagasaki abwerfen. Hätte Amerika dies nicht getan, meinten sie, so wären Millionen amerikanischer Soldaten in der dann notwendigen Invasion der japanischen Inseln umgekommen.
Wir nähern uns dem 6. August 2001, dem 56. Jahrestag des Atombombenangriffs auf Hiroshima und es erscheint offensichtlich, dass dieses Thema ist noch lange nicht abgeschlossen ist. Ich möchte deshalb eine weitere Diskussion anstoßen, mit der Frage: Warum wurde die Bombe eingesetzt?
Bevor wir uns mit den Gründen des Abwurfs der Atombombe beschäftigen, müssen wir uns mit einem weniger bekannten Mythos befassen: Dem Rennen auf Leben und Tod mit deutschen Naturwissenschaftlern. "Sie arbeiten in Los Alamos, New Mexico," schreibt der Historiker Kenneth C. Davis, "Atomwissenschaftler, viele davon waren Flüchtlinge aus Hitler's Europa die dachten, sie wären in einem Rennen mit den Deutschen um die Atombombe." Sicherlich, wenn es für den Inbegriff des Übels (Hitler) möglich ist eine Atombombe zu bauen, so liegt es in der Verantwortung der "guten Menschen" (good guys) dem Führer zuvorzukommen. Ein derartiges dramatisches Rennen macht sich gut für Melodramas, der deutsche Bombenaufwand aber, so scheint es, war weit vom Erfolg entfernt.
Dank der Freigabe wichtiger Dokumente haben wir jetzt den "unangreifbaren Beweis dass das Rennen mit den Nazis eine Fiktion war", teilt uns Steward Udall mit, zitierend aus den Werken von Mc George Bundy und Thomas Powers, hinzufügend dass, "gemäß der offiziellen Geschichte des Englischen Geheimdienstes (SIS), dessen Agenten Kontakte mit Wissenschaftlern in neutralen Ländern unterhielten....." Diese Verbindungen, Mitte des Jahres 1943, ergaben genügend Beweismaterial um den englischen Geheimdienst zu überzeugen, dass ein deutsches Bombenprogramm einfach nicht existierte.
Trotz dieser Erkenntnisse des SIS erhielt General Leslie Groves, Kommandant des Manhattan Projekts, die Erlaubnis eine Geheimmission, genannt Alsos (griechisch für "Grove" (Wäldchen) verstehen Sie?) zu betreiben. Der Zweck der Geheimmission sollte sein, den vorrückenden allierten Truppen zu folgen und deutsche Wissenschaftler, die mit der Herstellung von Atomwaffen beschäftigt waren, gefangen zu nehmen.
Die Daten, gesammelt von Alsos, bestätigten die SIS Erkenntisse, nämlich, das dass Dritte Reich kein Nuklear-Programm verfolgte. Groves jedoch war in der Lage diese Ergebnisse so zu deuten, dass er trotzdem sein Lieblingsprojekt weiterverfolgen konnte. In der gnadenlosen Religion des Anti-Kommunismus, der Feind des "gerechten Krieges" war niemals der Faschismus. Trumans Tochter, Margaret, äußerte sich über ihren Vater, den amerikanischen Präsidenten, kurz nach Rosevelts Tod: "Meines Vaters größte Sorge in diesen ersten Wochen war unsere Russlandpolitik"
Die übliche Rechtfertigung für den Abwurf der Atombomben über Japan ist, dass damit Leben gerettet werden konnten. Aber ist das auch wahr? Wäre eine Invasion Japans wirklich notwendig geworden? Und schließlich die Frage: Waren die amerikanischen Handlungen motiviert durch den eskalierenden kalten Krieg mit der Sowiet-Union? Dies sind die Tatsachen, die mit der allgemein akzeptierten Geschichte nicht übereinstimmen:
Obwohl mehrere hunderttausend Japaner in Hiroshima und Nagasaki starben, erklärt man uns, der Atombombenabwurf sei eine lebensrettende Maßnahme gewesen. [Amerikanischer Leben, versteht sich.] Wieviel Leben wirklich gerettet wurden weiß kein Mensch. (Wir wissen, etwa ein Dutzend, vielleicht auch mehr amerikanische Kriegsgefangene wurden in Hiroshima getötet. Eine Wahrheit die uns 30 Jahre vorenthalten wurde). Um die amerikanische Handlung zu begründen wird normalerweise angenommen, dass der Bombenabwurf Leben gerettet habe. Die hypothetische Leichenzählung reicht von 20.000 bis in die "Millionen". Den "Männern und Frauen des Manhattan Projekts" gegenüber erklärte Präsident Truman seine Hoffnung, dass "diese neue Waffe tausende amerikanischer Leben retten wird".
