Ihr seid Terroristen, wir sind die Guten
von Yitzhak Laor
17.08.2006 — London Review of Books
Sobald die Öffentlichkeit Einzelheiten über den Hinterhalt bei Bint Dschbeil erfuhr, wo die israelische Armee relativ hohe Verluste erlitt (acht Soldaten kamen ums Leben), begannen Presse und Fernsehen in Israel, jede Kritik am Krieg zu unterdrücken. Die Medien holten auch das alte Ammenmärchen wieder hervor, das jeder Israeli von Kindesbeinen an kennt: Die fürchterlichste Armee der ganzen Region wird als David dargestellt, der dem arabischen Goliath gegenübersteht.
Aber der jüdische Goliath hat den Libanon gerade um 20 Jahre zurückgebombt, und noch weiter die Israelis selbst: Jetzt werden wir als eine Gesellschaft mit Lynchjustiz angesehen, die wie gebannt vor der Glotze sitzt, angefeuert von einem Premier, dessen 'Führungsqualität' sich auf ein Meer von Feuer und Zerstörung beiderseits der Grenze gründet. Massenpsychologie funktioniert am besten, wenn eine Institution oder ein Phänomen zur Hand ist, mit dem viele Menschen sich identifizieren können. Die Israelis identifizieren sich mit der IDF (Israel Defence Force - Israelische Verteidigungsstreitmacht); auch nach dem Tod der vielen libanesischen Kinder in Qana meinen sie, dass ein Ende der Kämpfe ohne eindeutigen Sieg einer Niederlage gleichkäme. Diese Logik enthüllt unsere nationale Psychose, die daher rührt, dass wir uns in Israel zu stark mit der militärischen Denkweise identifizieren.
In dem melodramatischen Sperrfeuer, dem die Presse uns aussetzt, spielt die Armee gleichzeitig die Rolle des Helden und die des Opfers. Und der Feind? In den hebräischsprachigen Programmen ist die Formulierung immer gleich: auf der einen Seite 'wir', 'unser', 'uns'; auf der anderen 'Nasrallah' und 'Hezbollah'. Libanesen kommen in diesem Krieg scheinbar gar nicht vor. Also: Wer stirbt im israelischen Feuer? Hezbollah. Und wenn man nach den Libanesen fragt? Dann lautet die Antwort immer, dass Israel mit dem Libanon keine Differenzen hat. Das verdeutlicht noch einmal unsere Einseitigkeit, den jahrelangen, donnernden israelischen Schlachtruf: Egal was um uns herum passiert, wir haben die Macht, und darum setzen wir unsere Logik durch.
Wenn doch die Israelis nur den Schaden erkennen könnten, den dieses jahrelange einseitige Denken angerichtet hat! Aber das können wir nicht. Denn die Armee - die immer das Herz des Staates war - diese Armee bestimmt unser Leben und unser Erinnern, und Kriege, wie dieser. löschen alles aus, was wir zu wissen glaubten, und schaffen eine neue Geschichtsversion, mit der wir uns ohne weiteres identifizieren. Wenn die Armee gewinnt, wird ihr Erfolg ein Teil 'unseres Erbes'. Die Israelis haben die Logik und die Sprache der IDF in sich aufgesogen - und haben dabei ihr Gedächtnis verloren. Gibt es eine bessere Erklärung, warum wir nie fähig waren, aus der Geschichte zu lernen? Wir haben der Armee nie Paroli bieten können. Das Gedächtnis der Armee ist das Offizielle Gedächtnis Israels. Eine Intelligentsia in Diensten der IDF und des Staates pflanzt dieses Gedächtnis mit Brachialgewalt mitten in das Herz unserer Kultur.
Die IDF ist die mächtigste Institution in der israelischen Gesellschaft, eine Institution, die zu kritisieren nicht erwünscht ist. Kaum jemand beschäftigt sich damit, welch großen Einfluss die Armee auf die israelische Wirtschaft hat. Noch während der Dienstzeit knüpfen unsere Offiziere freundschaftliche Bande mit den US-Firmen, die Waffen an Israel verkaufen; dann gehen sie in Pension, schwimmen in Geld und übernehmen führende Posten in der Wirtschaft.
Die IDF ist der beste Kunde für alles und jedes in Israel. Außerdem wird die Hightech-Industrie von einer Mixtur aus Militärs und Ex-Militärs geleitet, die mit dem westlichen militärischen Komplex eng zusammenarbeitet. Der gegenwärtige Krieg ist der erste, der einem unserer größten Mobiltelefongesellschaften die Möglichkeit zu einer großangelegten Werbekampagne bietet. Die zweitgrößte israelische Bank, namens Bank Leumi, wirbt in den drei größten Zeitungen für Autoaufkleber mit der Inschrift "Israel ist stark". Auch die Universitäten haben enge Bindungen zum Militär, etwa über gemeinsame Forschungsprojekte und diverse Armee-Stipendien.
