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Hurrikan Katrina - ein Blick aus Asien

von Andre Vltchek

01.09.2005 — ZNet Kommentar

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Vor mehr als acht Monaten zerstörte eine der schlimmsten Naturkatastrophen in der menschlichen Geschichte einen großen Teil einer Provinz, die unter der Kontrolle Indonesiens steht – Aceh. Obwohl genaue Zahlen wohl nie feststehen werden, verloren fast 250.000 Menschen ihr Leben während des Seebebens und des darauf folgenden Tsunamis. Zehntausende starben auf Sri Lanka, in Indien und Thailand. Inzwischen ist klar, dass weitere Zehntausende wegen der unangemessenen Reaktion der Regierung und des Militärs Indonesiens starben – auf sich selbst gestellt in abgelegenen Gebieten ohne Nahrung, Trinkwasser, Unterkünfte und medizinischer Versorgung.

Ich ging als Korrespondent nach Thailand und dann nach Aceh um über das Ausmaß des Desasters zu informieren und kritisierte alsbald indonesische Behörden für die schlecht organisierte und chaotische Reaktion auf die Ereignisse und dass sie religiöse „Freiwillige“ statt Profis zum Einsatz brachten. Ich klagte das indonesische Militär an, die Hilfe zu sabotieren, Nahrungsmittel und Trinkwasser zu stehlen, das dringend für die gebraucht wurde, die es geschafft haben, zu überleben. In einer meiner Reportagen kam ich zu dem Schluss, dass die meisten Menschen in Aceh „deshalb starben, weil sie arm waren“: würde ein solches Desaster in Singapur oder in einer anderen reichen Nation geschehen, statt in Indonesien, wo viele Millionen in abstoßenden Elendsvierteln leben, gäbe es nur einen Bruchteil an Opfern.

Nun haben wir den 2. September und die Kameras nahezu aller wichtigen Fernsehsender sind auf die verzweifelten Männer, Frauen und Kinder gerichtet, die um Hilfe bitten, die verlassen sind unter einer heißen Sonne mit nur noch wenig Nahrungsmitteln, Trinkwasser und Unterkünfte in einer der größten historischen Städte der Vereinigten Staaten – New Orleans.

Einer der Berichte von Reuters beginnt heute mit folgenden Worten: „US-Truppen dringen heute, am Freitag, in New Orleans ein, mit dem Befehl „shoot-to-kill“, um Banden, die plündern, abzuschrecken, damit die Helfer sich um die Tausenden von Menschen kümmern können, die durch den Hurrikan mittellos geworden sind, die Toten zu finden und aufzuräumen“. Aber während der vergangenen Tage haben Kameras das „Plündern“ durch verzweifelte Männer und Frauen aufgezeichnet, die in Supermärkte und Geschäfte eingebrochen sind, einfach weil sie zu überleben versuchen. Natürlich gibt es Banden, die die Menschen von New Orleans terrorisieren; natürlich gibt es Schießereien und Anarchie. Aber ist das die ganze Geschichte? Wenn die Hilfe früher angekommen wäre, hätte es offensichtlich keine Notwendigkeit für das Plündern gegeben und keine Chance für die Banden, sich zu organisieren.

Nachdem er über New Orleans geflogen war – was ohne Zweifel ein großes Opfer und ein starker Ausdruck seiner Solidarität war – sprach Präsident Bush darüber, die Ordnung wieder herzustellen. Es war offensichtlich, dass die Verteidigung privaten Besitzes seiner Ansicht nach höher zu bewerten ist, als die Leiden seiner Landsleute. Er erklärte nicht, was für einen Nutzen es hat, wenn Lebensmittel in einem teilweise überfluteten Supermarkt verrotteten. Man fragt sich, ob dies eine neue und mächtige Botschaft seiner Regierung ist: was immer auch passiert, Privatbesitz ist unantastbar und die Verteidigung desselben ist von größerer Bedeutung als die Rettung von Menschen.

Warum benötigten die US-Truppen so viel Zeit, um New Orleans zu betreten? Wo war all die schwere High-Tech-Ausrüstung, die überall in der Welt verwendet wird, zumeist für schändliche Aktionen? Am 1. September war das offizielle Argument, dass ein Flugzeugträger und mehrere Kriegsschiffe gerade die Ostküste verlassen hatten und dass sie eine gewisse Zeit benötigen, um den Golf von Mexiko zu erreichen. Aber warum starteten sie nicht früher? Ein paar Stunden nachdem klar war, wie groß das Desaster werden würde?

Acht Monate zuvor war die Reaktion der Republik Indonesien ähnlich: während das Militär nur ein paar Minuten oder Stunden braucht, um bekannte Stellungen der Rebellen in Aceh oder Papua in die Luft zu jagen, war nach dem Tsunami viele Tage lang plötzlich kein Material für die Rettungsmission vorhanden. Es waren „nicht genug Schiffe in der Gegend“; Soldaten und Polizei vor Ort waren „zu überwältigt“. Die Regierung verweigerte entschiedenes Handeln und beschränkte sich auf das Loben der „Freiwilligen“.

Auf der anderen Seite machten die Königliche Luftwaffe und die Marine Thailands sofort mobil, nachdem der Tsunami große Teile der Südwestküste zerstört hatte. Hubschraubercrews flogen Tausende von Einsätzen und riskierten zum Teil dabei ihr Leben, in dem Versuch, Menschen auf hoher See und in den betroffenen Gebieten zu retten. Ich begegnete mitten in der Nacht in der Nähe des Flugplatzes von Phuket mehreren Piloten, deren Augen rot waren aus Schlafmangel, die sich schnell etwas zu Essen nahmen um dann wieder in die Luft zu gehen – erschöpft, aber entschlossen.