Des Präsidenten anfängliche Formulierung "tausende amerikanischer Menschenleben" war ganz sicherlich nicht seine letztes Wort, bemerkt der Historiker Gar Alperovitz. In seinem Buch, The Decision to Use the Atomic Bomb and the Architecture of an American Myth, ( Die Entscheidung die Atombombe einzusetzen, und das Entstehen eines amerikanischen Mythos) dokumentiert Alperovitz einige von Truman's Schätzungen über die Jahre:
- 15. Dezember 1945: "Ich denke, dass eine viertel Million der Blüte unserer jungen Männer die Zerstörung zweier japanischer Städte wert war."
- Spät im Jahre 1946: "Ein Jahr weniger Krieg bedeutet das Leben von dreihundert tausend, vielleicht sogar einer halben Million unserer besten Jugend.
- Oktober 1948: Auf die Dauer konnten wir das Leben einer viertel Million Amerikaner und eine gleiche Anzahl junger Japaner retten.
- 6. April 1949: "Ich dachte, etwa 200.000 unserer jungen Männer konnten gerettet werden".
- November 1949: Truman zitiert den Oberbefehlshaber der Armee Georg S. Marshall der die Verluste einer Invasion auf 500.000 Tote und Verwundete geschätzt haben soll.
- 12. Januar 1953: Immer noch Marschall zitierend, Truman erhöht die Einschätzung auf "ein Minimum von einer viertel Million" und vielleicht bis zu einer Million nur auf der amerikanischen Seite und der gleichen Anzahl auf der Seite des Feindes.
- Und schließlich am 28. April 1959 meinte Truman: "der Abwurf der Bomben.....rettete Millionen das Leben.
Glücklicherweise können wir aber auf offizielle Schätzungen zurückgreifen. Im Juni 1945 gab Truman dem Militär den Auftrag die Verluste zu kalkulieren, die bei einem Angriff auf Japan zu erwarten gewesen wären. Das gemeinsame Kriegs- Planungs- Komitee (Joint War Plans Committee) erstellte einen Bericht für die Oberbefehlshaber der Streitkräfte mit Datum vom 15 Juni 1945. Der Bericht ist wohl der einzige den man als einigermaßen "akkurat" beschreiben könnte: 40.000 amerikanische Soldaten gefallen, 150.000 verwundet und 3500 vermisst.
Die tatsächlich möglichen Verluste müssen natürlich unbekannt bleiben. Es ist aber bekannt, dass Japan zu kapitulieren versuchte und zwar schon Monate vor den Bombenabwürfen. Ein Telegramm, datiert 5. Mai 1945, abgefangen und von US Diensten entschlüsselt, "zerstreute alle möglichen Zweifel und machte klar, dass die Japaner bereit waren Kapitulation". Tatsache ist, der U.S. Strategic Bombing Survey berichtete kurz nach dem Krieg, dass Japan mit höchster Wahrscheinlichkeit vor dem viel diskutierten Invasionsdatum der Allierten, dem 1 November 1945, kapituliert hätte. Truman selbst argumentierte sehr beredsam in seinem Tagebuch: Stalin würde im Japanischen Krieg (Jap War) bis zum 15. August eingreifen. FINI (sic) Japs, wenn's mal soweit ist.
Viele hinterfragten nach Hiroshima /Nagasaki den Sinn des Abwurfs der Bomben. "Ich dachte unser Land sollte nicht die Weltmeinung durch den Abwurf der Bombe schockieren. Diese Waffe als Mittel amerikanische Leben zu schützen,so dachte ich,war nicht nötig" so General Dwight D. Eisenhower.