Keine Institution in Israel kann es mit der Armee aufnehmen, wenn es darum geht, Bilder und Nachrichten zu verbreiten, oder eine nationale politische Klasse und eine akademische Elite herauszubilden, oder die Schaffung von Erinnerung, Geschichte, Werten, Wohlstand und Bedürfnissen zu bewerkstelligen. So wird die Identifikation zementiert: nicht durch Diktatur, nicht durch drakonische Gesetze, sondern weil die mächtigste Institution des Landes jeden Bürger in Beschlag nimmt, sobald er 18 wird. Die meisten Israelis identifizieren sich mit der Armee, und diese revanchiert sich, indem sie unsere Identität festigt, besonders dann, wenn sie bzw. wir gerade Krieg führen.
Die IDF hat in den beiden Golfkriegen keine Rolle gespielt, sie wird vielleicht auch in Bushs bevorstehendem Irankrieg keine Rolle spielen, aber sie befindet sich in permanenter Alarmbereitschaft für den richtigen Krieg, der ständig um die Ecke lugt. Bis dahin drangsaliert sie die Palästinenser im Westjordanland und in Gaza, mit schrecklichen Folgen. (Im Juli brachte die IDF 176 Palästinenser um, die meisten davon stammten aus einem eng umgrenzten Gebiet in Gaza. Diese 'Polizeiaktion' umfasste auch die Zerstörung von Häusern und Infrastruktur.) Sie schießen und sie entführen. Sie setzen F16-Jäger gegen Flüchtlingslager ein und gehen mit Panzern gegen Hütten vor. Seit Jahren bekämpfen sie so Gruppen von bewaffneten Jugendlichen und Kindern, und sie nennen es Krieg, einen 'gerechten Krieg', der überlebenswichtig sei. Die Behandlung der Palästinenser verdeutlicht sehr gut die Macht der Armee, Sinn, Werte und Bedürfnisse zu erzeugen, aber ohne die Unterstützung der israelischen Linken würde das nicht gehen.
Die 'Mainstream'-Linken haben nie ernsthaft eine Opposition zum Militär versucht: Wir hatten keine andere Möglichkeit, als den Libanon anzugreifen, und wir können erst aufhören, wenn die Ziele erreicht sind. Diese 'Wahrheiten' sind von der Armee gesponsert, das Militär hat sie so beschlossen, Intellektuelle und Kommentatoren artikulieren sie. Gleiches gilt für andere Äußerungen zum Krieg, wie etwa die des Akademikers Yossif Gorni in der Zeitung Haaretz, daß dies 'unser zweiter Unabhängigkeitskrieg' ist. Die gleichen Leute schrieben den gleichen Blödsinn beim Beginn der Intifada im Jahr 2000. Das war auch ein Krieg um unser Existenzrecht, unser 'zweites 1948'. Solche Charakterisierungen hätten keine Akzeptanz ohne die Unterstützung durch zionistische Linksintellektuelle, die feierlich das Konzept des 'moralischen Krieges' hochhalten.
Das militärische Denken ist unsere einzige Denkungsart geworden. Der Wunsch nach Überlegenheit hat sich in die Notwendigkeit gewandelt, die Oberhand zu haben - in allen Aspekten der Beziehungen zu unseren Nachbarn. Die Araber müssen klein gemacht werden, sozial und ökonomisch, man muss sie militärisch zerschmettern - und dann müssen sie uns natürlich als jene heruntergekommenen Gestalten erscheinen, zu denen wir sie erst gemacht haben. Wir sehen die Araber durch die Augen unserer Geheimdienste, die ihr [der Araber] Verhalten 'übersetzt' und interpretiert; aber wir erkennen sie nicht als menschliche Wesen an.
Längst haben Israelis aufgehört, sich etwas aus schluchzenden Frauen mit weißem Kopftuch zu machen, die in den von unsern Soldaten hinterlassenen Trümmern, nach den Überresten ihrer Behausung suchen. Wir denken so wenig über sie nach, wie wir über Hühner oder Katzen nachdenken. Mit Leichtigkeit wenden wir uns von ihnen ab und dem wirklichem Problem zu: dem Feind. Die Katjuschas, die über dem Norden Israels herunterkommen, treffen ihre Ziele wahllos, also macht sich in diesem Sinne die Hezbollah eines Kriegsverbrechens schuldig; aber die aktuellen Katjuschasalven waren eine Antwort auf den irrwitzigen Angriff auf den Libanon.
