In Deckung!
von Paul Boyer
19.02.2003 — Nation Weblog / ZNet
Wenigstens wissen wir jetzt, wer hinter der gegenwärtigen Terrorismuskrise steckt: Polyken Technologies aus Westwood, Massachusetts, Hersteller von Hochleistungsklebeband. Sie müssen Millionen damit verdienen. Wie ein Journalist in der Zeitung Daily Press aus Hampton, Virginia schreibt: "Noch nie in der Geschichte der USA ist einfaches Klebeband so im Vordergrund gestanden." Die Leute stehen Schlange vor Heimwerkermärkten wie Home Depot, um rollenweise Klebeband zu kaufen. Wie ein Kunde gegenüber einem Reporter erklärte: "Für den Fall, dass nichts passiert, kann ich Klebeband später immer noch brauchen." Oliver Stone plant wahrscheinlich schon einen Film, um den ganzen Komplott aufzudecken.
Wieder ein Déjà-vu! Wir haben plötzlich 1955, oder 1961, oder vielleicht 1982. Die derzeitige Besessenheit der US-Amerikaner mit Wasserflaschen, Decken, frischen Batterien, Klebeband und Plastiküberzügen lässt eigenartige Erinnerungen an "Zivilschutz"-Hysterien der Vergangenheit wieder aufleben, als die Staatsführung in apokalyptischen Tönen die Bevölkerung beschwor, sich auf das Schlimmste vorzubereiten. In der Eisenhower-Ära wurde empfohlen, den Tank im Auto immer zumindest halbvoll zu haben, damit man, wenn die Bomben zu fallen begännen, wer weiß wohin abhauen konnte. Oder man empfahl der Bevölkerung, sich im Keller zu verkriechen und Auszählreime oder das Einmaleins aufzusagen, um ruhig zu bleiben. Die Männer sollten breitkrempige Hüte tragen und die Frauen langärmelige Blusen, um sich gegen den "Hitzeblitz" einer Atomexplosion oder vor Strahlung zu schützen. Als John F. Kennedy sich 1961 mit Nikita Chruschtschow um Berlin stritt, bewies er seine Härte, indem er die Bevölkerung mit dem Gerede von einem unmittelbar bevorstehenden Atomangriff in Angst und Schrecken versetzte und darauf drängte, dass jeder einen Atombunker bauen sollte.
In der Schule kauerten sich die Kinder unter ihre Tische und schauten Zivilschutzfilme, in denen die Schildkröte Bert ihnen beibrachte, sich zu ducken und in Deckung zu gehen. Der Erzähler in Tim O'Briens Roman "The Nuclear Age" erinnert sich, wie er als kleiner Junge in den 50er Jahren seinen eigenen Bunker aus einem Spieltisch baute, den er mit "Blei"stiften bedeckte, weil er glaubte, sie würden die Strahlung absorbieren. Woran werden sich die Kinder von heute erinnern? Wie ihre Eltern hektisch Plastiküberzüge am ganzen Haus anklebten, in einer Art bizarrem Stegreiftheater?
In den frühen 80er Jahren, als Präsident Reagan Russland als "den Brennpunkt des Bösen in der modernen Welt" verurteilte, war das Schlagwort des Zivilschutzes "Krisenumsiedlung": Wenn sich ein Atomkrieg zusammenbraute, sollten sich Millionen von Großstadtbewohnern gleichzeitig so schnell wie möglich in bestimmte Städte und Dörfer im Hinterland begeben. Moment, sagte der Gouverneur von Kalifornien, Jerry Brown: In Los Angeles kann man nicht einmal an einem normalen Freitagnachmittag aus der Stadt kommen, ohne stundenlang im Stau zu stecken.
Wenn die derzeitige Riege von Beschützern des US-Volkes -- Ridge, Tenet, Mueller, Ashcroft und der Rest -- vor den bevorstehenden Schrecken chemischer und biologischer Waffen warnen, überkommt einen bei der altmodischen Drohung mit Nuklearwaffen aus Nordkorea fast die Nostalgie. Während die Menschen die Punkte auf der Checkliste der Zivilschutzbehörde durchgehen, kommt einem alles schaurig bekannt vor. Wie lange wird es dauern, bis wir diskutieren, ob es richtig ist, einen Nachbarn zu erschießen, der versucht, unsere Wasserflaschen zu stehlen, oder in unseren mit Klebeband versiegelten Schutzraum einzudringen? Wann werden wir erkennen, dass es bestimmt sicherer ist, in den Keller zu gehen als uns einfach im Schlafzimmer zu verstecken? Wieviele Atombunker in Kellern oder Hinterhöfen, die längst vergessen oder verschämt in "Weinkeller" umfunktioniert worden sind, werden gerade wieder in Betrieb genommen und neu ausgestattet?