Der militärische Analytiker der New York Times, Hanson Baldwin, schrieb: "Der Feind, im militärischen Sinne, war in einer hoffnungslosen Position."
Dies war die Situation in der wir Hiroshima und Nagasaki ausradierten. Mussten wir es tun? Niemand kann natürlich ganz sicher sein, aber die Antwort muss mit hoher Sicherheit sein: Nein, wir mussten es nicht tun.
War es dann doch die kalte Logik des Kapitalismus die den Angriff von Zivilisten mit Atomwaffen anregte? Schon im Mai 1945, berichtet ein venezulanischer Diplomat, habe Vize-Außenminister Nelson Rockefeller "uns die Sorgen der U.S. Regierung über die Russische Haltung mitgeteilt." Der U.S. Außenminister James F. Byrnes erklärte: "Unsere Verfügung über die Bombe und ihre Demonstration wird Russland im Osten kontrollierbarer machen........die Demonstration der Bombe wird Russland mit Amerikas militärischer Macht beeindrucken".
General Leslie Groves war weniger zurückhaltend: "Zwei Wochen nachdem ich die Leitung des Projekts (Projekt Manhattan) übernommen hatte, gab es meinerseits keine Illusionen mehr. Russland war der Feind und auf dieser Basis wurde das Projekt geführt".
Etwa gleichzeitig nahm Präsident Truman zur Kenntnis, dass der Kriegsminister Henry Stimson "mindestens mit der Rolle der Atombombe in der Gestaltung der Geschichte so interessiert war, als mit der Möglichkeit den Krieg zu verkürzen. An welche Art der Gestaltung Stimson dachte, wurde am 11 September 1945 in einer Erläuterung an den Präsidenten klar: "Ich betrachte das Problem befriedigender Beziehungen mit Russland nicht nur lediglich verbunden, sondern von dem Problem der Atombombe beherrscht."
Stimson bezeichnete die Atombombe als eine "diplomatische Waffe" und erklärte auch gleich, dass "Amerikanische Politiker es gerne hätten, wenn Amerika die Russen einschüchtern würden, in Cowboymanier, demonstrativ mit der Bombe an unserer Hüfte".
"Die psychologische Wirkung (von Hiroshima und Nagasaki) auf Stalin war zweifach" erklärt der Historiker Charles L. Mee, Jr. "Die Amerikaner haben nicht nur die Weltuntergangsmaschine (Atombombe) gebaut, sondern hatten auch keine Skrupel sie anzuwenden als, wie Stalin wusste, keine militärische Notwendigkeit bestand. Es ist diese letzte abschreckende Tatsache die sicherlich den größten Eindruck bei den Russen hinterlassen musste.
Es machte auch einen Eindruck auf den wissenschaftlichen Direktor des Los Alamos Institutes, J. Robert Oppenheimer. Nachdem er von der Katastrophe in Japan hörte, überkamen ihn Zweifel und im Oktober 1945 trat er von seinem Posten in Los Alamos, zurück. Im März des folgenden Jahres sagte Oppenheimer zu Truman:
"Herr Präsident, ich habe Blut an meinen Händen."
Truman antwortete: "Sie werden es wieder abwaschen"
Später sagte der Präsident zu einem Mitarbeiter: "Bring mir den Kerl nicht wieder ins Haus."
"Warum haben wir die Bombe abgeworfen?" überlegte Studs Terkel (ein bekannter US Journalist und Autor) zum fünfzigsten Jahrestag der Hiroshima- und Nagasaki- Bombardierung, "Damit der kleine Harry, (Truman) Stalin und Molotov zeigen konnte, was wir in den Karten haben." erklärte er. "Das war der Ausdruck den Truman gebrauchte. Wir zeigten den verdammten Russen was wir haben und es wäre besser, wenn sie sich in Europa benehmen würden. Deshalb wurden die Bomben abgeworfen. Die Beweislage ist überwältigend. Trotzdem, wenn Sie dies 99% der Amerikaner sagen, werden sie Ihnen in die Augen spucken."
Lasst sie anfangen zu spucken.
---------------------Mickey Z. (Michael Zezima) is the author of Saving Private Power: The Hidden History of "The Good War" http://www.softskull.com/html/saving.html, on which this article is based. He can reached at mzx2@earthlink.net.
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