Für die große Mehrheit der Israelis beweisen die Katjuscha-Raketen allerdings nur, wie gut und richtig es war, unsere Nachbarn aufs Neue zu zermalmen: Der Feind ist ja wirklich gefährlich, also ist es nur gut und richtig, Krieg zu führen. Das Denken dreht sich im Kreise, und die Prophezeiungen werden selbsterfüllend. Israelis sagen gerne, der Mittlere Osten ist ein Dschungel, wo nur einer das Sagen hat. Siehe Qana, siehe Gaza, siehe Beirut.
Israels Fürsprecher und seine politischen Führer können immer darauf verweisen, dass die USA und Großbritannien sich im Irak ganz ähnlich benehmen. (Es stimmt, Olmert und seine Kollegen hätten sich ohne die USA im Rücken nicht so schamlos verhalten. Hätte Bush nicht das Feuer freigegeben, so hätten sie es nicht gewagt, auch nur einen einzigen Panzer in Marsch zu setzen.) Es gibt aber einen großen Unterschied. Die USA und die Briten gingen in den Irak ohne Rückhalt durch die öffentliche Meinung. Israel aber begann den Libanonkrieg - nach einem Grenzzwischenfall, der als Vorwand für die Zerstörung eines Landes herhalten musste - mit überwältigender Zustimmung der Israelis, einschließlich der Leute aus dem von der europäischen Presse sog. 'Friedenslager'.
Am 20. Juli, als die Verwüstung die Libanons schon weit fortgeschritten war, schrieb Amos Oz im Evening Standard: 'Dieses Mal unternimmt Israel keine Invasion im Libanon. Es verteidigt sich gegen die täglichen Übergriffe und Bombardierungen von Dutzenden israelischer Städte und Dörfer, indem es versucht, die Hezbollah zu zerschmettern, wo immer sie sich zeigt.' Dies unterscheidet sich in nichts von staatlichen israelischen Verlautbarungen. Ebenfalls am 20. Juli schrieb David Grossman im Guardian, gerade so als sei ihm über Bombardierungen im Libanon nichts bekannt: 'Es gibt keine Rechtfertigung für die großangelegte Gewalt, die die Hezbollah in dieser Woche von libanesischem Gebiet aus gegen Dutzende von friedlichen israelischen Dörfern und Städten entfesselt hat. Kein Land der Welt würde stillhalten und seine Bürger ihrem Schicksal überlassen, wenn der Nachbar völlig unprovoziert zuschlägt.'
Wir können bombardieren, aber wenn sie zurückschlagen, dann sind sie schuld an ihrem eigenen Leid wie auch am unsrigen. Dabei muss man beachten: 'Unser Leid' ist das Leid der armen Leuten im Norden, die nicht so leicht und schnell ihre Häuser verlassen können. 'Unser Leid' ist nicht das Leid der politischen Führung oder ihrer Freunde in den Medien. Oz schreibt: 'Eine moralische Gleichsetzung von Israel und Hezbollah kann es nicht geben. Die Hezbollah feuert wahllos auf israelische Zivilisten; Israel dagegen geht meist gezielt gegen die Hezbollah vor.' Zu der Zeit waren bereits 300 Libanesen tot und 600 verwundet. Weiter schreibt Oz: 'Die israelische Friedensbewegung sollte Israels Versuch der Selbstverteidigung schlicht und einfach unterstützen, so lange sich die Operationen überwiegend gegen die Hezbollah richten und das Leben von Zivilisten so weit wie möglich schützen (das ist nicht immer leicht, da die Hezbollah beim Raketenabschuss häufig Zivilisten als menschliche Sandsäcke missbraucht).' Dahinter steckt: Israel muss immer tun dürfen, was es für richtig hält, selbst wenn das darauf hinausläuft, seine Überlegenheit buchstäblich in die Körper der Araber einzubrennen. Solche Überlegenheit ist indiskutabel und bedeutet eine Vereinfachung, die an Irrsinn grenzt. Wir dürfen Leute entführen. Ihr nicht. Wir dürfen Leute verhaften. Ihr nicht. Ihr seid Terroristen. Wir sind gut. Wir sind souverän. Ihr nicht. Wir können euch ruinieren. Ihr uns nicht. Selbst dann nicht, wenn Ihr zurückschlagt, denn hinter uns steht das mächtigste Land der Welt. Wir sind die Todesengel.