Am Donnerstag sah die ganze Welt zu, als Busse Menschen vom Superdome in New Orleans (wo beinahe alles zusammengebrochen war: von der Klimaanlage bis zu den Toiletten) zum Astrodome in Huston, Texas, transportierten (wo Tausende von Opfern des Hurrikans auf Betten des Militärs schlafen und die paar Toiletten teilen sollten, die ursprünglich für die Sportler gedacht waren). Es war schwer, einige Fragen zu unterdrücken: ist das wirklich das Beste, was die amerikanische Regierung für die tun konnten, die ein schweres Trauma erlebt hatten, die, die gerade alles verloren hatten? Das ist nicht Aceh, sonder Huston, Texas, das Zentrum der amerikanischen Ölindustrie und des Raumfahrtprogramms, mit Hunderten von Hotels und Motels überall!

In Thailand öffneten Hunderte von Hotels (und Privathäuser) ihre Tore den Überlebenden und den Menschen, die nach Familienmitgliedern suchten. War es ein Mangel an Solidarität von den Großkonzernen Amerikas, der verhinderte, dass so etwas in den USA geschah? Und falls es so war, warum zwang die Regierung nicht die Hotels ihre Türen für die Flüchtlinge zu öffnen – zum Beispiel durch eine Notverordnung? Oder ist dies nur ein weiterer Beleg dafür, das der private Sektor und Privatbesitz heilig ist? Noch heiliger als menschliches Leben? Sollte man dies als eine Warnung ansehen: von nun an werde die Dinge in dieser Weise geregelt?

Mehrer Tage lang sah man ungezählte Bilder von Hubschraubern der Küstenwache, die in den überfluteten Gebieten Bewohner von den Dächern ihrer beschädigten Häuser retteten. Die Hubschrauber ließen Körbe nach unten, in denen sie dann die Opfer nach oben zogen. Die meisten dieser Geretteten hatten ein eigenes Zuhause, da sie in den besseren Wohngebieten wohnten. Zur gleichen Zeit, so hörten wir, verhungerten anderswo Menschen; sie fielen buchstäblich mitten auf der Straße um, mitten im Zentrum von New Orleans.

New Orleans ist ohne Zweifel eine (rassisch) geteilte Stadt. Während sie umgeben ist von todschicken Vierteln (bewohnt überwiegend von Weißen), sind die Innenstadt und verschiedene Vororte die Heimat der Minderheiten. Einige der Menschen, die dort leben, sind arm und andere sehr arm. Ist es denn möglich, dass sogar während der Katastrophe die Rettungsaktionen Reiche und Arme, Schwarze und Weiße unterschiedlich behandelten? Gibt es wirklich einen Mangel an Hubschraubern, um alle herauszuholen, sie in Sicherheit zu bringen, um ihnen angemessene vorübergehende Unterkunft, private Badezimmer und Duschen zu bieten?

Was immer auch die Gründe waren, die Reaktion auf die Tragödie im Golf von Mexiko war unangemessen, skandalös langsam, unverzeihlich. Die mächtigste Militärmacht auf der Erde konnte (oder wollte) nicht unmittelbar nach der Tragödie Soldaten einsetzen; sie stand Gewehr bei Fuß während in der Innenstadt von New Orleans Menschen starben, denn bereits Stunden nach dem Hurrikan war die Innenstadt zumindest mit Hubschraubern erreichbar. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat versagt.

Vor Monaten habe ich fälschlicherweise behauptet, dass das, was in Aceh passiert sei, niemals in einem entwickelten Land geschehen könne. Eine Regierung, die eine solche Unfähigkeit zeige, würde gezwungen werde, zurückzutreten. Meine Analyse hat sich durch die Ereignisse in meinem eigenen Land als falsch erwiesen.

In Washington gibt es keine Rufe für eine Anklage und es scheint, dass keine Köpfe rollen werden als Ergebnis eines außerordentlichen Versagens, welches verantwortlich ist für den Tod vieler Männer, Frauen und Kinder. Kritik in den großen Medien der USA ist nur halbherzig zu hören und wenn man sie vernimmt, ist sie verwässert durch die Geschichten (die immer so verlangt und auch angeboten werden) über den Heldenmut und die Selbstaufopferung der Retter. Es entsteht der Eindruck, dass, wenn auch manche Fehler gemacht wurden, die Gesellschaft immer noch regiert wird mittels gesunder Prinzipien, dass im Grunde alles in Ordnung ist.

In Wirklichkeit ging fast nichts in Ordnung für die Bewohner von New Orleans, ganz besonders nicht für die Armen. Und nichts ist in Ordnung während diese Zeilen geschrieben werden. Weiße Säcke beinhalten die Leichen derer, die gerade in den Straßen von New Orleans gestorben sind, diejenigen, die nach dem Desaster gestorben sind – lange danach. Männer, Frauen und Kinder liegen im Zentrum der Stadt ausgestreckt auf dem Boden, viele fast bewegungslos. Sie sind hungrig und durstig, sie haben keinen Ort, an dem sie sich waschen oder sich erleichtern können. Und man erwartet von ihnen, dass sie an Ort und Stelle bleiben; sie sollen nicht „plündern“ und wenn sie sich doch, bei allem Risiko, sich dafür entscheiden, in einen Laden einzubrechen und sich Essen und Wasser holen, dann gibt es da immer noch die Befehle, auf sie zu schießen und sie zu töten!

Anmerkungen

Andre Vltchek ist Autor, politischer Analyst und Filmemacher. Er kann unter folgender Adresse erreicht werden: andre-wcn@usa.net

Übersetzt von: Fred Becher
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