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Humanitäre Interventionen?

von Noam Chomsky

31.05.2004 — Turning the Tide / ZNet

— abgelegt unter:

Ich werde die Details in Bezug auf Somalia nicht aufzählen, da sich hierzu zahlreiche Texte finden, verfasst sowohl zur Zeit der Vorgänge als auch danach.

Steve Shalom hatte zu der Zeit einen guten Artikel in Z; Auch ich habe sogleich in Z darüber geschrieben. Und später noch mehr, als die Einzelheiten durchsickerten. Kurz gefasst: Es gab eine schreckliche Hungersnot in Folge des Chaos, das nach dem Sturz einen mörderischen, von den USA gestützten Diktators einsetzte. Ende 1992 besserte sich die Lage, Rot-Kreuz-Lieferungen gelangten größtenteils ans Ziel, und es sah so aus, als käme die Situation unter Kontrolle. Zu jenem Zeitpunkt entschloss sich Bush 1, ein großes Spektakel „humanitärer Hilfe“ zu inszenieren. US-Elitesoldaten wurden entsandt, in einer Weise die derart komisch anmutete, dass sie nicht einmal von den Fernsehteams ernst genommen wurde. Es gab eine nächtliche Landungsaktion vor laufenden Kameras (alle Fernsehsender waren natürlich informiert worden: Sonst hätte die Aktion ja auch keinen Sinn gemacht). Aber die Kameras blendeten die Nachtsichtgeräte der Soldaten, und man musste den Fernsehteams befehlen, sie abzuschalten. Natürlich traf man auf keinerlei Gegenwehr.

Es folgte eine Tragik-Komödie, in der einige Leben dank humanitärer Hilfe gerettet wurden und wahrscheinlich ebenso viele oder mehr Leben dank grober militärischer Taktik verloren gingen – was später, als es zum Fiasko wurde, der UNO angelastet wurde - obgleich alles unter militärischer Kontrolle der USA ablief. Black Hawk Down und der Rest stellen eine fiktionale Version davon dar. Die USA schätzten, dass 7 bis 10.000 Somalis getötet wurden, wie auch immer man deren Schätzungen bewerten möchte. Experten, die zu dem Thema gearbeitet haben, wie Alex de Waal, schätzen, dass verlorene und gerettete Menschenleben sich etwa die Waage hielten, und dass sich die ganze Angelegenheit ohne militärische Intervention besser entwickelt hätte. Eine Intervention, die wohl in erster Linie als PR-Aktion durchgeführt und auch fast schon als solche angekündigt worden war. Das ist erst der Anfang. Anlass genug, jedoch, für eine gehörige Portion Skepsis.

Wahre humanitäre Intervention wäre oft begrüßenswert. Und sie ist oft recht einfach zu leisten. Zur Zeit gibt es viel Selbstkritik und Selbstkasteiung aus Anlass des 10. Jahrestags der Massaker von Ruanda, die der Westen nicht durch Intervention aufhalten wollte. 100 Tage lang wurden Menschen ermordet, etwa 8000 pro Tag. Dies entspricht zufällig der Anzahl von Kindern, die täglich in Südafrika an leicht zu behandelnden Krankheiten sterben. Ein Sterben vergleichbar mit Ruanda, nicht 100 Tage lang sondern fortwährend. Und es viel leichter aufzuhalten als durch eine Truppenentsendung nach Ruanda. Es bedarf lediglich einiger Groschen pro Tag, um die Pharmabetriebe zu bestechen, damit sie Heilmittel herstellen - statt das zu tun, wozu sie von Gesetzeswegen her verpflichtet sind: nämlich ihre Profite zu maximieren, indem sie „life-style“ Medikamente erzeugen, statt lebensrettender Arzneien für die Armen. Dies würde ausreichen, um einem Sterben auf dem Niveau Ruandas Einhalt zu gebieten – und es sei wiederholt: nicht nur für 100 Tage, und dies nur unter Kindern einer einzigen Region. Tut dies irgendjemand? Was lehrt uns dies über die vermeintlich humanitären Überlegungen im Bezug auf Ruanda? Oder Darfur? Oder... Nun es lehrt uns, klar und eindeutig, dass humanitäre Erwägungen wunderbar sind, solange die Verbrechen von jemand anderem begangen werden und wir nichts gegen sie unternehmen müssen – vom Einnehmen heroischer Posen abgesehen.

Es lehrt uns sogar noch viel mehr. Man beachte die Barbarei und die verbrecherische Natur einer Gesellschaft, gestützt auf derart irrwitzige institutionelle Strukturen, dass uns kein Mittel bleibt als das Bestechen privater Tyranneien, die sich vor niemandem verantworten müssen, um dem permanenten Sterben vom Ausmaße Ruandas unter den Kindern einer einzigen Region – und es gibt noch viele mehr- ein Ende zu bereiten.

Anmerkungen

Dieser Beitrag von Noam Chomsky stammt aus dem neu eingerichteten Webblog Turning the Tide.

Posted by Noam Chomsky at May 31, 2004 12:28 PM

Übersetzt von: Patrick Mueller
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