Die Libanesen werden nicht alle Einzelheiten dieses Krieges in Erinnerung behalten können. Wie viel Gräueltaten kann ein Mensch sich merken, wie viel Hilflosigkeit kann er oder sie sich eingestehen, wie viele Massaker kann er seinen Kindern schildern, wie viele überstürzte Fluchten aus brennenden Häusern, ohne zum Sklaven der eigenen Erinnerung zu werden? Sollte ein Kind ein Flugblatt aufbewahren, in dem die IDF ihm auf arabisch befiehlt, sein Haus zu verlassen, weil es gleich bombardiert wird? Ich kann meinen libanesischen Freunden nicht raten, die Verbrechen meines Staates und seiner Armee an ihrem Land in Erinnerung zu behalten.
Die Israelis aber haben kein Recht zu vergessen. Zu viele haben den Krieg befürwortet. Es waren nicht nur die nationalistischen religiösen Siedler. Es ist billig, immer die üblichen Verdächtigen für unsere Missetaten verantwortlich zu machen. Die Sündenbockrolle der religiösen Fanatiker hat es uns leicht gemacht, die Rolle der Armee und ihrer Fürsprecher innerhalb der zionistischen Linken zu verdrängen. Denn dieses Mal haben wir gesehen, wie stark die 'gemäßigten' Kräfte mit der Maßlosigkeit verwoben sind. Sie wussten doch, bevor es losging, dass dies ein Krieg gegen Vorstädte und dicht bevölkerte Stadtviertel sein würde und gegen kleine Ortschaften und wehrlose Dörfer. Vorbild waren die jüngsten Armeeaktionen im Gazastreifen. Diese waren für die gemäßigten Israelis absolut vertretbar.
Diejenigen kritisch eingestellten Israelis, die nach dem Abzug der Armee aus dem Südlibanon im Jahre 2000 erleichtert aufatmeten, haben sich zu früh gefreut. Wir glaubten, dass die Namen Sabra und Schatila ausreichend Wirkung zeigen würden, dass sie als Fanal für die israelischen Verbrechen im Libanon bestehen bleiben würden. Aber viele Israelis, die sich eigentlich diesem Krieg widersetzen sollten, sahen nach dem Abzug aus dem Gazastreifen in Ariel Sharon, dem Sponsor von Sabra und Schatila, plötzlich den Friedensfürsten. Die Logik des Unilateralismus - verkörpert von Sharon - hatte sich durchgesetzt: Im Nahen Osten sind die Israelis die Einzigen, die zählen. Nur wir haben das Recht, hier zu leben.
Dieses Mal müssen wir unser Gedächtnis mehr anstrengen. Wir müssen uns an Olmerts Verbrechen erinnern und an die unseres Justizministers Haim Ramon, des Drahtziehers der Zerstörung libanesischer Dörfer nach dem Kampf um Bint Dschbeil, und an die Verbrechen des Oberbefehlshabers der Armee Dan Halutz. Ihre Namen sollte man nach Den Haag übermitteln, auf dass sie zur Verantwortung gezogen werden können.
Wahlen sind in Israel ein gänzlich ungeeignetes Mittel, um Leute zur Rechenschaft zu ziehen: Denn die Menschen, welche wir töten, verstümmeln und zugrunde richten, können hier nicht wählen gehen. Wenn wir jetzt in unserem Erinnerungsvermögen nachlassen, wird die 'maschinelle' Erinnerung wieder anspringen und für uns Geschichte schreiben. Sie wird hinübergleiten in die Leere unserer Bequemlichkeit, mit der sanften Stimme von Amos Oz als Wegbereiter, und ihre eigene Version erzeugen. Und plötzlich werden wir das, was wir wissen, nicht mehr erklären können, nicht einmal unseren Kindern.
Noch immer gibt es in Israel keine vernünftige Geschichtsschreibung über unsere Aktionen im Libanon. Die Friedensbewegung trug Plakate, auf denen die Zahl 680 geschrieben stand. Das ist die Anzahl der während der Invasion von 1982 getöteten Israelis. Wie viele Mitglieder der einst ansehnlichen Friedensbewegung haben sich über die Zehntausenden Opfer unter den Libanesen, Palästinensern und Syrern aufgeregt? Das Versagen der Friedensbewegung rührt doch daher, dass sie unfähig ist, die Geringschätzung arabischer Menschenleben zu thematisieren. General Uli Adam, einer der Architekten des laufenden Krieges, hat den Israelis gesagt, sie sollten die Toten nicht zählen. Er meinte das ganz ernst, und die Israelis sollten ihn ernstnehmen. Unsere Aufgabe aber sollte es sein, die Toten im Libanon und in Israel zu zählen und, so gut wir es vermögen, ihre Namen festzustellen - alle Namen.
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