Die Zeitschrift Life veröffentlichte in den 50er Jahren fröhliche Fotos, auf denen gut gekleidete Vorstadtfamilien in ihrem Atombunker sitzen. In einer Ausgabe wurde hocherfreut über ein frischvermähltes Ehepaar berichtet, das seine Flitterwochen in einem Atombunker verbrachte. Life gibt es schon lange nicht mehr, aber es ist nur eine Frage der Zeit bis ein einfallsreicher Realityshowproduzent zwölf Fremde in einem Schutzraum einsperrt, um zu sehen, wer als erstes durchdreht und durch die versiegelte Tür in die Freiheit ausbricht.
Wenn ich mir die Fotos dieser gutausgestatteten Atombunker aus den 50er Jahren ansehe, fällt mir auf, dass unsere Berater in ihren chaotischen Versuchen, uns zu beschützen, ein paar wichtige Details vergessen haben. Tragbare Toiletten, zum Beispiel, und Hochleistungsraumduft. Ohne werden diese dicht versiegelten Räume ziemlich schnell ziemlich unerträglich werden. Und Spiele. In keinem respektablen Atombunker der 50er Jahre fehlte Scrabble oder sonst ein ausgefeiltes Spiel, um sich die langen Stunden des Wartens um die Ohren zu schlagen.
Und wie lange wird es dauern, bis CONELRAD wiederbelebt wird, das legendäre Regierungsradiosystem, das uns in Zeiten der Not Mut geben soll? Beliebte Radiopersönlichkeiten wie Arthur Godfrey und Walter Cronkite nahmen Botschaften auf Band auf, um die Öffentlichkeit nach einem Atomangriff zu beruhigen. Wen wird Tom Ridge heute für diese Aufgabe wählen? Oprah? Charlton Heston? (Der würde sicher darauf bestehen, einen weiteren unverzichtbaren Punkt auf die Checkliste der Zivilschutzbehörde zu setzen: die treue .22er oder .357er Magnum.)
In den 50er Jahren verschwanden Präsident Eisenhower und andere führende Persönlichkeiten in gewissen Abständen in ein mysteriöses Krisenzentrum (wie sich später herausstellte, ein riesiger Komplex unter einem luxuriösen Urlaubsort in West Virginia), um für den Tag zu üben, an dem die Regierung ihre Geschäfte ganz normal weiterführen würde, während Washington, D.C. in Schutt und Asche läge. Heute scheint nur Vizepräsident Dick Cheney sich ständig an einem "ungenannten Ort" aufzuhalten, von wo er hin und wieder auftaucht, um sich an irgendeine Gruppe von Geschäftsleuten zu wenden.
Die Grundaussage war damals, wie heute, klar: Leute, ihr seid auf euch selbst gestellt. Die Regierung kann euch vor bevorstehenden Gefahren warnen -- in drei schnellen Schritten von Gelb über Orange bis Rot -- aber sie kann nicht sagen, wo oder wann der Feind zuschlagen könnte. Lebt weiter wie bisher, aber "seid auf der Hut". Sich mit den Gründen für die Gefahr zu beschäftigen -- vergesst es. Am Anfang des Kalten Kriegs war die Reaktion: bauen wir so schnell wie möglich so viele Bomben wie möglich, und machen wir sie so wirksam wie möglich. Heute wird eine unerträglich diffuse globale Bedrohung mit komplexen politischen und sozialen Ursprüngen auf schattenhafte "Terroristen" reduziert, die die USA aus keinem erkennbaren Grund hassen, und auf ein einziges zwanghaftes Ziel: Saddam Hussein ins Jenseits zu bomben.
Als 1950 Präsident Truman als Reaktion auf die russische Atombombe ein Intensivprogramm zur Entwicklung der Wasserstoffbombe ankündigte, was das atomare Wettrüsten erheblich beschleunigte, schrieb Rektor James Conant von Harvard, eine Schlüsselfigur im Atombombenprojekt im Zweiten Weltkrieg, an seinen Freund Vannevar Bush vom MIT, er habe das unangenehmes Gefühl, gezwungen zu sein, denselben schlechten Film noch einmal zu sehen. Mir geht es genauso.
Paul S. Boyer, emeritierter Professor für Geschichte an der University of Wisconsin in Madison und zur Zeit Gastprofessor für Geschichte am College of William and Mary, ist unter anderem der Autor von "By the Bomb's Early Light, American Thought and Culture at the Dawn of the Atomic Age" (University of North Carolina Press).
Copyright Paul Boyer
[Dieser Artikel erschien zuerst auf www.tomdispatch.com, ständig aktualisierter Weblog des Nation Institute mit alternativen Quellen, Nachrichten und Kommentaren von Tom Engelhardt, Langzeitverleger und der Autor von "The End of Victory Culture".]
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